Verdauen wie ein Halbgott

Nietzsches Gesundheiten Vor 173 Jahren wurde Friedrich Nietzsche geboren. Warum es nötig ist, eine andere Geschichte von ihm zu erzählen
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Verdauen wie ein Halbgott
Fotografie aus der Serie „Der kranke Nietzsche“

Foto: Hans Olde/Wikimedia (Public Domain)

Die Augen solle er mit Essiglösung spülen, so der Rat des Herrn Doktor. Und Atropin schlucken, einmal täglich, um die Pupillen zu vergrößern. Dr. Heinrich Schiess-Gemuseus, Augenarzt in Basel mit Namen wie aus einer Hoffmann-Erzählung, bekommt 1872 fast täglich denselben Besuch. Der da sitzt, wenn er denn vor lauter Hämorrhoiden sitzt, trägt den Namen Friedrich Wilhelm Nietzsche und 14 Dioptrien. Was in Basel die Adresse von Doktoren trägt, darf sich auf Nietzsche-Besuche verlassen. Schwindel- und Migräneanfälle, Lähmungen, Sprechstörungen, Magen-Darm – eine einzige Wucherung diffuser Symptome schleppt sich zum Basler Lehrstuhl für Klassische Philologie.

Nietzsche entgegnet dem mit Wasser- und Duschkuren, er wird zeitweise Vegetarier, trinkt salzige Lösungen und Chloralhydrat – eines der ersten Schlafmittel –, das er sich, nach Auskunft seiner Mutter, „pfundweise“ besorgt. Er macht Zimmergymnastik, trägt Beatmungsgeräte und mitunter zwei Brillen übereinander. Unter dem Sirenengesang der Doktoren Krüger, Wille, Binswanger und Schiess-Gemuseus wird Nietzsche zu einem, der sich nur als krank denken kann. Man muss nur seine Diagnoseberichte lesen, um zu verstehen, dass sie erst einmal überhaupt nicht in Subjektphilosophie enden, sondern in Naturheilkunde mit warmen Umschlägen.

Aniszwieback im Dunkeln

Dann entdeckt er in Sils-Maria den Plural von „Gesundheit“, der bis heute im Duden fehlt. Acht Jahre später, an seinem 44. Geburtstag, darf er sich in Schweizer Bergdörfern sein Leben erzählen: Er war nie krank, er wurde nur lange, lange gesund. Der „Glücksfall Krankheit“, wie ihn Friedrich Kittler nennt, wird Anlass und Programm von Philosophie. 1881 erhält die Mutter einen Brief: „Ich will mein eigener Arzt sein“ steht darin, „und dazu gehört bei mir, daß ich [...] auf nichts Fremdes mehr hinhöre.“ Dr. Eisler hat er schon vor ein paar Tagen geschrieben, er käme nicht mehr, er wolle jetzt spazieren gehen. 1800 Meter über dem Meeresspiegel – so weit oben muss einer stehen, zu merken, dass er nur solange krank ist, wie er in Behandlungszimmer geht. Dass Stethoskope nicht mit Subjekten, sondern mit Körpern ohne Erzählung kommunizieren. Leipziger, Bonner und Basler Ärzte, das weiß er jetzt, haben immer nur seine Krankheiten, nie die Gesundheiten untersucht. Aber das sind nur Gutachten, Fremdbeschreibungen. Es komme drauf an, sich eine eigene Erzählung zu geben.

Ab sofort verschriftlicht Nietzsche körperliche Kleinstbeobachtungen. Man kann sie nachlesen, es sind Negative von Einkaufslisten. Womit sein „Magen schlecht oder gar nicht fertig wird“ steht dort: „Kartoffeln Schinken Senf, Zwiebeln Pfeffer [...] Blätterteig Blumenkohl Kohl Salate [...] Wein Würste [...] grüne Erbsen Bohnen Carotten“ – es ist ein ganzes Alphabet. Morgens rohes Eigelb, Tee nur im zweiten Aufguss. Zweimal täglich Anieszwieback, „von 7-9 Abends still im Dunklen sitzen.“

Stoffwechselmodalitäten und Magendynamik, Bewegungspflichten und Lektüreverbote, von all dem schreiben die kurzsichtigen Augen. Eine einzige Umcodierung medizinischer Befunde stützt sich darauf: „Es fehlt jeder krankhafte Zug an mir; ich bin selbst in Zeiten schwerer Krankheit nicht krankhaft geworden“, schreibt er. Nietzsche, mittlerweile sein eigener Arzt, besucht zur gleichen Zeit Gottfried Keller in Zürich. „Sehr nett“ sei er gewesen, nur sein Deutsch „entsetze“ ihn. Keller, bärtig und aufgeschlossen, sagt über Nietzsche: „Ich glaube, dä Kerl ischt verruckt.“

Nackt im Hochgebirge

Aber er ist nicht verrückt, er erzählt ja nur. Wie er sich selbst beobachtend geheilt hat. Wie gesund er ist. Ja, er „verdaue wie ein Halbgott“, schreibt er an seinen Freund Peter Gast, „Meine Gesundheit ist wirklich ausgezeichnet“ an seine Mutter. Die Schwester, das „Überlieschen“, erhält derweil Briefe, dass er es jetzt mit Kakao versuche, weil die Migräne nicht aufhöre. Die Freunde bekommen Nachricht, mit der Lotterie lasse er es jetzt sein, hoffnungslos sei das alles. Hätten die besten deutschen Ärzte recht behalten, er wäre außerdem schon lange blind, kann man auf einem kaum zu entziffernden Brief mit ruinöser Handschrift lesen.

„Ecce Homo“ heißt die Erzählung, die sich Nietzsche in Sils-Maria 1888 dann erzählt. Warum er so „klug“ und „weise“ ist, und weshalb er „so gute Bücher schreibt“ heißen die Kapitel von einem, der schon lange kein Patient mehr ist. Er hätte sich selbst wieder gesundgemacht – die Bedingung: „dass man im Grunde gesund ist“. Ein paar Monate später soll er in Turin ein Pferd umarmt haben – darüber ist alles gesagt. Er kommt nach Jena, beschmiert Wände mit Exkrementen, schreibt Kriegserklärungen an Bismarck und den ersten Wilhelm. Franz Overbeck, sein langjähriger Freund, glaubt aber, der Kerngesunde simuliere nur. Wie einer sich sein Leben erzählt, bleibt immer noch glaubhaft. 1900 stirbt der Gesunde dann. 7 Jahre später wird seine Selbstbeschreibung zum Bildnis viriler Winckelmann-Ideale. Ein Exlibris für Berthold Friedrich Sutter – seines Zeichens Verfasser von Turnerschaft-Chroniken – erzählt Nietzsches Gesundheit auf den Buchdeckeln der Annalen sportlicher Studenten weiter. „Der nackte Nietzsche im Hochgebirge“ heißt diese Zeichnung Alfred Soders. Ewig fröstelnde („Ich friere so: Strümpfe! Viel Strümpfe!“) und halbblinde Nietzsche-Körper finden sich nackt und ohne Brille in Hochgebirgen wieder.

Mitochondriale Enzephalomyopathie, Laktazidose und Schlaganfall-ähnliche Episoden – kurz: MELAS – heißt die jüngste Ignoranz der Nietzsche-Forschung. Über 100 Jahre nach seiner ersten Syphilis-Diagnose wird der Gesunde immer noch mit Diagnosen zum Kranken gemacht. Nun erzählen aber Mitochondrien nicht. Ihr epistemischer Mehrwert ist gleich Null. Also haben sie auch gesunde Nietzsche-Körper samt ihrem Selbstentwurf nicht zu interessieren. 1888, in Turin, wo Nietzsches sogenannte „finale Krankheit“ „nun dramatisch in Erscheinung tritt“– so einer der letzten Aufsätze zum Thema – endet die Erzählung, deren Exegeten sich für keine erfundene Dramaturgie zu schade sind. Es werden immer noch Geschichten über Nietzsche erzählt. Nur nie seine eigene.

Was aber MELAS heißt, was Reizdarm, was Myopie und Fieberkrampf – alles muss seine Deutungshoheit erst gegen den behaupten, der an seinem 44. Geburtstag von seiner „großen Gesundheit“ erzählt. Und nicht vorhat, sich etwas anderes erzählen zu lassen. Geben wir ihm seine Erzählung zurück.

10:08 15.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Felix Lindner

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