Wer ist Eric Zemmour?

Frankreich Eine Rede beschäftigt die Republik. Der Journalist Eric Zemmour predigt den Befreiungskrieg gegen Muslime. Wer ist Zemmour? Wie gefährlich ist sein Weg nach Rechtsaußen?
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Wer ist Eric Zemmour?
Eric Zemmour

Foto: Sameer Al-Doumy/AFP/Getty Images

Paris, 28. September 2019. Früher Nachmittag. Ganz Frankreich, so die Medien, betrauert den Tod eines ehemaligen Präsidenten. In Rouen qualmen die Reste einer hochgiftigen Chemiefabrik. Auf den Straßen der Hauptstadt demonstrieren zum 46. Mal Tausende Gelbwesten. Zur gleichen Zeit wird in der tropisch drapierten Location „La Palmeraie“ (15. Arrondissement) ein „Konvent der Rechten“ (Convention de la Droite) veranstaltet. Er kann prominente Teilnehmer vorweisen, darunter, mit den Worten des Moderators, der„Held einer ganzen Generation“: Eric Zemmour. Der große Applaus verrät die Erwartung des Publikums.

Vorwärts zu Karl Martell

Der asketisch wirkende Sechziger ist wahrlich kein guter Redner. Tief über sein Manuskript gebeugt, trägt er mit rauer Stimme seine Gedanken vor. Und doch lauschen die Zuhörer fasziniert, zum Teil auch verunsichert, Sätzen wie:

Unsere Progressisten haben uns den Krieg der Rassen und Religionen zurückgegeben. Sie haben Karl Martell und der Belagerung von Wien die Zukunft zurückgegeben.

Und:

Auf der Straße sind die verschleierten Frauen und die Männer in Djellaba eine Propaganda der Tat, so wie die Uniformen einer Besatzungsarmee die Besiegten an ihre Unterwerfung erinnern.

Und:

Alle unsere Probleme werden von der Immigration und dem Islam erschwert. Werden es die jungen Franzosen akzeptieren, als Minderheit auf der Erde ihrer Vorfahren zu leben? Wenn ja, dann verdienen sie ihre Kolonisierung, Wenn nicht, dann werden sie für ihre Befreiung kämpfen müssen!

Die Rede ist gespickt mit provokanten Formeln wie der „Vernichtung des heterosexuellen weißen katholischen Mannes“. Wie selbstverständlich bezieht er sich auf die Theorie des „Großen Austausches“. Und später werden sich alle einig sein: Noch nie ist Zemmour so weit gegangen,.

Die Nachrichtensender und Zeitungen berichten ausführlich über den Konvent, auch über die Buhrufe, die der Philosoph Enthoven ertragen musste. LCI (im Besitz des Industriellenfamilie Bouygues) überträgt die Reden Zemmours und Marion Maréchals, der Nichte Marine Le Pens, sogar live (auch sie spricht vom „Großen Austausch“). Offensichtlich bereiten (nicht nur) die Führungsetagen der Privatsender den Präsidentenwahlkampf 2022 vor. Man hat schließlich Erfahrung in der quotensichernden medialen Begleitung des große Duells Macron – Le Pen (oder Maréchal), des Kampfes von Licht und Schatten.

Die Karriere des Eric Zemmour ist phänomal. In regelmäßigen Abständen veröffentlicht er mit großem Erfolg dicke Wälzer über den Niedergang des „eigentlichen“ Frankreich, kommt wegen antimuslimischer Provokationen vor Gericht … und besetzt trotzdem weiterhin journalistische Schlüsselpositionen. Wenige Tage nach der letztinstanzlichen Bestätigung seiner Geldstrafe wegen Aufruf zum Religionshass wird publik, dass er demnächst eine tägliche Primetime-Sendung auf „Cnews“ (im Besitz des Milliardärs Bolloré) übernehmen wird. Jeden Abend eine Stunde Zemmour.

Der Historiker Gérard Noiriel, unter anderem Autor einer im Kontext der Gelbwesten viel beachteten „Histoire populaire de la France“ und scharfer Kritiker identitären Denkens, geht bezüglich Zemmours von einer frustrierenden Erfahrung aus:

So sehr man sich auch bemüht, Fakten und Beweise anzuführen, es ändert nichts. Polemiker wie Zemmour haben am Ende immer recht, auch wenn sie gegen jede Vernunft verstoßen.

Zemmour hat immer recht

Wie richtig diese Feststellung ist, zeigt eine Fernsehdebatte zwischen Zemmour und dem Historiker Patrick Weil im Oktober 2018, nach Erscheinen von Zemmours letztem Buch „Destin français“. Der Wissenschaftler hat gegen den alerten Journalisten nicht den Hauch einer Chance. Zemmour spielt virtuos und lustvoll den „Schüler“, der den „Herrn Professor“ korrigiert, versäumt kein Argument ad hominem („Sie waren ein Linker!“) und zwingt Weil in die Defensive. Er betont sein „Recht auf freie Interpretation“, welches ihm „bestimmte“ Historiker mit ihrer Doxa, stets den Immigranten zu dienen, verwehren würden. Dabei bedient er sich mehrfach der bewährten Methode der Inversion, mit linker Begrifflichkeit rechte Inhalte „an den Mann zu bringen“. Als professioneller Historiker holt Weil in seinen Ausführungen weit aus, spricht langsam und druckreif, wird von der Moderatorin zur Eile getrieben, um dann von Zemmour mit einem einfachen „Das ist falsch“ ausgeknockt zu werden. Wenn Fachhistoriker Zemmour seine zahlreichen Fehler vorhalten, laufen sie stets ins Leere. Zemmour hat halt immer recht.

Gérard Noiriel wählt eine andere Methode. Er vergleicht die „identitäre Grammatik“ Zemmours mit der Edouard Drumonts. Drumont, dessen 1886 erschienes Werk „La France juive“ den Beginn des modernen obsessiven Antisemitismus in Frankreich markiert, ist heute fast vergessen (in Deutschland ist er nahezu unbekannt). Dabei ist seine ideologiegeschichtliche Bedeutung enorm.

Die Aussagen dieses maßlosen antisemitischen Autors mit denen eines sephardischen Juden wie Zemmour zu vergleichen, scheint zunächst etwas fragwürdig und ist ebenso kompliziert wie die Methode der historischen Analogie. Die Ergebnisse, die Noiriel präsentiert, sind jedoch schlüssig.

Drumont und Zemmour im Kontext

Schon auf der biographischen Ebene gibt es trotz der Zeitdifferenz nicht wenige Parallelen: eine Kindheit in (sozial gemischten) Arbeitervierteln, der Aufstieg über die Schule, der Habitus des Klassenbesten, der aus sozialen Gründen kein akademisches Kapital erwerben kann (Drumont muss wegen der psychischen Krankheit seines Vaters sein Elitegymnasium verlassen, Zemmour vergeigt wegen schlechter Englischkenntnisse die Aufnahme in der Eliteanstalt ENA), eine krisenhaft erlebte Passage in der „Bohème“ (Drumont) oder der Werbeindustrie (Zemmour), die lebensgeschichtlich erworbene Pose des proletarischen „Rebellen“ gegen die Eliten.

Auch durch das Spiel des Zufalls machen beide Pamphletisten Karriere. Die Fortune Drumonts wird durch den katholisch-reaktionären Schriftsteller Alphonse Daudet „korrigiert“. Er promotet über den „Figaro“ den Wälzer „La France juive“. Der so begabte wie ehrgeizige Zemmour seinerseits schafft es ebenso schnell, sich in der journalistischen „Nahrungskette“ nach oben zu arbeiten.

Als Sozialhistoriker vermeidet Noiriel jedoch die „biographische Illusion“ (Bourdieu). Der Aufstieg Drumonts und Zemmours ist nur durch einen bestimmten Kontext verstehbar. Das Ende des 19. wie der Beginn des 21. Jahrhunderts begünstigen offensichtlich den Typus des Pamphletisten, der aus seinem Non-Konformismus symbolischen Profit zieht. Dem Literaturhistoriker Marc Angenot zufolge

setzt die „parole pamphlétaire“ eine solitäre, nicht mandatierte Person in Szene, die intellektuellen Mut beweist, indem sie ihre Wut über einen Skandal ausdrückt, die „Wahrheit“ gegen eine instititutionelle „Lüge“ setzt... Gerade der Bruch mit den sprachlichen und diskursiven Gewohnheiten gibt ihr subversives Potential. Mit den Mitteln der Invektive, der Gewaltstilisierung und derPolitisierung des Diskurses markieren den Bruch mit dem so konformistischen wie moralistischen akademischen Pol.

Die frühe Dritte Republik der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts ermöglicht den Aufstieg dieses Typus. Orientiert an den Idealen der Aufklärung garantiert sie die Pressefreiheit (das Gesetz gilt bis heute). Gleichzeitig findet eine kommunikative Revolution statt (materiell durch die Ausweitung des Eisenbahnnetzes und der Drucktechniken, auf der Rezeptionsebene durch das Verschwinden des Analphabetismus). Im Konkurrenzkampf um die Leser entwickeln die Zeitungen (oft mehr als eine Million Leser!) die bis heute herrschenden Techniken der Aufmerksamkeitsökonomie: ein „fait divers“ (schwer zu übersetzen, „ein aktuelles oft kriminelles Ereignis“) wird berichtet, dessen Protagonisten fast immer ein Aggressor, ein Opfer, ein Polizist oder ein Richter sind. Es sind diese Ereignisse, in denen sich die (schlimmen) Zeiten spiegeln. Jeden Tag werden die Leser mit neuen „Actualités“ gefüttert. Das Aufspüren der „faits divers“, vor allem der echten und falschen Skandale, bietet ehrgeizigen Außenseitern ein (zu Beginn schlecht bezahltes) Arbeitsfeld.

Drumont profitiert von der Gründung reaktionär-katholischer Zeitungen, Wirtschaftskrise und Bankencrashs. „Der Jude ist der Feind“. Mit diesem Slogan kehrt er die republikanische Devise „Der Klerikalismus ist der Feind“ (Gambetta) erfolgreich um. Sein obsessiver Antisemitismus findet im durch die Moderne verunsicherten katholischen Bürgertum ein rezeptionswilliges Terrain, das er ab 1891 mit seiner eigenen Zeitung „La Libre Parole“ mit dem Untertitel „Frankreich den Franzosen“ täglich beackert. Die Spezialität des Journals sind „Enthüllungen“ von Skandalen, hinter denen immer „die“ Juden stehen. Drumonts öffentlichen Auftritte sind spektakulär. Eine Gefängnisstrafe wegen Diffamierung (wegyen der Falschaussage, ein Abgeordneter sei von Rothschild finanziert worden) erhöht sein Prestige. Selbst seine Niederlage in einem Duell mit dem von ihm beleidigten monarchistischen Journalisten Édouard Meyer wendet der verletzte Drumont, indem er seinen Zeugen zuruft: „Sie werden erzählen können, Augenzeugen der Tötung eines Christen durch einen Juden gewesen zu sein!“ In der veröffentlichten Meinung erscheint er fortan als Opfer eines unfairen Juden, als jemand, der endlich die Wahrheit ausspricht und deswegen verfolgt wird.

Die stark polarisierende Dreyfus-Affäre ist eine Wende: zunächst steigen die Auflagen, scheint der Geheimnisverrat doch seine Thesen zu bestätigen, doch in der Folgezeit sinkt Drumonts Stern. Die Polarisierung von rechts und links, mit dem Gegensatz , Nationalismus versus Internationalismus/Sozialismus, drängt in der Vorkriegszeit die Drumontschen Methoden an den Rand. Drumont stirbt 1917, als ein Mann der Vergangenheit. Sein Antisemitismus ist allerdings längst im aggressiven Nationalismus aufgegangen. Nationalistische und antisemitische Denker wie Maurice Barrès und Charles Maurras sind von Drumont beeinflusst.

Auch Zemmour profitiert von einer strukturellen Krise Frankreichs. Seit Mitte der 80er Jahre, der berühmten berüchtigten Mitterandschen Wende, lässt die allmähliche Entfesselung des Finanzkapitalismus ganze Landstriche sozial erodieren. Die Arbeitslosigkeit (vor allem der jungen Generation) stagniert auf hohem Niveau. Wir erleben eine Zeit multipler Krisen: Krise der Arbeitswelt, der Gewerkschaften, der Parteiendemokratie, der Vorstädte, der Provinz und kürzlich: die „Krise der Gelbwesten“. Die Krise gebiert aber auch „Apokalyptiker“ wie Zemmour (die Gebildeten präferieren eher Finkielkraut).

So wie hundert Jahre zuvor die Republikaner die Presse befreiten (und damit auch den Reaktionären den Weg ebneten), ist es ausgerechnet (?) die sozialdemokratische Linke, die in den 8oern und 90ern die Medien vom Staat befreit (was angesichts der Bevormundung durch den Staatssender ORTF wirklich als Befreiung gesehen wird): „freie Radios“, aber auch private Fernsehsender (Canal+) werden lanciert.

Wie im Zeitungswesen des 19. Jahrhunderts bestimmt unerbittlicher Konkurrenzdruck die Privaten (und in ihrem Gefolge die Öffentlichen). „Und wieder produzieren dieselben Ursachen dieselben Effekte“ (Noiriel). Auf dem Menu stehen „People“, Skandal, Provokation, Polemik. Aus den „faits divers“ wird - mit den Worten Bourdieus – die „fait-diversion“... bis heute. Ein Jean-Marie Le Pen wird über die Sendung „Stunde der Wahrheit“ (France 2) bekannt – und als nützliche politische Vogelscheuche erkannt. Der verstärkten Wahrnehmung des Front national korrespondiert ein terminologischer Wandel: aus dem sozialo-kommunistischen „immigrierten Arbeiter“ wird der „Immigrierte“, zumeist konnotiert mit „dem Moslem“ (musulman auf Frz.). Im veröffentlichten Diskurs verdrängt die identitäre endgültig die soziale Frage. Was nicht öffentlich diskuriert wird, existiert nicht.

Dass ein Eric Zemmour ins Spiel kommt, ist also auch ökonomisch bedingt. Die Sender sind gezwungen, mit möglichst geringen Kosten eine maximale Zuseher- und hörerschaft zu erreichen. Zemmour ist für das Format „Debatte“ ein gutes Invest. 2003 wird er Chroniqueur auf I-Télé (Vorgänger von Cnews, seinem auch künftigen „Arbeitgeber“). In der täglichen „Diskussion“, heute sagt man „Décryptage“, mit seinem Kollegen Christophe Barbier (heute allgegenwärtig auf BFMTV) erklärt er dem Publikum seine rechte Sicht der Dinge (Barbier hat damals noch den Part des „Vernünftigen“). Für Noiriel ist dieses Sendeformat eine Art Wiederauflage des Duells des Fin de Siècle:

Da wir aber heute in einer friedfertigeren Gesellschaft leben, sind die Waffen nicht mehr Pistolen oder Säbel, sondern Beleidigungen.

Entsprechend werden die Sendungen als „Kampf“, „Match“ oder „Duell“ präsentiert. Mit dem Unterschied, dass im Verständnis der Hitzköpfe mit erfolgtem Duell ihre Ehre wieder hergestellt war. Im Zeitalter von Youtube bleiben die Beleidigungen und Bloßstellungen potentiell präsent. Verurteilungen trägt man wie Revolvermänner Narben auf dem Colt. Und die „Youtube“-Videos haben Titel wie „Zemmour zerstört X.“

Seine provokanten Thesen verwertet Zemmour zu Büchern. 2006 erscheint „Le Premier Sexe“ (in überdeutlicher Anlehnung an Beauvoir). Natürlich darf er in der Krawallsendung „Alle sprehen davon“ gegenüber seiner Kontrahentin Clémentine Autain (Feministin und heutige Abgeordnete der France insoumise) mal so richtig den Mann 'rauslassen. Mit erwartetem Erfolg. France 2 rekrutiert ihn langfristig. Auch in den eher rechten Audio- und Printmedien kann man Zemmour kaum entgehen. Verzichtet ein Sender wegen seiner muslimfeindlichen Provokationen auf seine Dienste, wird er gar verurteilt (und damit viktimisiert), bekommt er Angebote von Konkurrenzsendern … und auch der Front national sendet Signale an den potentiellen Politiker. Dass RTL nach seinem Auftritt in der Palmeraye auf seine Dienste verzichtet, wird ihn kaum anfechten. Er kommt vielleicht wieder... irgendwann.

Identitäre Grammatik, Antisemitismus und Islamophobie

Drumont und Zemmour reproduzieren das reaktionäre Geschichtsbild eines personifizierten Frankreich. Immer wieder malen sie das Bild eines kranken, sterbenden oder gar toten Vaterlandes, und wenn es manchmal schief gerät: Frankreich (im Frz. weiblich) ist der kranke Mann Europas (Zemmour), so ruft es doch die historischen Minimalkenntnisse des Publikums ab („der kranke Mann am Bospurus“). Drumont und Zemmour sind „Meister“ im Aufspüren der gefährlichen, die Abwehrkräfte schwächenden Erreger, die „Fremden“ von außen und der „Parteigänger des Auslands/der Fremden“ („étranger“ hat beide Bedeutungen).

Beide kämpfen gegen die „Prinzipien von 89“, gegen die Aufklärung. Für Zemmour ist Voltaire „der Vater von Generationen von Zerstörern, „Dekonstrukteuren“, Nihilisten, unersättliche Liebhaber des reinen Tisches“. Der folgende Satz Drumonts könnte wortgleich von Zemmour geschrieben sein:

Die nicht zu leugnende Erschlaffung der französischen Intelligenz, die Verweichlichung, die sich für einen vagen Sympathismus ausdrückt, die ganze Welt zu lieben, führt uns zur Selbstverachtung.

Seit Jahrhunderten ist das „eigentliche“ Frankreich diesen Zerstörungskräften ausgesetzt. Die französische Familie wird durch jüdische Politiker mittels Scheidungsrecht destruiert (Drumont) oder durch die „homosexuelle Lobby“ (Zemmour und – mit ähnlichen Worten – Drumont). Oft werden werden diese Behauptungen mit scheinbar antikapitalistischen Worten vorgetragen:

Das Schwulenpatriarchat gründet in der Finanzmacht der großen Unternehmer und der hohen Funktionäre (Zemmour).

Homophobie ist – natürlich – mit Anti-Feminismus verbunden. Drumont „weiß“:

In Zeiten der Dekadenz, so hat man festgestellt, steigt die Frau auf, während der Mann sinkt.

Auch hier werden „Schuldige“ benannt. Feindinnen Frankreichs sind – nach den Erkenntnissen Zemmours - zum Beispiel: Catharina di Medici (angeblich protestantenfreundlich), die Pompadour (pro-österreicisch), Madame de Staël (pro-deutsch) und natürlich Simone de Beauvoir (feministisch) und Simone Weil (pro-Abtreibung französischen Lebens)

Beide spielen souverän die Möglichkeiten des Dekadenztheorems aus. Auffallend ist ihre Vornamen-Obsession. Drumont zitiert geradezu genüßlich jüdische Namen. Zemmour bedauert wortreich den Verfall der guten alten katholischen Namen. Die Täter sind die Hugenotten (biblische Vornamen), die Revolutionäre (römische Vornamen) und heutzutage die Immigranten (afrikanische, arabische Namen). Und die Schuldigen sind die leichtgläubigen, toleranten Eliten.

Die Matrix bedarf jedoch eines Todfeindes. Gleich am Anfang der „France juive“ kommt Drumont zu seiner Sache:

Taine (antirevolutionärer Meisterdenker der Zeit) hat die „jakobinische Eroberung“ beschrieben. Ich will die jüdische Eroberung beschreiben. Der einzige, der von der Revolution profitiert hat, ist der Jude. Alles kommt vom Juden. Alles geht zum Juden zurück. Es ist eine wirkliche Eroberung, die Versklavung einer ganzen Nation durch eine kleine Minderheit...

Wenig später:

Unter dem jüdischen Druck hat sich das alte Frankreich aufgelöst. Aus dem liebevollen Volk ist ein hasserfülltes Volk geworden, hungrig nach Gold wird es bald vor Hunger sterben... Aber man schweigt über den Anteil, den der jüdische Eroberer an der schmerzhaften Agonie einer großzügigen Nation hat, man schweigt über das Eindringen eines Fremdkörpers in den Organismus... Es ist schwierig, das latente Werk des Juden zu analysieren.

Die schwierige „Analyse“ unternimmt Drumont in zwei Bänden auf 1200 Seiten. Seine „Beweise“: angebliche wissenschaftliche Untersuchungen, Statistiken, politische Skandale, „faits divers“, bei denen der Hintermann immer „der“ Jude ist. Immer wieder „belegt“ er, dass die die jüdischen Franzosen nur „Français de papier“ sind. Gegenüber den Mitgliedern der „Nation in der Nation“ („die“, „sie“) sind die anderen Franzosen („wir“) zu nachsichtig. Ein „fait divers“ wird sogleich Anlass zu einer Verallgemeinerung:

Ein Jude stört eine Beerdigung. Niemals hat auch nur ein Katholik in den letzten Jahrhunderten eine solche Attacke geführt. In der großzügen und großen Seele des Ariers ist die Toleranz eine natürliche Tugend.

130 Jahre später. Noiriel glaubt nicht, dass Zemmour Drumont gelesen hat. Umso frappierender sind die Ähnlichkeiten. Auch Zemmour spricht von Invasion, Eroberung und Besatzung. Der Feind ist nicht mehr „der“ Jude, sondern „der“ Moslem. Wie Drumont begibt er sich in den riesigen Steinbruch der Geschichte. Die Araber konnten nach der Zerstörung des Imperium romanum nur durch Helden wie Karl Martel (der im identitären Pantheon eine besondere Rolle spielt) aufgehalten werden. Was auch immer die Historiker behaupten: Es ist ein Glück, dass Papst Urban II. zum Kreuzzug aufgerufen hat. Natürlich sind es für Zemmour vor allem die tapferen Franzosen, die diesem Aufruf folgen. Erst die vorgebliche Großzügigkeit, die Toleranz der „Stammfranzosen“ hat schließlich die Dämme geöffnet. Er kritisiert den von ihm ansonsten verehrten Charles de Gaulle, der mit der Aufgabe Algeriens den „Großen Austausch“ einleitete. Des Generals Nachfolger seien zu schwächlich gewesen, um die Familienzusammenführung noch aufzuhalten. Zemmour erinnert an jakobinsche Pläne, die Vendée nach dem „Génocide vendéen“ mit Sans-Culotten zu bevölkern, was ihn zu einer typisch zemmourianischen Inversion eines 68er Spruches animiert: „Wir sind alle Katholiken der Vendée“. Und in der Diktion Drumonts schreibt er:

Schon morgen werden die jungen Leute ihre Frauen in dem „Ursprungsbled“ ihrer Eltern suchen, um nicht die uralte endogamische Kette der Vetternehe zu brechen. Damit wird sich die Einwanderung selbst vergrößern, über die administrativen Rahmen hinaus. Sie wird Masse, Verwurzelung und Volk produzieren. Ein Volk im Volk. Ein Volk, das sich immer mehr vom Ursprungsvolk entfernt, ein „afrikanisches Lager“, immer feindlicher gegen ein überflutetes „teures und altes“ Volk, das zum Rückzug gezwungen wird.

Was bleibt, ist die Apokalypse. Zemmour erwartet ein dunkles Frankreich zwischen Eurodisney und Moscheen. Drumont präsentiert in seiner Prophezeiung ein Muster der antisemitischen Inversion von Kapitalismuskritik.

Vor Ablauf eines Jahrhunderts werden sie (die Juden) die Herren dieses glänzenden Paris sein, durch das sie sich wie Schatten schlängeln. In la Vilette werden die Halphen-Werke stehen, wo dreitausend christliche Arbeiter sich ohne Pause der Arbeit unterwerfen, in der erstickenden Atmosphäre von 50 Grad, von Stockhieben angetrieben wie die Pyramidenbauer. Sie werden mit 40 Jahren Blut spucken, damit dieser Mann ein wenig mehr Gold besitzt.

Für beide Autoren ist es also höchste Zeit, zu „erwachen“. Drumont:

Wenn er (der Arier) erwacht, versteht er alles, greift zum Schwert und schlägt zu. Dem Semiten, der ihn ausbeutete, ausplünderte und belog, fügt er schreckliche Strafen zu. Und der Semit … wird im Nebel verschwinden, sich in sein Loch zurückziehen, um einige Jahrhunderte später wieder zu beginnen...

Auch Zemmour fordert – in bewusster Wortwahl - die „Libération“. Und manchmal präsentiert er konkrete Vorschläge, so am 17. November 2015 auf RTL:

Anstatt Racca zu bombardieren, sollte man Molenbeek bombardieren. Von dort sind die Kommandos am Freitag, den 13. schließlich gekommen.

Faschismus und Demokratie

Der Vorschlag ist nicht wörtlich zu nehmen. Zemmour möchte halt nur provozieren. Nicht nur die oben erwähnte Rede spricht dafür. Seine Position im Medienfeld gibt ihm eine gewisse Macht, mit Zweideutigkeiten zu spielen. Und wenn er es doch ernst meint? Wie groß ist die Gefahr, dass Zemmours Ideen politische Taten werden? Ist die Demokratie der Fünften Republik nicht stark genug, dies zu verhindern? Im Moment zumindest haut sie ganz schön auf ihre Kritiker ein. Der Philosoph Michaël Foessel hat die Presse und die programmatischen Regierungstexte des Jahres 1938 analysiert. Die Ergebnisse sind beunruhigend. Die Schwäche der parlamentarischen Demokratien gegenüber dem Faschismus (innen und außen) war eine politisch herbeigeführte Schwächung:

1938 ist das Jahr der systematischen Gesetzesdekrete (das Äquivalent unserer Ordonnancen) durch die Regierung, der massiven Repression der Streiks, einer immer feindlicheren Ausländerpolitik und der Wahl Charles Maurras (Meisterdenker der extremen Rechten) in die Akademie française.

Foessel beschreibt das herrschende Meinungsklima von 1938:

Ein Jahr, in dem alles unternommen wird, um die Franzosen zu überzeugen, dass sie künftig, und für lange Zeit, „post festum“ leben müssen (d.h., die Errungenschaften des Front populaire von 1936 „müssen“ abgebaut werden). Der obsessive Imperativ, „Frankreich wieder an die Arbeit zu bringen“, hat alle Vorstellungen einer mit irgendeiner Form von Glück verbundenen Politik zerstört. Die Arbeit für die Arbeit, die Nation für die Nation, das Budget für das Budget oder Frankreich für Frankreich, so lauten die Formeln, abstrakt und hohl zwar, aber profitabel für eine sehr kleine Gruppe.

Es waren die Demokraten der Dritten Republik, die auf undemokratische Weise das „Große Debakel“ von 1940 und die Installation des Vichy-Régimes ermöglichten. Und auch heute ist die Gefahr, dass eine im weiten Sinne faschistische Regierung 2022 die autoritäre Gouvernance Macrons fortsetzt, nicht mehr undenkbar. Das Terrain ist bearbeitet. Die Europawahlen haben es gezeigt.

Und Zemmour darf seine Rolle spielen. Er hat demnächst einen täglichen Fernsehauftritt zur besten Sendezeit. Die Youtube-Videos werden ihn multiplizieren. Er wird Unentschlossenen zumindest eine Orientierung geben. Nach rechts. Im Interview auf BFMTV gibt er dem RN mit Marine Le Pen keine Chance gegen Macron, wohl aber einer „Union nationale“ mit Marion Maréchal, der traditionellen Rechten und der gaullistischen Linken. Der Auftritt in der Palmeraie ist damit als Initiiation zu verstehen. Dort gab er sich sehr „pessimistisch“. Ein strategischer Pessimismus?

Die Zemmourschen Auftritte sind offensichtlich nicht zu verhindern. Die „Société du spectacle“ braucht ihn aus ökonomischen und politischen Gründen. Die sozialen Netze tragen sein „Gift“ (Noirel) weiter, wie das Beispiel Alain Soral zeigt. Widerlegungen und Aufzeigen der Irrtümer Zemmours sind wichtig, laufen aber Gefahr zu verpuffen oder den Ideologen zu viktimisieren (die Beispiele Soral und Dieudonné sprechen für sich). Sie bleiben auch an der Oberfläche. Rorty folgend, schlägt Noiriel vor, mit den Regeln der identitären Grammatik zu „spielen“, die Menschen erfahren zu lassen, dass „die da“ genauso viel vom „wir“ haben, wie „wir“ von „ihnen“. . Das klingt abstrakt. Es gibt aber konkrete Erfahrungen, zum Beispiel Ansätze gemeinsamer Aktionen von Gelbwesten und dem „Comité Adama“ aus der Banlieue parisienne. Die soziale „Identität“ kann dabei die identitäre Grammatik verändern, etwa im Kampf der Arbeiter („wir gemeinsam“) gegen die Patrons („die Ausbeuter“), der zur Zeit Drumonts eine wichtige Rolle bei der Integration der „immigrierten Arbeiter“ spielte.

Im Grunde geht es um den Ersetzung des oft lähmenden Kommunitarismus durch die Renaissance der sozialen Frage. Damit kritisiert Noiriel explizit den unnachgiebigen Kommunitarismus von Gruppen wie „les Indigènes de la République“, was ihm wiederum Kritik von einigen Linken eingebracht hat. Dass aber ein Zemmour (wie andere Rassisten und Fremdenfeinde) vom militanten Kommunitarismus lebt, ist evident. Dass macht wiederum die Volte, die Macron mit seiner neuerlichen „Entdeckung“ angeblich gewichtiger Immigrationsprobleme unternimmt, umso gefährlicher. Um Noiriel und Foessel wieder aufzunehmen: der Kampf gegen Hetzer wie Zemmour ist nur erfolgreich, wenn er gleichzeitig vehement für die Weiterentwicklung der alten Ideale von 1789 und (!) 1793 geführt wird. Eine Sechste Republik ist überfällig.

Marc Angenot, La Parole pamphlétaire. Paris 1982 (Payot)

Pascal Durand/Sarah Sindaco (éd.), Le discours néo-réactionnaire. Paris 2015 (CNRS Editions)

Edouard Drumont, La France juive. Paris 1886 u. 1889 (galica.fr.)

Michael Foessel, Récidive.1938. Paris 2019 (puf)

Gérard Noiriel, Histoire populaire de la France, Paris 2018 (La découverte)

ders., Le veinin dans la plume, Paris 2019 (La d´couverte)

Eric Zemmour, Le suicide francais, Paris 2014 (Albin Michel)

ders., Destin francais, Paris 2018 (Albin Michel)

17:19 07.10.2019
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