PEN: Wo es um mehr als nur um Meinung geht

Autorenverband Im neu gegründeten PEN Berlin dominieren die Publizisten. Literaten, Dichter gar, sind in der Minderheit. Warum das kein gutes Zeichen ist
PEN: Wo es um mehr als nur um Meinung geht

Illustration: Johanna Goldmann für der Freitag

Der Vorstand heißt jetzt „Board“. Statt eines Präsidenten soll es zwei Sprecher:innen geben, mit modischem Doppelpunkt dazwischen. Und irgendwie ist alles frischer und knackiger, so wie das halt ist, wenn man einen neuen Laden aufmacht. Mehr Sonnenbrillen, mehr iPads, weniger Erdkundelehrer. Wie schön. Konkurrenz belebt das Geschäft, lautet eine gute alte kapitalistische Maxime. Doch zwei nationale PEN-Zentren sind nicht besser als eins, weil Spaltung immer eine politische Schwächung ist. Und drei sind weniger als zwei, zumal sie alle derselben Charta verpflichtet sind: der Freiheit des Wortes im Allgemeinen und der Unterstützung verfolgter Autorinnen und Autoren in jedem besonderen Einzelfall und überall auf der Welt.

Warum man dafür hierzulande neben dem seit 1924 bestehenden PEN Deutschland mit Sitz in Darmstadt und einem aus dem 1933 gegründeten Exil-PEN hervorgegangenen PEN für deutschsprachige Autoren im Ausland mit Sitz in London nun auch noch einen PEN Berlin braucht, lässt sich zwar aus internen Querelen und persönlichen Unverträglichkeiten heraus nachvollziehen. Es bleibt eine politische Dummheit. Eine Abspaltung unter besonderer Betonung von Meinungsvielfalt und Diversität ist ein Grundwiderspruch, den diese neue PEN-Gruppierung um den in Darmstadt doch auch an seinem autokratischen Gebaren gescheiterten Deniz Yücel wird aushalten müssen. Was spräche zudem nun noch gegen einen PEN Oberschwaben oder einen PEN Uckermark, der mit einer Spannweite von Lola Randl über Harald Martenstein bis zu Botho Strauß doch auch eine schöne Diversität entfalten könnte?

„Berlin“ ist für den PEN Berlin allerdings weniger Handlungsraum oder Wohnort denn eine Metapher für Weltoffenheit. Doch dafür stehen die anderen Zentren auch schon ein. Meinungsvielfalt ist nicht das Ziel, sondern eine Selbstverständlichkeit für den PEN, der 1921 als friedensstiftende Maßnahme englischer Intellektueller in Reaktion auf den Ersten Weltkrieg gegründet wurde. In seiner internationalen Ausrichtung zielte er nicht zuletzt auch auf die Zivilisierung der rüpelhafteren Deutschen. Meinungen hat schließlich jeder, das ist nicht schwer. Die Kunst besteht darin, sie zurückzuhalten und andere Meinungen zu ertragen. In einer Gesellschaft, deren Social-Media-gespeiste Öffentlichkeit eher an einem Zuviel als an zu wenig Bekundungsfreude leidet, kann es auch im PEN nicht einfach nur um Diversität gehen. Woran es mangelt, ist etwas substanziell anderes, was man vor hundert Jahren vielleicht als „Geist“ bezeichnet hätte: also ein offenes Denken im nicht bloß Meinungshaften, das den intellektuellen Austausch sucht und Räume für Denkmöglichkeiten öffnet.

Wo ist das Elitäre?

Diese Offenheit ereignet sich vor allem in der Literatur. Literatur, wenn sie etwas taugt, beruht weniger als die Publizistik auf Meinungen, weil sie nicht proklamiert und für wahr hält, sondern Erfahrungen beschreibt und dadurch andere, fremde Lebenswelten und Denkweisen sichtbar werden lässt: Literatur als gesellschaftliches Laboratorium; der Dienst an der Sprache als zentraler Bestand der Menschlichkeit. Dass auf der Mitgliederliste des neuen PEN Berlin Publizisten dominieren und Literaten oder gar Dichter in der Minderheit sind, ist demnach kein gutes Zeichen.

Der PEN war im Ursprung ein englischer Club: vornehm, elitär, freundschaftlich. Das Elitäre im Sinne einer strengen Auslese der Mitglieder tat ihm gut und trug dazu bei, dass sein Wort Gewicht hatte. Vermutlich waren da schon die Darmstädter zu lasch und zu klüngelhaft. Der PEN Berlin setzte bei seiner Gründung nun gar auf eine Mailingliste, um in der Kürze der Zeit möglichst viele Leute zum Mitmachen zu motivieren. Mitgliedschaft auf Zuruf stärkt – durchaus sympathisch – die demokratische Ausrichtung. Doch was bedeutet es für einen Verein, wenn jeder, der mitmachen möchte, auch mitmachen darf? Schließlich sind es dann doch wieder die Namen der Prominenten, die öffentlichkeitswirksam ausgestellt werden.

Prominenz adelt. Der inoffizielle Sinn des PEN besteht seit je in der Verwaltung der Eitelkeiten, indem er seinen Mitgliedern Aufmerksamkeit, Herausgehobenheit und Bedeutungszuwachs bietet. Der PEN wollte eben keine Bratwurstbude sein, als die Deniz Yücel die deutsche Vertretung bezeichnet hat, sondern ein Feinschmeckerrestaurant. Dann nützt es aber auch nichts, der Bude mit dem ranzig gewordenen Altöl einen Berliner Döner-Grill zur Seite zu stellen.

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