Start einer neuen Bewegung

Helfen Auch in Deutschland gibt es immer mehr Anhänger des 
Effektiven Altruismus. Die Bewegung fasst nun hierzulande Fuß. Aktive glauben an eine große Zukunft
Felix Werdermann | Ausgabe 12/2016 3
Start einer neuen Bewegung
Wie sähe unsere Welt aus, wenn alle nach den Prinzipien des Effektiven Altruismus leben würden?
Illustration: Bratislav Milenkovic/The Guardian

Das provisorische Büro sieht unverdächtig aus, doch es könnte die Keimzelle für eine neue Bewegung in Deutschland sein. Berliner Altbauwohnung, vierter Stock, hohe Decken, große Fenster, keine Bilder, keine Pflanzen, nur zwei Tische. Fünf junge Männer sitzen vor ihren Laptops, hauen in die Tasten, chatten auf Facebook. Sie werben für den Effektiven Altruismus. Die Idee: Wir sollten mit unserer Zeit und unserem Geld möglichst effizient umgehen, um möglichst viel Gutes zu tun. Globale Armut bekämpfen, Tierleid mindern, existenzielle Risiken für die Menschheit ausschließen.

In anderen Ländern ist die Bewegung schon stärker, besonders in den USA und Großbritannien, aber auch in der Schweiz. Dort hat die Stiftung für Effektiven Altruismus ihren Sitz, die jetzt nach Deutschland expandiert. Tobias Pulver gehört zur „Vorhut“, wie er es nennt. Der 25-Jährige hat Politikwissenschaft studiert, an der Uni Zürich kam er mit dem Effektiven Altruismus in Kontakt, nach seinem Bachelor-Abschluss entschied er sich gegen ein Masterstudium und arbeitete lieber für die Stiftung. Erst in Basel, seit Anfang März in Berlin.

„Wir wollen unsere Arbeit auf den kompletten deutschsprachigen Raum ausweiten“, sagt Pulver. Berlin hat aber noch einen weiteren Vorteil: „Es lebt sich günstig hier. Wir können mit den gleichen Ressourcen mehr Leute anstellen.“ Da ist er wieder, der Effizienz-Gedanke. Wäre dann nicht ein Büro in einem Entwicklungsland am sinnvollsten? „Das war tatsächlich eine Überlegung“, sagt Pulver. „Dagegen spricht aber, dass wir eine Bewegung aufbauen wollen. Dafür müssen wir vor Ort sein.“ Konferenzen organisieren, Vorträge halten, Leute treffen. Einige deutsche Ortsgruppen hat die Stiftung bereits: Bayreuth, Berlin, München, Osnabrück, Stuttgart.

Lohnverzicht als Spende

In der Hauptstadt soll nun die neue Zentrale entstehen. Bisher ist das nur eine WG aus jungen Menschen, die für die Stiftung arbeiten oder dem Effektiven Altruismus nahestehen. Die Küche ist noch nicht eingebaut, ein Zimmer dient vorläufig als Arbeitszimmer. In den kommenden Monaten sollen bessere Räume gefunden werden und das Büro ausziehen.

Die Stiftung beschäftigt rund 20 Leute, davon fünf in Deutschland. Einer von ihnen ist Stefan Torges. „Es geht darum, die Idee bekannt zu machen und gerade bei jungen Leuten ethische Karrierewahlen in den Fokus zu rücken.“ Sprich: Welchen Beruf soll ich wählen, um am meisten Gutes zu bewirken? Beispielsweise kann es sinnvoll sein, viel zu verdienen, um viel zu spenden.

Bei der Stiftung hingegen bekommen die Mitarbeiter nur sehr wenig bezahlt. Torges beispielsweise erhält den gesetzlichen Mindestlohn, im Monat sind das rund 1.100 Euro netto. „Ich komme damit aus“, sagt der 24-Jährige. Andere bekommen nur wenig mehr. Langfristig will die Stiftung aber höhere Gehälter zahlen, erklärt Tobias Pulver. Im Moment hätten viele keine Familie, bräuchten nicht so viel Geld. „Wir setzen uns mit den Leuten zusammen und besprechen: Was ist deine Erwartung, damit du motiviert arbeiten kannst?“ Der Lohnverzicht sei eine Art Spende für die Bewegung. Es gebe daher auch keinen Neid auf Besserverdienende innerhalb der Stiftung. „Die Leute sind stolz, wenn sie weniger verdienen als andere.“

Welche Zukunft hat die Bewegung für Effektiven Altruismus in Deutschland? Bisher ist sie hierzulande noch klein. Eine Facebook-Gruppe für den gesamten deutschsprachigen Raum hat gerade mal 1.000 Mitglieder. Allerdings hat die Bewegung gerade unter jungen Leuten großen Zulauf. Im Prinzip lässt sie sich mit drei Worten beschreiben: jung, männlich, vegetarisch. Pulver und Torges berichten, dass nur wenige Aktivisten älter als 30 Jahre seien. Den Frauenanteil schätzen sie auf ein Drittel. Und rund 80 Prozent lebten vegetarisch, in der Stiftung arbeiteten fast nur Veganer.

Die beiden glauben fest an die Zukunft ihrer Bewegung. Durch Internet und soziale Medien können sich die Interessierten besser vernetzen, das sei für das Entstehen sehr wichtig gewesen. Zudem änderten sich die Moralvorstellungen. Immer mehr Lebewesen würden in den „empathischen Kreis“ einbezogen, meint Torges. Früher war es nur die Familie, dann kamen die Gesellschaft, die Menschheit, die Tiere. Er ist überzeugt: „Es gibt einen ethischen Fortschritt.“

06:00 20.04.2016

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