Vorwärts und nicht vergessen

Filmerbe Ein Festival in Berlin zeigt, dass die Diskussion über die Sicherung historischer Bestände erst beginnt
Fabian Tietke | Ausgabe 39/2016

Eines wurde von Beginn an deutlich auf dem ersten Filmerbe-Festival, das die Deutsche Kinemathek letzte Woche in Berlin ausgerichtet hat: Es fehlt am Geld. Schon in ihrer kurzen Eröffnungsrede am Donnerstagabend machte die Beauftragte des Bundes für Kultur und Medien, Monika Grütters, klar, dass auch ihr dieser Umstand bewusst ist. Eine Erhöhung des Budgets für die Digitalisierung historischer Filmbestände in deutschen Archiven werde es jedoch erst geben, wenn auch die Bundesländer ihrer Verantwortung in dieser Angelegenheit gerecht würden – eine Verantwortung, die die Mehrzahl der Bundesländer bislang ablehnt. Damit bleibt es wohl vorerst bei einer Million aus dem Haushalt der Bundesbeauftragten und zwei Millionen von der Filmförderungsanstalt (FFA). Zusammen ist das weniger als ein Drittel der zehn Millionen, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) vergangenen Sommer im Auftrag der FFA als Minimalbedarf für eine erste Welle der Digitalisierung errechnet hat.

Analoge Kopien

Das Filmerbe-Festival der Deutschen Kinemathek hat gezeigt, dass – dieser schwierigen Ausgangslage zum Trotz – in den deutschen Filmarchiven bereits einiges an Digitalisierungsinitiativen läuft. So zeigte allein das Festival zehn in jüngster Zeit digitalisierte Langfilme aus der deutschen Filmgeschichte. Voraus gingen diesen Filmvorführungen tagsüber Vorträge, in denen konkrete technische Fragestellungen etwa bei der digitalen Restaurierung von Experimentalfilmen oder des frühen Farbfilms diskutiert wurden. Gleich mehrfach wiesen die Referate auf die Bewahrung der analogen Ausgangsmaterialien hin – etwa Anke Wilkening von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung am Beispiel der Restaurierung von Josef von Bákys Münchhausen von 1943, einem der deutschen Klassiker des fantastischen Films. Aufgrund einer Entscheidung früherer Jahrzehnte, eines der beiden Originalnegative zu entsorgen, steht nun nur noch eines zur Verfügung – und zwar leider das inhaltlich uninteressantere.

Ohnehin ist die Digitalisierung – das stellte Paolo Cherchi Usai vom George Eastman Museum in Rochester im US-Bundesstaat New York zu Beginn des Festivals klar – nur ein Teil der Debatte um den Umgang mit dem Filmerbe. Die Diskussion über die Sicherung historischer Filmbestände auf dem Trägermaterial, das ihre Ästhetik nachhaltig geprägt hat (auf analogem Film), hat in Deutschland unter den aktuellen finanziellen Zwängen noch kaum begonnen.

Dass die Digitalisierung historischer Filmbestände eine Notwendigkeit ist, um sie sichtbar zu halten, ist kaum zu bestreiten. Dass es die einzige Form ist, in der diese künftig sichtbar sein werden, ist nicht zu hoffen. Der Umgang mit den historischen Beständen befindet sich mittlerweile auch in Deutschland in einem Transformationsprozess. Das Filmerbe-Festival der Kinemathek am Potsdamer Platz hat gezeigt, dass man gut beraten ist, trotz aller Faszination des Digitalen sich nicht der Möglichkeit zu berauben, analoge Filme weiterhin herstellen, kopieren und pflegen zu können – Entscheidungen also umkehrbar zu halten.

Der Abbau des hausinternen Kopierwerks des Bundesarchivs, den dessen Leiter, Michael Hollmann, in seinem Vortrag verkündete, ist in dieser Hinsicht ein klarer Fehler. Hollmann wies darauf hin, dass man über der Diskussion, wie die Bundes- und Landespolitik von einer realistischen Finanzgrundlage für die Digitalisierung des Filmerbes zu überzeugen sei, nicht vergessen dürfe, dass die deutschen Filmarchive nicht eben üppig ausgestattet sind. Auch das wird eine Rolle spielen müssen bei der gesellschaftlichen Debatte über den Umgang mit dem historischen Filmbestand deutscher Archive. Mit der Etablierung eines Filmerbe-Festivals durch die Berliner Kinemathek ist in jedem Fall ein wichtiger Schritt getan, um die Debatte dahin zu tragen, wo sie hingehört: in die Öffentlichkeit.

06:00 12.10.2016

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