Das Leben des Anderson

Premierenfeuer Bei der Aufführung des Dokumentarfilms "Anderson" über den Prenzlauer-Berg-Popstar und Stasi-Verräter auf der Berlinale kommt es zu Unruhe. Danach wird Bier getrunken
Matthias Dell | Ausgabe 07/2014 3

Was bisher geschah, können Sie auf Seite 18 lesen. Dort steht eine Kritik des Dokumentarfilms Anderson, der am 11. Februar auf der Berlinale Premiere hatte. Der Film handelt von Sascha Anderson, dem Popstar und Stasi-Verräter des späten DDR-Undergrounds, und auch wenn Andersons Enttarnung fast ein Vierteljahrhundert zurückliegt, bleiben die Gefühle unruhig.

Man merkt das an der Aufregung der Regisseurin Annekatrin Hendel, die denen, die vor der Kamera mit ihr gesprochen haben über den Verrat und das Private, noch vor Beginn der Vorführung Rote Teppiche der Dankbarkeit ausrollt. Und man merkt es an der Unruhe im Saal danach, die sich schließlich Bahn bricht in emotionalen Äußerungen, warum man so einem "Monster" wie Anderson eine Plattform geben müsse.

Zitternde Stimmen, sich drehende Köpfe, gleichzeitig aber auch immer schon zwei Kamerateams vom Fernsehen, die genau wegen dieser Bilder im Saal sind. Die Moderation prozessiert die Entgleisung routiniert durch: "Warten Sie einen Moment, es kommt jemand mit einem Mikro, dann können Sie sich aufregen." Das Kino International stellt in diesem Moment eine merkwürdige Form von Öffentlichkeit her, auch weil Anderson und die meisten anderen Protagonisten im Saal sind, aber nicht auf die Bühne gehen. Spricht man jetzt mit der Regisseurin über ihren Film oder verhört man Anderson über seine Moral?

Problematische Öffentlichkeit

Annekatrin Hendel fragt von vorn nach hinten zu Anderson, ob er mit ihr weitere Auftritte absolvieren werde. Ja, sagt der, aber er wolle nur über das Thema sprechen, nicht über das Private, was, wie der Film zeigt, schwer voneinander zu trennen ist. Und der Empörung scheinbar freien Lauf lässt: Wie kann der Verräter für sich Privatsphäre beanspruchen?

Vermutlich hat er sogar recht: Natürlich ist die Geschichte von Sascha Anderson interessant für die Öffentlichkeit, für eine Auseinandersetzung mit der DDR, mit den Akten, mit dem Westen. Aber das, was Filme als Medien dieser Auseinandersetzung dann suggerieren, dass Konfrontation, Reue, Austausch, Versöhnung oder Verzeihen vor der Kamera oder am Saalmikro stattfinden müsse, ist ein obszöner Trugschluss.

Und deshalb wirkt die anschließende Premierenfeier in der "Kulturspelunke Rumbalotte Continua" im Prenzlauer Berg, in der Dichter und Betreiber Bert Papenfuß den Geist der DDR-Bohème verlängert bis ins Heute, nur für Außenstehende surreal: Dass sich da alle drängen und treffen, die im Film nur übereinander und nicht miteinander reden.

Beobachtungen, Projektionen

Es ist wie bei einem Klassentreffen, nur dass die Verwundungen größer, die Narben tiefer sind. Auch hier wird Normalität prozessiert: Auf den Tischen liegen Postkarten die für die Keramik von Wilfriede Maaß werben, der Frau des einstigen Freundes Ekkehard, in die Anderson sich verliebt hatte. Eine Band spielt, Bert Papenfuß schaut hinter der Bar zu einem ziemlich frühen Zeitpunkt des Abends auf die Uhr, als wolle er heut nicht so lang machen.

Irgendwann spricht Paul Gratzik, Dichter, Stasi-IM, Protagonist von Annekatrin Hendels Film Vaterlandsverräter mit Anderson, und bei der Frage, über welche Erfahrungen die beiden sich jetzt austauschen, die mit Hendel, die mit der Stasi oder die beim Schreiben, ertappt man sich bei einem beunruhigenden Gedanken: Dass Anderson, der Film, nicht nur dieses vermutlich begrüßenswerte, auf jeden Fall normalisierende Zusammensein ermöglicht hat, sondern dass man sich danach als Journalist fragt, worin sich ein beobachtender Text wie dieser hier eigentlich von den Strategien eines Stasi-Bericht unterscheidet.

 


AUSGABE

16:36 13.02.2014

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