Bin dann mal weg, in Kur

Familie Loslassen, sich eine Weile um sich selbst kümmern: braucht Frau, ist lernbar

Bereits die Anreise mit einer klappernden Propellermaschine war aufwühlend, dazu die aufgewühlte Nordsee, nirgends Touristen – in dieser Kur lernte ich, die Sorge loszuwerden. Ich empfehle sie allen Frauen.

Ich kenne naturgemäß viele Facetten des Frauseins. Ich habe Freundinnen, Schwestern, Rivalinnen, weibliche Kollegen, da ist meine Mutter und da bin ich. Zuletzt las ich Mely Kiyak, Tove Ditlevsen und Rachel Cusk. In dieser Kur lernte ich noch andere Frauen kennen, aus allen Milieus und Gegenden, jeden Alters. Sie litten unter Ehekrisen, waren ausgebrannt vom Job, hatten Gewichtsprobleme oder eine Tochter, die ein Junge sein will. Die Stewardess hatte einen herzkranken Mann, eine Bäuerin aus Süddeutschland trauerte um ihren Sohn. Wir waren sehr verschieden, aber ähnelten uns auch ungemein, denn wir alle waren sehr, sehr müde.

Man lernte Demut. Und man lernte: Leiden ist ohne Konkurrenz. Eine Kur ist nämlich entgegen der Vorurteile, die man ausgerechnet von Frauen oft zu hören bekommt, kein Wellnesstrip. Sie dient der Prävention (Männer sind mitgemeint, sie dürfen auch), nicht weil der Staat ein Samariter wäre, sondern zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit. Meine Freundin B. leidet an Tinnitus (eventuell der Stress), F. laboriert an den Bandscheiben (könnte Stress sein), aber sogenannte Care-Arbeit abgeben, den Arbeitgeber enttäuschen, das schweineteure Induktionsfeld unbeaufsichtigt lassen? Ist das denn so schwer? Ja!

Elende Perfektionistin! Übler Egoist! Wer kennt die Mann/Frau-Konflikte nicht. Aber sind Frauen immer die Opfer? Oder sind sie manchmal einfach neidisch, wie Männer sich ohne schlechtes Gewissen wegstehlen, „Selbstfürsorge“ betreiben, während Frau sich im Weg steht, um 23.07 Uhr noch viel zu erledigen hat. Das sei doch „Victim Blaming“, empört sich die Kollegin. Also habe ich ein Stockholm-Syndrom? Identifiziere ich mich also mit meinem Unterdrücker?

In der Kur lernte ich, das anders zu sehen. Wie schwer es den Frauen fiel, einmal einfach gar nichts leisten zu sollen, das konnte man am schwarzen Brett beobachten. Ein Hauen und Stechen um Plätze in Yoga, Rückengymnastik, Abendmeditation. Ein Kurs zeigte uns unseren Perfektionismus. Es ist frappierend, was Frauen so alles in den Wahnsinn treiben kann!

Einmal: ein Kreativkurs. Mit jeweils zwei Holzstiften zu Musik sollten wir beidhändig malen. Danach galt es, mit einer Schablone einen Ausschnitt in Postkartenformat auszuwählen. Eben war da noch Kritzelei, jetzt eine magische Seelenlandschaft – und alles außer der Postkarte musste brutal entsorgt werden. Lernten wir dabei etwas für zu Hause? Zum Beispiel Kontrolle abzugeben?

Drei Wochen. Es wurde viel geweint, wenig wegen Heimweh. Es wurde unfassbar viel gelacht. Besuch von den Familien, die uns gar nicht so sehr vermissten, oder vom frischen Liebhaber war unerwünscht, weil kontraproduktiv. Feindlich beäugten wir Mutter und Schwester einer Kur-Frau, die einmal im Keller standen wie böse Hexen. Hier gingen wir ins Haus zurück, zutiefst beruhigt von langen Spaziergängen, hier schlüpften wir in die Hausschuhe, hängten die Jacke auf, deponierten Mütze, Schal zum Trocknen. Diese Frauen waren weibliche Invasoren, und die Frau, die sie reingelassen hatte, definitiv nicht kuriert.

Denn – Vorsicht, Psychologie-Vokabular! – wir waren ja hier zur Kur, um unser Abgrenzungspotenzial zu stärken und dabei die Selbstfürsorge zu lernen. Das aber geht nicht, ohne die Sorge für andere mal gründlich zu vergessen.

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Lesen Sie die Erwiderung von Oda Hassepaß auf diesen Debattentext hier

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06:00 10.03.2021
Geschrieben von

Ausgabe 19/2021

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