Wahl-Showdown im US-Südwesten

US-Wahl 2020 Die US-Wahl wird auch in den Südwest-Bundesstaaten mit entschieden werden. Arizona und New Mexico – Nachbarn, allerdings in vielem unterschiedlich
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Wahl-Showdown im US-Südwesten
US-Südwesten: angesichts der Weite der Landschaft fallen Wahlprognosen schwer

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Gemeinhin steht der amerikanische Südwesten vor allem für grandiose Natur. Landschaftliches Synonym für die Großregion ist der der Grand Canyon – ein Naturmonument, dass neben Monumentalität auch die ein oder andere Schattenseite in petto hat. Knapper werdenden Platz in der Naturidylle beispielsweise. So ist die Anzahl der Canyon-Besucher seit den 1990ern kontinuierlich gestiegen – von vier Millionen Besuchern 1996 auf über über sechs im Jahr 2013. Rund sechs Millionen beträgt laut der Webseite uselectionatlas.org auch die Anzahl der Wahlberechtigten, welche Arizona und New Mexico 2016 auf die Waage brachten – zusammen. Die restlichen Überblicks-Parameter: New Mexico gilt gemeinhin als Stammland der Demokraten; mit 48 zu 40 Prozent verwies Hillary Clinton Donald Trump auf den zweiten Platz. Schwieriger ist die Lage im Swing State Arizona: 2016 siegte Trump dort mit 48 zu 44 Prozent. Zwischenzeitlich jedoch stehen auch hier die Zeichen auf Wechsel. Zart zumindest – sofern man den leichten Biden-Vorsprung, den die Umfrage-Site FiveThirtyEight derzeit konzediert, als Zeichen einer strukturellen Veränderung klassifiziert.

Im Grunde nämlich ist, was Arizona anbelangt, bereits die Bezeichnung »Swing State« ein Euphemismus. Seit den 1980ern befindet sich der westliche der beiden Südwest-Bundesstaaten fest in republikanischer Hand. Ein wichtiger Sub-Strang hier sind die sogenannten Libertarians – eine Strömung, die auch in Form einer eigenständigen Partei existiert. Mitunter entwickelt die Programmatik von Steuerfreiheit und extrem abgeschlanktem Staat explosive Tendenzen – wenn sie sich mit sonstigen Rechtsaußen-Fragmenten vermengt wie im Fall Barry Goldwater. Der Präsidentschaftskandidat aus Arizona, der den Einsatz von Atomwaffen im Vietnamkrieg nicht ausschließen wollte, unterlag 1964 zwar seinem Konkurrenten Lyndon B. Johnson und der von ihm proklamierten Vision einer »Great Society«. Nichtsdestrotrotz gilt Goldwater als einer der Väter des Rechtsschwenks der republikanischen Partei. 2016 war die Stimmung ähnlich. Ted Cruz als Favorit der republikanischen No-Tax-Befürworter – also der für Arizona-Verhältnisse gemäßigten GOV-Richtung – erzielte lediglich in zwei Counties die Mehrheit: Navajo und Graham. Die überwältigende Mehrheit der Vorwähler und Vorwählerinnen hingegen setzte, wie anderswo auch, auf das rechtspopulistisch durchgefärbte Komplettprogramm des New Yorker Milliardärs Donald Trump.

Auch abseits der tendenziell libertarianistisch tickenden Arizona-Republikaner bergen die beiden Südwest-Bundesstaaten einige Überraschungen. In Arizona wird die rechtskonservative Vormacht vor allem von zwei Bevölkerungsgruppen garantiert: wirtschafts- sowie armutspolitischen Flüchtlingen aus Südkalifornien und sonnesuchenden Rentern aus dem Mittelwesten. Zentrum des antiliberalen Verdrusses ist die Großregion um die Staatshauptstadt Phoenix. Mit rund 4 Millionen Einwohnern ist sie mit dem umgebenden Maricopa County nicht nur der demografische Mittelpunkt des Staates. Entgegen der Regel, dass die urbanen US-Regionen verlässliche Mehrheiten für die Demokraten generieren, sind Phoenix und Umland Hochburgen der Republikaner. New Mexico wiederum ist vorwiegend ländlich geprägt. Mit Abstand die größte Stadt ist Albuquerque. Die liberalen Städter aus ABQ und Santa Fe mögen die strukturelle Dominanz der Demokraten im Staat zwar grundieren. Ausschlaggebender Faktor ist allerdings die Latino-Mehrheit. Ergebnis des newmexicanischen Demographie-Mixes: Beide Faktoren zusammen sorgen seit Jahrzehnten, dass demokratische Mehrheiten die Regel, republikanische hingegen die Ausnahme sind.

Landschaft macht Politik

Obwohl auch das östlich von Arizona gelegene New Mexico seine politischen Klischees mitbringt und speziell die Erbitterung der dortigen Hispanic-Bevölkerung seit Jahren wächst, lohnt es sich, das Terrain genauer zu sondieren. Die Landschaft des Südwestens bestimmt nämlich auch die politischen Verhältnisse sowie die Fein-Arithmetrik der beiden Großpartien maßgeblich mit. Auf den ersten Blick sind beide Bundesstaaten trocken und heiß. Auf den zweiten Blick teilt sich der Südwesten auf in drei deutlich voneinander unterschiedene Großlandschaften. Der Norden New Mexicos wird von den Rocky Mountains bestimmt – der Region, in der mit Albuquerque und Santa Fe auch die beiden bedeutensten Zentren liegen. Kulturell gleicht Nord-New Mexico eher Kalifornien oder Rocky-Mountain-States wie Colorado – ein Staat, der bereits vor Jahren den Marihuana-Anbau legalisierte. Über eine ähnliche Bergregion, wenn auch nicht so ganz Schweiz-ähnlich, verfügt Arizona ebenfalls. An deren nordwestlichem Rand liegt Flagstaff – eine Mittelstadt, die nicht nur als Touristen-Stützpunkt fungiert für Ausflüge zum Grand Canyon, sondern innerhalb des Staats als verlässliche liberale Hochburg gilt. Der nördliche Teil der beiden Bundesstaaten wird darüber hinaus vom Colorado Plateau bestimmt – einer pitoresken Tafelberg-Landschaft, die nicht umsonst Assoziationen aufkommen lässt an klassische Westernfilme.

Die südlichen Regionen der beiden Bundesstaaten hingegen sind heiß, flach, landschaftlich unspektakulär und ziemlich unbewohnt. Aneinandergereiht von West nach Ost erstrecken sich hier die Mohave-, Sonora- und Chicahua-Wüste. Vergleicht man die Landschaftskarte mit der Karte der Wahlergebnisse 2016, fällt ein Umstand ins Auge. Während die nördlichen Regionen – in beiden Bundesstaaten – tendenziell bis stark den Demokraten zuneigen, ist das südliche, nahe der Grenze zu Mexiko gelegene Drittel fast durchgehend republikanisch-rot eingefärbt. In Schlagzeilen um setzt sich dies vor allem im Arizona-Abschnitt. In der Wüste umgekommene Flüchtlinge, eine hochgerüstete, mit neuestem Equipment ausgestattete Border Patrol und schließlich Bürgerwehren von Geschmacksrichtung »der Bürger kontrolliert, ob der Staat seine Arbeit richtig macht« bis bewaffnete Miliz machen diesen Abschnitt zum vielleicht explosivsten der gesamten Grenze.

Zahlen geben die notorische Alarmstimmung im südlichen Grenzstreifen nur unzulänglich wieder. Der Untersuchung »Fatal Journeys« von Tara Brian und Frank Laczko zufolge kamen 2013 allein im Border-Patrol-Abschnitt Nogales rund 200 Flüchtlinge ums Leben. Arizona hat Kalifornien und Texas jedoch nicht nur im Hinblick auf die mörderischen Bedingungen überrundet, unter denen Guatemalteken, Mexikaner und andere Hispanics in den Norden zu gelangen versuchen. Weltmeister ist Arizona auch im Hinblick auf die dabei gepflegte Doppelmoral. Beispiel: Nogales – ein verschlafenes Grenzstädtchen, dessen Haupt-Wirtschaftszweig, die industrialisierte Landwirtschaft, vor allem von illegalen Mexicanos und Mexicanas aufrechterhalten wird. Die passende Ergänzung zum wirtschaftlich-politischen Ungleichgewicht zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko findet sich gleich auf der anderen Border-Seite: Nogales, Mexiko – eine 200.000 Einwohner zählende Großstadt, deren Wirtschaft nicht unmaßgeblich von den Maquilas bestimmt wird, welche sich dort niedergelassen haben. Alleinstellungsmerkmal: Zuliefer-Produktion für Hungerlöhne und speziell ausgerichtet auf den US-Markt.

Grund, auf Trump und seine rassistische Politik sauer zu sein, haben auch die Hispanics in New Mexico. Nicht nur, weil der derzeitige Präsident komplette Bundesstaaten nicht unterscheiden kann und seine Mauer verbal einmal an der newmexicanischen Nordgrenze platzierte. Mit 56 Prozent (2017) sind die Hispanics schon länger die bevölkerungsstärkste Gruppe im Staat. Die Kombination starke hispanische Bevölkerungsanteile und Präferenz für die Demokraten ist in New Mexico schon lange eine verlässliche politische Größe. Ausnahmen von der Regel: der dünn besiedelte Süden und das Rinderland im Südosten – ein Landstrich, der strukturell eher mit Westtexas vergleichbar ist und unter der Bezeichnung Llano Escacado zumindest Karl-May-Lesern ein vertrauter Begriff sein dürfte. Um das Bild rund zu machen: Durch den Norden der beiden Bundesstaaten führt schließlich die legendäre Route 66. Die Straße, von der lediglich einzelne Streckenabschnitte noch in Betrieb sind, führt – von einigen roten Sprengseln abgesehen – quer durch demokratisches Stammland, über Santa Fe, Gallup und Flagstaff hin zum Traumziel des gleichnamigen Songs: Kalifornien.

Rotes Arizona, blaues New Mexico

Lokale Besonderheiten offeriert auch das wahlpolitische Feinbild. Ein bedeutsamer Faktor bei den Demokraten-Vorwahlen 2016 etwa war der bemerkenswert hohe Anteil an Sanders-Stimmen. Der demokratische Sozialist aus Vermont war der Favorit in acht Counties – darunter Bernadillo, dem mit Abstand bevölkerungsreichsten und Sitz der Staatshauptstadt Albuquerque. Gegen Clinton obsiegte Sanders auch in einigen von weißen Bevölkerungsmehrheiten geprägten im mittleren und südlichen Staatsteil – ländlichen Regionen, die bei der Präsidentenwahl allesamt an Trump gingen. Ansonsten belegen die Statistiken und Maps des Wahlportals uselectionatlas.org einen Trend, der nicht wirklich überrascht: Ihre Vorwahl-Hochburgen hatte Hillary Clinton vor allem in Regionen, in denen der hispanische Bevölkerungsanteil hoch ist. Bernie Sanders hingegen war vor allem in solchen Regionen gesetzt, in denen weiße arme Arbeiterklasse eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Noch bedeutsamer allerdings ist ein anderer Fact: In beiden Bundesstaaten bilden Natives-Minderheiten ein nicht zu vernachlässigendes Wählerreservoir. Demografisch liegt der Anteil der Ureinwohner in New Mexico bei rund zehn, in Arizona bei rund fünf Prozent. Flächentechnisches Gewicht – konkret: rund ein Viertel des Staatsterritoriums – bringen vor allen die in Arizona gelegenen Natives-Arreale auf die Waage: die große Navajo-Reservation im Norden, zwei Apachen-Reservate im Zentrum und die Pima-Reservation in der Sonora-Wüste.

Der Clou: 2016 neigten die Counties mit relevantem indigenen Bevölkerungsanteil keinesfalls geschlossen den Demokraten zu. Besonderer Herausstecher hier ist das in Nord-Arizona gelegene Navajo County. Das County ist nicht nur fast in Gänze Teil des den gesamten Nordost-Bundesstaat (sowie Teile von Utah und New Mexico) umfassenden Navajo-Reservats. Indigene stellen auch die zahlenmäßig stärkste Gruppe im Landkreis. Warum Trump dort mit 51 gegen rund 41 Prozent siegte, lässt sich via Ferndiagnose schlecht beurteilen. Sicher – die Gegend ist abgelegen, und die Ausstattung mit Wahllokalen ist in ländlichen Regionen generell schlecht mit Tendenz zu desaströs. Andererseits: Mit rund 52% liegt die Wahlbeteiligung in Navajo County nur 3 Prozent unterhalb derjenigen im Staat. Mit 36 Prozent dramatisch unter dem Schnitt lag sie lediglich in La Paz – einem ländlich geprägten Wahlkreis an der kalifornischen Grenze mit solider weißer Bevölkerungsmehrheit. La Paz ging mit 67,3% übrigens ebenso an Trump wie Gila und Graham – die Landkreise, in denen die Nachfahren der berühmten Apachen-Häuptlinge Geronimo und Cochise ihr ärmliches Dasein fristen. Ergebnisse hier: 63 und 65,3 Prozent pro Trump.

Die politischen Generalverhältnisse, denenzufolge ländlich-abgehängte Regionen zu den Republikanern, urbane Metropolen und Regionen mit starkem Minderheitenanteil hingegen zu den Demokraten tendieren, spiegeln sich auch in den regionalen Highlights der 2016er-Wahl nieder. Mit 72,9% fuhr Donald Trump sein Arizona-Rekordergebnis in Mohave County ein – einer Region, die nicht nur nach der gleichnamigen Wüste klingt, sondern die abgelegensten Ecken des Staates mit beinhaltet: ein Drittel des Landkreises, das sogenannte Arizona Rip, nördlich des Colorado River, ist lediglich via Nevada oder Utah zu erreichen – das landschaftliche Tafelsilber in Form des Grand Canyon hält die Nordwestecke Arizonas im verkehrsanschlusstechnischen Isolationsmodus. Die Demokraten wiederum fuhren ihr Arizona-Rekordergebnis an der Grenze zu Mexiko ein: in Santa Cruz County – dem Umland von Nogales, in dem Hispanics mehr als drei Viertel der Bevölkerung stellen. In New Mexico gestalten sich die Verhältnisse ähnlich. Demokratisches Best-Ergebnis: Taos County im Norden des Staats (69,9%). Bevölkerungsmehrheit: hispanisch. Mit 71,5% punktete Donald Trump gleich in zwei Counties: Union und Catron. Gemeinsamkeit: In Union und Catron lassen sich nicht nur die Wählerinnen und Wähler der Demokraten fast an einer Hand abzählen. Die Einwohnerzahl beider Gebiete – flächentechnisch Dimensionen einnehmend wie hierzulande beispielsweise Niedersachsen – beläuft sich jeweils auf wenige Tausend.

Kulturelle Faktoren

Verstehen lässt sich die politische Diskrepanz zwischen den beiden benachbarten Bundesstaaten vielleicht nur, wenn man kulturelle Faktoren mit hinzuzieht. Beide haben ihre Frontier-Periode spät abgeschlossen; als Schlusslichter vollzogen sie erst 1912 den Statuswechsel vom Territorium zum Bundesstaat. Historisch jedoch verlief die Entwicklung extrem unterschiedlich. Santa Fe, kultureller Mittelpunkt New Mexicos, hat eine lange Geschichte als Handelszentrum hinter sich. Gegründet wurde die Stadt 1597 – zu Zeiten also, in denen von Ostküsten-Besiedlung ebenso wenig die Rede war wie von der romantischen Liaison zwischen einer Häuptlingstochter mit Namen Pocahontas und einem Anglo-Siedler. Auch im 19. Jahrhundert orientierte sich die Region stringent in Richtung Norden; der kurze Versuch, wenigstens Süd-New Mexico in die abtrünnige Konföderation einzugliedern, endete 1861 in einem militärischen Desaster – der Schlacht am Glorieta Pass. Arizona hingegen, lange Zeit ein karges Rinderland, wurde vergleichsweise spät besiedelt. Geprägt wurde die Geschichte des Bundesstaats durch zwei Faktoren: a) extensiver Gold-, Kupfer- und Silber-Abbau, b) blutige Indianerkriege, die hier weitaus länger andauerten als im Rest der USA.

Speziell Arizona scheint chronische Probleme zu haben, sich von seiner Westerner-Vergangenheit zu verabschieden. Die rauhen Sitten, die einst einen US-Marshall mit dem Namen Wyatt Earp berühmt machten, prägen den Bundesstaat bis heute. Als 1996 in einem Spielcasino der grenznahen Stadt Carlson/Nevada eine blutige Schießerei stattfand zwischen Gruppen der Hells Angels und Mongols, beschlossen die Lokalbüros von ATF, FBI & Co., Nägel mit Köpfen zu machen und gegen die ortsansässigen Höllenengel eine RICO-Ermittlung in die Wege zu leiten. Dringend gesucht hierfür: geeignete Verbrechen, welche eine Anklage wegen organisierter krimineller Verschwörung untermauerten – am besten via mitgeschnittener Geständnisse. Als Mann der Tat kam Jay Dobyns ins Spiel – ein Undercover-Ermittler, der den Auftrag erhielt, ein (gefaketes) Charter der Höllenengel zu begründen und sich auf diese Weise in den Kern des im Visier stehenden MC hervorzuarbeiten. Dobyns und seine (gestellte) Bikergang machten ihre Sache gut – bis hin zu einem mittels Theaterblut und dazughörigem Wüstenbegräbnis in Szene gesetzten Pseudo-Auftragsmord. Die Beförderung zum offiziellen Höllenengel-Charter war mit dieser Camouflage zwar so gut wie in trockenen Tüchern. Lediglich die auftraggebenden Ermittlungsbehörden bliesen die Operation »Black Biscuit« unvermittelt ab. Das Ende vom Lied: Dobyns vermarktete die Aktion in Form eines – auch in deutscher Sprache erhältlichen – Buch-Bestsellers.

Dass der ehemalige ATF-Agent mit seinem Leben hadert, darf trotz der Morddrohungen, die zwischenzeitlich kursieren, als eher unwahrscheinlich gelten. Letzten Endes ist Dobyns »Lifestyle« nicht mehr als die Extremform jener Art Existenz, die auch heute noch im Südwesten hoch im Kurs steht. Schwere Jungs, Bandenkriminalität und so weiter hat auch New Mexico in petto. Allerdings: Zum Synonym für den NM-Lifestyle avancierte vor allem eine fiktive Figur: Walter White, Hauptprotagonist der TV-Erfolsserie »Breaking Bad«. Während von Dobkyns Aktion lediglich der Buchmarkt profitiert, befördert Whites TV-Erfolg immerhin das gewerbliche Kleinunternehmertum von Albuquerque und Santa Fe. Nachfrageseitiger Hintergrund: der örtliche »Breaking Bad«-Tourismus, dessen Erlebnishunger unter anderem mit Donuts gestillt wird, deren Glasur – so ein Beitrag in der F.A.Z. – unter anderem aus stilgerecht nachgebildeten Crystal-Meth-Imitationen besteht.

Man könnte den Unterschieden zwischen den beiden Staaten soziologisch nachgehen, kulturell oder eben historisch. Manchmal allerdings sind ungefilterte Einschätzungen Marke Mr. Jedermann und Mrs. Ich-sags-euch-mal aufschlussreicher als die beste Polit-Analyse. Im Internet findet sich diese Art Alltagsbeobachtungen auf Seiten wie zum Beispiel quora.com – dem US-Pendant zu gutefrage.net. Welche Diagose stellen die Foristen dort aus? User Stephen Tenbrink führt die Unterschiede auf die Demografie zurück. Tenbrink: »Während beide Bundesstaaten eine große Anzahl von Indianern haben, ist Arizona überwiegend weiß mit etwa 30% Hispanics, während New Mexico dagegen zu etwa 50% Hispanics ist. Daher ist die hispanische Kultur in New Mexico viel vorherrschender als in Arizona.« Rick Cormier, eigenen Angaben zufolge in Santa Fe wohnhaft: »Abgesehen von der offensichtlichen Tatsache, dass AZ ein konservativer, republikanischer ›roter Staat‹ und NM ein liberaler, demokratischer ›blauer Staat‹ ist, gibt es Unterschiede wie die Tatsache, dass die meisten Arizonen eine Mauer bauen wollen, um Mexikaner fernzuhalten und das Recht erhalten wollen, sie auf Sicht zu erschießen. Hier in Santa Fe ist es nicht nur den meisten Menschen egal, ob ein Mexikaner legal ist oder nicht, wir zahlen ihnen einen Mindestlohn von 11,96 USD pro Stunde, genau wie allen anderen.«

Optik und Steuersätze sind weitere Gründe, welche – den Forums-Diskutanten zufolge – die beiden Staaten unterscheiden. »Arizona ist fotogener; New Mexico ist unfotografischer.«, befindet IT-Berater Maco Young. »Arizona hat sehr vorteilhafte Steuergesetze für Rentner«, gibt Paul Richard aus New Mexico zu bedenken. New Mexico sei in der Beziehung eher durchwachsen. »Es gibt einige Vorteile, wenn man ein Veteran ist, aber insgesamt denke ich, dass Arizona aus steuerlicher Sicht besser ist.« Dylan Hutchson, Student: »Ein großer Teil von Phoenix besteht aus entwurzelten Leuten aus SoCal, insbesondere aus der Region San Bernadino. Phoenix ist diesem Gebiet sehr ähnlich, mit der Ausnahme, dass es viel billiger ist und viele intranationale Einwanderer anzieht. Ansonsten sind die meisten Entwurzelten alte weiße Leute aus dem Mittleren Westen, die sich in AZ zurückziehen. Ältere Menschen stimmen eher konservativ, nur weil sie entwurzelt sind: Ohne ihre Kinder, die in derselben Stadt leben, müssen sie sich nicht auf Programme konzentrieren, die die lokale Infrastruktur oder die Schule unterstützen. Stattdessen ist eine konservative Politik, die ihren Individualismus anspricht, viel attraktiver.« Forumsgast Doubticus schließlich resummiert: »Ich würde sagen, dass die Altersvorsorgesiedlungen in Sun City klassisch konservativ sind. Phoenix als Ganzes scheint mehr gegen Steuern zu sein als sozialkonservativ, besonders im Vergleich zu Kansas. Ich würde die nördlichen Städte Flagstaff und Sedona als liberal bezeichnen.«

Im Endspurt

Die gute Frage, ob es angesichts dieser Verhältnisse noch Sinn ergibt, sich wahlkamptechnisch groß ins Zeug zu legen, stellen sich wohl auch die Repräsentanten der beiden großen Parteien. Andererseits ist diesmal nichts wie sonst. Dies meint auch Linda Rawles, Juristin in Phoenix und seit Jahrzehnten gestandene Aktivistin der Republikaner. Diesmal jedenfalls will sie für Joe Biden stimmen. Donald Trump klassifiziert sie in einem dw-Bericht als »psychisch gestörten Soziopathen«. Ihre Partei sieht sie zwischenzeitlich gekidnappt von Leuten, die mit dem ursprünglich republikanischen Gedanken nur noch wenig zu tun haben. Mit der Einschätzung, dass Trump auch für Konservative unzumutbar ist, befindet sich Rawles in bester Gesellschaft. Für die Demokraten stimmen will diesmal auch die Familie des verstorbenen republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain. Die verbliebenen Republikaner zermartern sich derweil die Köpfe um Segmente und Prozente. Frage, so ein Situationsbericht auf der Analyseseite politico.com: Wie viele Stimmen dürfen die Reps im Großraum Phoenix verlieren, ohne dass sich dieser Verlust wahlentscheidend auswirkt und Arizona an die Demokraten geht?

Gute Frage. Ob die Themen Law, Order & Immigration ausreichen, darf in Bezug auf die Wahl im November durchaus bezweifelt werden. Insgesamt stecken die Wahlkampfführer der Partei in einer veritablen Zwickmühle: Machen Sie zu stark Front gegen illegale Einwanderer, springt die Latino-Minderheit unter den Trump-Wählern möglicherweise ab – ein Faktor, der in Arizona mit seiner weißen Mehrheit vielleicht nicht ganz so ins Gewicht fällt wie in New Mexico, sich umgekehrt jedoch auch nicht ganz ignorieren lässt. Wie anderswo auch befinden sitzen auch die Republikaner im West-Südwesten zwischen den Stühlen der um Rest-Anschlussfähigkeit bemühten Gesamtpartei und der aufgeheizten Trump-Fanbase, die auf Polarisierung und Krawall nachgerade gebürstet ist. Beispiel: ein Video von einer Black-Lives-Matter-Demonstration in Prescott, welches im Sommer für Medienschlagzeilen sorgte. Bis auf Spießrutenlaufen durch ein Spalier wütender AltRight-Anhänger war zwar nichts weiter passiert. Anderseits zeigt das Video – neben bewaffneten Trump-Anhängern –, dass eine Auseinandersetzung mit Verletzten und Toten durchaus im Bereich des Möglichen lag. Mit anderen Worten: die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung ist auch in Arizona angekommen.

Nichtsdestotrotz bemüht sich Donald Trump im angrenzenden New Mexico um Schadensbegrenzung. Beispiel: ein Wahlkampfauftritt in Rio Rancho, New Mexico – mitten im demokratischen Herzland. Trumps Wagkkampfbotschaft: Liebe (»Wir lieben unsere Latinos«) und – Optimismus (»Wir glauben wirklich, dass wir diesen Staat zu einem republikanischen Staat machen werden«). Empfänger der Botschaft jedoch waren – zumindest, wenn man nach dem Bericht auf der Seite der Friedrich-Naumann-Stiftung geht – vor allem jene bereits hunderfünfzig Prozent überzeugte Trump-Fanbase, die es eben auch in New Mexico gibt. Wie wird der Wahl-Showdown im US-Südwesten ausgehen? Für die Prognose, dass New Mexico (wieder) an die Demokraten geht, braucht man kein Experte zu sein. Interessant so wird vor allem die Frage sein, ob Arizona diesmal standhaft bleibt – oder angeschossen zu Boden geht, ähnlich wie Doc Holliday bei der legendären Schießerei am OK Corall. Die Pointe dabei: Holiday-Partner Wyatt Earp beendete seine Westerner-Laufbahn auf eine ebenso zivile wie einkömmliche Weise: als Filmberater im Sündenbabylon Hollywood.

Quellen:

Die Wahl-Detailergebnisse von 2016 stammen von der Webseite uselectionatlas.org. Einzelergebnisse dort müssen manuell aufgerufen werden.

Die Zitate von quora.org sind unterschiedlichen Diskussionen entnommen, welche die Unterschiede zwischen den beiden Bundesstaaten zum Thema haben.

17:19 24.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linksorientierter Schreiber mit Faible für Popkultur. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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