Hinkley, Kalifornien: No Surf

Wasser Zur Verknappung des Lebensmittels durch Verbrauch gesellt sich dessen bedenkenlose Vergiftung. Teil 1 eines Lese-Features zum Thema Nachhaltigkeit
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Hinkley, Kalifornien: No Surf
Genuss ohne Bedenken?

Bild: GERARD JULIEN/AFP/Getty Images

Wer heute in einem deutschen Haushalt den Wasserhahn aufdreht, um seinen Durst zu stillen, wird kaum an Erin Brockovich denken. Denn die bühnenreife Geschichte um eine couragierte Frau hatte bekanntlich ein Happy-End: Für sie, die Kanzlei, für die sie tätig war und die Bewohner von Hinkley1. Auf 333 Millionen US-Dollar belief sich die von dem Energieunternehmen Pacific Gas & Electric Company (PG&E) anerkannte Entschädigung, mehr als je zuvor in einem Schiedsverfahren erzielt wurde.

Die Story um das Wüstennest in der Nähe von Mojave/Kalifornien endet aber nicht mit der Schlusssequenz des gleichnamigen Films. Und sie endet auch nicht im Jahr 2000, da er abgedreht oder 1996, als die Entschädigung tatsächlich zugesprochen wurde. Das Chromtrioxid2, das PG&E als Zusatzmittel zum Kühlwasser ihrer Kompressorstation verwendet hatte und über 20 Jahre unkontrolliert in den Boden sickerte, ist immer noch da, wo es nicht hingehört – im Grundwasser.

https://abindenuntergrund.files.wordpress.com/2015/05/hinkley-googleearth01.png?w=640

Hinkley gesehen aus einer Höhe von ~10 Km; screenshot der von google-earth zur Verfügung gestellten Aufnahme von 1994; alle Rechte vorbehalten

Am 22. Dezember 2014 stellte die kalifornische Wasserbehörde3 verbindlich fest, dass der hochgiftige, mutagene wie karzinogene Stoff „von den oberen in die unteren wasserführenden Schichten migriert ist“ und auch dort zu Konzentrationen geführt hat, „die die Standards für Trinkwasser übersteigen4. Damit ist die bisherige Strategie in Frage gestellt, mit Bohrungen an die im Untergrund angesammelte schwere Kontamination heranzukommen, sie an die Oberfläche zu befördern und dort zu neutralisieren. Im Gegenteil legt die Wasserbehörde die Vermutung nahe, dass die als Rettung gedachten Bohrungen in den Untergrund die Verlagerung des Giftes in noch tiefere Schichten erst ermöglicht hat.

Die gute Nachricht wäre: In epidemiologischen Studien, wie die letztmalig 2011 aktualisierte und auf den Zeitraum 1996 bis 2008 bezogene5 der Loma Linda Universität6, wie Hinkley im kalifornischen Bezirk San Bernardino gelegen, wird die Krebsrate am betroffenen Ort als „vergleichsweise unterdurchschnittlich“ bezeichnet: „Die Erhebungen identifizieren kein allgemein erhöhtes Krebsrisiko in Hinkley“.
Die schlechte Nachricht ist: Die nur auf Auswertung von Statistiken ausgelegte Untersuchung berücksichtigt die veränderten Lebensgewohnheiten vor Ort nicht. Eine Ahnung davon erhielt das weniger fachkundige Publikum bei Lektüre einer kleinen Home-Story in der online-Ausgabe des Boston Globe7. Weniger mit Wehmut erinnern sich darin die Eheleute Elaine und Gregory Kearney an Zeiten, da sie Wasser aus der Leitung mitnahmen, wenn es auf Ausflüge in die Wüste ging. Sondern mit Ekel, weil daran die ganze Familie erkrankt ist, an Tumoren ebenso wie an Missbildungen der Enkel.

Zur Veränderung des Konsumverhaltens trug auch PG&E bei. Freiwillig, wie das Unternehmen betont8, habe es die Einwohner mit einwandfreiem Trinkwasser aus Flaschen versorgt. In offiziellen Papieren liest sich das anders. Tatsächlich wurde das Unternehmen 2011 von der Wasserbehörde angewiesen, für abgefülltes Wasser zu sorgen. Im Januar 2013 stellte die Behörde amtlich fest, dass auch dieses Wasser über die Grenzwerte hinaus mit Chromtrioxid verseucht sei9. Zur gleichen Zeit war Ortsgespräch, dass sich durch die bereits durchgeführten Rettungsbohrungen weitere Fremdstoffe wie Arsen und Mangan im Wasser zeigten10.

Die Erkenntnis, verschmutzte Quellen zu meiden, ist keine, die auf rurale Völker und ihre Erfahrungen aus Versuch und fatalem Irrtum beschränkt geblieben wäre. Durch Fäkalien verseuchtes Trinkwasser, fand eine Gruppe von Ärzten Mitte des 19. Jahrhunderts heraus, war die Ursache für die großen Londoner Choleraepidemien ab 1831.
Der akribischen Spurensuche11 von John Snow12 war es zu verdanken, dass eines der auslösenden Zentren der Seuche in einer öffentlichen Wasserpumpe im Stadtteil Soho identifiziert wurde. Mit der Entfernung des Pumpschwengels, was einem praktischen Verbot der Wasserentnahme entsprach, begann die erfolgreiche Eindämmung des Massensterbens.

So sehr mit Brockovich alleine mit ihren penetranten Fragen nach einfachen Kausalitäten ein Drang nach Aufklärung sichtbar wurde, der schon Snow und seine Mistreiter auszeichnete, so vergleichbar sind die Hindernisse. Wo die Londoner Ärzte mit einem unüberwindbar scheinenden, herrschenden Weltbild zu tun hatten, das die Ursache von Krankheiten noch nicht in Erregern, sondern in Miasmen13 verortete, war auch die Beweisführung zu Hinkley eine monumentale Aufgabe.

Carol Bos, Gerichtsreporterin und selbst praktizierende Anwältin, hat diese Hintergrundgeschichte („Brockovich, Erin14) für awsomestories geschrieben. Ihre dürren Ausführungen zum Tatsachenmaterial, das von den Klägern im gerichtlichen Verfahren vorzulegen war -u.a. die vollständige geologische Erfassung des Untergrundes unter der Besiedelung-, lässt den Schluss auf deren erschreckenden Umfang zu: Aus der Praxis weiß sie, was es bedeutet, „eine Million Seiten an Dokumenten“ prozessgerecht und damit überzeugend aufzuarbeiten.

Vor allem musste aber zunächst ein Klima beseitigt werden, das Bos als „die Täuschung regiert“ beschreibt: Ein offizieller Vertreter von PG&E hatte noch bis zum Beginn des Prozesses Richtung Hinkley behauptet, „er und seine Kinder würden ohne Bedenken ihr Brunnenwasser trinken“.

Hinkley, Kalifornien: No Surf (I)
-> Great Plains: Brotkorb auf Zeit (II)

Fußnoten: Datumsangaben in Klammern beziehen sich auf den Zeitpunkt der letztmaligen Konsultation der betreffenden Web-Page

1 Der Ort Hinkley bei Wikipedia (:en), http://en.wikipedia.org/wiki/Hinkley,_California (03.05.2015)
2 Chrom(VI)-oxid oder Chromtrioxid bei Wikipedia (:dt), http://de.wikipedia.org/wiki/Chrom(VI)-oxid (03.05.2015)
3 Die kalifornischen Umweltbehörde unterhält eine eigene Internetpräsenz „PG&E Hinkley Chromium Cleanup” unter http://www.swrcb.ca.gov/rwqcb6/water_issues/projects/pge/cao/ (03.05.2015)
4 Schreiben des Lahontan Regional Water Quality Control Board an PG&E vom 22.12.2014, http://www.swrcb.ca.gov/rwqcb6/water_issues/projects/pge/cao/docs/refs/43_la_plan_acceptance.pdf (03.05.2015)
5Preliminary Assessment of Cancer Occurrence in the Hinkley Census Tract, 1996-2008“, http://www.dscsp.com/pdfs/HinckleyCancerAssessment-Jan2011.pdf (03.05.2015)
6 Die medizinische Fakultät der Loma Linda Universität, http://www.llu.edu/ ist seit 1988 ausführendes Organ der Kalifornischen Gesundheitsbehörde im „Desert Sierra Cancer Surveillance Program“, http://www.dscsp.com/ (beides 03.05.2015)
7Survey shows unremarkable cancer rate in CA town“ vom 13.12.2010, http://www.boston.com/news/nation/articles/2010/12/13/survey_shows_unremarkable_cancer_rate_in_ca_town/ (03.05.2015)
8 Broschüre von PG&E, März 2011, http://www.pge.com/includes/docs/pdfs/shared/environment/taking-responsibility/compressor-stations/Programs_Hinkley_DRHV.pdf (03.05.2015)
9 Schreiben des Lahontan Regional Water Quality Control Board an PG&E vom 11.01.2013, http://extras.mnginteractive.com/live/media/site208/2013/0111/20130111_052815_Order%20No%20R6V-2013-0001%20PGE%2013267.pdf (03.05.2015)
10 Reportage abc-news „Contaminated 'Erin Brockovich' Town's Residents Face Deadline to Sell Homes“, 15.10.2012, http://abcnews.go.com/blogs/headlines/2012/10/hinkley-decides-on-home-sales-to-pge-amid-more-concerns-for-the-future/ (03.05.2015)
11Die Geschichte einer Wasserpumpe in London“, Ronald D. Gerste, Neue Zürcher Zeitung, 21.03.2013, http://www.nzz.ch/wissen/wissenschaft/die-geschichte-einer-wasserpumpe-in-london-1.18049701 (03.05.2015); Ronald D. Gerste bei Wikipedia (:dt), http://de.wikipedia.org/wiki/Ronald_D._Gerste (03.05.2015)
12 John Snow bei Wikipedia (:dt), http://de.wikipedia.org/wiki/John_Snow_(Arzt) (03.05.2015)
13 Zur sogenannten Miasmen-Lehre bei Wikipedia (:dt), http://de.wikipedia.org/wiki/Miasma (03.05.2015)
14 https://www.awesomestories.com/asset/view/Brockovich-Erin (03.05.2015); Kurzporträt der Autorin https://www.awesomestories.com/content/about_author.htm (03.05.2015)

10:55 04.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

KGvL

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community