Auch Gewalt ist pandemisch, nur unsichtbarer

Missbrauch Schulschließungen könnten zu einem massiven Anstieg von Gewalt gegen Kinder führen. In Deutschland gibt es ein großes Dunkelfeld
Auch Gewalt ist pandemisch, nur unsichtbarer
Was verbirgt sich hinter geschlossenen Türen und Vorhängen?

Foto: Hans Lucas/Imago Images

Am Dienstag begann in Moers der Prozess gegen einen 26-jährigen Soldaten, der angeklagt ist, vier kleine Kinder, darunter seinen Stiefsohn und seine leibliche Tochter, vielfach zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Es ist das zweite Verfahren im Bergisch-Gladbach-Komplex, in dessen Rahmen gegen 20 Personen wegen sexuellen Missbrauchs und Kinderpornografie ermittelt wird.

Fälle wie diese sind nur die grell erleuchtete Spitze jenes perfiden Dunkelfelds, das sich hinter geschlossenen Türen und Vorhängen in Deutschland verbirgt. Die Furcht, durch die Schließung von Schulen und Kitas könnte es zu einem massiven Anstieg von Gewalt gegen Kinder im häuslichen Umfeld kommen, scheint vorerst zwar nicht begründet. Allerdings warnte Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, anlässlich der Vorstellung der Polizeistatistik 2019 vor voreiligen Schlüssen. Denn gerade weil Kinder derzeit kaum Zugang zu Vertrauenspersonen und Hilfsangeboten hätten und aufmerksamen Blicken entzogen seien, könnte das Dunkelfeld größer sein, als es scheint.

Die Statistik des abgelaufenen Jahres spricht eine andere Sprache. 13.670 Fälle von sexueller Gewalt registrierten Polizei und Staatsanwaltschaften, 1.349 mehr als 2018. Dazu kommt ein dramatischer Anstieg von Kinderpornografie (12.262 Fälle gegenüber 7.449 im Vorjahr), wobei die Aushebung des eingangs genannten Tauschrings in Nordrhein-Westfalen sowie in Niedersachsen und die damit verbundenen Gewaltdelikte deutlich zu Buche schlagen dürften und das genannte Dunkelfeld nur etwas ausgeleuchtet wurde. Die höchste Dichte im Bereich sexuelle Gewalt weist Thüringen auf (27 pro 100.000 Einwohner, der Bundesdurchschnitt beträgt 16), bei Kinderpornografie liegt Niedersachsen an der Spitze (22 pro 100.000 Einwohner, Bund 15).

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist überzeugt davon, dass Kinder unter Corona-Bedingungen in ihrem häuslichen Umfeld mehr denn je Misshandlungen und sexueller Gewalt ausgesetzt sind. „Ohrenbetäubendes Schweigen“, sagte er schon Anfang Januar, schlage ihm entgegen, wenn er Politik und Gesellschaft mit dem Unrecht, das Kindern tagtäglich angetan werde, konfrontiere. Unter dem Eindruck zunehmender Isolation startete seine Einrichtung eine Plakatkampagne: „Kein Kind alleine lassen“, die die Bevölkerung zu besonderer Aufmerksamkeit animieren soll. Denn auch Kinderschutzbeauftragte befürchten, dass Kinder, die den ganzen Tag eingesperrt sind, wenig Möglichkeit haben, Hilfe zu suchen.

Wie im Bereich der häuslichen Gewalt werden wir also erst mit einiger Verzögerung erfahren, was sich während des Lockdowns in deutschen Kinderzimmern abgespielt hat. „Pure Verzweiflung“, erklärte Rörig auf der Pressekonferenz, packe ihn jedenfalls, wenn er daran denke, wie angesichts absehbar leerer öffentlicher Kassen der Kinderschutz auf der Prioritätenliste nach unten rutsche. Wer den verbissenen Kampf um die Verstetigung seines Amtes und den Nachdruck, das Thema Gewaltprävention auf der Agenda zu halten, verfolgt hat, kann das nachfühlen.

Auch Gewalt ist pandemisch, nur unsichtbarer als Corona. Denn die betroffenen Kinder landen nicht zeitnah in Intensivbetten, sondern später vielleicht in Psychiatrien. Die Opfer, die sexuelle Gewalt im heiligen Raum der Kirche erlebt haben, warten noch heute auf eine angemessene Entschädigung.

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06:00 14.05.2020
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 32/2020

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