Altkader, EU-Politik

Balkan „Pfingstrosenrot“ ist der zweite Roman des Autorenduos Schünemann & Volic
Magdalene Geisler | Ausgabe 16/2016

Wenn Vielvölkerstaaten wie zum Beispiel Jugoslawien zerfallen, dann bleiben nach Krieg, Völkerrechtsbruch, Tod und Gewalt Menschen zurück, die in ihrer bisherigen Heimat zu Fremden geworden sind oder die in eine Region zurückkehren, die einst ihr Zuhause war, wo sie nun mit Feindseligkeit empfangen werden, weil Mehrheiten sich geändert haben. Der Krieg um den Kosovo ist Hintergrund des Romans Pfingstrosenrot. Nach dem gut aufgenommenen Debüt Kornblumenblau, der sich mit dem Mord an zwei Mitgliedern einer serbischen Eliteeinheit beschäftigte, hat das deutsch-serbische Autorenpaar Christian Schünemann und Jelena Volic erneut einen realen Kriminalfall aufgegriffen. Obwohl sich die Tat, welche die Kriminologin Milena Lukin aufklären soll, viele Kilometer entfernt im unabhängig gewordenen Kosovo abgespielt hat, ist Belgrad – einst Hauptstadt Jugoslawiens und heute Serbiens – der wesentliche Handlungsort.

Rein familiäres Interesse bewegt Milena zu Beginn, sich mit dem Mord an einem alten serbischen Ehepaar, das den EU-finanzierten Rückkehrboni eines serbischen Kosovo-Büros glaubte, zu befassen. Der Mord wird sofort den Albanern zugerechnet, aber ist das die Wahrheit? Milena Lukin – selbst in einem prekären Arbeitsverhältnis mit ständiger Furcht vor Fristüberschreitungen bei Finanzierungs- und Stellenanträgen – erörtert in Gesprächen und detaillierten Diskursen immer wieder die Hintergründe der Probleme von Geschichte und Gegenwart in Serbien und im Kosovo, dessen Nationalfarbe „Pfingstrosenrot“ sich vom vielen vergossenen Blut herleitet. Sie arbeitet an einer Habilitationsschrift über die Verbrechen auf dem Balkan der neunziger Jahre. Ihr Freund, der Rechtsanwalt Siniša Stojković, der einst die Untaten eines Diktatorsöhnchens (wer mag das wohl sein?) enthüllte und dafür seine gesicherte Beamtenstelle verlor, ist ihr dabei Partner, auch bei der Aufklärung des Verbrechens.

Es geht wie so oft um Gier und Macht. Liebe kommt auch vor, aber mehr in den Varianten, die Diskriminierung und Ausgrenzung mit sich bringen oder als Karrieresupport. Es geht um Altkader, die beizeiten die Seiten wechselten und sich nun als Erneuerer des Landes aufspielen und dabei reich werden. Neue unbescholtene Beamte werden abgehängt oder gucken weg. Es geht um die EU-Politik mit ihren Förderungsinstrumenten, die zur Korruption verführen. Die nationalistische Karte ist Trumpf. Konflikte werden geschürt, weil es immer einige gibt, denen das nützt. Das alles liest sich spannend und kurzweilig, obwohl der rein kriminalistische Teil dabei gar nicht das spannende Element ist, sondern das Belgrader Lokalkolorit oder das des Kosovo, in das der Leser eintaucht.

Der Krimi verwebt gekonnt die privaten Probleme und Konflikte der Heldin. Da ist die fürsorgliche (Groß-)Mutter, die mit ihrem hervorragenden Essen aus den Schätzen der serbischen Kochkunst den ganzen Laden zusammenhält und in deren Wohnküche einfach Frieden herrscht. Da sind der Ex Philip, der in Hamburg lebt, und der geliebte gemeinsame Sohn Adam. Zum festen Personal gehört auch in diesem zweiten Roman ein Verehrer, nämlich der deutsche Botschafter in Serbien, Alexander Kronburg. Und es gibt Tanja – eine gute und oft hilfreiche Freundin mit lukrativem Schönheitschirurgen-Job.

Das Leben in der weißen Stadt an der Save, die Stimmung zwischen Aufbruch und Resignation, wird in Pfingstrosenrot lebendig und gegenwärtig. Es menschelt angenehm, es ist sehr viel Alltag in diesem Krimi und auch darum liest man ihn – neben den immer wieder lehrreichen politischen Hintergründen und bei wohltemperierter Spannung – mit Gewinn.

Info

Pfingstrosenrot – Ein Fall für Milena Lukin Schünemann & Volic, dtb 2016, 355 S., 22 €

Magdalene Geisler lebt in Berlin und bloggt auf freitag.de

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06:00 26.04.2016

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