Unbesuchtes Land

33 Jahre Mauerfall Die Angst vor Rechtsextremismus und Rassismus ist für People of Color real und alltäglich. Doch ist Ostdeutschland ein besonders gefährlicher Raum für sie? Lilly Amankwah, Leah Nlemibe und Dennis Chiponda schildern ihre Perspektiven

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Unbesuchtes Land

Foto: JOHN MACDOUGALL / Getty Images

Die Summerschool „Freischwimmen“ im sachsen-anhaltinischen Örtchen Zeitz fand am selben Wochenende statt wie das Medien-Festival Campfire in Düsseldorf – und Lilly Amankwah war als Referentin zu beiden Veranstaltungen eingeladen. Die Projektmitarbeiterin des Bonn Institute entschied sich für das Event in Nordrhein-Westfalen mit mehreren Tausend Besucher:innen. Sie hatte überlegt, ihre Einladung in die ostdeutsche Kleinstadt auch dann abzusagen, wenn sie nicht in Düsseldorf gewesen wäre. Die in Köln lebende Frau ist Schwarz und fasst als Mensch mit Rassismuserfahrung ihre Bedenken zusammen: „Für mich ist es eine Sicherheitsfrage.“

Amankwah ist im Westen Deutschlands geboren und aufgewachsen und war noch nie im Osten. Sie sagt, es reize sie auch gar nicht so sehr, Ostdeutschland zu besuchen. Wenn sie Anfragen von dort erhielt, kam entweder etwas dazwischen oder sie sagte ab. Das sei auch stigmatisierend, räumt sie ein, vielleicht auch ein wenig paranoid. Der studierten Soziologin ist bewusst, dass auch Westdeutschland ein Problem mit Rechtsextremismus hat. Einer der Gründe, warum sie trotzdem das Gefühl habe, in NRW sicherer zu sein als in Ostdeutschland, sei der hohe Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte in dem westdeutschen Bundesland. „Es liegt einfach daran, ob man sieht: Hier sind Menschen wie ich – und ob es sichtbares Leben von bestimmten Gruppen gibt.“

People of Color in Westdeutschland präsenter

Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen Amankwahs Gegenüberstellung. Jede dritte Person in Nordrhein-Westfalen hat eine Migrationsgeschichte, in Sachsen-Anhalt nur jede zwölfte. Dieses Gefälle besteht mit leichten Abstufungen zwischen dem gesamten ost- und westdeutschen Raum. Einzige Ausnahme: Berlin. Fast 35 Prozent der Einwohner:innen haben eine Migrationsgeschichte. Nicht jede:r ist eine Person of Color. Dennoch repräsentieren die Zahlen viele Menschen mit Ausgrenzungserfahrungen. Amankwah ist gern in der Hauptstadt. Aber auch dort unterscheidet sie ihre Aufenthaltsorte. Prenzlauer Berg sei kein Problem für sie, obwohl dieser Stadtteil im ehemaligen Osten liegt. Nach Marzahn aber fahre sie nicht.

Es sind die weiterführenden Fragen der Kölnerin, die deutlich machen, welche Erwartungen sie an die Sichtbarkeit bestimmter Gruppen und definierte Räume knüpft: „Gibt es einen Kreis von Menschen, der sich für dich einsetzt, wenn du angefeindet wirst? Oder bist du vielleicht die einzige Schwarze im sachsen-anhaltinischen Dorf, die von Nazis angegriffen wird - und niemand hilft dir?“

Ältere und weiße Menschen in Ostdeutschland

Die junge Autorin Leah Nlemibe ist in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen. Auch sie hat Bilder zu Ostdeutschland im Kopf. Als Schwarze Frau assoziiere sie mit dem Osten verstärkt Milieus von vielen älteren und weißen Menschen. Ostdeutschland stelle sie sich etwas leer vor, sagt die 22-Jährige, die seit drei Jahren in Berlin lebt. Natürlich seien das große Stereotype, ergänzt sie. Mit ihrer Familie war sie schon mehrmals im Urlaub an der Ostsee und in Rostock. Bewusst in den Osten gefahren sei sie aber das erste Mal in diesem Sommer. Die Veranstalter:innen des Festivals „Jenseits von Millionen“ hatten Nlemibe zu einer Lesung ins brandenburgische Friedland eingeladen. Über die Einladung hat sie sich gefreut.

Gedanken machte sie sich erst, als es um die Anfahrt ging. Das Örtchen liegt ein ganzes Stück außerhalb von Berlin. Sie überlegte, wie die Kleinstadt gut zu erreichen wäre. Zusammen mit zwei anderen geladenen Autorinnen des Magazins „Literarische Diverse“ fuhr sie schließlich mit dem Zug aus der Hauptstadt Richtung Frankfurt an der Oder. Ihre Stimmung sei bei der Anreise schon etwas umgeschlagen, sagt Nlemibe. Im Zug gab es eine Anfeindung von einem älteren Ehepaar. „Nicht gegen uns, aber gegen eine andere Frau, die Kopftuch getragen hat.“ Immer „weißer und weißer“ seien die Menschen zudem geworden, je länger sie fuhren. Irgendwann waren sie die einzigen People of Color im Zug. Da merkte sie: Hier wäre sie jetzt „wirklich ungern allein“.

Ossis of Color werden laut für den Osten

Dennis Chiponda kann das gut verstehen. Wer solch eine Bevölkerungsstruktur mit viel größeren Anteilen an weißen Menschen als im Westen nicht gewohnt ist, könne sich damit unsicherer fühlen. Chiponda ist im brandenburgischen Senftenberg geboren und bezeichnet sich selbst als queeren ostdeutschen Afropolen. Die Bevölkerung in Ostdeutschland sei ja nicht homogen weiß, sagt der 31-Jährige. Aber man müsse auch sehen: „Das ist unsere Lebensperspektive. Wir müssen in diesem Raum auch überleben.“ Als Ossis of Color seien sie in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft in einem Teil von Deutschland groß geworden, wo sie sich nicht in Community-Strukturen zurückziehen konnten und sich oft allein fühlten. Deshalb hätten sie teilweise auch andere Ansichten als Schwarze Menschen, People of Color oder Menschen mit Migrationsgeschichte in Westdeutschland oder Berlin.

Wenn Menschen der BIPoC-Community sagen, sie fahren nicht in den Osten und waren auch noch nie dort, kann Chiponda das zum einen nachvollziehen. Zum anderen macht es ihn wütend. „Wir sind hier eine junge Generation von Ossis of Color, Menschen mit Migrationsgeschichte und allgemein Ossis, die gerade dafür kämpfen, starke laute Stimmen für den Osten zu werden“, sagt er. „Wir kennen unsere Heimat. Wir wissen, wie sie zerfällt. Wir wissen aber auch, dass wir als Ossis in dem großen medialen Kontext kaum eine Rolle spielen - und als Ossis of Color eine noch geringere.“

Unangenehme und gefährliche Räume

Chiponda lebt heute in Leipzig. Dort wählten bei der letzten Bundestagswahl die meisten Menschen grün und rot. In den Landkreisen um Leipzig wurde hingegen die AfD stärkste Kraft. Im nahe gelegenen Burgenlandkreis, in den Amankwah zu einem Vortrag bei der Summerschool eingeladen war, ging jede vierte Stimme an die AfD. Sie stelle sich deshalb die Frage, welchen Alltagsrassismus es dort gebe und wie feindselig die gesamte Umgebung sei. Wie sei das auch für die Menschen in Zeitz, die sich als offen und bunt bezeichnen, aber von Leuten umgeben sind, die die AfD wählen oder Sympathien für deren Argumente pflegen? Sie könne sich vorstellen, dass das auch nicht einfach ist, sagt die Kölnerin.

Chiponda arbeitet für die Stiftung „Bürger für Bürger“ im Projekt „Jugendstil“ und fördert junges postmigrantisches Engagement in Ostdeutschland. Er gibt viele Workshops, auch im ländlichen Raum. Er habe eine „gewisse Form von Sicherheitskonzept“ und erwarte das auch von den Partner:innen, die ihn buchen. Am Tag sei es für ihn „kein Ding“, irgendwo hinzufahren. Aber wenn es dunkel wird, erwartet er, dass man ihn zum Bahnhof bringt und wieder abholt. „Es gibt einfach Räume, die gefährlich sind und das muss man auch benennen.“ Der Anteil an Menschen in Ostdeutschland, die offen rechtsextremen Einstellungen zustimmen, unterscheidet sich nicht von den Werten für Westdeutschland. Das zeigt u.a. die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2021. Allerdings befürworten Ostdeutsche viel häufiger das sogenannte „Recht des Stärkeren“ und die Abwertung von Menschen, die sie zu „Fremden“ erklären.

Gesamtdeutsches Problem: Alltagsrassismus

Trotzdem stelle sich Chiponda die Frage, ob das hier im ländlichen Raum explizit anders sei als zum Beispiel im Hunsrück. Wenn er mit Leuten rede, die in Hessen vom Dorf kommen, erzählten sie ihm, dass ihnen oft „rassistische Sachen“ passieren. Aber das werde nie thematisiert, deshalb verschiebe sich da „so ein komisches Bild“. Chiponda berichtet, dass Menschen im Westen wie im Osten in der Bahn oder im Bus ihre Tasche festhalten, wenn er sich neben sie setze. Auch die Frage, wo er eigentlich herkomme, werde ihm im gesamten deutschen Raum gestellt. Die misstrauischen Blicke von Dorfbewohner:innen, die ihm deutlich anzeigen, dass er hier ein Novum sei und nicht zur Norm gehöre, sind ebenfalls kein Phänomen, das es nur im Osten gibt.

Auch Nlemibe findet es wichtig hervorzuheben, dass das unangenehme Gefühl, wie sie es im Zug nach Frankfurt an der Oder hatte, nicht ost-spezifisch sei. Das Problem mit dem Osten sei ja nicht der Osten per se, sondern dass es viele ländliche Bereiche mit mehr weißen Menschen als im Westen gibt. In diesen Milieus steche man schneller hervor. Das Gefühl sei aber ähnlich, wenn sie in Baden-Württemberg oder in NRW in ländliche Regionen fahre, wo viele weiße und ältere Menschen leben. Die Erfahrung, mehr Blicken oder Kommentaren ausgesetzt zu sein, habe sie in ihrer Heimatregion ebenfalls gemacht. „Im Schwabenland“, sagt die Autorin, „hat es auch sehr viele kleine Dörfer, in denen die Leute vermehrt die AfD gewählt haben - und das war vergleichbar.“

Normerzählung nicht die ganze Geschichte

Chiponda ärgert sich darüber, dass es diese westdeutsche Normerzählung vom Rechtsextremismus und Rassismus gebe, die immer in den Osten abgeschoben werde. Auch viele aus der Community würden das, seiner Meinung nach, nicht wirklich reflektieren. Amankwah argumentiert, dass man sich in der Medienwelt, wie bei so vielen Dingen, auf bestimmte Orte fokussiere. Sie weiß, dass das „natürlich nicht die ganze Geschichte“ sei. Zugleich vermutet sie, lasse sich das Thema in Ostdeutschland leichter finden.

Analysen des MDR zeigen, dass ausgewählte negative Begriffe in Zeitungsberichten über Ostdeutschland zugenommen haben. So traten Begriffe wie „abgehängt“, „Armut“ oder „Rechtsextremismus“ seit der Jahrtausendwende immer häufiger in Artikeln auf. Die Daten klären nicht, ob sich nach den 1990er Jahren soziale Realitäten in Ostdeutschland verschärft oder deutsche Medien ihren Fokus zugespitzt haben. Auffällig jedoch ist, dass westdeutsche Medien häufiger über Rechtsextremismus im Zusammenhang mit Ostdeutschland berichten als ostdeutsche Zeitungen.

Weiße und westdeutsche Narrative

Nlemibe findet es schwierig einzuschätzen, warum es diesen Unterschied in der Berichterstattung gibt. Sie kann sich vorstellen, dass man den Osten aus der Perspektive des Westens anders wahrnimmt, als wenn man in Ostdeutschland lebt. Außerdem glaubt sie, dass der Westen den Osten noch immer kritischer sehe, als er vielleicht in einigen Regionen oder Bereichen sei. Gleichzeitig fände sie es gefährlich, wenn ostdeutsche Medien rassistische Übergriffe und Rechtsextremismus nicht ernst nehmen. Möglich sei schließlich auch, dass diese Themen für Medienschaffende im Osten, die weiß und privilegiert sind, nicht so präsent oder relevant sind.

Wer also setzt und gewichtet die Themen? 94 Prozent der 126 Chefredakteur:innen der größten deutschen Medien sind Menschen ohne Migrationshintergrund. Das ergab eine Untersuchung der neuen deutschen Medienmacher:innen. Deutsche, die Schwarz sind oder aus einer muslimisch geprägten Familie stammen, gibt es in keiner Chefredaktion. Parallel dazu zeigt eine Untersuchung der Universität Leipzig, dass es auf den Chefposten großer deutscher Medienkonzerne keine:n einzige:n Ostdeutsche:n gibt. Die westdeutsche Perspektive auf den Osten dominiert auch in den ostdeutschen Medien. In den Chefredaktionen der großen ostdeutschen Regionalzeitungen haben 43 Prozent der Menschen eine ostdeutsche Biografie. In den Verlagsleitungen sind Ostdeutsche nur zu 20 Prozent vertreten.

Den einen Osten gibt es nicht

Rechtsextreme Kontinuitäten im Osten will Chiponda „natürlich nicht unter den Teppich kehren“. Er betont, dass das aber ein gesamtgesellschaftliches Problem sei und die westdeutsche Normerzählung über Ostdeutschland dazu führe, dass sich der Westen zu wenig mit den eigenen Problemen von Rassismus und Rechtsextremismus auseinandersetze. Hanau, Halle, Mölln, Dessau. „Das passiert überall! Wir sind hier nirgendwo sicher!“, so Chiponda. Er finde es abstrus, dass Leute Berlin „als irgendwie safe“ erachten, weil da „mehr von uns sind“. Auch in der Hauptstadt gebe es, im Vergleich mit dem restlichen Osten, relativ viele Übergriffe.

Nlemibe glaubt, das Problem sei immer noch, dass der Osten sehr stereotyp behaftet ist. Unter BIPoC herrsche generell diese Warnung, Ostdeutschland sei im deutschen Bereich der gefährlichste oder unangenehmste Raum, in dem man sich aufhalten könne. Sie sei selten im Osten, weil sie Westdeutschland besser kennt, dort verbunden ist und weiß, wo sie sich sicher fühlt. Dennoch sei es schwierig zu sagen, der Osten ist so und so. „Es gibt nicht den einen Osten.“ Sie kennt auch viele junge Menschen, die zum Beispiel in Leipzig studieren und die Stadt super cool, links und offen finden. „Auch das ist ja eine Realität des Ostens.“

Ein anderes Bild etablieren

Als Ossi of Color wünscht sich Chiponda von seinen Brüdern und Schwestern im Westen und Berlin, dass sie mehr Perspektivwechsel wagen. Für ihn bedeutet das auch, dass sie eben doch mal herkommen und sich wirklich ein Bild machen. Man muss ja nicht mit Finsterwalde in Oberspreewald-Lausitz anfangen, räumt er ein. Und vielleicht meint er damit auch Orte wie Zeitz. Es reiche, mal nach Leipzig, Dresden, Potsdam oder Jena zu fahren und sich in den Städten „ein bisschen umzugucken“.

Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer hat jede:r sechste Westdeutsche genau das noch nie getan. Das heißt, 17 Prozent der westdeutschen Bevölkerung ist laut ARD Trendmonitor 2019 noch kein einziges Mal privat in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen oder Thüringen gewesen. Demgegenüber sind nur zwei Prozent der Ostdeutschen noch nie in den Westen Deutschlands gereist. Offen bleibt, woran das liegt: Ist das Interesse von vielen in Westdeutschland sozialisierten Menschen am Osten zu gering? Oder die Angst der westdeutsch geprägten BIPoC-Community vor dem Osten zu groß?

Ausgeschlossen ist es nicht, dass Deutsche dem eigenen bislang unbesuchten Land im Osten auch neu begegnen können. Eine Freundin aus Köln, erzählt Chiponda, sei mit einem Wohnwagen durch Brandenburg gereist, durch den Spreewald und entlang der Seen. Sie habe gemeint, das sei „übelst schön“! Das hätte sie nie erwartet. Rassistische Begegnungen hätte sie keine gehabt. „Das ist der Punkt!“, findet Chiponda, „Wenn du solche Erfahrungen wieder mit zurücknimmst, kann sich auch ein anderes Bild etablieren.“ Natürlich könne er nie versprechen, dass nichts passieren wird. „Aber wenn wir ehrlich sind: Wo können wir das in Deutschland?“

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Dieser Text entstand im Rahmen des Projekts „Freischwimmen. Summerschool für Journalist:innen zu #RevolutionTransformation“.

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