Was den letzten Garzweiler-Bauern in die Knie zwang

Braunkohletagebau Eckardt Heukamp wurde als letzter Bauer am Tagebau Garzweiler zu einer Symbolfigur der Klimabewegung. Jetzt hat er seinen Hof an RWE verkauft – weil ihn Politik und Justiz im Stich ließ
Eckardt Heukamp am Tagebau Garzweiler. Zehn Jahre lang hat er hier um seinen Hof im Dorf Lützerath am Braunkohletagebau Garzweiler gekämpft
Eckardt Heukamp am Tagebau Garzweiler. Zehn Jahre lang hat er hier um seinen Hof im Dorf Lützerath am Braunkohletagebau Garzweiler gekämpft

Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Zehn Jahre lang hat Eckardt Heukamp um seinen Hof im Dorf Lützerath am Braunkohletagebau Garzweiler gekämpft. Er hat dabei zugesehen, wie der Kohlebagger immer näher auf sein Zuhause zugekrochen ist, wie seine Nachbarn Stück für Stück weggezogen sind, bis er schließlich „der letzte Lützerather“ war. Es war eine lange und zermürbende Zeit, der Konzern übte Druck aus, zu verkaufen, aber Heukamp wollte seine Heimat nicht hergeben. Nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster sein Dorf und damit sein Zuhause am 28. März schließlich für RWE zum Abbaggern freigab, hat sich Heukamp eine Woche später doch noch mit dem Energiekonzern geeinigt und seinen Hof verkauft.

Sowohl die Aktivist:innen im Dorf als auch die Bewohner:innen der umliegenden Dörfer, die weiterhin gegen den Konzern kämpfen, zeigen Verständnis und sind beeindruckt, wie lange er dem Energieriesen standgehalten hat.

Heukamp ist eher unfreiwillig zu einem bekannten Gesicht der deutschen Klimabewegung geworden, das Aufsehen um seine Person und seine teilweise an Heroisierung grenzende Beschreibung in der Bewegung sind ihm eher peinlich. Auch den radikalen Klimaaktivist:innen, die mit der Zeit ins Dorf gezogen sind, stand er zunächst eher skeptisch gegenüber. Krawall und Ärger mit den Behörden hat er vor der Haustür nicht haben wollen.

Es klingt immer ein wenig wie ein Märchen, wenn Aktivist:innen im Dorf erzählen, wie Heukamp ihnen in einer stürmischen Nacht schließlich anbot, in das kleine, frei stehende Haus auf seinem Hof umzusiedeln, damit ihnen der Sturm nicht die Zelte wegblies. Mit der Zeit sind so eine Verbindung und ein gemeinsamer Kampf gewachsen.

Trotz all des Verständnisses verliert die Klimabewegung damit eine wichtige Symbolfigur am Tagebau.

Egal wie viel man sich öffentlich mit dem Klima auseinandersetzt, für die meisten bleibt es doch abstrakt und nicht greifbar. Ein Landwirt, der das Zuhause, das er sich aufgebaut hat, verteidigt und von einem übermächtigen Konzern bedroht wird, gibt den Folgen unseres Raubbaus am Planeten eine menschliche Seite. Auf seinen Schultern sei der Streit für ein Ende der Braunkohle ausgetragen worden, meint Kathrin Henneberger, die grüne Bundestagsabgeordnete der Region. Das hätte niemals passieren dürfen. Denn weder Politik noch Justiz waren bereit, die Verantwortung für Lützerath zu tragen. Die Politik hat sich auf die Gerichte berufen, die wiederum verwiesen auf die Politik.

Das Bergrecht, aufgrund dessen Heukamp sein Zuhause verliert, sollte einst dem Gemeinwohl dienen: Heukamp gibt seinen Hof auf, damit wir alle unseren Wohlstand durch billige Kohleenergie mehren können. Was schon immer eine tiefgreifende Ungerechtigkeit war, ist heutzutage im Verhältnis außerdem hinfällig: Kohleenergie ist nicht billig. Bereits in vier Jahren könnte sie unrentabel sein. Trotzdem und ob-wohl wir wissen, dass sie unser Gemein-wohl gefährdet und nicht fördert, wird sie weiterhin staatlich subventioniert. Das Recht eines Konzerns, Gewinn mit Kohle zu machen, steht damit immer noch über den Rechten der Bewohner:innen am Tagebau und all derjenigen, die bereits unter der Klimakrise leiden oder noch leiden werden. Nicht grundlos heißt eine der Initiativen vor Ort „Menschenrecht vor Bergrecht“. Bisher ist die Reihenfolge in Deutschland und weltweit eine andere. Das Schicksal von Eckardt Heukamp hat das erneut bewiesen.

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