Ahnung des Scheiterns

Exit Die ARD hat mit dem Film "Rückkehr aus dem Krieg" den Afghanistan-Ausstieg der Bundeswehr dokumentiert, blieb aber eine politische Nachlese der Mission schuldig
Manches hat den Einsatz nicht unbeschadet überstanden
Manches hat den Einsatz nicht unbeschadet überstanden

Foto: Robert Michael / AFP - Getty Images

Es ist das Anliegen der Autoren Sabine Rau, Christian Thiels und Jürgen Osterhage, den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan als großes logistisches Wagnis zu zeigen. Das erscheint zunächst einmal legitim. Warum nicht dem Zuschauer bewusst machen, mit welchen Risiken die Spediteure in Uniform bei diesem Ausstieg konfrontiert sind? Bei 4.800 Containern, 1.200 Panzern, Schützenpanzern, Trucks und Jeeps – und allem anderen, was die Depots zu bieten haben, kommt der Überwältigungseffekt nicht zu kurz in der Dokumentation „Rückkehr aus dem Krieg“.

Ins Blickfeld geraten der "Boxer" am Kranhaken oder Marschkolonnen, die mit hoher Geschwindigkeiten im Raum Masar-i-Scharif unterwegs sind, weil mit Attentaten zu rechnen ist. Es geht um das Verladen von schwerem Gerät im türkischen Schwarzmeerhafen Trabzon. Szenen eines Transit, den diskriminierende Auflagen erschweren, mit denen der NATO-Partner Türkei Rechte wahrt und Empfindlichkeiten kultiviert. Weshalb die Bündnissolidarität ausgerechnet hier pausiert, wird dem Zuschauer nicht weiter erklärt. Er muss zur Kenntnis nehmen, dass und nicht weshalb die Verhältnisse so sind, wie sie sind.

Gehen, um zu bleiben?

Über den vielen ineinander fließenden, zuweilen auch bloß nebeneinander stehenden Episoden dieses Films liegt eine Ahnung von Vergeblichkeit und Scheitern. Eine deutsche Militärmission, die man irgendwann Kriegsbeteiligung nennen lernte, geht zu Ende und war kein Erfolg. Warum das so ist, wird nur angerissen, wenn überhaupt. Nicht nur das Unternehmen Ausstieg ist „einmalig“ im Dasein der Bundeswehr – der mehr als elf Jahre dauernde Einsatz verdient das gleiche Attribut: Von seiner Dauer her, von seinen Kosten (6,1 Milliarden Euro) und Opfern (56 tote Soldaten und Polizisten, mehr als 300 Verwundete). Wer trägt dafür die politische Verantwortung? Schließlich hat eine Mehrheit im Parlament – aufgefordert zunächst von SPD-Kanzler Schröder, dann von der großen Koalition, zuletzt von Schwarz-Gelb – diese Mission Jahr für Jahr verlängert. Man blieb am Hindukusch, obwohl erkennbar war, dass Besatzung zu keiner Befriedung führt.

Nicht einmal Thomas de Maizière will sich nun zu einer Bilanz hinreißen lassen und bedient das ARD-Publikum mit rhetorischen Versatzstücken. Die Macher des Films schenken sich und dem Minister aus nicht nachvollziehbaren Gründen das Thema "Nachfolgemission". De Maizière hat sich in diesem Jahr mehrfach dazu bekannt und Deutschland im Unterschied zu anderen NATO-Staaten klar positioniert. Vermutlich geschah das nicht im Alleingang, sondern mit Rückendeckung von Kanzlerin Merkel. Also gehen, um letzten Endes doch zu bleiben?

Metapher und Menetekel

Was wird sein, wenn die deutschen Verbände aus dem Norden Afghanistans vollständig abzogen sind, fragen sich in der Koproduktion von ARD-Hauptstadtstudio und MDR Kommandeure der afghanischen Armee ebenso wie Lehrer einer Mädchenschule oder der einheimische Barkeeper im Casino eines deutschen Feldlagers, der eine Rückkehr der Taliban fürchtet und auf Asyl in Deutschland hofft. Darf er zu recht hoffen? Was wird mit den anderen Helfern und Kostgängern der Deutschen?

Bereits verlassen ist ein ehemaliges Feldlager bei Faizabad, das unter afghanischer Regie nur noch ein Schattendasein fristet, mit Baracken ohne Wasser und Strom. Das Objekt wirkt in der ARD-Dokumentation so, als sei es dem Verfall preisgegeben wie demnächst möglicherweise auch ein Hospital, in dem kurz vor Ultimo noch ein moderner OP eingebaut wird, von dem man weiß, dass die Afghanen damit nichts anfangen können. Hier wird eine Metapher zum Menetekel und die Frage, was wird sein, ernüchternd beantwortet.

Sollte es in der ARD, besonders im Hauptstadtstudio, ein ernsthaftes publizistisches Bedürfnis geben, die Afghanistan-Mission als Lektion zu begreifen, kann diese Dokumentation nur ein Anfang sein.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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