Zensur ist da, wo wir nicht sind

Kirill Serebrennikow Der russische Film- und Theaterregisseur wurde schuldig gesprochen, dennoch bleibt der Fall grotesk
Zensur ist da, wo wir nicht sind
Plakat für Serebrennikows Film „Leto“ (2018)

Foto: Prod.DB/Imago Images

In seinem letzten Film, Leto (2018), entführte Kirill Serebrennikow den Kinozuschauer in die romantisch-rebellenhafte Szene rund um den Leningrader „Rockclub“ des Jahres 1980. Die samtigen Schwarzweißbilder suggerierten eine bittersüße Melancholie, die sich dann bei näherer Betrachtung als illusionsloses Betrauern gebrochener Biografien herausstellte. In der Sowjetunion von 1980 fanden keine Massenverhaftungen mehr statt, aber jeder Künstler musste sich mit dem Dilemma auseinandersetzen, entweder sein Schaffen durch Zensur genehmigen zu lassen und damit das eigene Künstlertum zu kompromittieren – oder eben in Kauf zu nehmen, nur im Untergrund, unter nie ganz absehbaren Gefahren für Leib und Seele, zu veröffentlichen, Musik oder Filme zu machen.

In Leto zeigt Serebrennikow die Praktiken der Zensur zunächst von einer ihrer „nettesten“ Seiten: Die Rockmusiker sitzen mit der dafür Zuständigen in der Kantine und diskutieren über die zu genehmigenden Texte. Die Frau kritisiert zum Beispiel den „grammatischen Reim“ in bestimmten Zeilen als poetisch minderwertig. Ihr Gegenüber verteidigt die Strophen als „intendierten Primitivismus“. Man kann die dargestellte Diskussion zum Schreien komisch finden – „Auch der sowjetische Rockmusiker soll im Menschen das Beste suchen und eine aktive soziale Position einnehmen!“ –, man kann ihr andererseits ein gewisses Niveau nicht absprechen.

Ein Niveau jedenfalls, das im Skandal um die Anklage und das vergangene Woche erfolgte Urteil gegen den russischen Film- und Theaterregisseur Serebrennikow völlig fehlt. Weshalb der ganze Prozess auch so schwierig einzuschätzen ist. Sicher, seit Serebrennikows Verhaftung und anschließender Verbannung in den Hausarrest vor drei Jahren hat es an internationalen Solidaritätsbekundungen nicht gefehlt. In dem erhobenen Vorwurf, Serebrennikow und seine zwei engsten Mitarbeiter hätten Subventionen in Höhe von 1,6 Millionen Euro unterschlagen, konnte man schwerlich etwas anderes als eine Zensurabsicht erkennen. Zumal der Prozess keinerlei Beweise einer Bereicherung erbrachte, allenfalls die einer chaotischen Buchführung, aus der noch nicht mal ersichtlich wurde, ob überhaupt Geld verschwunden ist.

Dennoch wurde Serebrennikow nun schuldig gesprochen, wenn auch, zur allgemeinen Erleichterung, die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde – was viele als kalkulierte Befriedung der öffentlichen Meinung im Umfeld der Abstimmung zu Putins Verfassungsänderungen einschätzen. Gleichzeitig erscheinen solche Rationalisierungen wie Wunschvorstellungen, dem Verlangen nach einem Sinn geschuldet – denn das wirklich Irritierende am Fall Serebrennikow ist gerade das Irrationale, Abstruse, Groteske des Vorgangs. Tatsächlich kursieren über die wahren Zusammenhänge zahlreiche Verschwörungstheorien, von Mafia-Rache bis Stalinismus 2.0. Hinreichend erklärend ist keine. Es sei denn, man nimmt gerade diesen Mangel an Sinn in den Fokus. Es sind nicht die einzelnen Inhalte, die man an einem Werk wie dem von Serebrennikow zensieren könnte, dazu sind dessen Tabubrüche viel zu subtil und zu wenig oppositionell eindeutig. Weshalb er ja auch aus dem Hausarrest an weiteren Inszenierungen arbeiten durfte. Nein, 1980 wie heute findet die wahre Zensur anderswo statt: nicht bei der Diskussion eines „wertlosen“ Reims, sondern durch das bloße Spürenlassen, dass es sie gibt, geben könnte. Je willkürlicher, desto wirkungsvoller.

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06:00 02.07.2020
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Ausgabe 31/2020

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