Die große Ungeduld

Corona-Krise Wir leben in einer Gesellschaft, die stets um den besten Weg ringen sollte. Da ist Gehorsam keine Tugend, sondern eine Gefahr
Die große Ungeduld
Seit über einem Jahr werden sehr weitreichende und sehr unterschiedliche Corona-Maßnahmen ausprobiert. Die Seuche wird nicht besiegt, sondern nur auf Abstand gehalten

Foto: Westend61/IMAGO

Hier ein Überblick über die neuen Corona-Verordnungen: „Ab null Uhr herrscht Maskenpflicht für die Sternzeichen Jungfrau, Waage und Wassermann und für alle Volvo-Fahrer, außer wenn sie grüne Socken tragen. Die Maßnahme gilt nur von 18.00 Uhr bis 21.30 Uhr, vorausgesetzt, Sie fahren einen Audi mit einer 17 im Kennzeichen. Wenn Ihre Hausfarbe gelb ist, dann dürfen Sie nicht aus dem Haus, außer es steht auf der rechten Straßenseite. Die Ausnahme entfällt jedoch, wenn ein Parkplatz davor ist.“

Der österreichische TV-Journalist Ferdinand Wegscheider hat die Lage im vergangenen Oktober so zusammengefasst. Man sieht, sehr viel weiter sind wir seitdem nicht gekommen – abgesehen davon, dass wir nun in weiten Teilen des Landes zwischen 22 Uhr abends und 5 Uhr morgens nicht mehr aus dem Haus dürfen, es sei denn, man ist allein, dann darf man bis Mitternacht draußen sein, aber nur, wenn man spazieren geht oder joggt. Wer noch später rauswill, braucht einen Hund. Wer das nicht lustig findet, ist selber schuld.

So wie die 53 SchauspielerInnen, die die Öffentlichkeit unter dem Hashtag #allesdichtmachen auf den Humorprüfstand gestellt haben, wo dann alle durchgefallen sind – Schauspieler und Publikum. Die einen waren nicht lustig, den anderen war nicht zum Lachen. Dabei fängt Humor doch da an, wo der Spaß aufhört. Zum Beispiel bei der Corona-Politik. Hilflos und überfordert zeigt sich die Kanzlerin am Ende ihrer Amtszeit. Aber so widersprüchlich die von ihr favorisierten Maßnahmen auch sind – die meisten Medien halten zu ihr.

Man muss dem Virus ja dankbar sein, dass es uns so viel über uns selbst gelehrt hat. Wir kennen Deutschland jetzt besser als vorher. Krankenhäuser: super. Schulen: Geht so. Medien: Flop. Es ist bedauerlich, aber leider wahr: Erstes Opfer des Virus waren die Journalisten, und sie haben sich bislang nicht erholt. Beim besten Willen kann niemand der Ansicht sein, die Mehrzahl der deutschen Qualitätsmedien habe im vergangenen Jahr unvoreingenommen über die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise berichtet. Es galt im Gegenteil das unausgesprochene Motto: Erst schließen, dann fragen.

Der Schauspieler Jan Josef Liefers hat darum den Medien in seinem Videobeitrag zu #allesdichtmachen auf ironische Weise mangelnde Distanz und Panikmache vorgeworfen. Danach wurde er erst geteert und gefedert, durch die Straßen geschleift und schließlich an einem Laternenpfahl aufgehängt – bildlich gesprochen, aber die Stimmung war schon nach Lynchen.

Dabei hatte er einfach nur recht. Jüngstes und prominentestes Beispiel: die ARD-Talkerin Anne Will. Neulich hatte sie die Kanzlerin zu Gast und bekannte ganz freimütig, sie habe bewusst darauf verzichtet, eine „Gegenposition“ zu beziehen, und wolle stattdessen „im Kosmos“ der Kanzlerin bleiben. So weit, so bedauerlich. Dann gab Will der Kanzlerin die Vorlage, eine ZDF-Umfrage zeige, dass die Bürger zu härteren Maßnahmen bereit wären. Merkel: „Das stimmt.“ Will blendete die Umfrage ein: Danach waren 36 Prozent der Deutschen für härtere Maßnahmen, 26 Prozent hielten die geltenden schon für „übertrieben“ und 31 Prozent für „gerade richtig“. Trotzdem fragte Anne Will: „Warum machen Sie nicht mehr daraus? Die Menschen hätten Sie hinter sich.“ Wer im Merkel-Kosmos mit der Kanzlerin zu Bett geht, verlernt als Erstes das Rechnen. Das gehört zu den Risiken des embedded journalism.

Die Mehrzahl der Journalisten will Taten sehen und keine Worte mehr hören. Da ist eine große Ungeduld mit den sogenannten deliberativen Verfahren der Demokratie zu spüren. Darum werden die Ministerpräsidenten in den Medien andauernd gescholten – während sich die Kanzlerin höchstens den Vorwurf anhören muss, sich nicht genug durchgesetzt zu haben. Aber wir sind hier nicht am Matterhorn in der Seilschaft, wo alle in den Tod stürzen, wenn einer ausschert – und auch nicht im Rettungsboot, wo alle kentern, wenn einer plötzlich aufsteht. Wir sind in einer freien Gesellschaft, in der beständig um den besten Weg gerungen wird. Gehorsam ist in der Demokratie keine Tugend, sondern ein Risiko.

Seit über einem Jahr werden sehr weitreichende und sehr unterschiedliche Corona-Maßnahmen ausprobiert. Die Seuche wird nicht besiegt, sondern nur auf Abstand gehalten. Mehr geht auch gar nicht. Denn anders, als uns das die No- und ZeroCovid-Kreuzritter einreden wollen, wird Covid-19 nicht wieder verschwinden. Man muss dem Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, dankbar sein, der vor kurzem klar gesagt hat, die Menschheit müsse sich auf ein Leben mit Corona einstellen: „Ein Virus, das eine Menge Tierarten infizieren kann, das lässt sich nicht ausrotten.“

In Wahrheit sind wir dabei, uns an Corona zu gewöhnen. Wir opfern dabei vieles, aber nicht alles von dem, was unser Leben ausmacht. Vielleicht ist das der einzige Weg, in einer halbwegs freien Gesellschaft mit dieser Krankheit zu leben, bis die sogenannte „Herdenimmunität“ durch Impfung erreicht ist. Diesen Pragmatismus – für den die Ministerpräsidenten stehen – kann man als „Herumwurschteln“ diffamieren und immer wieder nach der großen Lösung rufen. Aber das ist unernsthaft und populistisch – und anders als #allesdichtmachen leider keine Satire.

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06:00 29.04.2021
Geschrieben von

Jakob Augstein

Journalist und Gärtner in Berlin
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Ausgabe 19/2021

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