Tom Wohlfarth
14.06.2017 | 12:00 174

Die Privatisierung der Politik

Sozialtheorie Die gegenwärtige Privatisierung der Politik durch Trump und Co. kann man für regressiv halten. Dabei ist sie auch Folge einer jahrzehntelangen Politik der Privatisierung

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Tom Wohlfarth

Die Privatisierung der Politik

Politiker oder Privatmann? Donald Trump

Foto: Rhona Wise/AFP/Getty Images

Für viele Beobachter ist die Wahl Donald J. Trumps zum 45. Präsidenten der USA Zeichen einer Zeitenwende: dem Ende der westlichen Hegemonie, aber auch der Hegemonie des (progressiven) globalisierten Neoliberalismus. Ein Hauptmerkmal dieser Zeitenwende ist ein weltweit, vor allem aber im Westen zunehmender autoritärer Nationalismus, der seinen vorläufigen Gipfel nun eben in der Wahlentscheidung des Souveräns des wohl globalsten aller globalen Akteure der vergangenen hundert Jahre erreicht hat. Die Verlierer der ökonomischen Globalisierung, die vor allem die nationalen Eliten noch reicher und damit die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften noch größer gemacht hat, flüchten sich in das letzte Phantasma echter Gemeinschaft, das Jahrzehnte des Neoliberalismus übrig gelassen haben: die Nation.

Doch auch jede noch so feierliche Beschwörung eines neuen Wir-Gefühls kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses "Wir" sich in erster Linie über die Abgrenzung von "anderen" (Staaten, Minoritäten etc.) konstituiert und somit letztlich doch wieder nichts anderes ist als die mehr oder weniger gut kaschierte Entsprechung zum neoliberalen Individualismus des privaten Vorteils, gegen den man sich dem Anschein nach wenden wollte - und aller kausalen Vernunft nach wenden müsste. Der Widerstand entkommt nicht der neoliberalen Logik, die seine Lebenswelt bestimmt. So wird freilich auch etwa Trumps groß angekündigtes Infrastruktur-Investitionsprogramm kaum das öffentliche Eigentum vor privatem Investoren- oder gar Familieninteresse stärken. Der weltweite Nationalismus erweist sich somit vor allem als politisches Pendant zur ökonomischen Dynamik von Individualismus und Privatisierung.

Der Begriff der Privatisierung aber eignet sich in besonderer, und vielleicht unvorhergesehener Weise dazu, die aktuelle Situation in ihrer Entstehung und in ihrer dialektischen Dynamik zu beschreiben. Als ökonomischer Fachterminus bezeichnet er die sukzessive Überführung von öffentlichem in privates Eigentum im Zuge neoliberaler Wirtschaftsreformen, wie sie weltweit seit den 1970er Jahren zu beobachten sind. In Kombination etwa mit einer Deregulierung der Finanzmärkte und des Arbeitsrechts sowie mit wirtschaftlicher Globalisierung hat diese Entwicklung zu immensen weltweiten Verschiebungen in den Gesellschaftsstrukturen geführt.

Während etwa die ehemaligen Entwicklungsländer bezüglich des Lebensstandards und der Einkommensentwicklung gegenüber den westlichen Industriestaaten aufgeholt und sich hier neue Mittelschichten gebildet haben, kam es im Westen zu einer massiven Erosion vor allem der unteren und der ehemals industriellen Mittelschichten, auf deren Arbeit die westliche Nachkriegswirtschaft im Wesentlichen beruhte, und die nun mehr oder weniger schlagartig bei einer gleichzeitigen Verschlechterung der sozialen Sicherungssysteme ihren bisherigen Status verloren hat. Es ist vor allem diese Gruppe, die nun die Globalisierung mit einer politischen Privatisierung in Form von Renationalisierung bekämpfen zu können glaubt, ohne zu sehen, dass dadurch der eigentliche Grund für ihre Misere, die ökonomische Privatisierung, nicht aufhören und schon gar nicht rückgängig gemacht werden wird.

Die Art und Weise aber, wie diese politische Privatisierung etwa in den USA verfolgt wird, trägt zusätzlich markante Züge einer Privatisierung der Politik, in Form einer Kolonisierung des Politischen durch das Private, die ihren Ursprung ebenfalls in den 1960er und ´70er Jahren hat. Bereits 1974 diagnostizierte Richard Sennett, im Anschluss an Habermas´ Theorie vom Strukturwandel der Öffentlichkeit, einen „Verfall des öffentlichen Lebens“ in Form einer „Tyrannei der Intimität“, einer Art Kolonisierung der Öffentlichkeit durch das Private, mit der Folge einer Entdifferenzierung der beiden Sphären. So werde etwa die politische Kultur von einer starken Personalisierung und ihrem Vorrang vor Sachthemen geprägt. Die Popkultur förderte diese Entwicklung, und spätestens in den 1990ern dominiert der Zwang zur Authentizität, exemplarisch in Talk Shows und Reality TV, die gesamte mediale Öffentlichkeit. Und auch Sennet sah in dieser „Gefühlskultur“ letztlich schon die Gefahr eines ethnozentrischen Gemeinschaftskults und einer Entzivilisierung.

Was aber bei Sennett 1974 schon äußerst drastisch beschrieben wird, hat durch die digitalen sozialen Medien insofern noch einmal eine Steigerung erfahren, als sie die jedem einzelnen persönlich verfügbare Reichweite, um als Privatperson in die Öffentlichkeit zu wirken, massiv erhöhen. Und auch wenn er selbst sicher speziell diese Rechweitensteigerung nicht unbedingt benötigt hätte, lässt sich diese Entwicklung doch beispielhaft an Donald Trump aufzeigen. Aus der Welt des Reality TV kommend, hat er die emotionale, private Sprechhaltung aus diesen Formaten, nicht zuletzt mithilfe von sozialen Medien, in die Sphäre der Politik gebracht, ja diese in bisher nicht gekanntem Ausmaß davon bestimmt werden lassen. Das kommt bei vielen gut an – anscheinend selbst dann, wenn sie Trumps persönliche Meinungen nicht überwiegend teilen –, weil sie das Gefühl bekommen, dass sie, wenn schon nicht mehr als politische, dann doch zumindest noch als private Subjekte gehört werden können.

Der Privatisierung der Politik zugrunde liegt hier also eine Privatisierung der Sprache. Seitdem der affektgesättigte Sprachstil Donald Trumps auf das Medium Twitter gestoßen ist, veranschaulicht sich darin auf instruktive Weise eine Universalisierung des Treppenhaus- und Stammtischgesprächs: eine Privatäußerung, die instantan und auf direktem Weg Millionen und potenziell Milliarden Menschen erreicht. Hinter dieser getrumpten Twitterisierung der Kommunikation analysiert Georg Seeßlen paradoxerweise eine Ersetzung sprachlich-textlicher Repräsentation durch bildliche. Denn auch wenn Trump seine Twitternachrichten als Text generiert, gehe es dabei letztlich zumeist um die Evozierung von Bildern.

Dies deckt sich mit der These von einer ‚Rückkehr der oralen Tradition‘. Die Kommunikation über Social Media trägt – auch da, wo sie sich schriftlich äußert – starke Züge der gesprochenen Sprache (‚written spreech‘ nennen das Linguisten). Diese Vermischung von gesprochener Sprache und schriftlichem Medium gab es schon einmal, am Übergang der oralen zur Schriftkultur vor etwa dreitausend Jahren. Ihre Spuren finden sich in vielen antiken Texten, etwa noch den Homerischen Epen. Ihr Kennzeichen ist eine Sprache voller Wiederholungen, Epitheta („der tapfere Soldat“, „der pfeilschnelle Achill“, „crooked Hillary“) und direkter Ansprachen oder auch Angriffe: die Sprache Donald Trumps.

Die große Regression?

Man kann nun also all diese Formen der Privatisierung auch als eine große Regression verstehen. Dafür spricht ja in der Tat einiges. Man kann in dieser vermeintlichen Regression allerdings auch eine etwas verzerrte und unbeholfene, wenn nicht gar pervertierte Reaktion darauf sehen, was man selbst als regressive Tendenzen im gegenwärtigen System bezeichnen könnte. Auf dem langen Weg der Demokratisierung der Neuzeit sind von vormodernen, prädemokratischen Formen der politisch-gesellschaftlichen Organisation zahlreiche Rudimente verblieben – oder als Atavismen wiederaufgetaucht. Neben einem sozial-hereditären, einem ökonomischen und einem edukatorischen, ist das, zum Teil mit diesen verbunden, auch ein sprachlich-intellektueller Elitismus.

Man könnte nun also, anstatt klassistisch pathologisierend eine große Regression der „Ungewaschenen“ (Wolfgang Streeck) zu beklagen, lieber darüber nachdenken, wie diese scheinbare Regression durch progressive politische Maßnahmen zu verhindern wären. Viele solcher Maßnahmen sind freilich längst bekannt. Allerdings wird ihre Umsetzung womöglich nicht nur dadurch behindert, dass nicht nur die „Ungewaschenen“ die Fehler und Ungerechtigkeiten des Systems zu Unrecht noch ungewascheneren Gruppen anlasten. Denn auch ein viel zu großer Teil der Intellektuellen gefällt sich neuerdings darin, „Idioten“ und „Arschlöchern“ ihre mangelnde Bildung und Zivilisiertheit vorzuwerfen, anstatt deren Ursachen zu verstehen und halbwegs pädagogisch wertvoll zu bekämpfen zu versuchen.

Ziemlich schnell dürften dabei dann auch wieder die 'gewaschenen' Regressoren, Reaktionäre und ursprünglichen Privatisierer in den Blick geraten: nämlich die ultrakonservativen und libertären Milliardäre, die Trump wohl letztlich vor allem ins Amt gebracht haben. Seit 2010 sind der Höhe ihrer Kampagnenfinanzierung keinerlei Grenzen mehr gesetzt. Und die konservativen Sponsoren haben davon offensichtlich etwas besseren Gebrauch gemacht als die liberalen (denn die gibt es tatsächlich auch, und sie haben in die letzte Wahl insgesamt sogar mehr investiert). Der Hedgefond-Manager und Milliardär Robert Mercer etwa hat seit 2011 10 Millionen Dollar in den Ausbau der Nachrichtenplattform Breitbart News gepumpt, die im US-Wahlkampf die politische Debatte auch weit über Facebook (wo sie nach eigenen Angaben die am meisten verbreiteten politischen Inhalte bereitgestellt habe) hinaus beherrschte. Und mit politischer Debatte ist hier vornehmlich diejenige der Wähler gemeint und nicht die der politischen, intellektuellen oder ökonomischen Eliten.

Hier kommt aber schließlich auch der sonderbare Umstand ins Spiel, dass ein Teil der besagten konservativen Superreichen sich selbst eben nicht zu diesen Eliten, oder zumindest nicht zum ‚Establishment‘ zählt und im Kampf gegen dieses die bizarre Querfront mit einem Teil der unteren 50 Prozent sucht. Ihr Kampf richtet sich gegen eine vermeintliche Liberalisierung der Gesellschaft und damit auch des politischen Spektrums insgesamt – liberal wie konservativ, demokratisch wie republikanisch –, wie sie seit den Studentenbewegungen der 1960er Jahre im gesamten Westen zu beobachten ist (und etwa in Deutschland einen merkwürdigen politischen Nachhall in der Entwicklung der Merkel-CDU hat). Es geht ihnen eben um ein Ende des progressiven Neoliberalismus, der sich inzwischen mit gewissen sozialen Bewegungen bestens versteht und dem etwa weibliche oder schwule Führungskräfte lieber und wichtiger sind als weiße männlich-heterosexuelle Industriearbeiter, die durch die Rationalisierungsmaßnahmen ihrer neuen Chefs die Jobs verlieren.

Es gibt freilich Hoffnung. Im US-Vorwahlkampf hat Bernie Sanders und in Deutschland zuletzt Martin Schulz gezeigt, dass man auch mit progressiv linken – oder sich zumindest so gebenden – Botschaften (und im Fall von Sanders für US-Wahlen sehr unüblicherweise auch ohne milliardenschwere Großspender) die öffentliche Debatte bestimmen kann. Um damit allerdings auch Wahlen zu gewinnen, bedurfte es bisher wohl noch etwas mehr echter Verzweiflung – und weniger bloßem, wenn auch berechtigtem Trotz – in der Bevölkerung, wie etwa in Griechenland oder Portugal (von Lateinamerika ganz zu schweigen).

Um aber zu verhindern, dass es wieder so weit kommen muss, kann es nicht schaden, wenn die Linke von den Erfolgen der Rechten lernt. Wo wäre etwa ein nur halbwegs ähnlich finanzstarkes linkes Pendant zu Breitbart News? Denn dort werden ja nicht nur böse Fake News produziert, sondern bisweilen auch fundiert recherchierte Reportagen veröffentlicht. Ein deutsches Beispiel einer zumindest teilweise noch privat/mäzenatisch finanzierten linken Zeitung wäre Jakob Augsteins Freitag. Doch dessen Zufinanzierung von zuletzt knapp einhunderttausend Euro, bei einer Bilanzsumme von nicht einmal einer Million Euro, erreicht nicht mehr annähernd die Dimensionen von Breitbart. Und ein reines Onlinemedium wie die Nachdenkseiten muss beinah ganz ohne Budget auskommen.

Es liegt sicher in der Natur der Sache, dass sich für radikal linke Politik und Journalismus nicht ganz leicht superreiche Sponsoren finden lassen. Denn die sind ja zumeist aus Gründen so wohlhabend, die sich mit einer nachhaltigen Entprivatisierung ihres Kapitals nicht wirklich vertragen. Doch eigentlich, sollte man denken, benötigt Deutschland ein solches privates Mäzenatentum oder Crowdfunding ja auch nicht. Wir haben doch schon einen angeblich „linksversifften“ öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der muss sich nur einfach mehr darum bemühen, die politische Privatisierung nicht einer vermeintlich regressiven „Idiotie“ wütender Bürger anzukreiden, oder deren Idiotie allein ihnen selbst. Denn wenn sie im Wortsinn tatsächlich „Idioten“, idiôtai sind, also Privatpersonen ohne politische Verantwortung, dann auch deswegen, weil eine neoliberale Privatisierung, Entpolitisierung und Entdemokratisierung sie mit dazu gemacht hat.

Die politische Privatisierung lässt sich letztlich nur gemeinsam mit der ökonomischen Privatisierung bekämpfen. Aber auch wir haben es in der Hand, statt immer nur auf die falschen Leute, endlich mehr auf diese Zusammenhänge zu zeigen.

Dieser Text erscheint demnächst auch bei demokratiEvolution.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (174)

Heinz 14.06.2017 | 17:56

«Die Privatisierung der Politik»

Ist das tatsächlich die Ursache für den Versuch von Trump, die Idee des America First Committee wieder zu beleben?

Die ursprüngliche Idee war, die USA aus dem europäischen Krieg heraus zu halten. Erst mit dem Überfall Japans auf Hearl Harbor wurden die USA zum Kriegseintritt gezwungen.

Die USA haben heute ein gigantisches Außenhandelsdefizit und gigantische Militärausgaben, weil sie seit dem WK2 laufend Kriege geführt und verloren hatte. Die VolksWirtschaft der USA ist nicht in der Lage, diese Lasten allein zu tragen und kauft darum von Extern ein. Ich brauche nicht einmal einen Taschenrechner, um zu erkennen, daß dieses Spiel nur mit Krediten weiter gespielt werden kann – also die Defizite vergrößern wird.

Wenn die USA ihre Defizite abbauen will, geht das nur mit der konsequenten Entwicklung der eigenen Wirtschaft und mit dem Abbau der globalen Militärpräsenz.

Des Einen Schulden sind des Anderen Guthaben

Mit der Militärpräsenz der USA haben einige Reiche sehr viel Geld verdient und gehortet. Bezahlen muß das die Bevölkerung der USA mit geringen sozialen Leistungen und sehr großen Unterschieden im Einkommen und Vermögen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Programm von Trump: «America first» einfach in die rechtsnationale Ecke stellen kann, obwohl ich so manche seiner Äußerungen für völlig abwegig halte.

Heinz 14.06.2017 | 19:38

Das Trump.eltier hat sich nicht nur nationalistischer Töne bedient, sondern sexistischer, rassistischer und dabei lass ich das jetzt mal bewenden – Trump als Präsident der USA schadet dem Land.

«Um aber zu verhindern, dass es wieder so weit kommen muss, kann es nicht schaden, wenn die Linke von den Erfolgen der Rechten lernt. »

Das ist mir zu pauschal nichtssagend, weil mit links/rechts viel zu viele, sehr unterschiedliche politische Richtungen gemeint sein können, die letztendlich nichts miteinander zu tun haben und sich sogar heftig bekriegen.

Trotzdem bleibt für die USA kein anderer Weg offen, als NationalÖkonomie wieder so zu entwickeln, daß sie für das Land tragfähig wird und die eigenen BürgerInnen am Erfolg partizipieren können.

iDog 14.06.2017 | 20:00

... bin einverstanden , dass es sich um einen regerssiven Prozess handelt ... und auch mit den vom Neoliberalismus erzeugten "Idiotentum" ...

Historisch gesehen, meine ich aber, ist diese Regeression nur der Rückfall in die alte Konkurrenz zwischen Liberalismus und Konservatismus, die seit der Entstehung des Liberalismus existiert und mal sichtbarer wird, vor allem in Zeiten ökonomischer Krisen und mal unbemerkter bleibt, weil sie sich "kompromissbereiter" zeigt in boomenden oder stabileren ökonomischen Phasen. Politik ist ökonomischer Wettkampf in einem auf Konkurrenz basierenden Gesellschaftssystem. Die Konkurrenz der Eliten zeigt sich im faktischen Untergang am stärksten - bis hin zum öffenen Krieg als ökomnomischer Hebel.

Was hier scheinbar als Nationalismus daherkommt ist ideologischer Ausdruck der ökonomischen Konkurrenz von Staaten untereinander bei den abhäbgigen "Idioten" und deren "Repräsentanten". Die Privatisierungsorgie des Neoliberalismus macht jeden Staat zu einer immer ausschließlicheren ökonmomischen Struktur wie es früher nur Firmen waren. Während vorher Firmen organisatorische und bürokratische Strukturierung von Staaten übernahmen , so sind es jetzt die Staaten , die sich in ähnlichen Situationen befinden wie multinationale Konzeren und nicht selten in direkter ökonomischen Konkurrenz auch mit diesen stehen, und sich ihnen wied4erum in der Funktionsweise und in Habitus annähern .... Beispiele erüberigen sich wohl.

Dass die Linke , vor allem als Linksliberalismus, da nichts entgegenzusetzen vermögen erklärt sich eigentlich von selbst. Die historischen Versuche waren alle den Liberalimus verpflichtet und haben weder die autoritäre Herrschaft noch die kapitalistische Grundstruktur der Ökonomie je in Frage gestellt.

Nur das wäre im Gegesatz zu der besagten Regression progressiv.

Tom Wohlfarth 14.06.2017 | 22:51

Ich würde übrigens die Regressionsthese gar nicht so stark machen wollen. Sondern denke auch, dass es sich eher um eine kontinuierliche Dynamik, eine Art 'negative' oder unaufgehobene Dialektik handelt, die greift, solange kein Ausgleich ihrer Widersprüche gefunden wird, wenn Sie so wollen auch der Widersprüche der kapitalistischen Ordnung. Mit der hier verwendeten Begrifflichkeit ginge es dabei um eine Aufhebung des Widerspruchs oder Ausschlusses von privat und öffentlich, im Prinzip also eine Art kommunitaristisches Konzept, in dem sich aber öffentlich und privat nicht aufheben, sondern eher gegenseitig bedingen sollen.

Tom Wohlfarth 15.06.2017 | 12:05

Dient auf jeden Fall schon mal der Komplexität, zwei Achsen zu verknüpfen. Aber links/rechts ist ja doch noch dabei. Ich hab so einen Kompass auch schon mal mit einer Alternative auch dafür gesehen, links war sozial, rechts weiß ich nicht mehr genau. Denkbar wäre ja auch mit dem hier geschmähten progressiv/konservativ zu verknüpfen, aber das vermische ja die soziale und die ökonomische Achse. Alles nicht so einfach, aber spannend auf jeden Fall.

Heinz 15.06.2017 | 12:32

Ich hatte mich mal nach einem RadioInterview von Klaus Wagenbach mit «links/rechts» auseinander gesetzt. Wagenbach hatte «links» mit «sozial» gleichgesetzt.

Ursprünglich ist das die Sitzordnung im französischen Parlament aus der Sicht des Präsidenten. Rechts saßen die Vertreter des Ständestaates, links die Revoluzzer: Frei, Gleich, Brüderlich!!!

Die Bezeichnung «sozial» kam erst später in Mode, so um die Mitte des 19. Jahrhunderts, und darum heißt die «linke» Forderung heute: Frei Gleich Sozial

Die Gegenposition «rechts» vertritt darum genau so, wie seinerzeit im Klassen-, Kasten- oder Stände-Staat, die partikulären Interessen einzelner Gruppen.

Diese Interessen kannst du noch nach Eigenschaften unterteilen in:

Ökonomische
Ethnische (rassische)
Nationale
Herrschaftliche

Heinz 15.06.2017 | 13:21

«Denkbar wäre ja auch mit dem hier geschmähten progressiv/konservativ zu verknüpfen, aber das vermische ja die soziale und die ökonomische Achse.»

Unscharf verwendet sind das natürlich auch wieder politische Begriffe, die als Worthülse herhalten sollen.

Progressiv als zukunftsorientiert bedarf der Ergänzung:
«Was ist damit genau gemeint?»

Veränderung, um der Veränderung zu genügen, ist inhaltsleer und schlimmstenfalls verschlimmbessert.

Konservativ als politisches Prinzip ist genau so unspezifisch. Bewahren, um alte und überholte Dinge zu konservieren, ist museal sinnvoll und ein Element unserer Kultur. Alte und überholte Dinge aus geistiger Trägheit beizubehalten, ist von Übel.

iDog 15.06.2017 | 13:29

Genau das scheint der parktische Teil des "Problems" zu sein, nämlich wie soll das geschehen bei den durch Staatsgewalt geschützen Besitzverhältnissen, welche sich aus der Privatisierung generell und im Speziellen aus der des öffentlich-politischen Raums nähren. Letzteres konnte man zB sehr schön bezüglich der Wahl Macrons beobachten.

Das aber ist natürlich nicht der innere Widerspruch des Kapitalismus, sondern nur ein Phänomen, das der Widesrpruch hervorbringt. Zu anderen Zeiten hat man diese Art von "Akquisition" Faschismus genannt. In anderem Kontext nennt man sie noch immer so, oder zumindest totalitäre Gleichschaltung.

iDog 15.06.2017 | 13:55

lieber Heinz , diese Begriffe kann man nur im historischen Kontext deuten oder setzen. Und da ist Konservativ im Kontext der jüdisch-christlichen Zivilisation immer der Schutz der gottgegebenen, monopolistischen Herrschaft inklussive der anhängigen pyramidalen Hierarchie ... und eben kein Worthülse

Wenn man nun anfägt zB. auch ökologische Gesinnung als konservativ zu bezeichnen, weil diese die die Natur "konservieren" will, geht das fmB an der gesellschaftspolitischen Realität vorbei. Es würd damit zum aktiven Teil einer sprachlich-ideologisch Vernebelung bezüglich der akuten Herrschaftsverhältnisse , in diesem Beispiel , weil sich die "Konservierung" der Natur und der in der kapitalistischen Ökonomie manifestierende monopolistische Herrschaftsanspruch widersprechen. Konservative Ökologie ist ein Oxymoron , dass ja aktuell die Partei der Grünen zu echten Knalltüten macht. Hier hätten wir dann eine Worthülse erster Güte.

Progressivität hängt allein vom Denkmodell bzw. der Instrumentalisierung des Bregriffs ab. Innerhalb des herrschenden Denkmodells bedeute sie die Optimierung der Herrschaft oder der dafür notwendigen Profitraten oder Privatisierungsvolumina. Mit kritischer Distanz gegenüber dem herrschenden Modell bedeutet sie abstarkt die Abwendung von diesem , praktisch würde sie die politische Einhegung und Ersetzung desselben bedeuten ... würde...

Heinz 15.06.2017 | 14:15

Nichts anderes hatte ich geschrieben; nur habe ich mich nicht auf den geschichtlichen Kontext beschränkt, sondern jede Eigenschaft gemeint, die als Eigenschaft auf unterschiedlichen Kontext anwendbar ist und darum jeweils spezifiziert werden muß, um vernebelte Worthülsen zu vermeiden. Gerade diese Nebelkerzen sind aber das Spezifikum von PolitikerInnen, die sich weigern, konkrete Aussagen zu machen und entsprechende Entscheidungen zu fällen.

Das Ergebnis sind dann keine Entscheidungen oder schön geredete Entscheidungen, die zur Steugerung der Umverteilung von unten nach oben beitragen.

Heinz 15.06.2017 | 15:37

«Durch eine Änderung der Politik und des gesellschaftlichen Common Sense natürlich.»

Welche Gesellschaft und welche PolitikerInnen?

Nehmen wir die deutsche Gesellschaft: Was bitte ist «deutsch?»

Allein der Begriff fordert zum Streiten auf. Deutsch ist Österreich, das Elsass, Teile der Schweiz und Belgien. Was per GG als Deutscher deklariert wurde, ist die Fortsetzung des Schrumpfgermaniens seit 1871. Dieses Schrumpfgermanien aber ist tatsächlich ein aufgeblasenes Großpreußen, beschrieben im GG:

Art 20 GG: Die Struktur
Art 21 GG: Die Besitzer
Art 22 GG: Die Nationalsymbole,
die Fahne und die Preußenmetropole Berlin.

Die Besitzer dieses Großpreußens haben die Abhängigkeiten gesetzlich festgeschrieben:

1. Sie bekommen eine Wahlkampfpauschale für alle Wahlberechtigten, egal, ob die wählen oder nicht. Das ist eigentümlich deutsch.

2. Die Parteien werden von denen gefördert, die sich das leisten können. Das sind die Reichen, die mit der Förderung auch Forderungen stellen.

Fördern und fordern ist schließlich die Grundlage von Hartz4 und eine ZivilGesellschaft mit einem Common Sense gibt es nicht. Nicht einmal diejenigen, die hier «in diesem unserem Lande» gesellschaftliche Themen vertreten, sind sich nicht einig über den Weg, geschweige denn als gemeinsame Kraft für eine gesellschaftliche Veränderung.

Tom Wohlfarth 15.06.2017 | 15:51

Was auch immer genau "deutsch" oder (teilweise) eher "deutschsprachig" sein mag, direkten Einfluss auf die Politik durch Wahlen (wie beschränkt auch immer dieses Instrument sein mag) hast du in deiner Kommune, deinem Bundesland, im Bund und sogar in Europa. Parteiförderung leisten können sich theoretisch auch alle nicht so Reichen gemeinsam, wie man praktisch etwa an der Sanders-Kampagne sehen konnte. Und auch wenn sich alle immer darüber beschweren und jeder seine so eigene Meinung hat, gibt es nach wie vor einen gewissen neoliberalen Common Sense in den meisten westlichen Gesellschaften, der inzwischen erst ganz allmählich zu bröckeln beginnt. Dieses Bröckeln gezielt in eine bestimmte Richtung zu lenken (anstatt es einfach anderen Richtungen zu überlassen), wäre Teil einer progressiven politischen publizistisch-aktivistischen Strategie.

iDog 15.06.2017 | 16:17

"Wir" (ver)suchen einen bescheidenen Beitrag im Krieg der Worte um die Deutung des Realen. Und das versuchen "wir" schon seit gut 2000 Jahren, oder halten wir den Ball flach , seit 300 Jahren in dieser selben ökonomisch-ideologischen Konstellation ...

Dem Liberalismus hat das nicht viel anhaben können. Vielmehr hat er ausgehend vom Gewalthebel über absoluten ökonomischen Druck bis zur ideologische Assimilation jedem, auch gewaltätigem, Aufbegehren widerstanden.

"Durch eine Änderung der Politik" besagt nicht wie Sie diese berwerkstelligen wollen, also strategisch oder programmatisch ...

Der "gesellschaftliche Common Sens" existiert bereits seit eh und je, leider ohne Nachhaltigkeit. Es ist übrignes auch der common sens , der nachhaltig erst vom Liberalismus zerstört wurde. Verkürzt heiße der in etwa, alle Bemühungen kooperativ auf die Verbesserung der allgemeinen Lebensbewdingungen zu konzentrieren anstatt auf die Ambition als einzelner und für einzelne in der Konkurrenz möglicht viel Geld aus Geld zu generieren, koste es was es wolle.

Immer noch "wir" befinden uns in der Situation , in der wir bzw. unsere politischen Repräsentatnten vorgeben nicht zu wissen wie "wir" die "Maschine" umstrukturieren können, denn die systeminterne Vernunft könne logisch nicht über sich selbst hinaus denken. Dass wir es faktisch aber doch wissen bzw können und dennoch nicht danach handeln ist das Problem, ein Faktum und auch ein Bewiß dafür , dass es ohne Kampf und Radikalität im besten Sinne des Wortes eben nicht gehen wird - auch und gerade im Denken. Diese Radikalität aber ist zumindest den Europäern so grundlich ausgetrieben worden, dass man sich nur noch wundern kann wei weit sie sich in der aktuellen Situation erniederigen lassen. Auch hier ist wieder die Macron Wahl ein sehr anschauliches Beispiel und die kommenden Wahlen in D-land werden wahrscheinlich ja nichts anderes hervorbringen , wenn nicht irgendwer eine geniale Idee in den öffentlichen Raum stellt, welche die CDU/CSU/FDP/SPD/GRÜNEN/ADF komplett disqualifiziert, und zwar für jeden noch sie indoktrinierten "Idioten".

iDog 15.06.2017 | 16:28

"Dieses Bröckeln gezielt in eine bestimmte Richtung zu lenken (anstatt es einfach anderen Richtungen zu überlassen), wäre Teil einer progressiven politischen publizistisch-aktivistischen Strategie."

Ich bin Redakteuer einerun abhängigen, von Bürgern finanzierten, regionalen Bürgerzeitung. Wir machen das seit eineinhalb Jahren. Wir können trotz bestem Willen nicht mehr als 2% der angesprochenen Bevölkerung erreichen. Das sind die , sie sowieso schon anders denken, anderes suchen. Frage ist: Wie motiviert man die neoliberalisierten "Idioten" neugierig auf nachhaltigere gesellschaftliche Lösungen zu sein?

Wir haben beschlossen die nächste Ausgabe dem Thema der freiwilligen Selbstunterwerfung zu widmen.

Heinz 15.06.2017 | 17:03

Ja, dumm nur, daß die neoliberle Clique nicht liberal ist, sondern ihren Herrschaftsanspruch täglich beweist.

Das Volkseinkommen ist eine gemeinsame Leistung aller Bürgerinnen und Bürger. Darum plädiere ich für ein Grundeinkommen, das konkret die eine Hälfte des Volkseinkommens für ein allgemeines Grundeinkommen verwendet und die andere Hälfte für die Erwerbseinkommen.

-> Bündnis Grundeinkommen

w.endemann 15.06.2017 | 18:23

Insgesamt eine brauchbare, sogar gute Analyse bis auf einen Mangel, den ich hier erläutern möchte. Das Begriffspaar privat/öffentlich kann nicht das Paar individuell/gesellschaftlich ersetzen. Mit dem Kapitalismus oder kulturell formuliert der bürgerlichen Gesellschaft haben wir die epochale Ausbildung und den Siegeszug einer individualisierten Gesellschaft. Das wurde zurecht als großer Fortschritt und alsbald auch als höchstproblematische Perversion erkannt. Vormodern war der Mensch im Wesentlichen sozial determiniert, ein Sozialwesen mit einer dünnen Schicht individueller Eigenartigkeit. Das Denken war von der Religion vorgegeben einschließlich der Herrschaftsordnung, wenn sie nicht aus der Natur abgeleitet wurde. Die bürgerliche Aufklärung setzte das Individuum an die erste Stelle, indem sich alles Denken durch das denkende Subjekt legitimieren mußte (Kant), indem der Mensch durch Denken zum Subjekt wurde (angefangen mit Descartes, dann in den Spielarten des deutschen Idealismus). Allerdings hat die Philosophie nicht das Individualsubjekt auf ein solipsistisches reduziert, das „gelingt“ erst der kapitalistischen Ideologie. Das ist die virulente Fragestellung im Universalienstreit, der in der kapitalistischen Gesellschaft zugunsten des Nominalismus und damit zugunsten des reduktionistischen Individualismus ausgegangen ist. Danach gibt es das Allgemeine nur als gemeinschaftliches Einzelnes, als Übereinkunft. Die Menschheit ist gespalten in die westliche Hemisphäre, in der der Individualismus gilt, und die östliche, für die im Individuellen das Ganze wirkt, das Einzelne sich als Teil des Ganzen oder als Produkt zweier kosmischer Prinzipien verstehen muß.

Infolge dieses Individualismus verkürzt sich der Begriff der Öffentlichkeit auf den öffentlichen Raum im Gegensatz zur Privatsphäre. Der öffentliche Raum existiert nicht als der Raum der Allgemeininteressen der Menschen, als Raum der Gemeinschaft, einer irreduziblen Sozialität aller oder von gesellschaftlichen Kollektiven, sondern nur noch als Forum, auf dem sich die Individuen verabreden und absprechen, Gemeinsamkeiten herstellen können. Der Solipsismus zerstört das unmittelbar Soziale, ohne das die individuelle Menschwerdung nicht möglich wäre. So laufen Privatisierung, Individualismus und die Zerstörung des Sozialen und Politischen zusammen.

Da das aber ein pathologischer Prozeß ist, wird er, wenn wir voraussetzen, daß die Menschheit keinen Selbstmord begehen will, revidiert werden, das kann man eine Revolution nennen oder den Beginn einer neuen Epoche. Ich unterstütze durchaus, was Sanders, Corbyn und andere wollen, aber es ist viel zu wenig, das ist noch nicht der erforderliche radikale Einspruch. Der kann nicht durch ein paar soziale Forderungen erhoben werden, dazu ist eine paradigmatische Bewußtseinsänderung nötig. Das passiert in der Geschichte sehr selten und daher entsteht der Eindruck, daß die Haltungen der Menschen, in diesem Fall die des (Klein-)Bürgers, natürlich und unveränderlich seien.

iDog 15.06.2017 | 19:50

"Bin wie Heinz auch eher der Meinung, dass man Begriffe teilweise auch von ihrem historischen Kontext lösen und sie zu eigenen Zwecken neu prägen können sollte."

Ist theoretisch natürlich möglich, ich denke aber , dass gerade das nicht hilfreich ist. Genau wie wir im Krieg der Worte zB. den Begriff Kommunismus nicht mehr werden retten können aus einem zu eindeutigen historischen Kontext , so wird es nicht sinnvoll bzw. wenig zielgerichtet sein können den Konservatismus aus dem seinen lösen zu wollen. Das würde einer Rehabilitierung gleichkommen, die nicht erwünscht sein kann von Progressiven Kräften. Wenn es um Traditionen , auch um soziale et.c gehen soll, ist eh alles zu spät, alles zerstört . es wird ganz neu erfunden werden müsssen - und dann wohl auch besser neu Begriffe dazu. Diese neuen Begriffe wäeren dann "der Umgang mit Dynamiken, die zumindest diese Differenzen überschreiten.".

Magda 15.06.2017 | 20:21

Es geht ihnen eben um ein Ende des progressiven Neoliberalismus, der sich inzwischen mit gewissen sozialen Bewegungen bestens versteht und dem etwa weibliche oder schwule Führungskräfte lieber und wichtiger sind als weiße männlich-heterosexuelle Industriearbeiter, die durch die Rationalisierungsmaßnahmen ihrer neuen Chefs die Jobs verlieren.

Jaja, das ist der alte und reichlich perfide Vorwuf der Komplizenschaft von Bewegungen für Minderheitenrechte mit dem Neoliberalismus. Gegen die Feministinnen wird das sowieso bis zum Geht nicht mehr vorgebracht und gegen Schwule nun auch noch gleich mit. Überhaupt Identitätspolitik.

Was wird denn aber mit der weißen weiblichen Industriearbeiterin oder dem schwulen Industriearbeiter oder der transsexuellen Kellnerin? Oder mit dem schwarzen Intellektuellen, der erkennt, dass er nicht weiter kommt, vor allem dort nicht, wo weiße heterosexuelle Intellektuelle anfangen zu behaupten, das Ringen um Befreiung habe mit der Befreiung vom Rassismus wwenig zu tun.

Ein bisschen Didier Eribon hätten Sie in Ihre Heerschau der Lese- und Studienfrüchte, die leider am Ende zu wenig eigenen Schlüssen führen, berücksichtigen können.

Jedenfalls der Abschnitt über die Hoffnung, die Martin Schulz zu wecken imstande sei ist echter Schrott. Vorher gabs noch noch allgemeine volkspädagogische Ideen über den Umgang mit Unzufriedenen in dieser Welt dazu. Noch blöder finde ich Ihre Ranwanzerei an den Freitag als linkes Breitbart-Pendant. Ehrlich.

Heinz 15.06.2017 | 20:54

Wertorientiete PolitikerInnen gibt es global. Die hier behandelte konservative politische Denkart ist gewiß in unserer Geschichte begründet und in der Restauration war dies das oberste Ordnungsprinzip – mit'n jöttlichen Kaiser, der am 9. November 1918 in die Verbannung geschickt wurde.

Das Ordnungsprinzip blieb in diesem Saustall, wie sich dero Jöttlichkeit aus seinem Exil auszudrücken pflegte.

Jüngstes Beispiel ist das wertorientierte Händeschütteln unseres inneren ... !

Ich fürchte, wenn wir uns hier in unserer eigenen Geschichte verfangen, werden wir wegen Bauchnabelbeschau vom Rest der Welt milde belächelt. Darum bin ich für den Kern der Bedeutungen und das reicht für ein Selektieren dessen, was bestehen bleiben kann, aus .

Moorleiche 16.06.2017 | 11:06

Vormodern war der Mensch im Wesentlichen sozial determiniert, ein Sozialwesen mit einer dünnen Schicht individueller Eigenartigkeit. Das Denken war von der Religion vorgegeben einschließlich der Herrschaftsordnung, wenn sie nicht aus der Natur abgeleitet wurde. Die bürgerliche Aufklärung setzte das Individuum an die erste Stelle, indem sich alles Denken durch das denkende Subjekt legitimieren mußte (Kant), indem der Mensch durch Denken zum Subjekt wurde (angefangen mit Descartes, dann in den Spielarten des deutschen Idealismus).“

Naja, je nachdem, wen man so liest, ist hier aber nicht so wichtig, darum nur fürs Protokoll.

Die Menschheit ist gespalten in die westliche Hemisphäre, in der der Individualismus gilt, und die östliche, für die im Individuellen das Ganze wirkt, das Einzelne sich als Teil des Ganzen oder als Produkt zweier kosmischer Prinzipien verstehen muß.“

In Annäherungen, die Wirklichkeit ist deutlich bunter.

So laufen Privatisierung, Individualismus und die Zerstörung des Sozialen und Politischen zusammen.“

Das ist doch nur eine Einkürzung des Individuellen auf Solipsismus oder Narzissmus. Wieso sollte diese Option denn zwingend sein? Ein Kollektivismus kann ebenfalls ein pathologisches Gesicht haben, in der völkischen oder (real)kommunistischen Variante, so wie in mancher religiösen.

Vom Individuum wird doch lediglich die Erkenntnis und Akzeptanz – die zugegeben nicht ganz einfach, aber eben auch nicht unüberwindbar schwer ist - benötigt, dass die eigene Existenz und Privatheit nicht vollkommen primär und voraussetzungslos ist. Das Subjekt hat das Öffentliche und Kollektive ein Stück weit mitzudenken und dafür, für die Gestaltung und den mehr oder minder reibungslosen Ablauf, Verantwortung zu übernehmen. Wie weit man da ins Detail gehen und sich ggf. engagieren möchte ist Privatsache, für die Praxis bedeutet die Minimalforderung lediglich sich an Recht und Gesetz zu halten, die eventuell größere Forderung bedeutet, über das sich Einpassen hinaus freiwillige Leistungen zu übernehmen, in denkerischer, sozialer, kultureller oder emotionaler Initiative, die dann aber wieder eine vom reifen Individuum aus Einsicht geleistete Pflicht wäre.

Es gibt eben keine kollektivistisch überzustülpende Gebrauchsanweisung für alle Fälle, das geht bis zum Prinzipiellen, das die genaue Regel der Regel der Regel … im Regress enden lässt. Es kann also nur um eine Ausbalancierung des Individuellen und Kollektiven gehen. Die Einkürzung des reifen Individualismus auf einen Solipsismus oder Narzissmus wurde aber auch bei uns stets als philosophisch falsch, psychologische Pathologie und gesellschaftlich problematisch erkannt.

Dass man den Eindruck haben kann, dass wir wieder ein paar Spritzer mehr Kollektivismus brauchen, in einer Zeit ideologisch aufgepeitschter Kleinst- und Splittergruppen, da mag ich ja mitgehen, allerdings ist das unreflektiert Politische eher die Krankheit, die es zu heilen vorgibt. Politisch interessiert zu sein, geschieht nicht selten vor dem Hintergrund einer Einstellung, die genau jene privaten Vorurteile zum für alle verbindlichen Gesetz machen möchte, die von Ihnen als zurecht problematisch identifiziert wurde.

Es reicht also bei weitem nicht aus, im ideologischen Berserkertum das Etikett „politisch“ draufzupappen und zu glauben, man sei aus dem Gröbsten raus und über jede Kritik erhaben, weil man ja schon der Wunderheiler in Person ist. Wir erleben gerade, dass genau das nicht der Fall ist. Bei Licht betrachtet geht die private mit der politischen Regression Hand in Hand, ich zitiere das auch gerne häufiger:

„In Übereinstimmung mit Green vertrat ich die Ansicht, dass die Unfähigkeit, sich einem Wertesystem verpflichtet zu fühlen, das über Grenzen selbstsüchtiger Bedürfnisse hinausgeht, gewöhnlich eine schwere narzisstische Pathologie widerspiegelt. Die Verpflichtung gegenüber einer Ideologie, die sadistische Perfektionsansprüche stellt und primitive Aggression oder durch konventionelle Naivität geprägte Werturteile toleriert, gibt ein unreifes Ich-Ideal und die mangelnde Integration eines reifen Über-Ichs zu erkennen. Die Identifizierung mit einer "messianischen" Ideologie und die Akzeptanz gesellschaftlicher Klischees und Banalitäten entspricht daher einer narzisstischen und Borderline-Pathologie. Dem gegenüber steht die Identifizierung mit differenzierten, offenen, nicht totalistischen Ideologien, die individuelle Unterschiede, Auotnomie und Privatheit respektieren und Sexualität tolerieren, während sie einer Kollusion mit der Äußerung primitiver Aggression Widerstand leisten - all diese Eigenschaften, die das Wertesystem eines reifen Ich-Ideals charakterisieren. Eine Ideologie, welche die individuellen Unterschiede und die Vielschichtigkeit menschlicher Beziehungen respektiert und Raum für eine reife Einstellung zur Sexualität lässt, wird den Personen mit einem höher entwickelten Ich-Ideal attraktiv erscheinen. Kurz, Adorno, Green und ich stimmen darin überein, dass Ich- und Über-Ich-Aspekte der Persönlichkeit das Individuum zu übergroßer Abhängigkeit von konventionellen Werten prädisponieren. Es ist berechtigt zu sagen, dass der spezifische Inhalt des Konventionellen durch soziale, politische und ökonomische Faktoren beeinflusst wird: Die Universalität der Struktur der Konventionalität in der Massenkultur jedoch und ihre Attraktivität für die Massen sind nach wie vor erklärungsbedürftig.“
(Otto Kernberg, Ideologie, Konflikt und Führung, Klett-Cotta, 1998, S. 297f )

denkzone8 16.06.2017 | 11:34

den grundlegenden konflikt sehe ich eher

zwischen der person und dem gehäuse der hörigkeit:

die aufklärung stellt sch auf die urteils-fähigkeit der person.

konzipiert ist die persönlichkeit als reflexions-instanz von sensibilität und vernunft.

aus ihr soll emanieren die begründung der gesellschaftlichen verhältnisse auf dialogisch-erarbeiteten konzepten,

statt auf un-befragten traditions-leit-planken oder neuen

(totalitären) system-vorgaben.

odrr?

w.endemann 16.06.2017 | 14:31

Ich hätte deutlicher schreiben sollen: die bürgerliche Gesellschaft ist die Epoche des Scheinindividualismus. Und: solipsistisch sind die Individuen in ihrem Bewußtsein, nicht in ihren Handlungsroutinen. Der Mode-Heini ist der absolut wirtschaftskonforme Nonkonformist auf der Erscheinungsebene. Wie der Konsument, für den die Wahl zwischen Wiener Melange und latte macchiato eine Identitätsfrage ist. Die bürgerliche Gesellschaft ist der Konformismus der leeren Individualität (In Annäherungen, die Wirklichkeit ist deutlich bunter). Man möchte mir nicht unterstellen, daß ich nicht weiß, daß das eine Übertreibung ist. Ich rede hier vom Zentrum der Gesellschaft; natürlich gab es nie mehr substantiellen Individualismus als heute, aber die Gravitationskräfte des Konformismus waren eben auch nie stärker.

Mitnichten spreche ich gegen Individualismus oder für Kollektivismus. Geradezu im Gegenteil kommt es auf die Dialektik von Individuum und Gesellschaft an, in der sich gleichermaßen das Individuelle und das Universale bilden. Armselig ist die Vereinseitigung, sei es der kollektiven Gleichschaltung, sei es der individualistischen Beliebigkeit. dass die eigene Existenz und Privatheit nicht vollkommen primär und voraussetzungslos ist, ist mir eine viel zu schwache Formulierung, die das Individuelle zu sehr zum Primären macht und damit der Ideologie des Individualismus auf den Leim geht. Es war die einzigartige wissenschaftliche Aufklärung über das Ausmaß der Fremdbestimmtheit des Menschen, des Naturobjekts Mensch, die erst eine realistische Perspektive auf die Möglichkeiten menschlicher Freiheit eröffnete. Individualität ist nicht die Voraussetzung, sondern das Resultat und eine auf der jeweils vorliegenden Stufe gegebene Bedingung für die Weiterentwicklung der Menschheitsgeschichte. Und genau so entwickelt sich der menschliche Universalismus. Individualität ist nicht belanglose Beliebigkeit, wenn sie begründbar, dh allgemein darstellbar, also Element im universalen Möglichkeitsraum des Denkens geworden ist. Dieser Zusammenhang einer Ko-Entwicklung von Individualismus und Universalismus wird unter der herrschenden Ideologie übersehen. Auch dass wir wieder ein paar Spritzer mehr Kollektivismus brauchen, ist mir zu dürftig. Das tut so, als wären das zwei Komponenten, von denen mal die eine, dann die andere fehlt. Es fehlt der dialektische Zusammenhang.

Kernberg kann ich weitgehend zustimmen, bis auf

Die Universalität der Struktur der Konventionalität in der Massenkultur jedoch und ihre Attraktivität für die Massen sind nach wie vor erklärungsbedürftig.“

Das scheint mir komplexitätstheoretisch evident. Und auch die Folgerungen, die sich für die Politik daraus ergeben.

w.endemann 16.06.2017 | 14:34

Das ist schon richtig, die persönlichkeit als reflexions-instanz von sensibilität und vernunft. Nur bedarf es nicht der gehäuse der hörigkeit, der neuen (totalitären) system-vorgaben, ist es nicht damit getan, die un-befragten traditions-leit-planken mit kritische Fragen zu konfrontieren. Denn der heutige Kapitalismus muß ja nicht verordnet werden, er steckt tief in der Persönlichkeitsstruktur. Die Bürger sind keine autoritätsgläubigen, gehorsamen Untertanen, sondern sich für mündig und selbstbestimmt haltende Subjekte. Und wenn es der Linken nicht gelingt, die Bürger zur Infragestellung der eigenen Selbstgewißheit zu bringen, dann werden diese Bürger eben zurecht mit diesem System fortbestehen oder untergehen. Keine Frage, daß die Linke davon ausgeht, daß die bürgerliche Lebensweise irgendwann von der Mehrheit als der große Irrtum begriffen werden wird.

denkzone8 16.06.2017 | 15:09

das alternativ-lose walten

einer auf ausgleich-achtenden sozialstaats--maschine

kombiniert mir kleinen fluchten,die konsumenten

angeboten werden:

ein perfect match entpolitisierter wähler

mit dem gang der (finanz-kapitalen)dinge.

dagegen sind aufgeregtheiten am rande des sedierten publikums

bisher noch als sektiereien abzutun.

die glücks-verfolgung der individuierten steht noch vor den

rufen nach kollektiven transformationen.

die neo-liberale agenda setzte auf gesteigerte rivalität,

ausschöpfung privater leistungs- und leidens-bereitschaft.

die kosten, die aus dieser orientierung erwachsen,

sind noch nicht in den hirnen einer mehrheit registriert worden.

Moorleiche 16.06.2017 | 18:22

Um den dialektischen Prozess geht es mir auch, nur wundere ich mich darüber, dass das Individuum, wenn es denn mal sozial, vielleicht nicht konstituiert, aber mindestens geschärft ist, dann vergessen wird.

Mein Punkt ist die Frage, warum der sicherlich problematische Neoliberalismus so effektiv werden konnte. Klar, früher war wenig zu hinterfragen, so lernen wir es jedenfalls auswendig. Doch der eine böse Feind, das ist doch eine so erkennbare Projektion, wie der Gott, den Feuerbach kritisierte.

Wie auch immer die historischen Pfade verlaufen sind, die die Menschen dazu brachten, ihren Verstand zu benutzen, im Sinne des Hinterfragens einer totalen Eingebundenheit, deren vorwiegende Legitimation war, dass es immer so war, all das ist ja passiert, wir hinterfragten es und haben für die Ergebnisse dankbar zu sein. Nur in der Euphorie dessen, was man alles nicht zum Leben braucht ist man eben zu weit gegangen und der Verzicht auf Bindungen aller Art, plus der unterschätzten Notwendigkeit, dass der Mensch dann doch irgendwie Anerkennung braucht (lustigerweise je mehr, umso beharrlicher er sagt, nichts und niemanden zu brauchen und je weniger er zu Beziehungen in der Lage ist) führt zu unserem Lebensstil.

Da sitzen weder neoliberale Strategen, die sich das alles haarklein ausgedacht haben, noch hat das anonyme System uns alle so gemacht, wir haben einfach zu allem, was nicht seinen Nutzen postwendend beweisen konnte gesagt, dass es reaktionär sei und einzig ein Element um Herrschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten, um mit dem Schlager ist man jetzt seit 50 Jahren auf Tournee.

Das ganz aktuell Brauchbare, der kurze Spaß und Nutzen, das ist doch im wesentlichen selbst gezimmert. Wenn der Ball dann auf dem Elfmeterpunkt liegt und der Torwart gerade mal zum Klo ist, muss man sich auch nicht wundern, wenn jemand das Ding rein macht.

Dass einer Gesellschaft, die sich überwiegend für sich interessiert, dann irgendwann das Soziale, die Gesellschaft usw. vollkommen egal ist, sollte einen m.E. nicht so wahnsinnig wundern.

Ute Behrens 16.06.2017 | 19:01

Die Privatisierung der Politik ist kein rein amerikanisches Phänomen. Auch Europa befindet sich auf dem Vormarsch. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann auch bei uns im Land der Lobbyist gleich selbst antritt und sich nicht mehr den Luxus von Repräsentanten leistet. Die Frage:

Wo wäre etwa ein nur halbwegs ähnlich finanzstarkes linkes Pendant zu Breitbart News?

ist auch eine berechtigte deutsche Frage. Wer gegen die Finanzelite antritt wird dort nicht übermäßig punkten können. Wer schafft sich schon gern selbst ab? Auch die vierte Gewalt befindet sich mittlerweile in der Konzernisierungs- und Kapitalismusfalle. Madsack, Funke-Medien-Gruppe, Bertelsmann. Facebook & Co. - wieder ein Konzern mit einem genialen Geschäftsmodell als Ablassventil und Überwachungsplattform für das "einfache Volk". Für alle gutgemeinten Organisationen und Kampagnen im Lande gilt der alte Satz von Martin Luther: "Wer kein Geld hat, dem hilft auch nicht, daß er fromm ist."

Moorleiche 16.06.2017 | 19:11

"Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann auch bei uns im Land der Lobbyist gleich selbst antritt und sich nicht mehr den Luxus von Repräsentanten leistet."

Wenn man das konsequent denkt: Wofür den eigentlich. Wieso die Mühe, wenn meine Rechtsabteilung mal eben die Gesetze formuliert, damit da keine Fehler drin sind und daraus 1 zu1 en Vertags- und/oder Gesetzestext werden kann.

Da bleibe ich doch lieber im Sitzmöbel und zitiere die anderen zu mir...

Tom Wohlfarth 16.06.2017 | 19:27

Die Rede ist nicht von einer "Komplizenschaft", jedenfalls von keiner willentlichen, sondern von einer Vereinnahmung der sozialen Bewegungen durch den Neoliberalismus. (Das Argument stammt übrigens von Nancy Fraser, nicht von Matthias Mattusek.)

Meine Verwendung des Wortes "etwa" sollte übrigens auch nur eine illustrative Beispielhaftigkeit andeuten, die unterschiedliche Kombinationen der Merkmale nicht ausschließen wollte.

Martin Schulz diente auch nicht als Beispiel für notwendig berechtigte Hoffnung, sondern allein für eine wenigstens noch potenzielle Begeisterungsfähigkeit der Bevölkerung für wenigstens scheinbar soziale Themen. Das ist freilich nicht besonders viel, aber fällt Ihnen denn in Deutschland ein irgendwie viel hoffnungsvolleres rezentes Beispiel auf Bundesebene ein?

Und was es mit "Ranwanzerei" zu tun haben soll, ein Desiderat zu benennen, ist mir auch schleierhaft. Aber ich vermute, ich hatte Sie schon mit dem missverstandenen Feminismus-Argument verloren.

Heinz 16.06.2017 | 19:36

Die «Vierte Gewalt» war eigentlich nie eine, sondern Teil des Propagandamodells. Zwischenzeitlich hatten wir einmal den Eindruck einer «Vierten Gewalt», wenn ein Oppositionsblatt Enthüllungen über Regierungen veröffentlichte.

Heute tut das WikiLeaks und wird von den Regierungen mit Strafrecht und dem Tode bedroht und verfolgt.

Bei deiner Liste fehlt noch das Betriebssystem MS Windows mit seiner direkten Schnittstelle zur NSA und ihrer Unterabteilung BND.

Heinz 16.06.2017 | 19:44

«Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann auch bei uns im Land der Lobbyist gleich selbst antritt und sich nicht mehr den Luxus von Repräsentanten leistet.»

Das sehe ich anders

Bereits in den 1970er Jahren hatte Siemens seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen angeboten, sich als Volksvertreter zu profilieren. Im engeren Sinne sind das dann Lobbyisten.; allerdings auf eine Partei beschränkt. Ein echter Lobbyist beschränkt sich nicht auf eine Partei, sondern bearbeitet alle.

Warum sollten die also direkt antreten?, das wäre eine Beschränkung.

Tom Wohlfarth 16.06.2017 | 20:21

Vielen Dank für diesen sehr spannenden, weit ausgreifenden Kommentar. Was die Schärfe der begrifflichen Gegenüberstellungen angeht, würde ich wie Moorleiche wohl auch etwas relativieren.

Was die Radikalität des Einspruchs angeht, ist das so eine Sache. Der letzte derartig dimensionierte Umbruch war vermutlich der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus. Aber dieser radikale Bruch geschah zugleich allmählich auf verschiedenen Ebenen ohne eine einzige zentrale Planung. Diese Ambivalenz wird sich eventuell auch heute nicht so leicht hintergehen lassen.

Tom Wohlfarth 16.06.2017 | 22:19

"Dem Liberalismus hat das nicht viel anhaben können."

Vielleicht darf man sich leider auch nicht zu viel erhoffen, nämlich dass man ein gesamtes soziokulturelles Paradigma einfach so gezielt komplett umwenden kann. Im besten Fall kann man seine gewissermaßen eigendynamische Entwicklung ein wenig zu beeinflussen versuchen. Ich bin aber ohnehin nicht sicher, ob ein so radikaler Bruch überhaupt nötig ist, wie das Beispiel Liberalismus zeigt. Ich wäre fern davon, seine Errungenschaften gänzlich missen zu wollen.

w.endemann 17.06.2017 | 12:57

warum der sicherlich problematische Neoliberalismus so effektiv werden konnte.

Weil er seinen Agenten einen Machtrausch bescherte, und weil er die Basis der ungeheuren Produktivkraftsteigerung und damit des gewaltigen Reichtums der neueren Zeit war. Da er das nicht mehr leistet, was die meisten vielleicht noch nicht mitbekommen haben, ist das ein Grund, an das Ende des Neoliberalismus zu denken, auch bei den Begriffsstutzigen.

Nur in der Euphorie dessen, was man alles nicht zum Leben braucht ist man eben zu weit gegangen und der Verzicht auf Bindungen aller Art …. führt zu unserem Lebensstil.

So würde ich das nicht formulieren. Erst einmal sind die Bindungen aus Not obsolet geworden und die Möglichkeiten, Herr im eigenen Haus zu sein, haben die Individuen in den Rausch der Egotrips versetzt. Sie haben einfach nicht bemerkt, daß sie mit der Entbindung des Zwangssozialen (d.s. die historischen Befreiungsbewegungen) auch Möglichkeiten der Befriedigung tiefer menschlicher Bedürfnisse über Bord geworfen haben, von denen sie kaum etwas wußten. Daß aber die modernen Menschen iA ungesellig und unkommunikativ wären, ist definitiv falsch. Sie plappern nach Herzenslust (siehe die Communities) und gieren nach Bedürfnisbefriedigung in Gesellschaft (Massenevents). Egoismus und Hedonismus vertragen sich gut und realisieren sich offensichtlich hervorragend in freiwilligen Bindungen. Die haben einen hohen psychosozialen Nutzen für das egoistische oder sagen wir es allgemeiner: für das egozentrisch sozialisierte Individuum. Die Fortschrittsperspektive ist nicht, zu den ehemaligen, notgeborenen Bindungen zurückzugelangen, sondern in gesellschaftlicher Interaktion und Kommunikation substantielle, die Freiheit mehrende Bindungen zu konstituieren. Jeder Schritt in eine substantielle individuelle Freiheit ist das Resultat einer Selbstbindung. Das ist ein nicht ganz einfacher Gedanke, den ich aber schon mehrfach erläutert habe, was ich mir hier darum sparen kann. Die anspruchsvollere gesellschaftliche Freiheit ist dementsprechend die intelligente Selbstbindung der Gesellschaft.

Dass einer Gesellschaft, die sich überwiegend für sich interessiert, dann irgendwann das Soziale, die Gesellschaft usw. vollkommen egal ist,

ist ein Selbstwiderspruch. Es muß heißen: Daß einer Gesellschaft von Individuen, die sich überwiegend für sich selbst interessieren, irgendwann das Soziale, die Gesellschaft vollkommen egal ist, … Und das ist natürlich eine Tautologie.

w.endemann 17.06.2017 | 13:00

Der letzte derartig dimensionierte Umbruch war vermutlich der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus.

Ja. Man muß aber bedenken, daß dieser Paradigmenwechsel als das ablief, was Marx die Vorgeschichte nannte, eine sich ereignende Geschichte, in der die Menschen noch mehr Objekt als Subjekt waren. Da hat es diesen allmählichen Übergang ohne zentrale Planung gegeben, daher die Ambivalenz in der gesellschaftlichen Selbstorganisation. Die marxistischen und nach meinem Verständnis linken Hoffnungen richten sich den Beginn der Geschichte, in der die menschlichen Subjekte die Hauptrolle spielen, in der der Paradigmenwechsel sich nicht bloß ereignet, sondern bewußt herbeigeführt wird. Was selbstverständlich nicht die Subjekt-Objekt-Dialektik außer Kraft setzt, auch diese Revolution kann nicht auf dem Papier entworfen werden.

Heinz 17.06.2017 | 16:24

Richard David Precht Kölner Stadtanzeiger:

1: „Ich will das Grundeinkommen, um das Schlimmste zu verhindern“

2: „Wir haben ja heute unfassbar viel Geld, das wir für nichts gebrauchen können“

3: „Wir haben einen Angststillstand“

Wir stehen am Beginn einer grundlegenden Veränderung in der Produktion und Verteilung. Es mag heute noch etliche Leute geben, die Einkommensabhängig argumentieren können. Das wird sich in den nächsten Jahrzehnten aber ändern.

Die heute praktizierte angebotsorientierte Wirtschaft, im Gegensatz zur nachfrageorientierten Wirtschaft, unterläßt beim Staat die Entwicklungspolitik. Einst gab es einmal die Arbeitsteilung, daß die gesellschaftlich notwendigen Dinge, die privatwirtschaftlich nicht rentabel sind, vom Staat entwickelt werden.

Die Wirtschaft stellt heute die Stärkung des Angebots in den Mittelpunkt, weil sie davon ausgeht, dass Beschäftigung und Wachstum von den Investitionen und von den Gewinnen abhängig sind. Steuerentlastung der Unternehmen sollen die Investition und Gewinnerwartung erhöhen.
Das kann in einer geschlossenen politischen Ökonomie funktionieren; in einer offenen funktioniert das nicht, weil die Gewinne global beweglich sind. Vor allem funktioniert das nicht, wenn die Arbeitsplätze weniger werden, weil damit die Kaufkraft, also die Konsumfunktion, gemindert wird – die Wirtschaft kann dann steuergünstig produzieren, was sie will – wenn das niemand kaufen kann, geht die Wirtschaft ein.

Heinz 17.06.2017 | 16:50

«Ich bin aber ohnehin nicht sicher, ob ein so radikaler Bruch überhaupt nötig ist, wie das Beispiel Liberalismus zeigt. Ich wäre fern davon, seine Errungenschaften gänzlich missen zu wollen.»

Was verstehst du unter Liberalismus?

Ende der 1960er Jahre hatte Karl Hermann Flach die Koalition von SPD mit FDP inspiriert. Das war 1982 vorbei, nachdem Otto Graf Lambsdorff mit seinem LambsdorffPapier diese Koalition beendet hatte. Der sozialLiberale Teil der FDP wanderte ab zur SPD und zu den Grünen. Westerwelle hatte die Liberalen zu einer reinen Steuersenkungspartei verkommen lassen. Übrig blieb eine reine KlientelPartei, die nur noch die partikulären Interessen der Reichen vertreten hat – also scheiß ich auf den Liberalismus.

Heinz 17.06.2017 | 19:05

Da erhebt sich die Frage, die Precht aufgeworfen hat:

«Was tun, wenn nur noch die Hälfte Arbeiteplätze übrig bleiben?»

Heute haben wir in D ca. 43 Mill Erwerbtätige und die Hälfte wären ca. 20 bis 25 Millillionen. Da kommen wir mit der AWT nach Ricardo, Marx, Locke, et al nicht weit, egal, ob die objektiv oder subjektiv theoretisiert wird. Bleibt also der Grenznutzen und der bemißt sich am Umsatz. Was die Menschen kaufen (können) hat offensichtlich einen Nutzen.

____________________________

PS: Ich hätte dir für GWG auch noch das GeldWäscheGesetz anbieten können :-)

pleifel 17.06.2017 | 19:21

Das wird durch die Machtverhältnisse beantwortet werden, also abhängig davon, wie lange sich die vielen mit den Brosamen zufrieden geben (ruhig stellen lassen), bzw. wie viele von denen sich gegen eigene Interessen und die der Mehrheit stellen und die Verhältnisse mittels Gewalt (Polizei, Militär, Sicherheitsdienste) selbst aufrecht erhalten.

Ein gutes Beispiel zeigt sich jetzt wieder in Hamburg beim anstehenden G20-Gipfel. Alles, was da an Polizei und Sicherheitskräften aufgefahren wird, gehört zu dieser Klientel. Solange also das Prinzip Gehorsam in der Art funktioniert, bleibt es wie es ist.

Die Wirtschaft läuft dann immer noch profitabel (so flexibel ist das System), auch wenn große Teile der Bevölkerung auf "Prekariat" gesetzt wird. Der "Feind" lässt sich zudem bisher immer noch an andere Fronten verlagern, also z.B. Migranten, Andersgläubige, Terroristen usw.

Heinz 17.06.2017 | 19:23

«Geld, Ware, mehr Geld (Werttheorie).»

Hat das volkswirtschaftlich wirklich mit der AWT oder der Produktivität zu tun?

Als das Geld noch etwas WERT war, mit realem GegenWert gedeckt, z.B. mit Gold, konnte die Arbeit, der Mitteleinsatz an Grund, Immobilien und Maschinen dagegen aufgewogen werden; vom Wiegen kommn ja auch die MünzWerte. das Giralgeld hat aber gar keinen GegenWert mehr und wird darum in beliebiger Menge in die Bücher gesudelt.

Du kannst heute erleben, daß der gleiche Fummel, mit dem sich Frauen schmücken, am Grabbeltisch ein paar Euro kostet und in der Edelboutique nebenan für über 100 Euronen über die Theke geht – komm mir also nicht mit irgend einer AWT – die Geldmenge ist heute kein Problem mehr, sondern bestenfalls für QuantitätsWächter.

pleifel 17.06.2017 | 19:42

Lass´ die Geldmenge mal außen vor. Nach der Theorie hätten wir schon längst eine galoppierende Inflation, das Gegenteil ist der Fall. Also die sich in der Finanzsphäre tummelnden Größen schlagen erst dann durch, wenn daraus reale Ansprüche abgeleitet werden sollten, falls mal wieder der Ballon platzt.

Das ändert aber nicht viel für einen Konzern (abgesehen von billigen Krediten, falls die die überhaupt noch brauchen und sich nicht Innenfinanzieren, denn solange am Jahresende Gewinne ausgeschüttet werden können (und/ oder der Kurswert der Aktie attraktiv ist), solange läuft es auf der Produktionsebene.

Und was die Gebrauchswerte betrifft, die spiegeln sich schon länger nicht mehr im Wiederverkaufswert, das könnte ich Dir z.B. aktuell leicht am Marktpreis von einem Panasonic-Receiver zeigen (mit Empfangsteil, Brenner, Festplatte und Player), der nicht annähernd den Wert widerspiegelt. Und, wer zieht jetzt die Bilanz?

Auch die schönsten Immobilienwerte bringen nichts, wenn sich kein Käufer findet. Da platzt so manche Hoffnung im Alter, wenn alleinstehend die Bude verkauft werden soll. Da geht so manche Rentabilitätsrechnung den Bach runter.

Heinz 17.06.2017 | 19:58

Nehmen wir mal den Receiver. Das ist ein gutes Beispiel für das, was uns als Industrie/Arbeit 4.0 ins Haus steht.

Wenn du den gekauft und gerade an der Kasse bezahlt hast, ist er nur noch die Hälte wert, weil das nächste Modell schon seit ein paar Monaten in den USA auf dem Markt ist. Aber nicht nur das nächste Modell mit einer Chromleiste extra, sondern die nächste Technologie intern und extern in der Fertigung.

Der Innovationscyklus ist kürzer, als der Produktzyklus.

Diese automatisierte Fertigung wird weitere Teile der Wirtschaft durchdringen. Bei Immobilien ist das nicht anders. Bis du heute eine alte Hütte renoviert hast und auf den neuesten Stand der Technik bringst (Heizung, Dämmung, Bad, Elektrik), hast du eine neue gebaut.

pleifel 17.06.2017 | 20:11

Dazu braucht es kein Nachfolgemodell, es reicht bereits, wenn Du es ausgepackt hattest, vielleicht noch einen Testlauf machst und anschließend wieder verkaufst. Der Käufer erwartet einfach, dass diese Produkte dann deutlich unter Neupreis abgegeben werden. Hier hat sich eine Mentalität breit gemacht, die sicher teilverursacht ist durch die Werbung: "Geiz ist geil". Das sich die Käufer durch einen momentanen Vorteil selbst das Loch graben, scheint verdrängt, bzw. ignoriert zu werden.

w.endemann 18.06.2017 | 00:17

Die Marxsche Arbeitswertlehre ist unbestreitbar richtig, ihre Gültigkeit beschränkt sich allerdings auf die Produktion von unter gleichen Bedingungen in beliebiger Zahl produzierbaren Gütern. Und sie ist problematisch in der rekursiven Fassung mit der Ware Arbeitskraft. Abgesehen davon, daß gerade die Massenarbeitslosigkeit die Ware Arbeitskraft zu einem nicht knappen Gut macht und darum im ursprünglichen konfrontativen Frühkapitalismus durchaus wünschenswert war als industrielle Reservearmee, die die AWL anwendbar machte. Die AWL gilt also strenggenommen nicht für die kapitalistische, sondern nur für die einfache Warenproduktion, eine Gesellschaft der einfachen Warenproduktion gibt es aber nirgendwo. Der Kapitalismus hat sich zudem zu einem integrativen weiterentwickelt, der sowohl als monopolistischer, oder besser einer der Kapitalkonzentration, aber auch im Sinne minimierter Integrationskosten (Senkung der faux frais) politische Preise für die Arbeit festlegt. Von da ist es ein kleiner Schritt, arbeitsunabhängige Einkommen politisch festzulegen. Das von Paul zitierte Schema G – W – G‘, das Geld als Kapital definiert vermöge des Profits ΔG = G‘-G, ist nach wie vor die funktionierende Grundformel, daß dabei die Profitrate ΔG/G systemimmanent tendenziell fallen muß, hat Marx schon gewußt. So wäre der Kapitalismus noch eine Weile stabilisierbar, wenn die herrschende Klasse wenigstens systemimmanent vernünftig agieren könnte. Das kann sie nicht, weil inzwischen der relative Abstieg nicht nur der Mittelschicht, sondern auch Teilen ihrer selbst droht.

Heinz 18.06.2017 | 01:52

Wenn wir heute die Verhältnisse von Produktion und Distribution sehen, dann nehme ich einmal das Beispiel mit dem Fummel, der in China, Malaysia oder Pakistan in der gleichen Näherei hergestellt wird. Die Produktionskosten sind also gleich. Den Unterschied macht ein kleiner Aufnäher, der den Fummel unterscheidet. Das «Label» mit AllerweltsBlaBla, Krööönchen, Wolfsspur oder Krokodil bestimmt den Verkaufspreis – da kann sich der olle Marx im grab umdrehen.

Heinz 18.06.2017 | 09:55

«So wäre der Kapitalismus noch eine Weile stabilisierbar, wenn die herrschende Klasse wenigstens systemimmanent vernünftig agieren könnte. Das kann sie nicht, weil inzwischen der relative Abstieg nicht nur der Mittelschicht, sondern auch Teilen ihrer selbst droht.»

In diesem Sinne verhalten sich die Kapitalisten als amorphe Masse, schließlich zählen heute auch die Kleinanleger und Steuersparmodellnutzer zu dieser Masse, wie ein Bakterium, das seine Nahrungsgrundlage so lange wegfrißt, bis es zugrunde geht.

Unterscheiden müssen wir heute, im Gegensatz zur klassischen Zeit, in der Marx lebte, daß sich die Verhältnisse von Realwirtschaft und Finanzwirtschaft umgekehrt haben. Das Volumen der Finanzwirtschaft ist mindestens um den Faktor 10 größer, als die Realwirtschaft. Entsprechend sinken die leistungslosen Renditen der sozialen Hängematte im Steuerparadies, weil sie sich ausschließlich aus der Realwirtschaft alimentieren können. Im Umkehrschluß sinkt die Direktanlage in der Realwirtschaft, weil das Lotteriespiel mit Optionen in der ZockerBude mit einem Hochfrequenzhandel schnellere Gewinne generiert.

w.endemann 18.06.2017 | 11:42

Genau das habe ich gesagt/sagen wollen. Auf der Oberfläche, der Erscheinungsebene, ist weder der Klassengegensatz noch die Gültigkeit der Arbeitswertlehre erkennbar. Der Äquivalententausch setzt den Wert als objektive Vergleichsgröße voraus. Heute wird auf dem Markt nur noch mit Preisen (statt mit Werten) gehandelt. Heute findet auch nicht mehr die Kalkulation G – W – G‘ statt, sondern es wird mit Modellen prognostiziert, wieviel Waren ich zu welchem Preis verkaufen kann. Schon abgesehen von den Großproduktionen, die keine privaten Konsumenten haben, sondern den Staat. Das Entscheidende beim Übergang vom Wert zum Preis ist eine reale oder psychologische Monopolstellung. Die Preise sind so gesehen die systemische Abweichung vom Wert. Und, um es mal wieder auf das ursprüngliche Blogthema, von dem wir etwas abgekommen sind, zurückzubiegen: die Privatisierung kann man auch als Entobjektivierung sehen, als in derselben Art Substitution, die Realgeld zu Buchgeld macht.

Heinz 18.06.2017 | 13:00

«die Privatisierung kann man auch als Entobjektivierung sehen, als in derselben Art Substitution, die Realgeld zu Buchgeld macht.»

und

«Das ist aber wiederum ein systemisch werttheoretisch erklärbares Phänomen.»

Zweifelsfrei findet sich für jedes Phänomen auch eine Erläuterung; Aristoteles hatte seinerzeit erläutert, warum Männer mit einem langen Penis zeugungsunfähig sind.

Das ist aber nicht die entscheidende Frage; entscheidend ist, wer hat die Weichen für diese Veränderung gestellt, und warum.

Beim Übergang von der Realgeldwirtschaft, mit Bargeld in der Lohntüte (bis in die 1960er Jahre), zur Buchgeldwirtschaft, mit einem Lohnkonto bei der Bank, haben die PolitikerInnen schlicht und einfach gepennt.

Geldschöpfung war ein Privileg der Fürsten und anschließend nach 1918 des Staates. Mit der Einführung des Giralgeldes haben die Geschäftsbanken die Geldschöpfung übernommen. Die Seigniorage daraus beträgt im Euroraum derzeit

ca. 500 bis 600 Mrd Euro (Wachstum der Geldmenge M1).

Heinz 18.06.2017 | 17:32

Im Prinzip ja, aber wenn du persönlich erlebt hast, wie diese Partei als Synonym für den Liberalismus in D verkommen ist, wirst du verstehen, daß da kein Porzellan mehr gekittet werden kann.

Verfolge die Veränderungen bei den Grünen, die wesentlich aus ehemaligen sozialliberalen Anhängern der FDP bestand, und du kommst ins Zweifeln.

Mit Karl Herrmann Flach stimmte ich damals und stimme ich auch heute noch weitgehend überein; doch diese Linie gibt es nicht mehr – nirgends.

Möglicherweise greifen jüngere Menschen diese Line von Herrn Flach neu auf; bis die dann eine liberale Kraft in D werden, braucht es weitere Jahrzehnte, weil das selbst verschuldete Schmuddelimage der Liberalen nur langsam überwunden werden kann.

Heinz 18.06.2017 | 18:43

Das Recht der Freiheit - Grundriß einer demokratischen Sittlichkeit Auszug aus dem Klappentext: «Axel Honneth schlägt einen anderen Weg ein und gewinnt die heute maßgeblichen Kriterien sozialer Gerechtigkeit direkt aus jenen normativen Ansprüchen, die sich innerhalb der westlichen, liberaldemokratischen Gesellschaften herausgebildet haben. Zusammen machen sie das aus, was er »demokratische Sittlichkeit« nennt: ein System nicht nur rechtlich verankerter, sondern auch institutionell eingespielter Handlungsnormen, die moralische Legitimität besitzen.»

Ich schlage für das BundesMinisterium Moralische HandlungsNormen [BMMHN] Ursula von der Leyen vor – die kann das.

iDog 18.06.2017 | 19:12

Sie haben sicher mal Polanyi gelesen: "The great transformation" , der den Übergang von der Subsistenzwirtschaft zur "Freien" Marktwirtschaft analysiert ... oder Bentham, der theoretisch den heutigen Überwachungsstaat, jeder überwacht jeden, die totalitäre kapitalistische Ökonomie, die programmartische Unterwerfung durch Edukation .... etc. vorwegnimmt ? ... oder das "Schwarzbuch des Kapitalismus" von Kurz ... um einen der vehementesten Kritiker des Liberalismus zu nennen.? Auch Wallersteins Analyse des kapitalistischen Systems ist in sofern aufschlussreich, als dass das "freiheitlichen Individuum" im kapitalistischen Kampf jeder gegen jeden ökonomisch und damit natürlich auch in punkto Freiheit viel schlechter abschneidet als der im sozialen Raum intergrierte Mensch des späten Mittelalters , zumindest wenn man mal vom reinen Konsum um des Konsums willen absieht und Freiheiten vergleicht, wie sie sich zB. in Arbeitszeiten und Arbeitslöhnen spiegeln ...

Der Liberalimus wird zur ideologischen Grundlage des moderenen Kapitalismus, zur Notwendigkeit Lebenszeit in als Ware zu handeln - oder anders herum gedacht legitimiert er diesen Ansatz. Da deuten sich die quasi absolutistischen Grenzen der "Konzeption eines freiheitlichen Individuums" schon im Konzept selbst an. Es stellt sich die Frage , ob dieses Konzept nicht nur eine reine Theorie ist, wie zB die Menschrechte, die faktisch von keiner Machtinstanz wirklich respektiert werden, oder auch ein Idealismus des ökonomischen Gewinners, und damit eine Ideologie, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, weil bekanntlich nicht alle gewinnen können im Kapitalismus als ökonomisch Ausformung des Liberalismus.

iDog 18.06.2017 | 19:19

Der Liberalismus ist in der Aufklärung entstanden. Die FDP besthet udn bestand immer aus Apologeten und "Gottesanbeter" der xten Generation , die selber nichts erfunden haben. Selbst ein Milton Friedman legitimiert ledigtlich wie seine Vorgänger die Herrschaft des Kapitals bzw. des Eigentums. Er schlufg vor lieber Geld mit Hubschraubern abzuwerfen als die Kapitalherrschaft zu gefährden. Nennt man solche Leute aus traditionellen Gründen nicht Priester?

Heinz 18.06.2017 | 20:10

Das Beispiel von Friedmans Helikoptergeld geistert immer mal wieder durch die Kommentare und geht auf einen Vorschlag von Keynes zurück.

Bei Keynes sollte das Geld in Bergwerken vergrabeb werden, um es dann wieder auszugraben – da steckte also noch Arbeit drin.

Friedman hat das vereinfacht zu Helikoptergeld, das einfach abgeworfen wird. Er hat dann nachgewiesen, daß mit der Quantitätsgleichung bei höherer Geldmenge nur das Preisniveau steigt:

M (Geldmenge) * V (Umlaufgeschwindigkeit)

= P (Preisniveau) * T (Transaktionen)

Kurzfristig ist Helikoptergeld nur dann sinnvoll, wenn eine externe Störung vorliegt.

Helikoptergeld wird auch in Verbindung mit einem Grundeinkommen debattiert. Das ist aber ein ganz anderer Schuh, weil mit einem allgemeinen Grundeinkommen keine Geldmenge M1 erhöht wird, sondern das Grundeinkommen in der Politischen Ökonomie zirkuliert.

Heinz 18.06.2017 | 22:23

Eine Steuerrückzahlung (nach einer Änderung der Steuergesetze) um die Wirtschaft in einer externen Störung kurzfristig zu stützen, würde ich unter Subvention verbuchen wollen. Gleiches gilt für Deficit Spending. In diesem Zusammenhang wird das Helikoptergeld auch genannt, ist aber kein Helikoptergeld im Sinne des Erfinders.

Bei so einem Titel:

«Die Privatisierung der Politik»

ist alles on topic :-)

Tom Wohlfarth 19.06.2017 | 14:29

Ja, das manchmal Verwirrende an Honneths Ansatz ist, dass er anscheinend reale Institutionen mit ihren normativen Ansprüchen kuzschließt. Aber diese Ansprüche existieren in unserer Gesellschaft ja tatsächlich, sie werden nur ständig offensichtlich hintergangen, und leider eben gerade auch von den Institutionen, die sie garantieren sollen.

Das denkzentrum|demokratie trägt sich schon länger mit dem Gedanken, ein Bundesministerium für Demokratie vorzuschlagen. Das - und umso mehr noch das von dir vorgeschlagene - müsste dann aber natürlich auch von einer entsprechenden Person mit echter und nicht nur postulierter moralischer Legitimität geleitet werden.

Heinz 19.06.2017 | 14:43

Namen sind Schall und Rauch

Der Inhalt macht's. Wie sich eine politische Kraft auch immer nennen mag, demokratisch wird die nur, wenn es ihr gelingt, die Prinzipien

frei, gleich und sozial

im Gleichgewicht zu halten. Die Liberalen konnten das nicht, die Sozialen konnten das nicht, die christlich Konservativen konnten das nicht und die Grünen konnten das auch nicht. Die WirtschaftsLiberalen wollen das sowieso nicht.

Weiter oben hattest du die «sozialen Freiheit» erwähnt. Das ist eine ganz persönliche Kompetenz und setzt Selbstverantwortung und Selbstbewußtsein voraus, die sich natürlich auch wieder gegenseitig bedingen. Soziale Freiheit kann darum niemals etwas sein, daß in irgend einer Weise von außen kommt.

Tom Wohlfarth 19.06.2017 | 14:44

Hier stellt sich aber eben die Frage, wie weit man Liberalismus mit Kapitalismus identifiziert bzw. identifizieren muss. Die von Ihnen referierte Kritik geht doch letztlich immer vom Kapitalismus aus und betrifft den Liberalismus vor allem als dessen Grundlage. Die Frage ist also, ob eine liberal(istisch)e Konzeption auch ohne Kapitalismus denkbar ist, bzw. eben ob sie sich auch mit einer sozialistischen verknüpfen lässt.

Die Frage nach der "reinen Theorie" würde ich deswegen dahingehend umformen, was es denn braucht, um diese Theorie im von mir zuletzt genannten, aber ansonsten auch in jedem anderen möglichen Sinne zu verbessern. Dann erledigt sich im besten Fall auch die Frage nach der "Reinheit" der Theorie von selbst. Sprich: Theorien nicht nur kritisieren, sondern sie optimieren!

Heinz 19.06.2017 | 14:50

Wen wunderts; Institutionen werden von Feld-, Wald- und Wiesen-Verwaltern bevölkert. Den Ton in öffentlichen Institutionen geben PolitikerInnen an, die oft von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, sondern den Direktiven ihrer Parteiführung folgen, um weiter Karriere machen zu dürfen.

Sobald PolitikerInnen damit beginnen, die Sitte und moral zu verwalten, kommen so eigentümliche Schoten, wie bei Hermann Göring:

«Die Freiheit des Einzelnen ist die Freiheit, die ein Staat gewährt.»

Der Staat hat keine Freiheit zu gewähren, sondern die SowiesoFreiheit zu gewährleisten – das aber ist etwas ganz anderes.

Tom Wohlfarth 19.06.2017 | 14:55

"Soziale Freiheit kann darum niemals etwas sein, daß in irgend einer Weise von außen kommt."

Das müsste dann aber für den menschlichen Charakter ganz allgemein gelten. Dann kannst du dir gleich jegliche Art von "Erziehung" (so blöd dieses Wort auch ist), auch im bestmöglichen Sinn etwa von Martin Bubers "Charakter-Erziehung", schenken. Und alle Arten von staatlichen Institutionen gleich mit. Die ähnlich strukturierte Aufgabe von beiden wäre doch aber vielleicht, äußere Strukturen zu schaffen, die eine innere Entwicklung in bestmöglicher Weise fördert.

Die Idee eines Sozialstaats geht, finde ich, wie weit oder wenig weit auch immer, aber wenigstens in eine richtige Richtung. Warum soll man sie also nicht auch weiter, viel weiter, oder gar irgendwie zuende denken können?

Heinz 19.06.2017 | 15:35

Bevor wir das Kind mit dem Bade auskippen, sollten wir etwas unterscheiden.

Erziehung findet individuell statt; an den [öffentlichen] Schulen findet sie nur ganz, ganz selten statt, wenn ein Schüler oder eine Schülerin einen passenden Lehrer oder eine passende Lehrerin findet. Vorwiegend findet Erziehung im Elternhaus statt. Was dort nicht bis zum Beginn der Schulzeit auf den Weg gebracht worden ist, bleibt in aller Regel auch weiter unerzogen – Ausnahmen sind natürlich möglich.

Dein Ansatz betrifft darum das öffentliche Bildungssystem, mit dem wir und unsere Kinder seit dem 19. Jahrhundert zwangsbeglückt werden.

Astrid Lindgren:

«Wie die Welt regiert wird, lernen die Kinder in ihrer Kinderstube.»

Nu mach mal was draus!

Moorleiche 19.06.2017 | 15:38

Die Diskussion ist weiter und in eine andere Richtung fortgeschritten und ich konnte erst später antworten, als mir selbst lieb gewesen wäre, dennoch will ich auf diese Passage kurz eingehen:

"Daß aber die modernen Menschen iA ungesellig und unkommunikativ wären, ist definitiv falsch. Sie plappern nach Herzenslust (siehe die Communities) und gieren nach Bedürfnisbefriedigung in Gesellschaft (Massenevents). Egoismus und Hedonismus vertragen sich gut und realisieren sich offensichtlich hervorragend in freiwilligen Bindungen. Die haben einen hohen psychosozialen Nutzen für das egoistische oder sagen wir es allgemeiner: für das egozentrisch sozialisierte Individuum. Die Fortschrittsperspektive ist nicht, zu den ehemaligen, notgeborenen Bindungen zurückzugelangen, sondern in gesellschaftlicher Interaktion und Kommunikation substantielle, die Freiheit mehrende Bindungen zu konstituieren. Jeder Schritt in eine substantielle individuelle Freiheit ist das Resultat einer Selbstbindung. Das ist ein nicht ganz einfacher Gedanke, den ich aber schon mehrfach erläutert habe, was ich mir hier darum sparen kann. Die anspruchsvollere gesellschaftliche Freiheit ist dementsprechend die intelligente Selbstbindung der Gesellschaft."

Ich glaube, dass bei der Egozentrik die Quantität oft die Qualität ersetzt. Man ist mir sehr vielen Menschen in Kontakt, aber man nimmt sich oft nicht die Zeit tiefergehende Gedanken zu entwerfen und auszutauschen. Doch gerade die Tiefe der Bindungen ist entscheidend.

Ohne abhängigen Beziehungen das Wort reden zu wollen - wobei mindestens eine milde Form der emotionalen Abhängigkeit eine Beziehung ja erst zu einer macht - so glaube ich nicht, dass die fraglos vorhandene Abhängigkeit in allen Fällen der erste und einzige Grund für eine solche Beziehung gewesen ist/sein muss.

Dass Freiheit stets Selbstbindung/-verpflichtung ist, dem würde ich zustimmen.

iDog 19.06.2017 | 15:48

Das mit der Theorie war als Gegensatz zur Praxis gemeint. Die Konzeption des "freiheitlichen Individuums" nützt uns als eine idealistische Theorie rein gar nichts , auch nicht im optimierter Form, denn sie ist seit der Aufklärung von vielen Stimmen "optimiert" worden. Daher kam ja der Vergleich mit den Menschenrechtskonventionen. Oder nehmen sie den Atomwaffensperrvertrag als Beispiel. Alle wissen , das dieser notwendig und vernünftig ist, keiner hält sich daran. Theorien und sogar diverse Verträge, die darauf aufsetzen, kann man also getrost vergessen. Sie sollten keinen Einfluss auf unser Weltbild haben , denn sie sind nur in ihrer Existenz Realität, und das war es dann auch. Sie haben keine Wirkung, weil sie in der Regel auf der Kritik des Machtmissbrauchs oder des Eigentums beruhen. Die Machtinhaber, welche auch immer, aber nicken nur routiniert und pfeift dann drauf.

Der Liberalismus ist in sofern die Grundlage des Kapitalismus , weil er die hierarchische und autoritäre Struktur der Gesellschaft ( siehe eben Bentham) favorisiert. Man kann diesen Ansatz auch bei den Neokonservativen und Neoliberalen ganz deutlich ausmachen. Die nehmen kein Blatt vor den Mund. Der Bürger muss bevormundet werden. Er weiß selber nicht gut genug was im nutzt. Er muss daher belogen und manipuliert werden , damit die "City on the Hill" für sie entscheiden kann , was für sie gut ist. Sie müssen so manipuliert werden , dass sie von den Eliten genau das fordern, was die Eliten über ihre Köpfe hinweg für sie entschieden haben. Man kennt die Analysen von Chomsky dazu, man hat es bei Bernays nachgelesen, man kennt Göbbels Attitüden, ein Bewunderer Bernays. Faschismus ist die extremste Ausprägung des Liberalismus.

Der totalitäre Anspruch des Liberalismus wird in der kritischen Philosophie durchaus gesehen. Die Kritik der mittlerweile globalen Marktwirtschaft ist der politisch linke Ansatz schlechthin, weil die kapitalistische Ökonomie , das siamesische Zwillingspärchen von Marktwirtschaft und Staatsgewalt, als praktische Ausprägung des Liberalismus erkannt wird.

Es ist also wichtig schon die Geschichte des Idealismus (seit Platon) deuten zu können als Legitimationsbasis der hierarchischen und autoritären Gesellschaft. Der Liberalismus baut darauf auf , und zwar in dem Moment wo der moderne Kapitalismus seit dem späten Mittelalter in England entsteht. Er legitimiert den Kapitalismus in diesem Sinne. Er bringt ihn nicht hervor. Dennoch ist er im Nachhinein seine Ideologisch Grundlage. Legitimationen (wie zB die des angeblich gerechten Krieges) erfolgen ideologisch immer im Nachhinein. Gerade das ist die bekannte Geschichtsschreibung der Gewinner. Sie verstellt uns allen das Verständnis der historischen Kausalketten. Bei einer angeblich auf ideologischen Begriffen basierender Realität ist das noch schwerer.

Kurz : wenn der Kapitalismus endet, ist der Liberalismus als solcher obsolet und seine humanistischen Aspekte erfüllten sich ohne besondere Anstrengung, wenn nach dem Kapitalismus nicht die ohnehin schon totalitäre Diktatur des Marktes in ein Extrem des monopolmächtigen Zwangskonsums mündet, wie es sich leider andeutet, sondern in seiner Auflösung in eine neu technisch versiertere und am besten solidarische Subsistenzwirtschaft. Nur diese kann ökologisch sein und sich demokratisch vor Machtmissbrauch schützen. Kapitalismus ist in sofern die transzendierte religiöse Praxis eines Eigentumskultes, der Liberalismus dazu eine Art "Theologie". Dummerweise wird diese Praxis mit Zivilisation verwechselt. Aber es ist ein Krieg aller gegen alle.

Die Werte des Liberalismus, die letztendlich aus dem Absolutismus stammen, entpuppen sich als eine selbstverschuldete ökonomische Gefangenschaft und Unterwerfung der Enteigneten, die man ideologisch lieber "freiheitlich" nennt, so wie man die angeblich alternativlose Marktkonformität lieber demokratisch nennt. Mit der Wirklichkeit der täglichen Praxis aber hat das alles nichts zu tun. Es sind nur ideologische Nebel.

w.endemann 19.06.2017 | 16:16

Das dürfte ein Mißverständnis von Heinzens Bemerkung sein, der meinte es ganz scharf ironisch. Ursprünglich wollte ich seinen letzten Kommentar an mich beantworten, habe mir das gespart, nun greife ich doch noch das Thema auf. Ich interpretiere Heinz so, daß er sich einerseits über eine Institution der Moral (ein Moralministerium) lustig macht, andrerseits ist er grundsätzlich gegenüber Institutionalisierungen skeptisch. Heinz liest sicher mit, hier eine verkürzte Antwort an ihn (@Heinz,13:00): „entscheidend ist, wer(Hervorhebung von mir) hat die Weichen für diese Veränderung gestellt. Ich sehe es als Kinderglauben, schlimmstenfalls als Verschwörungstheorie, wenn man meint, eine kleine gesellschaftliche Gruppe könne nach Belieben ihre Interessen durchsetzen. Im Falle der heutigen Dominanz des Finanzkapitals über das produktive kann man das sicher nicht auf die geschickte Lobbyarbeit der Banker zurückführen, sondern es hat systemische Gründe der wirtschaftlichen Entwicklung, ich könnte das auch genauer ausführen, belassen wir es als These.“

Im Hinblick auf die Diskussion von Honneth weise ich darauf hin, daß die Gesellschaften, von den frühesten bis zu denen am Ende der Welt, Ergebnisse der Selbstorganisation sind. In ihnen ist es zu einem relativ stabilen Gleichgewicht gekommen, in dem sich vorrangig, aber eben nicht ausschließlich die Interessen der Herrschenden realisieren. In den Institutionen spiegelt sich das Machtverhältnis. Das heißt aber, in ihnen spiegeln sich auch die wie auch immer manipulativ verformten Bedürfnisse der Beherrschten. Daher haben die Institutionen Doppelcharakter. Der Rechtsstaat ist zu einem Teil Klassenjustiz, und darin ist er ein Unrechtsstaat. Das muß er verschleiern, oder vielmehr geht das nur, weil bzw solange nicht gesehen wird, daß die Praxis dem Begriff des Rechts nicht entspricht. Denn implizit erhebt er immer die Norm, auf der er gründet. Insofern hat Honneth recht, wenn er nicht Begriff und Praxis kurzschließt, sondern auffordert, durch Reflexion der gesellschaftlichen Praxis die Widersprüche herauszuarbeiten.

w.endemann 19.06.2017 | 16:25

Ja, zur sozialen Selbstbindung gehört die freiwillige Gebundenheit an Andere, an ein Du, an die Allgemeinheit des Familien- oder des Sozialverbands. Das sind alles Formen des sich-abhängig-Machens, wenn man es vom Individualsubjekt aus betrachtet. Von einem überindividuellen Standpunkt aus gesehen ist es aber gar keine Abhängigkeit, sondern die Bedingung der Möglichkeit von Sinn. Die radikalste und griffigste Antwort hat Hegel gegeben: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.

Heinz 19.06.2017 | 17:44

:-) schöner Hinweis auf die Verschwörungstheoretiker.

Das war aber nicht der Zweck des Kommentars. Es mag in den 1960er Jahren aus der Sicht der Notenbanker und Geschäftsbanker durchaus Sinn gemacht haben, die Seigniorage für das Bargeld weiterhin den Notenbanken (dem Staat) und die Seigniorage für das Giralgeld den Geschäftsbanken zuzuschlagen. Schließlich tragen die jeweils das Risiko für den Rückfluß.

Inzwischen dominiert das Giralgeld aber die Finanzmärkte und die Realmärkte, weil es viel zu viel Giralgeld in der Welt gibt. Die RealWirtschaft (BIP) wächst pro Jahr um ca. 0% bis 3%; die Geldmenge M1 aber um 8% bis 11%. Diese Geldmenge M1, wesentlich ist das Giralgeld, will sich am anonymen Markt verzinsen ... rechne mal weiter!

Mit dem Hinweis, daß irgend jemand Entscheidungen getroffen hat, meine ich, daß die gesetzlichen Regeln seit den 1960er Jahren nachzulesen sind und wirken. Wenn ich also feststelle, daß die bestehenden Regeln schlecht wirken, brauchen wir andere Entscheidungen und andere Regeln, schließlich ist Geschichte kein natürlich und algorithmisch verlaufender Prozeß, sondern eine Folge von Entscheidungen und Fehlentscheidungen.

Meine Kritik zielt darum auf eine Änderung der Finanzverhältnisse hin zu einem Vollgeld und einer Monetative als unabhängiger Verfassungsgewalt mit einer ordentlichen Finanzverfassung.

Heinz 19.06.2017 | 18:06

«Hier stellt sich aber eben die Frage, wie weit man Liberalismus mit Kapitalismus identifiziert bzw. identifizieren muss.»

Das Kreuz mit den Begriffen ist, daß sie eine Bedeutung haben und zu der Bedeutung gehört auch die Verwendung im Verlauf der real abgelaufenn Geschichte. Darum kann man den Liberalismus nicht einfach vom Kapitalismus trennen, weil der Liberalismus gerade diejenige GroßBürgerliche Gesellschaft begünstigt hat, die vom Kapitalismus auf Kosten der KleinBürgerlichen Gesellschaft und auf Kosten der unpreviligierten Arbeiterschaft gelebt hat. Bei der Entwicklung und Wirkung dieser Begriffe befinden wir uns in einer Klassen-, Stände-, Kasten-Gesellschaft, die de jure am 9. November 1918 abgeschafft wurde. Tatsächlich haben wir heute eine verfasste gleiche Bürgerliche Gesellschaft – nur sind einige gleicher, am gleichesten, weil die sich das leisten können. Das einfach zu vergessen, wie die Sozis ihre Herkunft einfach vergessen haben, und wirtschaftsliberal zu werden, halte ich für verwerflich.

Heinz 19.06.2017 | 18:32

Politik bedeute immer noch: «Verwalten der Polis,» also des öffentlichen Raumes. Die seit Jahrzehnten anhaltende wirtschaftsliberale Privatisierung des öffentlichen Raumes mit Hilfe von inhaltsleerem Finanzkapital ist Diebstahl.

Eigentümer des öffentlichen Raumes, der Gemeingüter, sind alle Bürgerinnen und Bürger einer politischen Gemeinschaft. Die Treuhänder der Gemeingüter, die PolitikerInnen sind in Parteien organisiert, die sich über Parteispenden finanzieren – also ist Fördern und Fordern die Prämisse der Parteispender.

Ich halte eine Partei, die sich einen Ismus aus den

drei Prämissen der Demokratie (frei, gleich, sozial)

herauspickt, für asozial.

denkzone8 20.06.2017 | 08:58

mein erste bilanz der diskussion:

a) eigen-arten trumps oder anderer populisten sind das eine.

b) nicht privatisierung der politik(bei tatsächlich fortschreitender

in der ökonomie),

sondern nationalisierung der politik ist das thema.

c) die nationalisierung der politik ist das resultat krisenhafter ergebnisse aus globalisierung(und europäisierung).

d) die von neo-liberalen geforderte modernisierung des heimat-gefühls in richtung europäischen /welt-markts

stößt bei verlierern der ökonomischen entwicklung

(nicht wenige )in krisenhafter lage, auf abwehr.

e) fremden-feindlichkeit als gegen heimat-erweiterung

durch zuzügler gerichteter affekt ist mit dem verdikt des reaktionären schlecht abgetan.

f) mit den gewohnten zumutungen des bisherigen systems

haben sich hiesige mehr schlecht als recht abgefunden.

neue zumutungen können ihnen nicht als bereicherung

verkauft werden.

g) daher der aufstand der zu-kurz-gekommen-sich-dünkenden,

die für manche befremdliche züge hat.

f) eine privatisierung der politik ist das nicht.

sondern das gegenteil: der versuch, sich abwehrend

in nationalen formen zu finden(identität und leit-ideen),

die teils naiv, teils bedrohlich vor allem die politik

(und deren Sprachrohre) der neo-liberalen ent-grenzung treffen sollen.

w.endemann 20.06.2017 | 12:17

der versuch, sich abwehrend in nationalen formen zu finden(identität und leit-ideen), die teils naiv, teils bedrohlich vor allem die politik (und deren Sprachrohre) der neo-liberalen ent-grenzung treffen sollen.

Der globalisierende Kapitalismus ist progressiv: universalisierend und entwurzelnd. Die Abwehr, Abkehr (besonders die nationalkapitalistische) davon ist regressiv: ein Zurück zu einer projektiven Vergangenheit, in der alles „besser“ war. Das eine ist der Fortschritt in den Untergang, das andere der Rückschritt in die Selbstentmündigung, das eine die Zerstörung von Heimat, das andere die Flucht in Surrogate. Das eine führt zum vogelfrei disponiblen Individuum, das andere in eine subjektlose Ordnung, tödliche Sicherheit.

Der Mensch braucht substantielle Identität und Heimat als das Gebiet, in dem diese individuelle Identität fraglos anerkannt wird. Die Identitären plakatieren eine Heimat, die ein potemkinsches Dorf ist. Die Heimat des Weltbürgers ist der Geist und die Solidarität. Ist das ein naives intellektuelles Märchen (ein Wunderglauben) oder die regulative Idee, die so weit wie möglich anzustreben ist? Also ein dritter Weg, eine Progression, die zugleich Regression ist, eine Progression in ein substantialisiertes Menschentum?

Tom Wohlfarth 20.06.2017 | 13:13

Vielen Dank für diese Bilanz! Mir ist nur noch nicht klar geworden, warum Nationalisierung und Privatisierung der Politik Gegensätze sein sollen. Über dieses Kernargument meines Textes wurde hier ja leider kaum diskutiert (dafür über andere spannende Dinge!). Warum soll gerade der ein Außen "abwehrende", sich ein- und abschließende Zusammenschluss zur Nation das Gegenteil einer Privatisierung, einer (sich) entziehenden An-eignung sein?

Tom Wohlfarth 20.06.2017 | 13:22

"Ist das ein naives intellektuelles Märchen (ein Wunderglauben) oder die regulative Idee, die so weit wie möglich anzustreben ist?" Ist denn beides immer so klar voneinander zu unterscheiden? ;) Aber im Ernst, ich votiere leidenschaftlich für Ihren letzten Vorschlag: "ein dritter Weg, eine Progression, die zugleich Regression ist, eine Progression in ein substantialisiertes Menschentum". Vielen Dank für dieses Resümee!

Heinz 20.06.2017 | 14:16

«Was sollen wir sonst tun, wenn schon nach kurzer Zeit das Tagewerk vollbracht ist, die Maschinen für uns arbeiten?»

Damit hast du sehr schön das entfremdende und verelendende marxsche Machwerk umschrieben.

Die Menschheit besteht aus zwei Teilen, männlichen und weiblichen Teilen; eigentlich auch noch aus den Kategorien Kinder, Jugendliche, Workaholic, Senioren.

Marx hat sich beschränkt auf die Workaholics.

Weder die Ökologie kommt bei Marx vor, noch der gesamte psychische, ökologische und feminine Bereich. Wie sollte er auch, ein Mensch, der seine Dienstmagd schwängert und dann sein eigenes Kind verleugnet, ist nicht qualifizierter, als ein katholischer Priester, die tun das heute noch.

denkzone8 20.06.2017 | 14:32

der auf heimatliche sitten gänzlich verzichtende

muß erst noch geboren werden.

wirkliche exilanten, die papua-neu-guinea als desti-nation

auswählen, sind rar.

wer vor un-geistigen verhältnissen flieht,

tat und tut gut daran, sich nicht auf menschenfreunde,

besser auf bekannte zu setzen.

wenn heimaten, in denen man ver-wurzelt ist,

sich schleichend ändern, gibts nur verwunderung.

bei brachialen veränderungen gibts kollektive reaktionen.

Heinz 20.06.2017 | 15:02

Korrektur:

«Weder die Ökologie kommt bei Marx vor, noch der gesamte psychische, ökologische monetäre und feminine Bereich.»

Zum monetären Bereich:

Für Karl Marx war Geld, Gold und Ware austauschbar.

Damals im 19. Jahrhundert war die Geldwährung noch an das Gold gebunden. Dieser Schein trügte allerdings, denn schon damals waren die BankNoten nicht mehr vollkommen mit Gold gedeckt. Weiter sind Waren (mit Arbeitskraft) beliebig vermehrbar (wenn die ökologisch vorhandenen Rohstoffe das erlauben) Gold ist wegen seiner Seltenheit nicht beliebig vermehrbar – das hatte Marx einfach ignoriert. Auf den Streit der Marxisten gegen die Freigeldanhänger (Geld muß zirkulieren) will ich hier nicht weiter eingehen, weil die Marxisten sich mit ihrer Wirtschaftsweise selbst widerlegt haben.

denkzone8 20.06.2017 | 15:47

mit einem hinweis auf un-gewußtes ists nicht getan.

mit der idee/konstruktion/ideologie der -->volkssouveränität(wiki)

ergab sich die vorstellung eines volks-willens,

der in einer grenz-geschützten nation seinen organisierten ausdruck fand.

über realen regionalismen stehend, eigen-tümlichkeiten

des erlebten und des erreichten zusammenfassend,

aber eigentums-verhältnisse, ökonomisch-begründete

innere macht-verhältnisse ausklammernd/wenig-berücksichtigend.

selbst un-legitimierte herrschafts-strukturen(wie im wilhelminismus) konnten aus äußeren feind-bildern

burg-friedens-arrangements generieren, die bis an die

selbst-zerstörung der nation heranreichten(wkII-ende).

bindungen an die nation als obsolet/überwunden/gestrig zu

erachten rächt sich gerade dann,

wenn supra-nationale erweiterungen massiv und massenhaft enttäuschen.

und

w.endemann 20.06.2017 | 15:58

Werter Heinz, Du hast alles Recht, Antimarxist zu sein, aber ein bißchen sachlicher und fairer wäre auch nicht zu viel verlangt. Das von mir angesprochene Zitat stammt aus dem Frühwerk, das bis zu den Grundrissen noch stark auf den umfassenden philosophischen Arbeits-, Produktions-, Reproduktionsbegriff von Hegel bezogen ist (Marx hat die Hegelsche Entfremdungstheorie übernommen). Die Ökonomisierung zwecks Konzentration auf den Klassenkampf erfolgt später und gipfelte im „Kapital“ und war als immanente Theorie des Kapitalismus angelegt. Der Rekurs auf die persönliche Ebene ist doch etwas billig. Im übrigen wundert mich Deine Kritik auch, weil ich Dir selbst eine zu starke Ökonomisierung der gesellschaftlichen Probleme bescheinigen würde.

Heinz 20.06.2017 | 16:19

Hegel als opportunistische Staatsphilosoph ist ein gutes Stichwort; gerade ist Otto Warmbier gestorben, der in Folge des Touristenbesuchs eines Kommunistischen Staates einer Spezialkur unterzogen worden ist. Dieser Staat Nordkorea beruft sich in seinem Tun auf Marx und damit auch auf Hegel.

Warmbier studierte Politische Ökonomie (Volkswirtschaft) und möglicherweise war das ein Motiv zu seinem Besuch in Nordkorea.

Eine Kritik der ökonomischen Verhältnisse schließt die sozialen, politischen und ethischen mit ein, weil die eine Folge derselben sind. Allerdings müssen wir nicht immer bei Adam und Eva beginnen, weil Eva sowieso nicht die erste, sondern die zweite Frau Adams war.

pleifel 20.06.2017 | 16:50

"Ich bin eher ein Anhänger der freien Vereinbarung und darum geht mir der Herrschaftsanspruch der Marxisten am Arsch vorbei."

Das haben wir doch schon lange, die "freie Vereinbarung". Diese Form der Kooperation ist aber nur unter Gleichen möglich.

Aber vermutlich setzt Du bei dem Satz bereits so viel voraus (damit er Sinn ergibt), dass sich darüber gleich ein Buch schreiben ließe.

Heinz 20.06.2017 | 17:39

Recht hast du, ich habe mich auch nur gegen die Unterstellung gewehrt, ich könne Antimarxist sein, das setzte eine aktive Gegnerschaft voraus.

Selbstverständlich gibt es auch keine ideale Freie Vereinbarung, das wäre das Ideal von Gleichen in einer Anarchie.

Nur haben die Marxisten bisher bewiesen, daß es Gleiche unter ihnen nicht geben darf. Die Intelligenzia hatte sich erdreistet, die Arbeiter und Bauern umerziehen und belehren zu wollen und die Bürgerlichen (große und kleine) zu verfolgen und auszurotten. Ethisch ist sowas nicht, human ist sowas nicht, sozial ist sowas nicht – aber mit einem Hegel im Hinterkopf dürfen die staatlichen Machthaber jedes Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Ganz abgesehen davon, daß Karl Marx ganz schön rabiat im Austeilen war. Da lasse ich einen Hinweis auf Fairness nicht gelten, denn damit wird das Werk von der Person getrennt und das ist eigentümlich schizophren.

w.endemann 20.06.2017 | 17:51

Wer Nordkorea für einen marxistischen Staat hält, hat von Marx nichts verstanden. Aber das wäre mir noch egal, man muß kein Marxversteher sein.

Aber selbstverständlich bist Du Antimarxist, oder gibt es eine Marx-Auslegung, der Du Dich anschließen kannst? Was die angemessene Interpretation dieses Autors ist, die zum legitimen Anhänger macht, ist in der Tat umstritten. Das marxsche Gedankengut ist so vielfältig, vielleicht inkonsistent (was eine kleinste gemeinsame Menge und damit den Begriff Marxist ausschlösse), daß es die unterschiedlichsten Verengungen zuläßt. Aber in zentralen Gehalten denkst Du antimarxistisch, bürgerlich. Das ist nicht pejorativ gemeint, sondern klassifizierend. Dann kann es Übereinstimmungen geben, wir sind uns sicher einig, daß es keine Not, Ausbeutung, Unterdrückung geben sollte. Aber was heißt das? Unser Menschenbild unterscheidet sich doch wohl fundamental.

pleifel 20.06.2017 | 18:23

Verordnete Gerechtigkeit trägt den Widerspruch bereits in sich, zumal, wenn sie nicht jeden (also auch die Initiatoren) im gleichen Maße betrifft. Und vor allem, wenn Verzicht verlangt wird hinsichtlich kommender Generationen, die es dann endlich besser haben sollen.

Zudem setzt es die Anmaßung eines "höheren" Wissens voraus, dass sich daraus als legitimiert betrachtet, die Weichen zu stellen. Aber selbst wenn sich dieses Wissen im Sinne einer ethischen Handlungsweise zeigen würde, müssten die davon aktuell betroffenen differierenden Lebensweisen angemessen berücksichtigt werden (wer definiert angemessen?).

Es ist nun mal so, dass ansonsten ohne Zwang auch ein Gott die Menschen nicht auf eine höhere Stufe heben könnte, denn die Beharrungskräfte des Gewohnten sind allemal größer als die Einsicht in so etwas wie die kantische Unterlegung als Normative.

Andererseits, ist nicht jede gewählte Regierung in dem Dilemma entscheiden zu müssen (und dadurch legalisierten Zwang auszuüben), nach welchen Gerechtigkeitsvorstellungen sie die Gesetze ausrichten soll? Das offensichtliche Unrecht, wie es sich in der Hartzgesetzgebung zeigt und der menschenfeindlichen Umsetzung soll hier nur als ein Beispiel dienen, um nicht der Illusion zu erliegen, die Fehlversuche der staatlich organisierten Umerziehung der Menschen in pseudomarxistischen Systemen delegitimiert damit auch zwingend die marxsche Theorie. Wenn nach diesen Kriterien verfahren werden sollte, dann muss dieser Maßstab auch an die westlichen Demokratien angelegt werden.

Heinz 20.06.2017 | 19:01

anti- bedeutet dagegen

Ich interessiere mich nicht wirklich für die Theorien von Marx und Hegel, weil die Theorien nicht mehr zeitgemäß sind, wenn sie es denn jemals waren. Die gesamte Geschichte ist über Hegel und Marx hinweg gegangen und ihre Theorien sind bestenfalls für Philosophen interessant, um konsequentes Denken als Lehrstück zu üben. Dazu hatte ich das Beispiel von Aristoteles bereits angeführt, der dies verfaßt hatte, um darauf hinzuweisen, daß eine philosophische Theorie in der Praxis erprobt und geprüft werden muß. Bringt die Theorie nicht die erhofften Ergebnisse, ist sie falsifiziert. Gegen falsifizierte Theorien kann nicht wirklich jemand sein, die kann man nur noch ignorieren.

Gerade die Verstrickung und das Anhaften an den Theorien von Marx und Hegel verhindert offensichtlich die Erkenntnis, daß sie löngst widerlegt sind und wertet Andersdenkende nach diesem Anhaften: Bist du nicht mein Freund, bist du mein Feind. Eine Neutralität oder ein Desinteresse wird kategorisch ausgeschlossen.

Heinz 20.06.2017 | 19:34

«Andererseits, ist nicht jede gewählte Regierung in dem Dilemma entscheiden zu müssen (und dadurch legalisierten Zwang auszuüben), nach welchen Gerechtigkeitsvorstellungen sie die Gesetze ausrichten soll?»

Nein, wenn das sogenannte Bildungssystem seit dem 19. Jahrhundert die Klassengesellschaft konserviert und die SchülerInnen mit einem Zensurensystem einheitsstaatlich kalibriert, hat sie sowas gar nicht mehr nötig. Die abgerichteten, dressierten Erwachsenen (Lämmer), die aus diesem Bildungssystem entlassen werden, haben bereits die Staatsdoktrin verinnerlicht und sind selbst herrschaftlich, konservativ, partikulär, also asozial, unterthan und fremdbestimmt.

Um hier auf die HartzGesetze einzugehen, waren die ein wirtschaftsliberaler Bubenstreich. Allerdings dürfen wir den in D nicht losgelöst von dem langsamen Abbau der Sozialbindung seit den 1970er Jahren sehen.

Die EU war und ist eine Freihandelszone mit den Freizügigkeiten für Waren, Dienstleistungen, Zahlungsverkehr und Personen. Die Sozialen Angelegenheiten sind von dieser Freizügigkeit ausgeschlossen. Nicht nur, weil die in den EU-Staaten sehr unterschiedlich sind, noch sehr viel unterschiedlicher, als die Produktivität, sondern weil die EU als wirtschaftsliberaler Freiraum keine politische Union ist.

Ich sehe die HartzGesetze darum als direkte Folge der Einführung des EuroRaumes. Insgesamt wurde mit dem EuroRaum und mit den HartzGesetzen jeder Ansatz einer Sozialen Marktwirtschaft abgeschafft. Nach Alfred Müller Armack ist die Sozialen Marktwirtschaft (1946 in seinem Buch Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft erschienen 1947) nicht identisch mit der Sozialversicherung, sondern eine steuerfinanzierte Leistung zum Ausgleich von Marktversagen im sozialen Bereich.

Zur Erinnerung: Etwa ein Drittel der Beitragsleistungen der sozialen Zwangsversicherung werden für versicherungsfremde Leistungen verwendet.

pleifel 20.06.2017 | 19:58

Beides hängt miteinander zusammen. Deine Argumentation geht von einer vorlaufenden Gerechtigkeitsvorstellung aus und die dürfte mal (so nehme ich an), sich nicht nur auf die Konstruktion Soziale Marktwirtschaft beschränken, die ja ein ganz bestimmtes Wirtschaftsmodell als das einzig richtige voraussetzt.

Insoweit ist mein Einwurf über ein gewisses Dilemma staatlicher Gesetzgebung hinsichtlich Gerechtigkeitsvorstellungen nicht entkräftet. Was zurzeit die Empfindsamkeit der innerhalb unseres Systems lebenden darauf betrifft, mag durch die ständige Indoktrination beschädigt sein, aber die grundlegenden Fragen sind dadurch nicht beseitigt oder obsolet.

Über Irrtümer lässt sich überhaupt nur sprechen, wenn einem noch das Bewusstsein von Falsch und Richtig geblieben ist. Jenseits dessen sind wir aber noch längst nicht.

w.endemann 20.06.2017 | 21:47

anti- bedeutet dagegen

Das ist mir bewußt. Ich habe ja hingewiesen auf Argumentationsformen, die der Neutralität widersprechen, die Gegenpositionen formulieren. Auch würde Neutralität keine Einschätzung begründen, die den Marxismus als widerlegt behauptet. Aber machen wir es konkret.

Es sollte bekannt sein, daß Marx vom Absterben des Staates gesprochen hat in einer Zeit, in der die Staatlichkeit selbstverständlich war. Andrerseits ist Marx Linkshegelianer, er sieht, lange bevor es die Wissenschaft der Soziologie gibt, die soziale Wirklichkeit als eine Realität sui generis, dh er geht von einer sozialen Allgemeinheit aus, die in Institutionen, in Staatlichkeit verkörpert ist. Sein Absterben des Staates meint also konkreter ein Verschwinden des entfremdeten Staates, der entfremdeten Gesellschaftlichkeit des Sozialwesens Mensch. Daß das Soziale nicht von der sozialen Praxis der Menschen abgelöst werden darf, führte Marx, wie ebenfalls bekannt sein dürfte, dazu, eine Revolution in Russland für unmöglich zu halten. Da glaubst Du, Nordkorea sei eine Widerlegung von Marx, absurd.

Nein, Marx ist nicht widerlegt, er hatte noch keine Gelegenheit, sich auf dem Prüfstand der Geschichte zu bewähren. Ich meine, mich zu erinnern, daß Du die privaten Schulen verteidigt hast, falls das nicht zutrifft, bitte ich mich zu korrigieren. Ich erwähne diese Diskussion um die Schule als Beispiel für eine bürgerliche Konzeption im Gegensatz zu einer marxistischen: die staatliche Schule soll für eine gleiche universelle Bildung sorgen, nur dem allgemeinen Bildungsziel dienen (Humboldt) und zusätzlich die schwächeren Schüler stärker fördern. Private Schulen privatisieren die Bildung, verkürzen sie auf Ausbildung und organisieren Bildung kapitalistisch, denn sie müssen Profit erwirtschaften und die Elterninteressen bedienen. Die Privatisierungen von Staatsaufgaben in Bildung, Sozialsicherung, Justiz, Gesundheitsvorsorge, Infrastruktur, Investitionslenkung, nicht zu vergessen Polizei und Gefängnisse, ist kapitalistische Politik, antimarxistisch. Sie folgt dem Paradigma des Reduktionismus auf das Individuum als Primärwirklichkeit. Mir fehlt das Verständnis dafür, daß man das, eventuell in einer moralisch kontrollierten Form, fortführen will.

Heinz 20.06.2017 | 22:19

Korrektur

Selbstverständlich ist Marx nicht durch Nordkorea widerlegt, der Staat ist an Anachronismus mit erblichem Parteivorsitz; da fehlt nur noch die Krone :-)

Marx und das Klassenkonzept ist durch den Versuch des Ostblocks widerlegt, die Prinzipien des Marxismus zu befolgen, ohne zu erkennen, daß eine politische Ökonomie ein dynamischer komplexer Prozeß ist, der nicht von einem ZK gesteuert werden kann; das ZK hat sich damit selbst überfordert und die Entscheidungsfähigkeit des Einzelnen verhindert.

Das mit der Schule hast du mißverstanden.

Ich meinte NICHT die teuren Privatschulen, in denen die dummen Kinder der Reichen zum Abschluß getragen werden.

Statt dessen meinte ich die Freien Schulen, die zwar dem gleichen Rahmenplan folgen, aber ein anderes Lehrkonzept haben, als die staatlichen Einheitsschulen. Auch bei den staatlichen Schulen gibt es Ausnahmen, die über den allgemeinen Durchschnitt hinausragen. Das liegt dann an Pädagogen und der Schulleitung, die «TROTZ» Beamtenstatus sich ein eigenes Lehrkonzept trauen.

Ich vertrete darum die Meinung, daß alle Schulen in die Selbstverantwortung entlassen werden und die Freien Schulen finanziell gleich gestellt werden zu den staatlichen Schulen.

Hier im Landkreis HGW (HinterGreifsWald) zahlen die Eltern, die ihre Kinder in eine Freie Schule schicken, die Fahrkosten im ÖPNV selbst, weil der Staat nur Fahrkosten bis zur nächstgelegenen Klippschule bezahlen will. Sowas nennt der Bildungspolitiker dann «gleiche Bildungschancen.»

pleifel 20.06.2017 | 23:16

"Marx und das Klassenkonzept ist durch den Versuch des Ostblocks widerlegt, die Prinzipien des Marxismus zu befolgen, ..."

Es können wohl nicht die marxschen Prinzipien gewesen sein, die dann unter Stalin Millionen Tote ergeben hat. Die Stelle(n) hätte ich dann doch gerne zitiert, wo das Marx als geschichtliche Notwendigkeit vorgesehen haben soll.

Und was die gesamtwirtschaftliche Steuerung betrifft, das dürfte gerade heute kein Problem mehr darstellen, denn die Voraussetzungen mittels der modernen Großrechner und der bestehenden Infrastruktur der Netze ergibt förmlich die Grundlage, um auf einer stabilen Planung die Versorgung zu gewährleisten. Einer Versorgung, die sich aus der konkreten Rückkoppelung der Durchschnittsbedarfe der Haushalte ergibt, für den bereits heute der "intelligente" nachbestellende Kühlschrank vor dem Einsatz steht. Das ließe sich doch wohl besser organisieren als von dem Oligopol der Lebensmittelkonzerne mit ihren redundanten (großteils überflüssigen) Waren!

Und dabei meine ich natürlich nicht individuelle staatliche Verbrauchsvorgaben, sondern die Rahmenvorgabe des Staates bezieht sich auf die Art der Produktion (ökologisch und nachhaltig), die sich dann allerdings auf den echten demokratischen Mehrheitswillen der Bevölkerung stützt. Das ist natürlich nur eine grobe Skizze, da das dynamische Gleichgewicht der konträren Elemente von Planung und Individualität ständig neu bestimmt werden muss.

pleifel 20.06.2017 | 23:25

Nachtrag
"der konträren Elemente von Planung und Individualität"
Präziser: hier ließe sich der bisherige Gegensatz überwinden, denn wenn sich die Planung der Industrie nicht die Nachfrage erst (künstlich) schafft, bzw. in Unsicherheit investieren muss, sondern sich die Planung konkretisiert aus den tatsächlichen vorliegenden Bedarfen, dann wären wir mehr als nur einen Schritt weiter.

w.endemann 21.06.2017 | 00:24

Wenn solche freien Schulen nur dem Allgemeininteresse verpflichtet sind und die durchschnittlichen Standards öffentlicher Schulen mindestens einhalten, sind sie eine auf Idealismus gegründete Form gesamtgesellschaftlicher Institutionalisierung, d.i. Teil des Staats.

Der westliche Marxismus, zu dem Marcuse, die KT, Strukturalisten und Poststrukturalisten zählen, hatte keine größere Sympathie für den Weg des Ostblocks, wenn auch die äußeren Zwänge bei dieser Selbstermächtigung zu einer anderen Ordnung gewürdigt wurden und manches entschuldigten, aber trotz faschistischem Europa natürlich nicht den Stalinismus. Das Wichtigste war, daß der Osten die Macht des Westens begrenzte und den Kapitalismus zu einem menschlicheren Antlitz zwang. Von da gesehen ist selbst noch das Kollabieren des Ostblocks ein Unglück, zumindest für den Westen. Aber dieser Osten hatte keine Perspektive, ein Gorbatschow war viel zu wenig, kam selbst viel zu spät (65 Jahre).

Dein Argument vom Scheitern des Marxismus in Gestalt des „Ostblockkommunismus“ ist so gedankenarm wie die stereotype Antwort auf die Formulierung kommunistischer Ideale im Westen: dann geh doch rüber.

w.endemann 21.06.2017 | 00:50

Ja, ich verschärfe: Was ist gegen ein Gremium einzuwenden, das über die computergesteuerte Allokation hinaus die gesellschaftliche Diskussion über Ziele und Richtung der Produktion organisiert, berät und moderiert, nenne man es ZK oder Rat. Nicht das Planen ist verwerflich, sondern das Planen über die Köpfe hinweg, selbst das, das die besten Gründe für sich reklamieren kann. Eine selbstbestimmte Gesellschaft ist eine, die nicht naturwüchsig sich treiben läßt, sondern als richtig oder wünschenswert erkannte Entwicklungen planvoll angeht. Das bedeutet, ökologische Notwendigkeiten umzusetzen, die Bandbreite der Folgewirkungen zu analysieren und in die Verbesserung der Planung rückzuführen, usw.

denkzone8 21.06.2017 | 05:15

tja,

die aversion gegen planung ist nur aus fehl-schlägen zu verstehen.

auch im kapitalismus wird geplant, projektiert,

ressourcen werden zukunfts-trächtig/gewinn-bringend eingesetzt.

aber von privaten entscheidungs-trägern.

im hinblick auf einen schwer zu kalkulierenden,

volatilen markt.

fehl-investitionen sind praxis, die investititions-macht

der kapitale macht die gesellschaft tanzen.

soziale/ökologische bedürfnisse kommen nur in anschlag,

wenn die nachfrage zahlungs-kräftig ist.

die einstellung zu gesetzlichen schranken ist eine sportliche...

auch eine partizipatorische entwicklungs-planung,

die die richtung von investitionen demokratisch

bestimmen wird,

wird fehl-investitionen nicht vermeiden können.

wie überhaupt durch demokratische verfahren keine garantie auf richtig-keit gegeben ist.

Heinz 21.06.2017 | 17:21

Die Toten des Stalinterrors haben den wirtschaftlichen Niedergang des Ostblocks nicht verursacht, die haben nur Furcht vor Verfolgung gemacht.

Das Problem der Zentralplanung ist, daß es den Anspruch erhebt, die Produktion zu optimieren. Im Ostblock wad die Folge eine angebotsorientierte Mangelversorgung mit billigem, preisgebundenem Grundbedarf in geringer Auswahl. Ich schreibe hier nicht über eine mögliche Idealvorstellung in einem kommunistischen Utopia, sondern über die Realität des pleite gegangenen Ostblocks. Die Pleite lag auch nicht an den langsameren Computern wegen des IC-Embargos. Kollegen aus dem Stahlwerk Kosice hatten mir schon in den 1970er Jahren versichert, daß die Rechner zwar langsamer waren, aber mit der gleichen Sotware liefen, also die gleichen Ergebnisse lieferten.

Nach Luhmann kannst du Komplexität nur mit Vertrauen reduzieren. Das lag und liegt den Linken aber fern, weil die den Hang haben, alles kontrollieren und beherrschen zu müssen, um ihre Theorie zu beweisen. Das aber geht nach Popper grundsätzlich nicht.

Heinz 21.06.2017 | 18:35

«Aber dieser Osten hatte keine Perspektive, ein Gorbatschow war viel zu wenig, kam selbst viel zu spät (65 Jahre).»

Was ist das jetzt?, Geschichte: Wünch dir was!

Als Lenin starb war Stalin die logische Folge. Wer dagegen opponierte wurde umgelegt. Lenin hatte die Sowjetunion militärisch hierarchisch als Kommandostaat organisiert. Die Sowjets in der Duma hatten nichts zu sagen.

Gorbatschow kam zum richtigen Zeitpunkt, vorher hätte er keinerlei Chance auf Erfolg haben können.

pleifel 21.06.2017 | 18:36

Wolfgang hat es so beantwortet: "Nicht das Planen ist verwerflich, sondern das Planen über die Köpfe hinweg, selbst das, das die besten Gründe für sich reklamieren kann."

Dem stimme ich zu. Wir sind doch längst in einer Planwirtschaft der besonderen Art angelangt, die zumal noch in Deutschland im Fahrwasser der sozialen Marktwirtschaft läuft (als positiver Gedächtnisinhalt), tatsächlich aber von Kapitalien beherrscht und gesteuert wird (zumindest maßgeblich beeinflusst).

Die Durchdringung der freien Marktwirtschaft durch die Konzerne und Finanzkonglomerate hat ein solches Ausmaß angenommen, dass dagegen eine demokratische Gesamtsteuerung allemal das kleinere Übel darstellen sollte

Ich bin mir aber sicher, dass sich Komplexität reduzieren lässt, denn z.B. der völlig unübersichtliche Markt der Telefonanbieter ließe sich mit einem Schlag beenden. Ich sehe meine Freiheit nicht darin, ständig Zeit zu verlieren mit überflüssigen Vergleichen, wenn es um eine einfache Versorgung geht. Das Beispiel lässt sich vielfach übertragen.

Komplexität lässt sich zudem sinnvoll (gewünscht) beeinflussen derart, dass aus diesem vorhandenen Potential weiterhin geschöpft werden kann, um unvorhergesehenen Problemstellungen gegenüber stabil zu sein. Das bedeutet also den Rahmen der Gesamtsteuerung so zu setzten, dass er Kreativität und Freiheitsräume öffnet, die vorher den verschiedensten (privaten) Zwängen unterworfen wurden.

Zudem wird das Wettbewerbssystem auf völlig andere „Füße“ gestellt, in dem Kooperation das Maß aller Dinge sein wird, da spielt dann auch Patentschutz keine Rolle mehr, da überflüssig. Und hier ist dann auch das "Vertrauen" in dieses neue Miteinander von Nöten.

Heinz 21.06.2017 | 18:58

In der Kritik von Merkels «marktgerechter Demokratur» stimmen wir ja überein. Die gehört abgeschafft durch eine funktionierende Demokratie, die diesen Namen auch verdient. Wer aber narrativ seinen Hegel und Marx als Lösung aus dem Hut zaubert, ist unzeitgemäß und widerlegt sich damit selbst.

Zuerst liegt die Lösung der heutigen Probleme im Geldsystem, weil das Geldsystem die Probleme der Ungleichverteilung, der sozialen Spaltung und des Diebstahls von Wertschöpfung einer ganzen Volkswirtschaft verursacht. Darüber findest du bei Hegel und Marx aber rein gar nichts.

Zweitens liegen die heutigen Probleme im Parteiensystem, das sich «Die, die nach dem WK2 was von Politik verstanden,» zurecht gebastelt hatten. Auch darüber findest du bei Hegel und Marx nichts.

Drittens liegen die heutigen Probleme im Bildungssystem, das seit Jahrzehnten abhängige Unterthanen produziert, weil die als willige Lämmer für den Staat funktionieren. Darüber kannst du bei Hegel oder Marx nichts lesen, im Gegenteil Hegel war ein opportunistischer Staatsphilosoph.

pleifel 21.06.2017 | 19:16

Wer die verwendbaren Gedanken von Marx und Hegel ignoriert, der sieht auch in Gorbatschow eine positive Gestalt, was ein Deutscher wohl sagen kann, aber viele Russen völlig anders erlebt haben.

Es ist mir bekannt, dass das Geldsystem bei Dir die zentrale Stelle einnimmt. Je nachdem, welche Größe man im Wirtschaftssystem als die maßgebliche setzt, kommt man zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Nicht das Bildungssystem produziert Untertanen, sondern der schwache Widerstandsgeist der vielen (und der zeigte sich mir allemal bereits in der Schule). Der ist also entweder vorhanden oder nicht. Der eine gehorcht, der andere nicht! Warum das so ist? Ich weiß es zumindest nicht.

w.endemann 21.06.2017 | 19:51

Na, siehst Du, ist doch gar nicht so schwer. Aber halt! Zu früh gefreut. Da kommt schon Dein nächster Klopper. Jetzt weiß ich wenigstens, woher Dein Antimarxismus stammt. Der gute Popper. Ein freundlicher und kluger Zeitgenosse. Wenn er sich nur die infantilen erkenntnistheoretischen Überlegungen (Alle Schwäne sind weiß) sparen würde. Naja, das ist so usus in der Logikerfraktion, kann man Sir Karl nicht persönlich anlasten. Aber daß er den Kapitalismus für eine offene Gesellschaft gehalten hat, bringt mich doch ins Grübeln. Denkst Du das auch? Offen in eine Richtung ja, die des Zasters, ist aber nicht meine. Und sollte Offenheit nicht bedeuten: in alle Richtungen?

Entschuldige, lieber Heinz, daß ich keine Ruhe gebe, aber es macht mir einfach zu viel Spaß, mich mit Dir zu streiten.

Übrigens, Luhmann mag ich noch mehr als Popper. Es stimmt, Vertrauen sollte die erste Wahl sein zur Komplexitätsreduktion. Kannst Du irgend jemandem im Kapitalismus trauen, ich meine nicht Deiner Oma, sondern einer un- oder wenig bekannten Person? Warum ist das so, und wie kann sich das ändern? Wie kommen wir zur Solidargesellschaft, in der es keinen Grund mehr gibt zu mißtrauen? Wenn Du darüber ein bißchen nachdenkst, kommst Du vielleicht auf den einen oder anderen Marxschen Gedanken.

Und noch übrigenser (das Wort lasse ich mir patentieren), Geld, Kapital, Privateigentum spielen eine Hauptrolle im Denken von Marx (und sind schon bei Hegel konstitutiv für die bürgerliche Gesellschaft – ich empfehle Dir die Phänomenologie des Geistes). Ist Dein saloppes Urteil Chuzpe oder Ahnungslosigkeit?

Heinz 21.06.2017 | 19:53

Ich habe genügend russische Studenten getroffen, um auch die Argumente gegen Gorbatschow zu kennen; der ist in Russland genau so umstritten, wie die «Lichtgestalt» Helmut Kohl in D.

Ich sehe das Geldsystem als zentral an, das ist der Hebel, mit dem die Wertschöpfung der Realwirtschaft abgeschöpft wird.

Im Bildungssystem macht es schon einen Unterschied, ob du von Staatsbeamten unterrichtet wirst, oder von Leuten, die schon einmal aus der Schule gekommen sind und sich in einem freien Beruf qualifizieren mußten.

Heinz 21.06.2017 | 20:11

Ich habe überhaupt kein Problem damit, die Teile einer Theorie zu übernehmen, die in determinierten Grenzen heute funktionieren. Selbstverständlich sind alle Gesellschaften miteinander mehr oder weniger vernetzt. Das ist aber noch lange keine «Offene Gesellschaft.» Grenzen wird es als Verwaltungsgrezen immer geben müssen, schon darum, damit der Straßendienst weiß, wo er kehren soll, und wo nicht. Grenzen sind aber auch als Wirtschaftsgrenzen geben müssen, weil einerseits die Produktivität unterschiedlich ist, andererseit die Sozialen Netzte dieser Produktivität entsprechen. Die aktuellen Verhältnisse in der EU um die Flüchtlinge zeigen gerade diesen Zusammenhang.

Allerdings habe ich nicht vor, mir die gesamten Theoriegebäude reinzuziehen, für die ich ein ganzes Studium bräuchte. Meine Kompetenzen liegen auf anderen Gebieten. Darum beschränke ich mich auf Sekundärliteratur und Zusammenfassungen, habe zu Hegel und Marx bisher aber noch keine verständliche Kurzfassung gefunden, die genau das herausfiltert, was heute relevant wäre.

Heinz 22.06.2017 | 12:31

Die Entgleisungen der heutigen Geldpolitik sind bekanntermaßen mein Thema, haben mit dem historischen Kapitalismus eines Marx und dem Staatsphilosophen Hegel aber so gar nichts zu tun.

Gerade das ist der Blinde Fleck der diversen selbst ernannten Marxisten, daß sie glauben, die heutige Finanzwirtschaft mit dem Studium der 20 kg schweren Bände eines Marx und Hegel beschreiben zu können. Unabhängig davon sind sie nicht einmal in der Lage, ihre selbst gewählte Theorie des Marxismus einfach darzustellen und auf heutige Verhältnisse zu adaptieren – nicht einmal ihren eigenen Kindern könnten sie das erklären.

w.endemann 22.06.2017 | 21:14

Den 2-Stunden-Vortrag von Peter Decker habe ich mir mal angeschaut. Neben Redundanzen und ein paar Ungenauigkeiten – die gravierendste ist die Aussage „Schulden sind der wahre Reichtum des Kapitalismus“, die lauten müßte „Schulden sind der fiktive Reichtum des Kapitalismus“, oder aber: „Schulden und Kredite haben nichts mit (wirklichem) Reichtum zu tun, sondern sind Verschiebungen von Eigentumstiteln (real oder fiktiv)“ – ist das eine leicht verständliche Darstellung von Aspekten der marxschen Theorie und am Ende im Résumé eine nach meiner Kenntnis viel zu selten geäußerte, mit einer glänzenden Formulierung auf den Punkt gebrachte Beschreibung der notwendigen Systementwicklung zum Spätkapitalismus. Der Kapitalismus ist die Privatisierung des Reichtums, das ist wohlbekannt und wird von diesem Blog thematisiert, aber viel zu wenig wird die Dialektik beachtet, daß er zugleich die Vergesellschaftung des (Privat-)Eigentums ist. Der Kapitalismus macht scheinbar alle gleich (begründet so die abstrakte Idee der bürgerlichen Gleichheit), der Kleinsparer und der Multimillionär sind prinzipiell Gleiche, sie unterscheiden sich nur in der Quantität, auch diese Feststellung findet sich bei Decker. Man kann hieran lernen, was es heißt, daß nicht menschliche Kollektive herrschen, sondern das System. Und daraus ergibt sich auch die Machtlosigkeit der Beherrschten, die immerhin begriffen haben, daß das Ende nicht durch ein paar rollende Köpfe herbeizuführen ist, sondern nur durch die Substitution eines so gut wie unfaßbaren, zwar verrückten, aber funktionierenden Mechanismus.

Ich nehme an, daß in den genaueren Ausführungen in Buchform Decker die unterschiedlichen Funktionen des im permanenten Formwandel befindlichen Kapitals behandelt, im Vortrag hat er immerhin klargestellt, daß Finanz- und produktives Kapital eine notwendige Einheit bilden, und ein bißchen ist angeklungen, daß im Finanzkapital das Kapital zu seiner reinsten Form vorstößt. Die Kapitalisierung der Welt findet auf der materiellen und der „metaphysischen“ Ebene statt. Die wesentlichen Funktionen des Finanzkapitals sind die Verstetigung des Funktionswandelprozesses des Kapitals und die Minimierung der faux frais. Man bedenke, als das Geld noch gedeckt sein mußte, mußte der Reichtum der Warenwelt in doppelter Form vorhanden sein, als Gebrauchswert der Ware und als repräsentierender Geldwert. Der große Rationalisierungsfortschritt war die Aufgabe der nutzlosen Goldäquivalenz, das hat das Finanzkapital stark gemacht. Das mag als Andeutung der systematischen Abstraktion auf reine Quantität genügen.

denkzone8 22.06.2017 | 21:50

mir ist noch wichtig, daß das auf gewinn-erwartung basierende schulden-system sich nicht richten muß auf die realisierung produzierten mehrwerts.

der zwang zur schulden-bedienung renditen zur bedingung macht.

das vertrauen auf rendite nicht kommandierbar ist.

die risiko-übernahme nur von sehr entwickelten staaten/währungs-verbünden übernommen werden kann.

würden Sie den vortrag(z.b.heinz) weiter-empfehlen?

Heinz 22.06.2017 | 23:17

«Ich nehme an, daß in den genaueren Ausführungen in Buchform Decker die unterschiedlichen Funktionen des im permanenten Formwandel befindlichen Kapitals behandelt, im Vortrag hat er immerhin klargestellt, daß Finanz- und produktives Kapital eine notwendige Einheit bilden, und ein bißchen ist angeklungen, daß im Finanzkapital das Kapital zu seiner reinsten Form vorstößt. »

Daß Finanz- und produktives Kapital eine notwendige Einheit bilden, da habe ich meine Zweifel.

Joachim Jahnke Globale Liquidität (Zahlen von ca. 2010)
1% Cash, Geldmenge M1 = 11% Welt BSP
9% Geldmenge M3 = 9% Welt BSP
10% Anleihen = 107% Welt BSP
80% Derivate = 858% Welt BSP
Was zum Henker soll bei Derivaten produktives Kapital sein?

Noch ein paar neuere Zahlen:
WirtschaftsWachstum EU (2016) = 1,9% BIP
GeldmengenWachstum EZB M1 (2016) = ca. 10%

Wo ist dabei eine Relation von Realwirtschaft (BIP) und Finanzwirtschaft (M1) zu erkennen?

w.endemann 22.06.2017 | 23:24

Die Gesellschaft ist wie die physikalische Realität ein sehr komplizierter Zusammenhang. Zu physikalischen Erkenntnissen kommt man, indem man diesen Zusammenhang radikal vereinfacht, zB zum Verständnis der Bewegungsgleichungen auf die Realität der Reibung verzichtet. Natürlich ist es nicht beliebig, wie man die phys. Realität in Modellen vereinfacht, Kraftwirkungen sind primär, Reibungseinflüsse sekundär. Ähnlich muß das gesellschaftliche Verständnis an einfachen Modellvorstellungen gewonnen werden, dabei kann man durchaus von falschen Paradigmen ausgehen, auch die gesellschaftliche Theoriebildung muß empirisch überprüft werden. Die marxsche Grundvorstellung ist die Produktionsweise der kapitalistischen Warenproduktion. Ich habe bislang keine ökonomische Theoriebildung kennengelernt, die realitätshaltiger ist. Die bürgerlichen Gegenkonzepte sind Lachnummern. Aber das heißt nicht, daß man nicht bessere Ansätze finden könnte. Marxistisch ist der Kapitalismus ohne das Basismodell nicht als ein systematischer Zusammenhang einer sich reproduzierenden Gesellschaft zu verstehen. Ist das akzeptiert und verstanden, muß begriffen werden, wo und wie die Realität diese Basisstrukturen überlagert. Ich möchte das jetzt nicht noch einmal wiederholen, und ich denke, da trüge ich für die meisten ohnehin Eulen nach Athen. Aber der Unterschied einer Wirtschaft, die auf Werten (nach der Marxschen Definition) und einer, die auf (Markt-)Preisen beruht, muß festgehalten werden (siehe dazu meine Kommentare in diesem Thread 11:42 und 11:49). Und das ist ein wesentlicher Punkt: nur in der Wertökonomie muß sich der Profit (=Mehrwert) realisieren, die Preisökonomie ist ein Phantomgebilde, dessen Irrealität auffliegen kann, aber nicht muß. Dieser Punkt kommt bei Decker, wenn auch nicht ganz explizit, zur Sprache. Also zur Frage:

würden Sie den vortrag(z.b.heinz) weiter-empfehlen?

Ja, unbedingt, und ich vermute, daß das Buch noch größere Klarheit bringt.