Rechtspopulisten drittstärkste Kraft in Portugal

Portugal Die Sozialisten mit Premier Antonio Costa schaffen bei den Parlamentswahlen die absolute Mehrheit. Die Rechtspartei „Chega“ erringt 12 Sitze. Wer steckt hinter der jungen Partei?
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Andre Ventura ist ein vom Ehrgeiz getriebener und erfolgsverwöhnter  Tausendsassa. Nun hat er mit seiner rechten Partei 12 Sitze bei den Wahlen in Portugal errungen
Andre Ventura ist ein vom Ehrgeiz getriebener und erfolgsverwöhnter  Tausendsassa. Nun hat er mit seiner rechten Partei 12 Sitze bei den Wahlen in Portugal errungen

Foto: Patricia de Melo Moreira/AFP via Getty Images

„Antonio Costa, eu vou atras de ti agora“, frei übersetzt: „Antonio Costa, ich werde dich jetzt jagen“, jubelte Chega-Chef Andre Ventura am Wahlabend. Das klingt wie ein Copy und Paste Alexander Gaulands, der nach dem AfD-Wahlerfolg 2017 Angela Merkel drohte sie vor sich her zu jagen.

Wer ist der Mann, der mit der neuen Partei „Chega“ die rechtspopulistische Büchse der Pandora in Portugal geöffnet hat? „Gott hat mich für die Mission auserwählt“, so der Jurist in einem Interview. Ist das sein Ernst? Oder ein weiteres Versatzstück aus dem Baukasten rechtspopulistischer Eigenpropaganda ? Glaubt man seinen politischen Gegnern, dann ist Ventura nichts weiter als ein ausgebuffter Politprofi, der die Bedürfnisse seiner Wähler, im Dienste der Macht, rückgratlos bedient. Eiskaltes Kalkül, statt echter Überzeugung. Heute so, morgen so. „Nichts an ihm ist wirklich wahrhaftig“, meint Marina Costa Lobo vom Lissabonner Institut für Sozialwissenschaften. Für sie ist Ventura nichts weiter als ein politischer Opportunist, der zum Beispiel die Korruption geisselt, aber auch keine Konzepte dagegen liefert. Der Parteiname „Chega“ „Es reicht“ ist ein Schlachtruf, um frustrierte Wähler einzusammeln. Und derer gibt es viele in Portugal.

Einst galt Andre Ventura als aufstrebendes politisches Talent der Lissabonner Sozialdemokraten, PSD. Jura-Promotion an der College Cork University in Irland, ehemaliger Juraprofessor in Lissabon, juristischer Berater der Finanzbehörde, Kolumnist der portugiesischen „Bild“ „Correio de Manha“ und Fernseh-Fußballkomentator. Andre Ventura ist ein vom Ehrgeiz getriebener Tausendsassa. Ein geschmeidiger Akademiker, der aber auch die Sprache des einfachen Volkes spricht.

So ergriff das Alphatier die Chance, gleich als Boss einer neuen Partei Karriere zu machen, anstatt sich durch die parteipolitischen Instanzen der PSD an die Spitze zu buckeln. Seit der Gründung 2019 ist „Chega“ eine politische Erfolgsgeschichte. 2019 Einzug als erste rechtsradikale (noch) Einmannpartei ins portugiesische Parlament, knapp 12 Prozent der Stimmen als Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen 2020 und jetzt drittstärkste Kraft im portugiesischem Parlament.

Fußball als Starthilfe

Dass Ventura in der Welt des portugiesischen Fussballs heimisch ist, war sicher nicht von Schaden. Denn in Portugal schwärmt man für Fussball, aber nicht für Politik. So konnte Ventura beide Welten zusammenführen, mit einem Warmstart seines neuen politischen Projektes und einer Fangemeinde aus einem Milieu, wo rechtes Gedankengut durchaus an kommt.

Portugiesische Polizisten und Militärs haben ebenfalls ein Faible für die rechte Partei. Noch vor Corona, im Jahr seiner Gründung, gelang Chega eine eindrucksvolle (und beängstigende) Machtdemonstration. Eines Tages im November 2019 flanierten plötzlich Tausende Sicherheitskräfte durch die Strassen Lissabons. Ganz zufällig versammelten sie sich vor dem Parlament. Dort hielt Andre Ventura ganz spontan eine Rede, aus dem Stegreif. Dann löste sich der Spuk, bzw. die Demonstration, die keine war, wieder auf. Rassistische Übergriffe häufen sich in Portugal, auch von Polizisten. „Chega ist die einzige Partei, die dann aufsteht und die Polizisten verteidigt“, so Ventura. Die rechte Partei buhlt tatsächlich bei jeder Gelegenheit um die Gunst der Sicherheitsbeamten.

Venturas politische Ziele sind ambitioniert. Schon als Präsidentschaftskandidat 2020 durfte es nicht weniger als der zweite Platz sein, hinter dem Favoriten und amtierenden Staatspräsidenten Rebelo de Sousa. Ansonsten werde er zurücktreten. Am Ende wurde er mit „nur“ knapp 12 Prozent der Stimmen Dritter. Zurückgetreten ist Ventura natürlich nicht, denn er hat noch viel vor.

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