Adieu, Michel Piccoli!

Nachruf Was ist Liebe? Fast hätte er mir einmal die Antwort gegeben
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“ (1970)
Michel Piccoli in „Die Dinge des Lebens“ (1970)

Foto: Imago Images/Everett Collection

Ich hatte Die Dinge des Lebens gesehen, Claude Sautets Film von 1970. Michel Piccoli spielt darin einen Mann zwischen zwei Frauen. Er rauchte pausenlos Gitanes, zündete sich die neue Kippe an der letzten an, wirkte sanft, lässig, zerrissen, im offenen Hemd. Er war verführerisch und musste dafür nicht schön sein. „Ich fahre nach Rennes, ein frisches Hemd kaufe ich mir unterwegs, das ist abenteuerlicher“, sagt er in einer Szene zu Hélène, seiner Geliebten, gespielt von Romy Schneider. Als sei er auf der Flucht.

Er hatte mich beeindruckt. Ich wollte Michel Piccoli treffen, für ein Gespräch. Und schrieb ihm einen längeren Brief. Mit einer Antwort hatte ich kaum gerechnet, schließlich war er einer der größten Helden des französischen Kinos, seit mehreren Jahrzehnten.

Eines Tages kam ich nach Hause und schaltete den Anrufbeantworter ein, so wie immer. „Bonjour, Michel Piccoli am Apparat. Ich bedaure es sehr, aber ich kann Sie leider nicht treffen, Mademoiselle“, sagt er mit tiefer, melodiöser Stimme.

Ich war verblüfft. Er hatte angerufen, es war eine Absage, aber sie klang wie ein Kompliment.

Ein paar Tage darauf bekam ich einen Brief von Michel Piccoli aus Paris.

Weißes Papier, schwarze geschwungene Handschrift. Er sei très geschmeichelt von meinem Anliegen, aber er rede nicht so gern über Persönliches. Lieber über Filme. Aber das wollte ich nicht. War aber beeindruckt, dass er sich diese Mühe machte. Der wahre Piccoli, der hatte was Anständiges, Verbindliches.

Er hat sich immer als Linker verstanden, verkehrte als junger Schauspieler im Umfeld der Existenzialisten, die Philosophen Sartre und de Beauvoir gehörten zu seinen Freunden. Mit Juliette Gréco, der Muse des linken Seine-Ufers, war er zehn Jahre lang verheiratet. Gemeinsam mit Schauspielerkollegen wie Yves Montand ging er auf Demonstrationen, protestierte gegen Rassismus, den Front National oder entfesselten Kapitalismus. Piccoli hat die Kampagnen der sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Mitterrand und François Hollande unterstützt, er half ihnen aktiv im Wahlkampf, hegte selbst einige Sympathien für Aktivisten – wie es in Künstlerkreisen des Rive Gauche nicht unüblich ist. Gleichzeitig wusste er, was für ein privilegiertes Leben er führte, wollte es nicht ändern. Aber er nahm wahr, was um ihn herum passierte. Ein „Salon-Linker“, wie man ihn vor allen Dingen aus Frankreich kennt, wo Sänger, Musiker und Filmstars eine lange Tradition haben, wenn es darum geht, sich politisch einzumischen.

2009 fuhr ich für eine Reportage nach Paris. Es war Frühling, ein sonniger Tag, ich schlenderte durch die verwinkelten Gassen des Bastille-Viertels. Und sah einen älteren weißhaarigen Monsieur, er trug einen Beutel mit einem Baguette darin in der Hand. Er kam gerade aus einer Boulangerie an der Straßenecke. Michel Piccoli. Sein Blick, der war noch derselbe wie im Film. Er ging langsam, bedächtig. Ich wartete, bis er näher gekommen war. Sprach ihn an. „Monsieur Piccoli?“, sagte ich. „Oui.“ Er blieb stehen. „Ich bin es, die deutsche Journalistin aus Berlin, Sie hatten mir mal einen Brief geschrieben, erinnern Sie sich?“ „Ah, non.“

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“ „Oui.“

„Was ist Liebe, Monsieur Piccoli?“ Er schaute nachdenklich.

„L’amour? Oh. Das heißt Arbeit!“

„Ich muss weiter“, flüsterte der Dreiundachtzigjährige dann. Ihm bleibe nicht mehr viel Zeit. „Bon courage“, sagte er noch. Und setzte seinen Weg fort.

Adieu!

Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Kultur
Schreiber 0 Leser 24
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