Gruß von Jane Austen

Literatur Die irische Star-Autorin Sally Rooney schreibt unverschämt gut über die Nöte von Endzwanzigern

Gegen Ende von Sally Rooneys neuem Roman Schöne Welt, wo bist du wird klar, wie handwerklich souverän die junge irische Star-Autorin arbeitet. Nachdem sie ihre Geschichte um das Liebeskleeblatt von vier Endzwanzigern schon zuvor zahlreich mit Anspielungen auf die Größen des modernen Romans von Jane Austen bis James Joyce gespickt hat, wird es dort Tennessee-Williams-haft dramatisch. Der Schluss kulminiert in einer Szene, die eigentlich nur auf der Bühne oder der Leinwand funktioniert (man denke etwa an die legendäre Schluss-Szene in Sofia Coppolas Film Lost in Translation): „Sie saßen nebeneinander auf dem Bettrand, und sie drehte sich zu ihm hin, legte die Arme um seinen Hals und drückte ihr Gesicht daran, und sie flüsterte ihm etwas zu, was nur er hören konnte.“

Das Spiel der Erzähl-Instanz mit Wissen und Nichtwissen – und ihren Figuren – durchzieht den Roman von Anfang an. So schon im ersten Kapitel, in dem die erfolgreiche, aber nach einem Nervenzusammenbruch von Dublin aufs Land geflüchtete Schriftstellerin Alice per Tinder Felix kennenlernt. „Sie wussten beide, was geschehen würde, auch wenn keiner von ihnen hätte sagen können, woher sie es wussten“, heißt es da. Und vom Arbeitsalltag der Literatur-Redakteurin Eileen berichtet die Erzählerin zunächst nur das, was auch jede:r Beobachter:in sehen kann, wechselt dann aber mitten im Absatz zu einem ausführlichen Bericht über Eileens Lebensgeschichte und das Verhältnis zu ihrem Jugendfreund Simon.

Zwischendrin dürfen Alice und Eileen in E-Mails auch über sich oder die Weltgeschichte räsonieren, von der verborgenen Gewalt des Kapitalismus bis zum drohenden Untergang von Zivilisationen, vom bronzezeitlichen Schriftsystem Linear B bis zum heutigen Literaturbetrieb. Und in Alice’ vernichtendem Angriff auf Letzteren und seine Nabelschau darf man getrost die Autorin selbst vermuten, wenn sie ihr Alter Ego sagen lässt: „Wen würde es interessieren, was die Romanfigur erlebt, wenn sich dieses Erleben im Kontext einer zunehmend schnelleren, zunehmend brutaleren Ausbeutung des größten Teils der menschlichen Spezies ereignet?“

Die Klassenverhältnisse zwischen ihren Figuren hat Rooney diesmal in einer vorbildlichen Versuchsanordnung arrangiert: die zur Millionärin gewordene Künstlerin und der Hilfsarbeiter; die prekäre Redakteurin und der üppig erbende Oxford-Absolvent. So beeindruckend wie irritierend ist dagegen das selbstverständliche Nebeneinander von einerseits fließenden sexuellen Identitäten und dann doch sehr klaren Rollenverteilungen von Dominanz und Unterwerfung. Und was beim dritten Roman schließlich etwas nervt: wie alle Beteiligten wieder sicher sind, im Gegenüber die Liebe ihres Lebens vor sich zu haben, die Paare sich aber doch quälend lange emotional malträtieren müssen.

Es nervt aber nicht zu sehr, weil das alles eben unverschämt gut geschrieben ist. Schöne Welt, wo bist du ist Sally Rooneys formal bislang avanciertester Roman, eine perfekt angelegte psychologische Studie der heutigen Lebenswelt junger Menschen in all ihrer performativen Selbstwidersprüchlichkeit zwischen (un)freiwilligem Prekariat, überdrehender Marktkonformität und Social-Media-Realismus.

Zu ihren formalen Ambitionen hat Rooney übrigens insgesamt ein erfrischend ironisches Verhältnis. Als Motto vorangestellt ist ihrem Roman das Bekenntnis von Natalia Ginzburg, sie wetteifere beim Schreiben zwar meist mit den großen Autoren, aber im Grunde wisse sie, dass sie selbst nur eine „ganz kleine Schriftstellerin“ sei: „Ich schwöre, daß ich es weiß. Aber es kümmert mich nicht weiter.“ Zum Glück kümmert es auch Sally Rooney nicht.

Info

Schöne Welt, wo bist du Sally Rooney Zoë Beck (Übers.), Claassen 2021, 352 S., 20 €

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06:00 27.09.2021
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