Soft Power in Ulan-Ude

Bild-Text-Band Putin, Krieg, das Leid und die Toten – schon wahr. Doch daneben existiert ein fast vergessenes Russland
| Ausgabe 10/2015 1
Soft Power in Ulan-Ude
Nastja Ildiz, 34, Betreuerin eines Katzenheims, Modedesignerin

Foto: Olga Matweewa

Gewidmet ist dieser wunderschöne Band dem Vater des Herausgebers Heino Wiese, der von der Kriegsgefangenschaft in Russland schwer krank zurückkam und doch Jahre später seine Liebe zu diesem Land entdeckte und seinem Sohn vererbte. Vorab und keine Randnotiz, Heino Wiese, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD aus Hannover, ist seit Jahren als PR-Berater im Russlandgeschäft tätig. Er hat naturgemäß einen subjektiven Blick auf das Land. Als es noch „nur“ um die Krim ging, im März letzten Jahres, hatte er das (formal umstrittene) eindeutige Referendum der Bürger auf der Krim für Russland so kommentiert: „Da fragen sich natürlich alle, die nicht völkerrechtlich geschult sind, wieso man das mit Sanktionen belegt.“

Die Fortsetzung kennen wir. Man will diesen Bild-Text-Band trotzdem so neutral wie möglich betrachten, gerade weil das Verhältnis zu Russland vom starren Blick auf einen einzigen Menschen, der Wladimir Putin heißt, bestimmt ist, und die Menschen vernachlässigt, die sich in diesem weiten und wunderbaren Land ihr Leben aufbauen, der Gegenwart trotzen müssen und die Vergangenheit dabei nicht vergessen wollen.

Der Band steht in der Tradition der großartigen Reportagen des ARD-Reporters Gerd Ruge, der – jenseits aller politischen Spannungen – immer den Alltag der Menschen im Blick hatte. Die Autorinnen Jessica Schober und Wlada Kolosowa haben (in alphabetischer Reihenfolge) Städte besucht, die oft Tausende Kilometer auseinanderliegen. Ein Kaleidoskop ist da entstanden, das gerade durch das Zickzack zeigt, wie viel Ähnliches und wie viel Unterschiedliches, welche Temperatur-, Religions- und Mentalitätsunterschiede da entfernt voneinander oder auch miteinander leben.

Weg von der Schwiegermutter

Neben den schönen, mir manchmal aber zu gefälligen Bildern von Städten und Landschaften sind es die Porträts ganz verschiedener Menschen in ganz verschiedenen Regionen, die das Buch liebens- und unbedingt lesenswert machen. Sie zeigen auch die Konflikte und Probleme in einer sich wandelnden russischen Welt. Zeigen die sozialen Verwerfungen des Wandels, wenn zum Beispiel ein Sozialarbeiter in Smolensk die Riesenkluft zwischen Arm und Reich, zwischen Bentley und Bettler beschreibt.

Wo eine Mittelschicht noch nicht in dem Maße entsteht, wie es gut wäre für das Land, ballen sich die Konflikte. Man lernt, dass sich die Einwohner wenig um Symbolik kümmern. Sie finden eine Lenin-Statue oder sogar nur einen Kopf des Revolutionärs in ihrer Nachbarschaft nicht schlimm, aber sie finden es gar nicht gut, wenn die Verantwortungsbereitschaft schwächer wird.

Menschen, wie es sie nur in Russland geben kann, begegnen uns. Da ist Iwan Panikarow, der dem „Alltag und der Schwiegermutter“ entkommen wollte und weit weg nach dem schrecklichen Magadan ging, weil man an diesem schrecklichen Ort gut verdiente. Der dort auf das Schicksal der Gefangenen von Kolyma stieß und sich ihrem Schicksal widmete bis auf den heutigen Tag. Und der zu dem Schluss kommt, dass es die Hölle war, aber auch in der Hölle Menschen lebten.

Die Erfahrungen, die die burjatische Parlamentsabgeordnete Anna Skosyrskaja aus Ulan-Ude mit Frauenpolitik in dieser sehr orientalisch geprägten Republik macht, lesen sich seltsam vertraut. „Man hört uns zwar an, aber oft nicht hin.“ Dabei seien Frauen die Soft Power, könnten besser mit Stress umgehen, seien weniger aggressiv und besser im Kooperieren. So ist es also auch im fernen Burjatien, das eine mongolische Vergangenheit hat. Auch die geografischen Dimensionen werden deutlich, wenn man liest, dass die kleine Republik so groß wie Deutschland ist, aber nur eine Million Einwohner hat.

Ja, das ist ein Buch, das werben will. Aber es wirbt für kein Reich, kein ehemaliges Zaren- und kein Putin-Reich – es wirbt für ein Land und seine Menschen.

Magda Geisler bloggt auf freitag.de

Info

Russland. Menschen und Orte in einem fast unbekannten Land Jessica Schober, Wlada Kolosowa Olga Matweewa, Evgeny Makarow (Fotos), Heino Wiese (Hrsg.), Corso 2015, 175 S., 24,90 €

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