Partisanen der Lebensfreude

Russenpop Der eskalierende Ukraine-Konflikt zieht längst auch den kulturellen Austausch in Mitleidenschaft. Ein Blick auf die russische Popmusik-Szene in Zeiten der Krise
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Partisanen der Lebensfreude
Den Regenbogenfarben verbunden: die Singer-Songwriter-Band Notschnyje Snaipery
Foto: Serge Serebro/ Vitebsk Popular News (CC)

Wladimir Kaminer ist stolz auf sich. Irgendwie, das spürt man, ist Russendisko für ihn mehr als nur Gaudi. Vielleicht ein nicht unwesentlicher Teil seines Lebenswerks? Das Oeuvre: drei Sampler mit russisch-ukrainischem Ska und Polka, ein Film nach seinem gleichnamigen Roman und schließlich das Original – das, womit alles anfing: eine kurz vor der Jahrtausendwende gestartete und mittlerweile monatlich stattfindende Tanzveranstaltung im Berliner Kaffee Burger. In einem 2012 versendeten 3sat-Feature hebt Kaminer den zusammenführenden Aspekt seines Russendisko-Konzepts explizit hervor: »Wir sind ja alte Diskoveranstalter. Inzwischen bekomme ich haufenweise Fotos von Kindern zugeschickt. Von Menschen, die sich auf unseren Tanzveranstaltungen kennengelernt hatten. Und viele von diesen Kindern gehen bereits aufs Gymnasium.« Was vielleicht nichts weiter sagen will als: Wo es mit der Verständigung läuft, klappt es auch mit der Kultur. Oder umgekehrt. Eine einfache Sache. Wenn man so will – Kaminers Konzept.

Die Musik

Sicher – Noch immer ist Popmusik made in Russia ein weitgehend unbekanntes Terrain. Doch die erkundeten Gebiete auf der Karte werden größer. Im Kleinen hat sich die letzten 20, 30 Jahre eine Menge getan. Auch in Sachen Auftritte hat sich einiges verändert: Fast alle bedeutenden Acts der russischen Popkultur touren zwischenzeitlich auch im Westen. Stopps in Germany inklusive. DDT, die Dinosaurier des Perestroika-Rock, hatten ihre Deutschland-Premiere bereits 2004. Inna Zhelannaya mit Band – eine Mischung aus Ethnorock, Trance und Artrock à la King Crimson – steht diesen Herbst ins Haus. Ebenso Aquarium – ein weiteres Rock-Urgestein aus der Perestroika-Ära. Das gleiche gilt für mittlere und kleine Acts, den Mittel- und Unterbau der Popmusik-Kultur. Fast alle in diesem Beitrag erwähnten Bands und Künstler traten bereits in deutschen Hallen auf. Sogar Alisa – eine der Speerspitzen des aktuellen patriotischen Metal. Andere leben gleich direkt in Germany. Beispiel: die Berliner Band Rotfront, mitbegründet von Wladimir Kaminers Russendisko-Kompagnon Yuriy Gurzhy.

Ansonsten gilt auch in Russland das eherne Gesetz der liberalisierten Märkte. Aktuelle Hauptregel: Pop schlägt Rock. Konkret: Was die mediale Präsenz anbelangt, haben die Erben von Dieter Bohlen, Madonna und Lady Gaga denen von Mick Jagger und Peter Gabriel klar den Rang abgelaufen. Der Sammelbegriff für diese Art kommerzialisierter osteuropäisch-russischer Popmusik lautet Popsa. Der Begriff kennzeichnet zumeist billig produzierte Techno-Tanzmusik – musikalisches Fast Food für Diskotheken, die von einem eher vorstädtischen, proletarischen Publikum frequentiert werden. In der Praxis verlaufen die Grenzen zwischen Popsa und Pop allerdings fließend. Auf der einen Seite stehen Billigproduktionen, die auf einschlägigen Internetportalen zum Download feilgeboten werden. Auf der anderen Seite bekannte Acts, die auch im Ausland Furore machen. Beispiel: das Duo t.A.T.u. mit seiner zumindest von der Zielgruppe her klar international ausgerichteten Popmusik.

Ist das noch Russenpop, oder ist das schon internationaler Mainstream? Schwer zu sagen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erlebte die populäre Musik in der Ex-Sowjetunion eine Umbruchsphase, die weltweit einzigartig ist. Westliche Popmusik verbreitete sich in atemberaubender Schnelligkeit. Modern Talking war – zumindest für den auf den internationalen Popmarkt orientierten Teil des Metiers – das große Vorbild. Dann kamen MTV Rossija, die großen westlichen Majorfirmen und der Eurovision Song Contest. Den Rest (inklusive dem Faktor »Vitamin B«, ohne den auch im russländischen Reich nichts läuft) besorgten Geld aus der Grauzone der Schattenwirtschaft sowie die staatlichen Medien, die sich – auf ihre spezielle Weise – auf die neuen Verhältnisse einstellten. Im Ergebnis haben diese Verhältnisse einen recht eigenen, originären Mix hervorgebracht.

Aus marktwirtschaftlicher Blickwarte dürfte die russische Popindustrie eine der weltweit größten sein. Eine spezielle Eigenheit sind die zahlreichen, qualitativ recht hochstehenden Videoclips. Der herkömmliche Schlager sowjetischer Prägung, die Estrada, transformierte sich in den Jelzin-Jahren in Richtung einer vielgestaltigen, ausdifferenzierten Variante der internationalen Popmusik. Mit durchaus landesspezifischen Akzenten – wie etwa dem stringent durchgezogenen Clown-Topos in dem Clip mit dem 1997er-Hit Elektrichka. Die Sängerin, Alena Apina, ist zwischenzeitlich in der Versenkung verschwunden. Die Vielgestaltigkeit ist, wenn man so will, bis heute durchgehendes Merkmal. Für westliche Beobachter ist vermutlich das Nebeneinander von Vertrautem und Landesspezifischem interessant. Unvermittelte Begeisterung für den Westen – wie beispielsweise bei diesem improvisierten Flashmob mit einer Choreographie des alten Swing-Schlagers Puttin’ On The Ritz – steht neben Tradition pur: Estrada-Dinosauriern wie beispielsweise Jossif Kobson, dem »Heino Russlands«, oder dem Gegenteil: der weitgefächterten und in unterschiedliche Sub-Szenen parzellierten Rock- und Underground-Musikkultur.

Die Krise

Leider eine Binsenwahrheit: Die Lebensqualität macht sich in Krise und Krieg als erstes davon. Auch die Popmusik ist längst in dem Mahlstrom der Verhärtung angelangt, welcher die derzeitigen internationalen Beziehungen kennzeichnet. Künstlernamen tauchen im Vor- und Umfeld des aktuellen Ukraine-Konflikts immer zahlreicher auf. Beispielsweise der Chansonsänger Gregori Leps. Seit Oktober vergangenen Jahres steht der Sänger mit der zerknautschten Ricky-Shayne-Stimme, so RIA Novosti, auf einer schwarzen Liste des US-amerikanischen Finanzministeriums. Der Vorwurf: Leps habe als Geldbote agiert für Wladislaw Leontjew, ein Schlüsselmitglied des Brothers’ Circle – einer Gruppe, welche der organisierten Krimininalität zugerechnet wird. Die Vorwürfe gegen Leps sind widersprüchlich. Ebenso weitere Details von Leps angeblichen Verfehlungen. Dass seine bekanntermaßen guten Kontakte zu Wladimir Putin Leps das Einreiseverbot eingebrockt haben, lässt sich dabei weder beweisen noch letztendlich ausschließen. In der Vergangenheit ebenfalls wiederholt mit Einreiseverboten belegt: Jossif Kobson, ein bereits betagterer Entertainer der alten Schule. Kobson stellte sich umgehend hinter Leps und bezeichnete den plötzlichen Aktionismus der Amerikaner als »Idiotie«. Eine Idiotie, verstärkte Kossip vielsagend, die ihn umgekehrt allerdings auch nicht verwundere.

Altersweisheit? Oder schnöde Eigeninteressen? Die Widersprüchlichkeiten der USA im internationalen Drogenkrieg sind bekanntermaßen ein eigenes Kapitel. Unwillkürlich kommt einem die »Las-Vegas-Connection« in den Sinn, die Karriere einschlägiger US-Stars wie etwa Frank Sinatra oder Dean Martin. Oder die widersprüchliche Rolle des CIA bei der Bekämpfung der nordmexikanischen Narco-Kartelle. Doch Schwamm darüber – auch die Popmusik selbst bietet zwischenzeitlich genug Vorfälle zum Gruseln. Beispiel Odessa, 4. August. Hooligans vom Rechten Sektor stürmten ein Konzert der ukrainischen Pop-Diva Ani Lorak in der Diskothek Club Ibiza. Ergebnis des Tumults: mehrere Verletzte. Auslöser für den neuerlichen rechten Krawall: Auftritte von Lorak in Russland sowie geplante Konzerte auf der Krim. Darüber hinaus zählt die aus der Westukraine stammende Sängerin – sicher ebenfalls Mitanlass der Attacke – zu jener Gruppe ukrainischer Künstler und Künstlerinnen, die sich im Umfeld des Maidan-Umsturzes eher für Mäßigung und Ausgleich ausgesprochen hatten.

Im Westen pflegt man die Diskrepanz zwischen demokratischem Anspruch und ukrainischer Wirklichkeit allenfalls in holzschnitthaft vorgestanzter Weise zu goutieren – in Form kurzer, isolierter Meldungen. Einerseits wurden die News über das gewalttätige Ende des Lorak-Konzerts auch in den Online-Ablegern reputabler Printmedien keinesfalls verschwiegen – allerdings als dpa-Originalmeldung mit identischem, im Grunde wenig aussagendem Text (Beispiele: rga-online und muensterschezeitung.de). Ukrainische Disko-Randale als Exotik für deutsche »Vermischtes«-Seiten? Zumindest der stern hätte durchaus das Know-How gehabt, den Hintergründen etwas näher auf den Grund zu gehen. So blieb es dem Außenseiter-Medium Telepolis vorbehalten, die real stattfindende Erosion der ukrainischen Demokratie durch die Kräfte der extremen Rechten mit Details zu unterfüttern. So intonierten die Randalierer während ihrer Randale die ukrainische Nationalhymne und skandierten Totschlag-Parolen wie beispielsweise »Moskauer unter die Messer«. Ein weiteres Indiz für die fortschreitende Erosion der ukrainischen Zivilgesellschaft: Die Organisatoren versuchten, die angekündigte Randale durch Zahlung eines Schutzgeldes abzuwenden. Angeblich, so der Telepolis-Beitrag, sollen die Club-Besitzer den rechten Militanten gar die Hälfte des Sängerin-Honorars gezahlt haben.

Die Antipoden

Schutzgelderpressung, Nötigung und Gewalt für die Ziele des freien Westens? Versuchen wir es mit dem Guten, Wahren, Schönen. Die Sängerin Elena Vaenga hat zweifelsohne das Zeug, zum großen, international anerkannten Star der russischen Estrada zu avancieren. Die 1977 im hohen Norden geborene Atrice verfügt über ein vielfältiges Repertoire. Folkloristische Titel fürs nostalgische Gemüt finden sich ebenso darin wie anspruchsvoller Schlager, Pop und Chanson. Mambo meets Taigalied: Von allen derzeitigen Neoestrada-Künster(inne)n ist Vaenga wohl die, die am ehesten dazu in der Lage ist, die monopolartige Position ihrer Vorgängerin Alla Pugatschowa zu beerben und eine zeitgemässe, moderne, tendenziell international ausgerichtete Form der russischen Popmusik zu etablieren. Bei Livekonzerten ist Vaenga die Königin der Rampe: eine expressiv agierende Künstlerin, die ihr Publikum um den Finger wickelt und die Bühne rockt – vergleichbar mit Liza Minelli oder, besser noch, Cher.

Auch im heutigen Russland erfordert ein derartiger Balanceakt einiges an Kraft. Und Diplomatie. Beispiel: Vaengas Auftritt im russischen Staats-TV zusammen mit dem Alexandrow-Chor, in historisch korrekter Uniform und mit patriotischem Liedgut aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Für viele Kritiker ein Indiz, dass die Sängerin längst angekommen ist in der neuen, auf das System Putin hin ausgerichteten Funktionselite. Mit Klartextansagen in die richtige Richtung hat Vaenga, die privat ihr Umfeld in der mondänen Metropole St. Petersburg schätzt, nie gespart. So begrüßte sie den Urteilsspruch gegen drei Mitgliederinnen der Pussy Riots mit markigen Einträgen im Gästebuch ihrer Webseite: Sie trinke auf die Gesundheit der Richter, die diesen Urteilsspruch gefällt hätten. Allerdings: Was in westlichen Medien als grobe Indifferenz in Sachen Bürgerrechte hingestellt wird, stellt sich im Land selbst durchwachsener dar. Dort hatte das Punk-Gebet in der Moskauer Erlöserkirche eine insgesamt stark kontrovers geführte Debatte zur Folge – wobei sich auch weitere etablierte Künstler, darunter Jossif Kobson, nicht sehr erbaut zeigten über die Kirchenperformance. Fazit: nicht Mangel an Debatte, sondern lebhaft geführte Debatte – mit ein paar Haken vielleicht vergleichbar mit der Auseinandersetzung um die Bambi-Verleihung an den umstrittenen Rapper Bushido.

Die russische Popkultur ist vielgestaltig. Auch kritische Gewissen, Widerborstiges und Nischiges sind aus dem heutigen Russland nicht mehr wegzudenken. Bedient ein Popstar wie Elena Vaenga eher die musikalischen Bedürfnisse der breiten Massen, dürften DDT und andere Epigonen des Singer-Songwriter-Rock ihre Basis vorwiegend in den aufgeklärten, urbanen (und tendenziell westlich orientierten) Mittelschichten haben. Juri Schewtschuk, Gitarrist und Sänger der Band, nimmt in der russischen Kulturlandschaft ungefähr die Rolle ein, die hierzulande Campino, Wolfgang Niedecken oder auch Peter Maffay innehaben. Anders gesagt: Politisch gesehen ist Schewtschuk ein Ausnahmemusiker, das kritische (Rock-)Gewissen der russischen Nation. Die Roots der Band reichen zurück bis in Sowjetunion-Zeiten. Die Gruppe formierte sich 1982. Ihre Sturm-und-Drang-Zeit hatte sie – ebenso wie Kino, Aquarium sowie weitere Bands des sogenannten Perestroika-Rocks – Ende der Achtziger. Der Popularitätsgipfel war irgendwann in den Neunzigern erklommen. Ähnlich wie bei anderen ehemals gefeierten Bands ist der Ruhm zwischenzeitlich etwas verblasst. Anders als andere Gruppen jener Ära drifteten DDT jedoch nicht in Selbstauflösung, Drogen oder nationalkonservative Sphären ab. Ungeachtet einer Reihe Musikerwechsel und konzeptionellen Veränderungen blieb die Band um Schewtschuk stabil.

Im Hinblick auf die aktuelle russische Kulturlandschaft kann man Schewtschuk und Vaenga als so etwas wie Antagonisten bezeichnen. Vaenga hat sich 2011 für Putin ausgesprochen. Schewtschuk hingegen hat sich im Lauf der Jahre immer stärker als entschiedener Anhänger der Anti-Putin-Opposition profiliert. Im Dezember 2011 forderte er eine Wiederholung der von Fälschungsvorwürfen überschattenen Präsidentenwahl. Auch sonst fuhr er Putin immer wieder medienwirksam in die Parade: 2008 als Teilnehmer am sogenannten Marsch der Unzufriedenen, 2010 bei einem Empfang in St. Petersburg, bei dem er, kamerawirksam, den Präsidenten mit einer Reihe eher unangenehmer Fragen nervte. Bürgerrechte? Demokratiedefizit? Alles lediglich Schuld inkompetenter Behörden, ruderte Putin mißmutig zurück. Auch was die internationale Präsenz anbelangt, empfehlen sich sowohl Vaenga als als Schewtschuk als authentische Botschafter ihres Landes. DDT traten auch nach ihrer Premiere 2004 wiederholt in Deutschland auf. Vaenga absolvierte zuletzt im Frühjahr dieses Jahres mehrere Germany-Auftritte. Im letzten Jahr gastierte sie übrigens auch in Lemberg – ein Gig, der sich in naher Zukunft wohl eher nicht wiederholen wird.

Der Mittelbau

Musikalisch gesehen sind Elena Vaenga sowie DDT-Sänger Juri Schewtschuk sicherlich ziemlich »Old School«. Doch auch in Sachen Rock-Pop-Mittelbau hat die Russische Förderation Interessantes zu bieten. Beispiel: die aus St. Petersburg kommende Singer-Songwriter-Band Notschnyje Snaipery. Wer ausdrucksstarke Gefühlsexpressivität schätzt (ähnlich vielleicht wie in einem guten europäischen Autorenfilm), ist bei der Band um das Duo Diana Arbenina (Gesang, Gitarre) und Swetlana Surganowa (Gesang, Violine) gut aufgehoben. Surganowa und Arbenina, die in Styling und Auftreten an die US-amerikanische Singer-Songwriterin k. d. lang erinnert, gelten darüber hinaus als Ikonen der russischen Schwulen- und Lesbenszene. Nichtsdestotrotz sind die Aktivitäten von Notschnyje Snaipery weitaus weniger auf beinharte politische Opposition gebürstet als etwa die von Schewtschuk und DDT. Eine Beobachtung, die sich auch auf die hippe Club- und Undergroundszene übertragen lässt. Hochburg der trendigen Bobo-Szene ist das alte Tor Russlands zum Westen, die Ostsee-Metropole St. Petersburg. Hier finden sich in größerer Anzahl auch jene Art von Quetschkommode-meets-Punk-Kapellen, die bei Wladimir Kaminers Russendisko-Veranstaltungen hoch und runter gespielt werden.

Naturgemäss haben die Bands dieser speziellen Szene auch im Westen eine nicht unbeträchtliche Anhängerschaft. Ein bekanntes Beispiel ist die Band Leningrad – eine stark mit Ska-Rhythmen arbeitende Formation. Anders als Leningrad, die sich eher expressiv in Szene setzen, favorisieren La Minor die gefühlig-stimmungsvolle Variante von Traditionspflege. Repertoire: Murka, Limonchiki sowie andere Gaunerchanson-Klassiker. Wäre der Sound der Gruppe nicht original russisch, könnte sie mühelos bei einem französischen Stadtfest als Bühnenact durchgehen. Was ist der echte Underground, wo versteckt sich die Avantgarde? Versuchen wir es mit Messer für Frau Müller. Das ebenfalls in St. Petersburg beheimatete Musikprojekt fiel nicht nur wegen seines deutschsprachigen Bandnamens auf, sondern auch aufgrund seiner avantgardistischen, mit Surf-Sound durchsetzten Easy-Listening-Klangcollagen. Etwas rockiger geht es bei den Side-Projekts der Bandbeteiligten zur Sache – etwa dem Hamburger-St.-Petersburger Zwitter Messer Chups, in Sachen Bekanntheitsgrad zwischenzeitlich höher rangierend als die Originalformation. Aus der Warte des versierten Rock-Enthusiasten betrachtet, hat der Surf-unterlegte Psychobilly-Sound der Gruppe einen Tarantino-Quotienten von ungefähr 9,6. Frage ist nur, was das mit Russland zu tun hat. Die Antwort: wenig. Die burlesquelastigen Inszenierungen der Gruppe mit ihren (eher sparsam dargebotenen) englischen Texten könnten ebenso auch in Berlin stattfinden, in Los Angeles oder vielleicht auch Tokio. Mit anderen Worten: Der russische Underground agiert längst auf Augenhöhe mit vergleichbaren internationalen Acts.

Leider ist an der Stelle auch ein Absatz zu verlieren über die, denen sie noch etwas bedeutet: die slawische Ehre, das Reich der Russen. Dass der Panslawismus im aktuellen Russland Aufwind hat, sich teilweise mischt mit christlich-orthodoxen, rechtslastigen und nationalbolschewistischen Strömungen, ist zwischenzeitlich auch im Westen kein Geheimnis mehr. Ebenso wie in Deutschland lässt sich das musikalische Äquivalent nur ungenügend mit dem Etikett »Rechtsrock« klassifizieren. Die einzelnen Verästelungen, Strömungen und Nuancen sind dafür zu vielfältig. Am ehesten wird man dem Ganzen mit dem Etikett »Rockmusik mit patriotischem Einschlag« gerecht. Eine dieser Bands sind Ljube. Musikalisch machen Ljube eine Art folkdurchtränkten Rock; erfolgreich sind sie ähnlich wie hierzulande frei.wild. Angeblich ein Fan der Gruppe: Wladimir Putin. Ebenso – zumindest laut Vermerk in der deutschsprachigen Wikipedia: der im Februar dieses Jahres verstorbene israelische Ex-Premier Ariel Scharon. Last but not least: In Richtung rechtsdurchwirkte Nationalorthodoxie hat sich auch eine Begründerband des Perestroika-Rocks entwickelt – Alisa. Mit dem Stück Sky of Slavs schuf die Hardrockformation um den charismatischen Sänger Konstantin Kinchew eine Art panslawistische Hymne im Metal-Gewand – gefeiert, und zwischenzeitlich auch genreübergreifend gecovert.

Die Deutschen

Redet man von Ljube, Alisa sowie anderen Bands im Umfeld des neuen russischen Nationalpatriotismus, sind die Wege nicht weit zu Eduard Limonow. Polemisch zugespitzt könnte man den Schriftsteller, Politiker und vormaligen Serbienkrieg-Freiwilligen als russische Variante von Jürgen Elsässer bezeichnen. 1994 gründete er die Nationalbolschewistische Partei Russlands. Aktuell mischt er die russische Politik mit dem von ihm mitinitiierten Anti-Putin-Bündnis Das andere Russland auf. Limonow pflegt die provokative Geste; ansonsten ist sein Oeuvre so vielgestaltig, dass es sein Hauptwerk Fuck off, Amerika immerhin zu einer Inszenierung auf der renommierten Berliner Volksbühne brachte. Ein neuer Rimbaud? Oder doch eher eine größenwahnsinnige Möchtegernversion des italienischen Faschistenführers Gabriele D’Annunzio? Schwer zu sagen. Russendisko-Erfinder Wladimir Kaminer mochte da ebensowenig einen abschließenden Urteilsspruch fällen. In zwei taz-Rezensionen 2002 und 2003 (Texte: hier und hier) versuchte er, der Widersprüchlichkeit von Limonows Werk, Lebensweg und Positionen gerecht zu werden – beziehungsweise, den russischen Schriftsteller-Agitator der taz-Leserschaft erst einmal bekannt zu machen.

Szenenwechsel. Mai 2009, Eurovision-Contest-Time, NDR-Liveübertragung von der Fanmeile in der Hamburger Innenstadt. Ausrichter des Contests ist diesmal Russland, dass im Vorjahr mit Dima Bilan den ersten Platz erzielt hatte. Kabbeleien und Eifersüchteleien gehören zum Song Contest fest dazu. 2009 ist es etwas anders. Im Vorfeld hatte es eine Demonstration von Schwulen und Lesben gegeben. Das Ende vom Lied: Polizeiknüppel und Festnahmen. Regenbogenfahnen sind auf der Hamburger Fanmeile folgerichtig stark präsent; Moderator Thomas Anders sowie Bühnengast Guildo Horn verurteilen die neuerlichen Repressalien. Mittlerweile ist die Stimmung auf den Platz eher weniger völkerverständigend. Um es genau zu sagen: auch nicht so recht in Partystimmung. Wladimir Kaminer, ebenfalls als Gast geladen, versucht – wie in dem entsprechenden Videoausschnitt unmißverständlich erkennbar – gegen die um sich greifende Empörung anzutrimmen, Stimmung zu machen für den eigentlichen Zweck der Veranstaltung – ein bißchen Gaudi, Party, Eurovision. Und tappt prompt in die Falle: des typisch deutschen, in moralischer Rechtschaffenheit erhobenen Zeigefingers, wo jeder Spaß, jede Party zu verstummen hat.

Ein bißchen ist es wie bei dem Gaucho Dance nach der letzten WM: kleine Geste, große Echauffierung. Sind die Russen gar nicht schwulenfeindlich? Sondern vielmehr schwulenfreundlich – und verstehen es nur nicht zu zeigen? Wie auch immer: Der Satz hängt Kaminer nach. Der renommierte Journalist und Blogger Stefan Niggemeier stellte Kaminer in einem Blog-Beitrag kategorisch in die schwulenfeindliche Ecke. Ein Jahr später wurde es langsam Zeit für den Generalaufwasch: 2010 veröffentlichte eine antideutsche Berliner Hardliner-Antifa einen Artikel mit Kaminers gesammelten Verfehlungen. Kaminer sei, so der Artikel, nicht nur als bekennender Schwulenfeind in Aktion getreten. Auch die Parteinahme für Faschisten (wie beispielsweise Limonow) ziehe sich wie ein roter Faden durch seine Vita. Darüber hinaus, so die Anklageschrift, leiste er mit seiner Russendisko der Yuppieisierung der Berliner Mitte Vorschub. Last but not least brachten die Verfasser – so viel Platz mußte sein – auch den Vorwurf des Antisemitismus in ihrem Anti-Kaminer-Text mit unter.

Rassismus, Sexismus, Antisemitismus – darunter scheint es eine bestimmte Fraktion der deutschen Linken nicht mehr zu tun. Schlechte Zeiten für einen Humoristen und Spaß-Veranstalter. Der sich eigentlich nur der Aufgabe verschrieben hat, die Leute zusammenzubringen. Russen und Deutsche. Und der das Ganze mit Humor kombiniert anstatt mit bierernsten Grundsatzdiskussionen. Frage: Wie sieht es für die Kultur aus, für den musikalischen Austausch? Für die Begegnungen, die dadurch mit ermöglicht werden? Derzeit eher mittelprächtig. Möglich, dass Wladimir Kaminer etwas aus der Schußlinie ist aufgrund seiner dezidiert putinkritischen Statements zu Anfang dieses Jahres. Kundschaft in den Laden bringen wird ihm das allerdings kaum. Schon gar nicht von Seiten humorbefreiter und nunmehr stramm antirussisch orientierter Linker. Die müssen bekanntlich Pamphlete schreiben und haben für sowas gar keine Zeit.

Fazit: Sowohl die Russendisko als auch Kaminers Bücher leben nicht von der Gewissheit, sondern von der Ambivalenz. Der Neugierde. Widerborstigem Humor. Und dem Spaß am Leben, den Verhältnissen zum Trotz. Betrachtet man die derzeitigen Anti-Russland-Spaßbremsen in Aktion, ist Russenpop letztlich gar keine so schlechte Idee. Oder eine zünftige Russendisko. Beide helfen, Brücken zu überwinden. Und den derzeitigen Schwachsinn in Politik und Gesellschaft überhaupt zu ertragen. Last but not least unterlaufen sie – ebenfalls kein schlechter Gedanke – die antirussische Stimmungsmache, die gegenwärtig aus allen Ritzen drängt.

In diesem Sinn: Spasibo!

KÜNSTLER:

Wladimir Kaminer.Disko-Veranstaltungen zum Kennenlernen.

Alena Apina. Russen-Pop aus der Jelzin-Ära.

Elena Vaenga.Neuer Stern am russischen Estrada-Himmel.

DDT / Jurij Schewtschuk.Rock-Dinosaurier aus Perestroika-Zeiten; kritisches Gewissen Russlands.

Notschnyje Snaipery. Politisch korrekter Singer-Songwriter-Rock.

La Minor. Gangsterchansons made in Leningrad.

Messer Chups. Wo der Underground pulsiert. Surf, Pulp & Psychobilly aus St. Petersburg.

Alisa. Was das Volk denkt. Patriotischer Metal. Hit: Sky of Slavs.

16:19 26.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist, Popkultur-Fanatiker, Putinversteher. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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