Jörg Friedrich
04.10.2012 | 16:57 11

Kulturelle Verzierungen

Wundersamer Alltag Man kann einen Feiertag dazu benutzen, durch den Wald zu streifen und Pilze zu suchen. Aber warum tut man so etwas?

Kulturelle Verzierungen

Foto: Imago/Blickwinkel

Es gibt Tätigkeiten, die an einem "Tag der Deutschen Einheit" ferner liegen als ein Waldspaziergang und das Sammeln von Pilzen. Im Pilzesammeln unterschieden sich die Ost- und Westdeutschen spätestens in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als die Angst vor radioaktiv verstrahlten Pilzen auf beiden Seiten auf unterschiedliche Weise politisch instrumentalisiert wurde, gewaltig, und so kann man es durchaus als einen – wenn auch kleinen – Beitrag zur deutschen Einheit sehen, wenn ein ehemaliger Vorpommer am 3. Oktober 2012 in Nordrhein-Westfalen Pilze sammeln geht. Zumal es schließlich Herbst ist.

Aber warum sammelt er Pilze? Er könnte auch durch die Wälder des Sauerlandes streifen ohne den Blick suchend auf den Boden zu heften. Er könnte, wenn er Appetit auf Pilze hat, auch mit dem Rad zum Markt fahren, statt mit dem Auto in den Wald. Niemand kann behaupten dass es ökonomisch sinnvoll, ökologisch geboten oder besonders erholsam ist, angestrengt zu versuchen, trockenes Laub und Tannenzapfen von Maronen und Steinpilzen zu unterscheiden.

Nicht mit überschwänglicher Freude verknüpft

In früheren Zeiten hatte das Suchen von Pilzen und Beeren im Wald nichts mit Freude und Erholung zu tun, es gehörte für viele Menschen schlicht zur Sicherung der Ernährung. Und auch in den Erinnerungen des Autors an seine eigene Kindheit ist der Ausflug mit den Eltern in den Wald zum zweck des Suchens und Findens der Wildfrüchte nicht eben mit überschwänglicher Freude verknüpft. Für viele Menschen in der DDR waren selbst gesammelte Pilze zwar eine willkommene Abwechslung im Speiseplan oder gar eine Delikatesse, aber das galt wohl vor allem für Erwachsene und weniger für die Kinder. Ob auch in der Bundesrepublik Kinder in den 1970er Jahren noch von ihren Eltern an Samstagen freundlich zum Ausflug in den Wald gebeten wurden, mit dem Ziel, das Mittagessen zum Sonntag zu vervollkommnen, ist dem Autor nicht bekannt.

Knapp vierzig Jahre später gibt es jedenfalls keine Notwendigkeit mehr, Pilze aus dem Wald in die Pfanne daheim zu würfeln. Und trotzdem tut man es. Aus der Notwendigkeit ist eine Freude geworden. So ist es mit vielen Tätigkeiten: Manches, was vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten notwendig zum Überleben war, wurde zum Sport, wie Schifahren oder Joggen, anderes zum Hobby, etwa Töpfern und Stricken, oder eben zur Erholung, wie das Beeren- und Pilzesammeln.

Ornamente der Kultur

Noch kann man sich vorstellen, dass es einmal eine Zeit gegeben hat, in der die Leute ihre Nahrungsmittel nicht einfach aus dem Supermarkt oder dem Bioladen geholt haben, sondern dass sie manches von dem, was sie zum Leben brauchten, selbst sammeln mussten. Davon ist das Pilzesammeln sozusagen ein Erinnerungsstück, wie ein Ornament, das an einer Fassade nur noch als Schmuck angebracht ist.

Ornamente, so habe ich einmal gelesen, seien Überbleibsel von Elementen eines nützlichen Dings, die einmal eine Funktion hatten, die aber verloren gegangen ist. Sie sind dann nur noch Verzierungen an den Produkten des menschlichen Tuns. So sind auch manche Traditionen, Sportarten und Hobbys Ornamente, sie verzieren die alltägliche Kultur mit ihren nützlichen Regeln und vernünftigen Verhaltensweisen. Dass das Pilzesammeln einmal nützlich, sogar notwendig war, ist noch nicht ganz vergessen, aber es ist vorstellbar, dass sein Zweck einmal ganz in Vergessenheit gerät (man wird ihn allerdings immer im Internet recherchieren können) – und dann nur noch als zweckfreies Tun eine funktionierende kulturelle Fassade unterbricht.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Veränderung mit einem Wundern.

Vergangene Woche wunderte er sich über eine Messe, die "alles für die Frau" anbieten will.

Kommentare (11)

Vaustein 04.10.2012 | 17:38

Das Pilzesammeln ist ja für den Kenner auch und vor allem mit Genuß verbunden. 2-3 in Olivenöl eingelegte Steinpilzhüte gegrillt als Beilage zu einem Rumpsteak sind halt nicht beim Discounter zu kriegen. Oder in Essig eingelegte Mischpilze der kleineren Arten.....mmmh.

Semmelstoppelpilze, die beim Bruzzeln und Sieden noch immer fest bleíben oder Essigpilze aus kleinen, geköchelten Halimaschpilzen...das sind Genüsse, die man sich schon erarbeiten muss. Für den, der sich darum bemüht ist das eine kulinarische Bereicherung, die wirklich lohnend ist.

angnaria 04.10.2012 | 17:50

OK, viele Pilze kann man kaufen, aber da sich der "König der Pilze", der Steinpilz nicht züchten lässt, zahlt es sich in jedem Fall aus, die selbst aus dem Wald zu holen (so man sie denn findet).

Außerdem spielt beim Pilzesammeln auch der Belohnungseffekt (auf den z.B. auch die Videospielprogrammier setzen) eine Rolle.

Und letztlich ist es einfach auch gesünder den Tag in der frischen Luft zu verbringen und sich zu bewegen.

Gustlik 04.10.2012 | 19:35

"...weniger für die Kinder..." ?

Bin eigentlich als Kind gern durch die Schorfheide bei Berlin, um mit den Großeltern in den Pilzen zu sein. Wir haben aber auch noch Kirschen, Pflaume, Birne und Äpfel vom Baum geholt, Blaubeeren gesammelt... was die nachwachsende Rohgeneration fast völlig verlernt hat. Sie erkennt nicht mal Kamille am Wegesrand, scheint vom isotonischen Störgetränk völlig von der Rolle. Natürlich waren wir völlig altmodisch...

mklingma 05.10.2012 | 10:05

Ich kenne kaum eine schönere Feiertagsbeschäftigung. Es geht ja nicht nur um Steinpilze, es gibt noch eine große Menge anderer nicht im Supermarkt verfügbarer Pilze, nicht nur Steinpilze und die oben abgebildeten Maronis (die ja besonders belastet sein sollen). Rötelritterlinge, Reizker, Graublättrige Schwefelköpfe, junge Bowiste, Parasole, Samtfußrüblinge im Winter ... Meinen Kindern macht es großen Spaß selbst Pilze zu finden und die größere (achtjährige) isst sie mittlerweile auch mit Vergnügen.

Vaustein 05.10.2012 | 13:58

Sie führen eine ganze Reihe sammelnswerter Pilzarten an. Das ist sehr gut.

Zwei Pilzarten der kleineren´Arten möchte ich noch erwähnen. Aus 2 Gründen. 1. weil sie meist massenweise anzutreffen sind und 2. weil beide Arten sehr würzig sind. Es sind dies die Trompetenpfifferlinge, die einen tollen Geschmack haben und exzellent in Saucen eingebracht werden können. Dann die Herbsttrompete oder Totentrompete, die zwar etwas düster aussieht, aber vorzüglich schmeckt und getrocknet und gemörsert eine wunderbare Pilzwürze ergibt. Vom Küchenmeister Bocuse gibt es ein Hühnerrezept, bei dem Trüffelscheiben unter die Haut eines Bresshuhns geschoben werden. Nimmt man anstelle der Trüffel Teile der Totentrompete schmeckt das noch besser als mit Trüffeln.

weinsztein 07.10.2012 | 02:55

@Vaustein,

Sie kennen sich wirklich aus. Hallimasch ist ein klasse Pilz, einfach nur gebraten mit Öl, Zwiebeln und Speck, dargereicht auf einer Scheibe Roggenbrot.

Ergänzend: Zur Herkunft des deutschen Namens Hallimasch gibt es übrigens widersprüchliche Angaben: Einmal soll er wegen seiner angeblich kurativen Wirkung bei Hämorhioden von „Heil im Arsch“kommen. Eine andere etymologische Deutung leitet ihn von „hal (glatt, schlüpfrig) im Arsch“ ab, da die Hallimasche im rohen oder ungenügend gekochten Zustand eine stark abführende Wirkung haben, es wird auch eine lautmalerische Ableitung vom "Hall" durch erzeugte Blähungen unterstellt.

(wiki)

Vaustein 09.10.2012 | 14:33

Die Erklärung zur Herkunft des Namens Hallimasch kenne ich aus verschiedenen Quellen. Wahrscheinlich ist das aus dem süddeutschen Sprachraum.

Interessant ist aber die Diskussion unter Mykologen ob der Hallimasch ein Schädling ist, der Bäume krank macht, oder aber ob er nur bereits erkrankte Bäume befällt.

Zu der erstgenannten Theorie gibt es hier einen interssanten 4-Minutenfilm aus der Schweiz.

http://www.videoportal.sf.tv/video?id=ffaf385b-1637-46ce-9686-7a7678dc306e