Hat auch Schiller gebolzt?

Schule Eine Ganztagsbetreuung wird oft als weitere Förderung verstanden. Dürfen Kinder auch mal spielen?
Hat auch Schiller gebolzt?
Man schaue sich mal einen durchschnittlichen Schulhof heute an: Da sieht man ja nicht wenige Kinder, denen man nicht so recht zutraut, springen, hüpfen oder geradeaus laufen zu können (no offence, liebe Kinder)

Foto: Franck Fife/AFP/Getty Images

Es ist beschlossene Sache: Ab 2029 soll jedes Kind einen Rechtsanspruch auf eine schulische Ganztagsbetreuung erhalten. Womit es nun also nur noch acht Jahre dauert, bis das vereinigte Deutschland den Standard der Ost-Bundesländer erreicht, wo es diesen Anspruch de facto seit Jahrzehnten gibt.

Huch, falsche Kolumne: Hier soll es ja nicht um Ostalgie gehen. Nein, um Bildung! Und Geschlechtergerechtigkeit, sind es doch meist die Muttis, die die lieben Kleinen nach der Schule abholen, die aus unerfindlichen Gründen in Westdeutschland schon 11 Uhr zu enden scheint. Kommentatoren des beschlossenen Gesetzes heben sodann auch die emanzipatorische Bedeutung des Gesetzes hervor, sparen aber nicht mit der erwartbaren Kritik: Gott behüte, dass die Kinder am Nachmittag von unmotiviertem Betreuungspersonal verwahrt werden, statt ordnungsgemäß gefördert gefördert gefördert zu werden. Oder, wie es Linda Tutmann für die Zeit aufschreibt: „Sie sollen Input erhalten, sich inspirieren lassen, von geschulten Erziehern, von Lesepaten, dem Schulgärtner – oder der Musiklehrerin.“ Warum eigentlich? Sie finden die Frage albern. Förderung, ist doch klar! Tutmann betont es: Es gehe darum, unterprivilegierte Kinder zu fördern. Bildungsgerechtigkeit ist das Stichwort.

Aber wir haben es hier mit einer Ebenenvermischung zu tun: Entweder wählen wir das Konzept einer Ganztagsschule, bei der das Bildungsangebot von vornherein breit aufgefächert und auf den Nachmittag ausgeweitet wird. Oder wir wählen das Konzept einer Nachmittagsbetreuung, an der man freiwillig teilnehmen kann. Offensichtlich hat man sich für die Verbreiterung des Betreuungs- und nicht des Bildungsangebotes entschieden. Zweitens steckt dahinter ein Ressentiment, eben dass die Kinder womöglich nur verwahrt würden, wenn (ungeschulte?) Erzieher die Betreuung übernehmen. Dabei gibt es doch in jedem Hort Hausaufgabenbetreuung, Koch-, Bastel- und Sportkurse (nur im Osten?).

Vielleicht müssen wir das Ganztagsbildungsangebot für Grundschüler auch auf einer weiteren Ebene in Frage stellen. Tutmann zürnt in ihrem Text: Wenn „die Kinder sich selbst überlassen auf dem Schulhof abhängen, ist den Kindern und ihrer Entwicklung (und damit auch den Eltern) nicht geholfen“. Da fragt man sich natürlich, ob die Autorin mal ein Kind war. Ob sie Verstecken gespielt, Pokémon-Karten getauscht oder mit Freunden zwischen den Stangen eines etwas rostigen Klettergerüsts Fußball gespielt hat.

Wenn die lieben Kleinen schon einmal da sind, weil Mutti und Vati arbeiten, dann sollen sie gleich noch ihre Rechenkompetenz im Zahlenraum bis 100 optimieren. Aber so ein Kind ist kein kybernetisches System à la „optimaler Input hier, optimaler Output dort“. Wir reden von Sechs- oder Achtjährigen, die in den fünf Unterrichtsstunden stillsitzen und idealerweise konzentriert mitarbeiten müssen. Zu Hause werden sie womöglich noch einen Abend lang fernsehen, also noch länger sitzen. Man schaue sich mal einen durchschnittlichen Schulhof heute an: Da sieht man ja nicht wenige Kinder, denen man nicht so recht zutraut, springen, hüpfen oder geradeaus laufen zu können (no offence, liebe Kinder).

Ich will Ihnen nun nicht mit Friedrich Schiller kommen – oder, Moment, vielleicht doch: Der Mensch ist bekanntermaßen „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Dieser spielende Mensch ist mal schöpferisch produktiv und schreibt Mutti beispielsweise ein hübsches Gedicht oder eben ein Drama in fünf Akten, mal daddelt er auf einer Spielekonsole herum. Ich weiß nicht, ob auch Schiller gebolzt hat. Aber ich hoffe doch, dass auch er als Kind mal abhängen durfte.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 19.09.2021
Geschrieben von

Marlen Hobrack

Was ich werden will, wenn ich groß bin: Hunter S. Thompson
Marlen Hobrack

Ausgabe 38/2021

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