Kleiner Entwurf über die Richtung

Im archinaut: Es ist dunkel geworden, bis El Lissitzky weiter erzählt
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„Könnt Ihr Euch vorstellen, dass Graph Rapido Angst hatte, der Bestimmung seines Entwurfs zu folgen?“ nimmt El Lissitzky das Erzählen wieder auf, „Westberlin war in den Achtzigern ein Trabant der Westrepublik, Ostberlin die Hauptstadt der Demokratischen Republik, beide Seiten sturmfest verankert in Militär- und Wirtschaftsbündnissen,.. bilaterale Verhandlungen zwischen beiden Staaten legten erste Grundlagen für die gegenseitige Anerkennung, Schritt für Schritt...“

Der Projektionsstrahl des Beamers erstirbt. Der Sturm ist verrauscht, dafür prasselt jetzt Regen auf den archinaut:, die kräftigen Strahler über dem Schlossplatz dringen zitternd aus der schwarzen Nacht durch leuchtende Wasserschleier. Das glühende Kaminholz knackt leise.

„Alle Stadtkonzepte für den Osten wie für den Westen endeten an der Mauer, zwei Herzen schlugen dicht nebeneinander wie bei einem siamesischen Zwilling, zwei Hirne träumten, Blutgefäße und Nerven zirkulierten nahezu vollständig getrennt ...... die Besucher landeten auf zwei zivilen Flughäfen, der innerörtliche Zugverkehr passierte Grenzposten einer Staatsgrenze, im Untergrund durchquerte eine U-Bahn die sozialistische Hauptstadt von Nord nach Süd ohne Halt.....Westberlin hätte auf dem Mond liegen können: Eine lebensfähige Zelle schmilzt nach der Teilung nicht wieder mit anderen Zellen zusammen, sondern entwickelt sich kontinuierlich fort zu den Aufgaben, die im Zellkern programmiert sind!“

„Graph Rapido hat mir damals erzählt, dass er von einem besonderen Blick fasziniert war, den er zufällig an einem Tag mit bester Fernsicht vom Theodor-Heuss-Platz im Westen eingefangen hatte: die Ecke des Palasts der Republik leuchtete unerwartet im Sonnenlicht auf.... ein Blick über fast zehn Kilometer Entfernung: Ihr habt eben den Film gesehen, den er danach gedreht hat!“

„Mancher Blick verdreht ein ganzes Leben....“ murmelt Peggy halblaut zu Marlene.

„Wer war sein Auftraggeber? fragt John, „Ostberlin oder Westberlin?“

„Es war seine Abschlussarbeit an der Architekturfakultät der Westberliner Technischen Universität am Ernst-Reuter-Platz, Ihr habt die Fontänen im Film gesehen... ein Entwurf als Architekt und Städtebauer für ein selbst bestimmtes Thema, für den selbst erklärten Ort: ausgewählt hat er den Straßenzug Unter den Linden und alle folgenden Straßen in westlicher Richtung bis zur Havel, eine Achse länger als zwölf Kilometer, deswegen der Filmtitel 12.000 meter....“

„Erinnert mich an den Plan von Hitler und Speer,“ fällt Ernst Jünger ein: „Reichshauptstadt Germania hieß der Traum, die Kuppel der großen Ruhmeshalle sollte den Pariser Eiffelturm überragen....“

„Ja, die Faschisten haben ein riesiges Kreuz aus Ost-West-Achse und Nord-Süd-Achse vorbereitet,“ fährt El Lissitzky fort, „alle wichtigen Reichs- und Parteibehörden, Firmenzentralen und Kultureinrichtungen wollten die Machthaber entlang der Nord-Süd-Achse ansiedeln..... diese Symbolik ist wohl auch Dir bekannt, lieber Mies: in der vertikalen Ausrichtung der Nord-Süd-Achse beweist sich eine hierarchische Ordnung wie im cardo maximus der alten römischen Stadtgründung...“

„Aber der Film zeigt die Ost-West-Achse, oder nicht?“ fragt John jetzt, er hat nur wenig Interesse an den Visionen der alten Nazis. „Ja, zwei Richtungen, aber auch zwei Geschwindigkeiten und zwei unterschiedliche Blickführungen...... eine Montage flanierender Blicke von Ost nach West, eine Fahrt in der Zentralperspektive von West nach Ost,“ erläutert Lissitzky, „die erste Herausforderung fand Rapido darin, einen treffenden Blick auf den gewählten Bauplatz zu finden...“

„Der Architekt Luis Barragán hat ein Grundstück zu allen Jahrszeiten besucht, bei jedem Wetter, bevor er die ersten Skizzen zu Papier brachte,“ gibt Peggy weiter, was sie vor Zeiten von einer Freundin gehört hat, „wenn Dein junger Freund sein Werk ebenso gegründet hat, war er sehr lange beschäftigt!“

„Ein Grundstück von sagen wir fünfzig auf fünfzig Meter ist auf einem Blatt Papier gut zu erfassen, das fällt aber schwer bei einer Fläche von fünfzig auf zwölftausend Meter...... welchen Maßstab soll er wählen? Wo fängt er an zu Entwerfen? Links im Westen, wie man zu Schreiben beginnt? Rechts im Osten wo der Stadtkern liegt? Wie kann er die große Dimension des Entwurfs für den menschlichen Maßstab ordnen? Wir haben immer wieder darüber diskutiert...... Rapido wollte nicht, dass sein Entwurf eine Schneise des Größenwahns durch die Stadtbereiche schlägt, sondern er versuchte einen Raum, eine Raumfolge, eine städtische Architektur zu entwerfen, die Menschen verbindet: das Achsenkreuz von Speer degradiert alle Menschen zu Ameisen, meinte er.“

Nichts gegen Ameisen...denkt Jünger, sind sie doch nahrhaft, lecker und preiswert.... In Gedanken entwirft er schon das Menü für morgen.

„Gerne hätte Rapido für seinen Entwurf eine lange Saite gespannt, über zwölftausend Meter, darin eingefangen alle Töne, die im Universum zu finden sind, oder einen konzentrierten Strahl aus gebündeltem Licht über die Strecke geschickt, das unablässig Bilder, Farben und Botschaften zwischen dem östlichen und dem westlichen Endpunkt oszillieren ließe....“

„Leicht zu erkennen, warum Du seinen Namen vergessen hast: welcher könnte wohl besser passen als Graph Rapido!“ wirft Jünger ein.

„Wie hat er die Endpunkte gesetzt?“ fragt Mies, Lissitzky überlegt einen Moment: „Das Wasser hat er als Begrenzung gewählt, Spreewasser an der Schlossbrücke, Havelwasser am westlichen Ende...“ „Aber am Brandenburger Tor verlief die Grenze!“ „Das war nicht zu übersehen.... und es hat ihn Kraft gekostet, seine Hemmung an diesem Punkt des Entwurfs zu überwinden: er wollte am Ende nicht als Reaktionär verlacht werden.... ihm blieb nur die Möglichkeit, beide Richtungen der Straße gleichzeitig zu denken, der Osten wollte gen Westen treiben, und der Westen sollte in den Osten fließen.... Graph Rapido musste die Vogelschau des Lageplans verlassen und in seinen Entwurfsraum eintauchen wie ein U-Boot, das auch in starker Strömung seinen Standort halten kann, damit es so sei, als ob ein einziger Entwurf durch ihn hindurchfließt und jedes Jahr eine neue Hochzeit feiert....“

„Wie ein Höhlenforscher, der den Gängen folgen muss, bis sie sich zu neuen Domen öffnen,“ sagt leise Peggy, Marlenes Kopf ist auf ihre Schulter gesunken, leicht flattern noch die Lider. Ich langweile sie mit den alten Geschichten, denkt Lissitzky, wer interessiert sich denn noch für die Mauerzeit? Will und Alex haben sich bereits in die Schlafkojen zurückgezogen.

„Manchmal frage ich mich, wie wir Architekten unsere Motive anderen Menschen vermitteln können....... die nur höflich nicken, wenn wir über Schönheit schwärmen,“ murmelt Mies, „Musik kann man erfahren, ein Bild oder einen Film betrachten, aber durch den Plan ist das Haus noch nicht zu erleben.... sie fragen erst nach dem Nutzen, freuen sich über einen Krankenhaus-Entwurf, betrachten mit Wohlgefallen ein Museums-Modell oder blicken scheu zur Seite, wenn man ihnen ein makelloses Krematorium präsentiert...... welche Nutzung hat Dein Freund denn vorgesehen?“

„Habe ich das noch nicht gesagt? Die Titel haben sich im Lauf der Arbeit vervielfacht: Die Stadt als Prozession „Stattbesäzzung“ hieß der Entwurf zum Schluss, aber als Aufgabenstellung hatte Rapido im Sommer 1988 angegeben: Ein dezentrales Forum für zwei Städte.“

Hier endet der 126. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion und Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

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02:30 17.11.2010
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Geschrieben von

archinaut

Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
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hibou | Community