AfD von Berlinale wieder ausgeladen: Aussperren statt Aushalten

Meinung Wie viel politische Vielfalt mutet die Berlinale sich zu, wenn sie AfD-Politiker erst ein-, dann auslädt? Zu wenig, meint Katharina Körting
Noch etwas braun: Ein Silberner Bär im Rohguss
Noch etwas braun: Ein Silberner Bär im Rohguss

Foto: Jens Kalaene/picture alliance/dpa

Zuerst war es gut, denn es war ein Dilemma, die Berlinale-Einladung von AfD-Politikern, darunter eine Teilnehmerin der berüchtigten Potsdamkonferenz der Deportationsplaner. Ein Dilemma zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht auflösbar ist: Man ist gezwungen, sich zwischen zwei sehr unangenehmen Unannehmlichkeiten zu entscheiden – oder eben im Unbequemen zu bleiben.

Ein öffentliches Dilemma ist das Beste, was der Kulturpolitik passieren kann. Es ist transparent, ehrlich, demokratisch, antirechtsextrem und menschlich. Es widersteht dem grassierenden Eindeutigkeitszwang, der Bekenntnisideologie, der Ambivalenzintoleranz.

Doch das öffentliche Dilemma war offenbar nicht aushaltbar, der Identitäts-Druck zu stark, die Selbstüberschätzung der Berlinaleschaffenden zu groß. Denn das ist schon auch bizarr: In den Parlamenten und Talkshows dürfen sie nicht nur sitzen, sondern auch reden, in den sozialen Netzwerken, gemütlich vom Sofa aus send- und konsumierbar, ihre Lügen verbreiten, aber ins sich anspruchsvoll, NS-resilient und politisch dünkende Kino dürfen sie nicht? Sollte dann nicht konsequenterweise gar keine Politikerin eingeladen werden – und lieber der Bauarbeiter, der den Saal gebaut hat, der Tischler, der am Ticket-Counter gefeilt hat und mit einiger Wahrscheinlichkeit erwägt, AfD zu wählen, wenn das so weiter geht mit „denen da oben“?

Als meine Kinder klein waren, habe ich in Dilemma-Situationen – stets voller Angst, es könnte etwas passieren und eines könnte vom Klettergerüst fallen – überlegt: Droht schlimmstenfalls Tod oder Querschnittslähmung? Oder „nur“ eine Verstauchung, ein Bruch? Wenn der schlimmste Fall aushaltbar schien, habe ich mich gezwungen, wegzugucken und nur fünf-, nicht zehnmal „sei vorsichtig!“ zu rufen.

Was wäre nun schlimmstenfalls auf der Berlinale passiert, wären sie tatsächlich gekommen, die personae non gratae der AfD? Hätten sie eine Rede gehalten? Kaum. Hätten sie AfD-Flyer verteilt? Hätten sie Martin Sellner mitgenommen und ihm multikulturell zertifiziertes und fairgetradetes Popcorn ausgegeben? Unwahrscheinlich, wobei das vielleicht ein Anfang wäre für ein Gespräch. Das größte Risiko bestand offenbar nicht für die Kulturfreiheit, sondern für das wohlige Befinden der Kulturschaffenden, unter ihresgleichen zu sein.

Menschen mit eindeutig nicht rechtsradikalen Haltungen wollen nicht zusammen mit politisch fragwürdigen Gestalten in einem Kinosaal Applaus spenden oder sogar nickend grüßen müssen. Es hätte auch die abseitige Möglichkeit bestanden, dass AfD-Nahe sich ermutigt fühlen, ein Ticket zu erwerben, wenn ihre Peergroup dort ist. Die Berlinale, ausgestattet mit einigem Steuergeld, das auch von AfD-Wählern stammt, hätte vielfaltsferne Menschen mit einer vielfältigen Kulturpolitik in Berührung gebracht. Womöglich wären Überzeugungen, wenn auch zunächst nicht öffentlich, ins Wanken gekommen. Bestenfalls hätten sich AfD-Menschen mit nicht-AfD-Menschen unterhalten, gestritten, auseinandergesetzt – anhand eines Films.

„Die Berlinale ist ein einzigartiger Ort der künstlerischen Auseinandersetzung und der Unterhaltung“, heißt es in der Selbstbeschreibung. Dass 2019 auf ihr der letzte „Alfred-Bauer-Preis“ (seitdem schlicht „Silberner Bär“) verliehen wurde, steht nicht prominent. Benannt wurde er nach dem ersten Berlinale-Leiter 1951–1976 mit NSDAP-Vergangenheit. Also einer von den vielen, die vermutlich nicht „böse“ waren, aber auch nicht „gut“. Nach Alfred Bauer muss man auf der Berlinale-Webseite suchen, erstmal findet man nur die „wechselvolle Geschichte“ – nichts von Nazi-Verdrängung, dafür viel vom „Wirtschaftsfaktor“, vom „politischste(n) aller großen Filmfestivals“ und der Selbstbelobhudelung als „vielfältig, unabhängig und risikobereit“.

Der Mut, ins Risiko zu gehen, scheint derweil eher gering ausgeprägt. Es drängt sich im Gegenteil der Verdacht auf, dass es bei dem ganzen Dilemma-nicht-Aushalten weniger um die Bekämpfung rechtsextremer Positionen geht als darum, die eigene Kulturperson und -institution öffentlich weitest möglich reinzuhalten. Was angesichts der Berlinale-Geschichte seltsam anmutet. Man fragt sich, wovor die Kulturmacher mehr Angst haben – vor der AfD oder vor sich selbst. Wir Deutschen sind halt gnadenlos konsequent, auch im Verdrängen des „Bösen“. Mit dem wollen wir nichts zu tun haben. Und riskieren gerade deswegen, dass es sich mehrt. Ganz kleines Kino.

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Geschrieben von

Katharina Körting

Freie Autorin und Journalistin

2024 Arbeitsstipendiatin für deutschsprachige Literatur der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Katharina Körting

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