"Die soziale Tugend eines Leichnams"

Staatstrauer Die nationale Totenehrung Johnny Hallydays war nicht nur eine Reverenz vor dem Rocker, sondern, wie ein Vergleich mit der Ehrung Victor Hugos zeigt, hoch politisch
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"Die soziale Tugend eines Leichnams"
Die Beerdigung von Victor Hugo. Ein hochpolitischer Akt

Foto: Fonds photographique Léon et Lévy/Wikimedia Commons (cc0)

Johnny Hallyday ist gegangen. Mein Mann ist nicht mehr. Die Mitteilung Laetitia Hallydays in der Nacht zum 6. Dezember 2017 an AFP traf das Land wie ein Schlag. Die Medien, deren profitables Produkt Johnny fast 60 Jahre lang war, trugen Trauer. Wer nicht öffentlich mitlitt, wurde medial abgestraft. Der Präsident fand – wie stets – die „richtigen Worte“: Er hat einen Teil Amerikas in unseren nationalen Panthéon eintreten lassen. Die Nationalversammlung ovationierte. Am 7. Dezember entschied sich Macron für eine „volksgemäße (populaire) Totenehrung“. Am 9. Dezember, einem Samstag, fand der nationale Trauerzug statt, vom Triumphbogen, über die Champs-Elysées und den Concorde-Platz zur Madeleine-Kirche, einem "Erinnerungsort" der katholischen, antirepublikanischen Opposition des späten 19. Jahrhunderts. Dem von motorisierten Polizisten eskortierten Leichenwagen mit dem weißen Sarg folgten 700 Biker, die meisten ritten auf Harley-Davidsons. Vor der Madeleine-Kirche empfing der junge Präsident die Familie des Toten und hielt seine Totenrede. Das Ganze wurde – natürlich – von allen großen Fernsehstationen übertragen. Viele Kommentatoren erinnerten an die Beerdigung Victor Hugos 1885. Damals ehrte die Nation den „Prince des poètes“, so der Moderator von France 2, heute den „Prince de la musique populaire“. Was an diesem etwas schiefen Vergleich stimmt, ist, dass beiden Events eine staatliche Trauerregie zugrunde liegt. In der nationalen Totenehrung verknüpfen sich stets materielle, politische und ideologische Interessen. Die Handlungsspielräume der politischen Akteure, aber auch ihre Grenzen werden deutlich. Die Diskussion über die Frage, ob Hallyday wirklich die Größe eines Victor Hugo hat, ist demgegenüber zweitrangig. Natürlich hat er sie nicht. Und der Panthéon bleibt ihm verschlossen.

Der Tote und die Dritte Republik

Paris, 21. Mai 1885. Es ist exakt 13 Uhr 27. Der 83-jähige Greis hebt noch einmal das Haupt und sinkt tot ins Bett zurück. 14 Uhr. Der Kommissar des 16. Arrondissements telegraphiert an den Polizeipräfekten: Victor Hugo ist gerade gestorben. Ungefähr 500 Personen halten sich vor seinem Haus auf. Mit wachsamer Sorge beobachten die Hüter der Ordnung, dass die Masse der Trauernden immer größer wird, vor allem nach dem prompten Erscheinen der Extraausgaben. Ein Testament des Poeten wird bekannt: Ich vermache den Armen 50000 Franken. Ich will in ihrem Leichenwagen zum Friedhof gebracht werden. Kein Totengebet in allen Kirchen. Ein Gebet für alle Seelen. Ich glaube an Gott.

Die meisten Sozialisten und Anarchisten haben ihre begründeten Vorbehalte, aber auch Sympathien für den „Prince des poètes“, der sagte: Ich bin aus Prinzip für die Kommune. Aber ich bin gegen ihre Anwendung. Hugo ist der einzige unter den etablierten Schriftstellern, der die brutale Repression der Commune verurteilt hat. Seinem Einsatz im Senat ist es zu verdanken, dass die Kommunarden aus Verbannung und Zuchthaus befreit wurden. Auch für die politische Ikone Louise Michel hat er sich eingesetzt. Er bewunderte die starke Frau, die ihm ihre ersten Gedichte geschickt hatte. Jetzt ist sie wieder einmal im Gefängnis. Just am Todestag Hugos erklärt sie dem Innenminister mit ihrem üblichen Stolz, auf die Amnestie des 14. Juli verzichten zu wollen.

Während der Parlamentssitzung des 23. Mai erheben sich die Abgeordneten zum Zeichen der Trauer. Die Welt hat einen großen Mann verloren, so der Kammerpräsident, Frankreich beweint einen seiner besten Citoyens. Man habe ihn für unsterblich gehalten. Der Ministerpräsident, Vorsitzender eines prekären Übergangkabinetts, kündigt ein „nationales Begräbnis“ an. Der Staat stellt dafür 20000 Francs zur Verfügung. Vergeblich protestiert der Bonapartist Paul de Cassagnac, weil der Präsident das Wort Republik benutzt habe. Vergeblich kündigt der Royalist de Baudry-Asson an, der der „republikanischen Demonstration“, einer „Beerdigung ohne Religion und Gott“ fernzubleiben. Letztlich stimmen nur drei von 411 Deputierten gegen das nationale Begräbnis des Dichters.

Es ist dem Abgeordneten der extremen Linken Anatole de la Forge vorbehalten, die Panthéonisierung Hugos vorzuschlagen. Auch dies findet eine deutliche Mehrheit. Doch als Konsequenz müsste das Gebäude dem katholischen Kult entzogen werden. Unter Napoléon III ist er (wieder) zur Kirche Sainte Geneviève geworden. Noch immer aber steht die alte revolutionäre Inskription „Den großen Männern – das dankbare Vaterland“ über dem Eingang. Die Rechte tobt. Monsieur de la Rochefoucauld, seines Standes Herzog, ruft außer sich: Im Namen des katholischen Frankreich, wir protestieren! Die bürgerlich-republikanische Mehrheit ist um Einheit bemüht (die Wahlen stehen bevor). Sie weiß aus historischer Erfahrung.wie fragil die Republik immer noch ist und will die „nationale Kommunion“, um den revolutionären Hammer und den konservativen Amboss zu schwächen. Die Regierung taktiert, gibt vor, die Familie Hugo befragen zu müssen. Die Familie Victor Hugos ist die große französische Familie, kontert der linksextreme Abgeordnete Delattre. Die Entscheidung wird verschoben.

Der 24. Mai ist seit fünf Jahren der Tag, an dem die radikale Linke und die Kommunarden der entsetzlichen Massenerschießungen „à la mitraillette“ an der „Mur des fédérés“ auf dem Friedhof Père-Lachaise gedenken. Hugo hat anrührende Verse über das Massaker geschrieben. Der Innenminister, durch seine Spitzel bestens informiert, befürchtet, dass es bei der Veranstaltung zu „Ausschreitungen“ kommt (was den Konservativen nur zu recht wäre). Er verbietet das Tragen der roten Fahne, jenes „aufrührerischen Emblems“, wie er später im Parlament sagen soll. 5000 Demonstranten erscheinen auf dem Friedhof. Und natürlich werden die "aufrührerischen Embleme" geschwungen ...und natürlich sieht sich die „Ordnung“ gefährdet. Ihre Kräftte schießen in die Menge. Kavalleristen verfolgen die Fliehenden mit gezücktem Säbel. Zurück bleiben vier Tote und zahlreiche Verletzte. Während der Parlamentssitzung am 26. Mai rechtfertigt sich der Innenminister: Ich hielt es für notwendig und dringlich, das Übel in seinem Keim zu ersticken. Die linksradikale Presse zieht die Parallele zu dem bevorstehenden nationalen Begräbnis Hugos: Die Regierung hat den Sarg unseres Nationaldichters mit Blut begossen, so der „Intransigeant“. Die rechte Presse warnt ihrerseits vor der anarchistischen Gefahr.

In dieser Situation erlaubt die Regierung das Tragen der roten Fahne bei den Beerdigungen zweier prominenter Ex-Kommunarden – innerhalb des Friedhofs. Sie verlaufen in „Ruhe und Ordnung“, was die rechten Zeitungen nicht daran hindert, über diesen blutfarbenen Lappen, der an Schande und Verbrechen erinnert, zu klagen und in die Versammlungen auf dem Père-Lachaise die Vorbereitung „der nächsten Kommune“ zu projizieren. Die Kommune bemächtigt sich des Leichnams Victor Hugos und beherrscht die Stadt, so „Le Gaulois“.

Die Regierung muss also reagieren. Der Strom der Unzufriedenheit muss kanalisiert werden. Als erstes entzieht sie dem Kommune-Hasser und Académicien Maxime du Camp die Totenrede. Die Ehre wird nun dem Dramatiker Emile Augier zuteil. Wichtiger ist die Mitteilung vom 27. Mai: Der Panthéon bekommt seine ursprüngliche Bestimmung zurück... Infolge des durch Gesetz vom 24.5.1885 angeordneten nationalen Begräbnisses wird der Leichnam Victor Hugos im Panthéon aufgestellt. Erwartungsgemäß begrüßt die Linke begrüßt begeistert diese Entscheidung. Die rechten Zeitungen erscheinen hingegen schwarz umrandet und mit Titeln, wie „Satan triumphiert“. Im Duktus von Märtyrergeschichten wird die skrupellose Entfernung des Kreuzes von der Kuppel des Panthéon durch Arbeiter-Unholde beschrieben: Die Republik begeht ein Sakrileg, sie folgt dem Beispiel der Kommune (L'Univers). Die bürgerlich-republikanische Mehrheit hat es (auch diesmal wieder) wahrlich nicht leicht. In der veröffentlichen Meinung werden sie mal den radikalen Linken, mal den radikalen Rechten amalgiert.

Akribisch wird der Trauerzug wird vorbereitet. Nicht noch einmal soll es zu Unruhen kommen, wie bei der Beerdigung des Kommunarden und Herausgebers des „Cri du Peuple“ Jules Vallès einige Monate zuvor. Die Überführung in den Panthéon wird auf Montag, den 1. Juni angesetzt, einem Arbeitstag also. Wer dem Sarg folgen möchte, muss sich im Rathaus für eine der zwanzig autorisierten Gruppen eintragen. Direkt vor der Gruppe der Arbeiterkorporationen werden militärische und patriotische Gruppen marschieren. Der Trauerzug wird vornehmlich durch bürgerliche und aristokratische Viertel führen. Man wird Victor Hugo auf den Wegen der Reaktion zum Panthéon überführen, empört sich die sozialistische Zeitschrift „La Bataille“, über diese Aneigung des Dichter-Leichnams.

Am frühen Morgen des 1. Mai wird der Sarg mit dem Toten auf einem Katafalk unter dem Arc de Triomphe aufgestellt. Die ganze Nacht haben die Arbeiter gezimmert, unter dem Licht der „Fee Elektrizität“, gespendet von der Firma Edison. Es ist ein Sonntag. Schon jetzt wird deutlich, welche Massen der letzte Gang des Dichters anziehen wird. Dank Eisenbahn sind auch viele Provinzler anwesend. Sie haben die Nacht hindurch gewartet. Nun nehmen sie stundenlange Wartezeit auf sich, um ostentativen Abschied zu nehmen, unter den wachsamen Blicken der Polizei. Natürlich ist auch der Andenkenhandel zur Stelle. Weinhändler und Prostituierte ebenfalls. Mit Einbruch der Nacht beginnt die Fête populaire. Die biederen Journale werden sich darüber erregen: „Totentanz“, „Trauerorgie“, „Narrenfest“, so die Titel. Die elitäre Massenverachtung kündigt sich an.

Der Tag der nationalen Beisetzung findet die Ordnungskräfte bestens präpariert. Die Kunst der modernen Massenüberwachung zeigt ihre Effizienz, urteilt der Historiker Avner Ben-Hamos. Der „Cri du Peuple“ konstatiert bitter: Um sich frei bewegen zu können, musste man in Uniform, in Galakleidung oder im Besitz zahlreicher Ausweise sein. An aufstandsrelevanten „Hotspots“ warten einsatzbereite Truppen. Der Innenminister nimmt an der Veranstaltung nicht teil. Er bewertet im Ministerium die einlaufenden Daten der Informanten, darunter unzählige „inoffizieller Mitarbeiter“. Die Zeremonie selbst beginnt mit beeindruckenden 21 Kanonensalven. Die öffentlichen Repräsentanten halten ihre Reden. Tenor: Victor Hugo gehört Frankreich und der Welt. Sein politischer Traum ist mit der Dritten Republik Realität geworden.

Um 11Uhr30 setzt sich der Trauerzug in Bewegung. Vor dem bescheidenen Leichenwagen marschieren eine Schwadron der Republikanergarde, der Militärgouverneur von Paris und ein Kürassierregiment. Dem Leichenwagen folgen, in einigem Abstand, die Familie, ihrem Rang gemäß und fast vollständig die hohen Staatsvertreter und Parlamentarier. Erst am Nachmittag kommt Bewegung in die hinteren Trauerabteilungen. Die Arbeiterkorporationen, die Freidenkergesellschaften, die ausländischen Delegationen, die Künstler-Assoziationen, die Frauen mit Bannern, auf denen „Frauenrechte und Wahlrecht“ gefordert wird, der „peuple“ also, sie müssen lange Stunden hinter dem Triumphbogen warten. Das Volk folgt den Volksführern. Für die Reden der Künstler vor dem Panthéon, wo der Leichenwagen gegen 19 Uhr eintrifft, kommt es zu spät. Noch in der frühen Nacht pressen sich 20000 Trauernde vor dem Eingangsgitter des Panthéon. Bilanz: Insgesamt haben weit mehr als 1 Million Menschen dem Zug beigewohnt.

Tagelang wird die Beisetzung im Sinne der jeweiligen Ideologie aufgearbeitet. Die konservativen Blätter beklagen die „Beerdigung ohne Gott“. Sie warnen vor der „revolutionären Infiltration“. Die Linke betont, dass das „wahre Volk von Paris“ dem Poeten gehuldigt habe. Die republikanische Mitte triumphiert: Von nun an verfügt die Republik für ihre Feste über eine Million Zuschauer, was ungefähr der Zahl der Pilger der katholischen Feiern im Rom des 15. Jahrhunderts entspricht, so die „République francaise“ mit antirömischer Pique. Zuschauer? Pilger? So scheint es. Gerade einmal 20 rote Fahnen und einige schwarze sind von den Ordnungshütern konfisziert worden. Ohne Widerstand. Es überrascht selbst die Obrigkeit, dass es in dieser unzähligen Masse nicht die geringste Unordnung gab. Zufrieden wird konstatiert, dass dem Militär und ein geschmückter „Algerien-Wagen“ besonderen Applaus der Massen bekamen. Der Einsatz der Regierenden hat sich gelohnt. Der (sehr rechte) Schriftsteller Maurice Barrès schreibt später von der "sozialen Tugend eines Leichnams".

Deutlich wird die „Masse“ zum Signum der neuen Epoche. Nietzsche diagnostiziert „rasende Dummheit und lärmendes Maulwerk des demokratischen Bourgeois“ und fährt fort: In der Tat wälzt sich heute im Vordergrunde ein verdummtes und vergröbertes Frankreich – es hat neuerdings, bei dem Leichenbegräbnis Victor Hugos, eine wahre Orgie des Ungeschmacks und zugleich der Selbstbewunderung gefeiert (Jenseits von Gut und Böse, 255, 1885). In den folgenden Jahrzehnten wird die Frage der Beherrschbarkeit der Massen zur Obsession. 10 Jahre nach der Beerdigung Hugos erscheint Le Bons Dauerbestseller „La psychologie des masses“ mit Ratschlägen zur Ent-Powerung vor allem der Arbeitermassen. Die Faschisten sind seine besten Schüler.

Und Johnny? Der Tote und die Fünfte Republik

Auch die Inszenierung des nationalen Begräbnisses Johnnys war für die Regierenden, genauer, den Regierenden, ein Erfolg, begünstigt durch den klaren blauen Himmel und den reibungslosen Ablauf. Der zweite Hauptakteur war der jugendliche Präsident selbst. Macron und sein Beraterumfeld wissen, dass die Popularität des Präsidenten mehr oder weniger Schein ist. Schon die ersten Regierungsmaßnahmen zeigten ihn als rigorosen, manchmal zynischen "Président des riches". Gerade darum braucht er permanent die "nationale Kommunion". Die Totenrede wollte Macron ursprünglich in der Kirche zu halten. Nach laizistischer Kritik an dem Vorhaben verlegte er das Event vor das Kirchenportal. Nun stand er neben dem weißen Sarg, aber oberhalb des "Volkes", das anders als beim Hugo-Begräbnis in gebührender Entfernung nur zuschauen und zuhören durfte.

Zu Beginn der Rede ertönten einige Pfiffe, sie wurden aber schnell von Johnny-Rufen übertönt. Der präsidiale Diskurs war triangulär konstruiert: eine lange Linie zwischen Johnny, dem Wunderkind aus dem Volk (auch wenn er Belgier war), und dem Volk, eine genau so lange vom Volk zum Präsidenten, und eine extrem kurze zwischen dem Leichnam und dem Präsidenten. Ich weiß, so Macron, ihr erwartet, dass er irgendwie wieder auftaucht, auf seinem Motorad. Er würde das erste Lied anstimmen, und ihr würdet mitsingen...Dann würdet ihr applaudieren (und das Volk applaudierte dem toten Johnny ... und gleichzeitig dem sehr lebendigen Präsidenten). Macron wählte noch ein zweites Mal das Bild der Reinkarnation: Zehnmal, zehnmal hat er sich neu erfunden, wechselte die Texte, die Musik ... Er war, wie Victor HUGO sagt, eine "getriebene Kraft" ("une force qui va". Macron wählt hier den romantischen Hugo, der in einem frühen Drama den Helden sagten lässt: Täusche dich nicht! Eine getriebene Kraft bin ich!/Eine Unglücksseele, aus dunklen Kräften gemacht).

Überspitzt formuliert: Johnny "taucht" in der Tat wieder "auf"... als Macron. Und auch der wird von einer inneren Kraft getrieben. Auch der "kann nicht anders". Theologisch formuliert: Vor dem Portal der symbolpolitisch beladenen Madeleine-Kirche fand während der "nationalen Communion" eine Art Transsubstanziation statt "Unser" Johnny, so die Botschaft, lebt in "unserem" Präsidenten weiter. Macron hat - im Unterschied zu Hollande - die Fähigkeit, den von Foucault analysierten "institutionellen Redeweisen" den Mehrwert der Identität verleihen. So gelang ihm diesmal eine geniale nationale Com'. Anschließend konnte er sich zur "richtigen" Totenfeier zu den wartenden Persönlichkeiten in die Kirche begeben. Das "Volk" war befriedigt, ab nun war man "unter sich" (allerdings diesmal öffentlich).

Ordnungspolitisch wurde der Event von 1500 Schwerbewaffneten gesichert. Diesmal ging es nicht gegen "aufrührerische Embleme", die Zuschauer trugen Johnnybilder, und sie sangen auch keine revolutionären Lieder. Störend war vielleicht der Lärm der 700 Bikes, aber schließlich wurde ja ein Rocker geehrt. Und erinnert die Lederkleidung der Biker nicht entfernt an die der Kürassiere? Die anwesende Masse war gewaltig. Der vor allem bei linken Demos sehr penibel zählende Polizeipräfekt sprach von über einer halben bis einer Million Trauernden. Die Nörgler, die sich an der Zeremonie vor allem an dem symbolischen Gehalt der Madeleine-Kirche rieben, waren still gestellt. Relativ still. Die Grande Dame des Showgeschäfts, Geneviève de Fontenay, ließ sich den Mund nicht verbieten: Ich war schockiert, dass man die Beerdigung von Johnny Hallyday mit der von Victor Hugo vergleichen konnte. Das weiße Leichentuch ist für Kinder. Victor Hugo hatte ein schwarzes.

Ein großer Unterschied zur Hugo-Trauer ist sicherlich, dass nicht das Parlament, also die Deputierten der Nation, sondern der Präsident die nationale Zeremonie regierte. Frankreich ist seit de Gaulle eine "Monarchie présidentielle". L'Etat c'est lui, schließlich hat ihn das Volk gewählt. Die Beerdigung Johnnys hat vor allem dies gezeigt: 2017 werden auch die zuschauenden Massen zu einer "République en marche“. gemacht. Als Ornament präsidentialer Macht ersetzen sie das politische Volk, das trotz der enormen Zahl insgesamt abwesend war, anders als bei der Zeremonie für Victor Hugo. Frankreich scheint in dieser Phase der Fünften Republik endgültig zu einer "Société du spectacle" geworden zu sein, in der rote oder schwarze Fahnenschon lange keine Gefahr mehr sind. Ob es die finale Phase ist, ist fraglich. Schließlich freuen wir uns alle auf die Olympischen Spiele in Paris.

Avner Ben-Amos, Les funérailles de Victor Hugo, in: Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux de mémoire, t.1, Paris 1997 (Gallimard)

Judith Perrignon, Victor Hugo vient de mourir, Paris 2015 (L'Iconoclaste)

15:36 01.01.2018
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