RE: Brecht das ab | 13.12.2017 | 20:01

Vorab: Ich bin durchaus nicht für Verbote. Aber ich bin dafür, sich jeweils doch noch einmal mehr selbst zu fragen, ob immer alles, was möglich ist, auch getan bzw. ausgereizt werden muss. So finde ich auch etwa den Konsens der US-amerikanischen Presse, keine Karikaturen mit dem Ziel Religion zu veröffentlichen, nicht verkehrt.

Der Unterschied, den Sie markieren wollen ist allerdings gar nicht so wesentlich. Was glauben Sie, wievielen Muslime durch die ein oder andere Mohammed-Karikatur "persönlich/privat auf die Pelle" gerückt wurde/wird. Das ist eben etwas, was sich die relativen Atheisten, höchstens Weihnachts- und Ostern-Kirchenbesucher, des Westens zumeist nicht vorstellen können.

RE: Antisemiten sind immer die anderen | 13.12.2017 | 19:52

"Mein Kommentar war eine Antwort auf: „Es ist, als habe das Nach-Auschwitz-Deutschland nur darauf gewartet, endlich neue Antisemiten zu finden. Doch die haben nach wie vor auch ein weißes Gesicht.“ Es gibt in unserem Land eine Fremdenfeindlichkeit und einen marginalen Antisemitismus. [...]"

Unter dem Aspekt verstehe ich Ihren ersten Kommentar auch besser. Ich würde Ihnen auch Recht geben, dass der Grundtenor des Artikels, 'es passiert wieder in Deutschland', unpassend und so eigentlich auch falsch ist.

RE: Antisemiten sind immer die anderen | 12.12.2017 | 21:25

"Die vereinzelten rechtsstaatlich zu ahndenden Übergriffe dürfen eher nicht als Antisemitismus gedeutet werden [...] Israel [...] bieten gute Scheinlegitimationen für die wachsende Aggressivität verwahrloster Deutscher."

Da wäre ich mir nicht so sicher. Zwar weiß ich auch nicht, wie präsent das Thema Israel in arabischen Familien tatsächlich ist - zumal palästinensischen oder libanesischen, die bei weitem die Mehrheit in D stellen. Ich begleitete vor einigen Jahren einmal eine solche Demo in Berlin. Neben dem offen und laut formulierten Israel- und Judenhass ergoß sich auch ein Steinhagel auf das damals gerade fertiggestellte neue britische Botschaftsgebäude. Ich denke so schon, dass ein gewisses Bewusstsein auch über die historischen Hintergründe der Staatsgründung Israels und der direkt oder indirekt Beteiligten herrscht. Und ich denke, dass man auch nicht so ohne Weiteres darüber befinden kann, wie spezifisch ausgewählt ein mögliches Opfer "Jude" durch einen Araber tatsächlich ist. Wie tief empfunden die Abneigung tatsächlich ist. Ich glaube nicht, dass es sich bei den hierzulande, in Frankreich, Schweden usw. angegriffenen Juden um wahllose/zufällige Opfer testosterongeschwängerter junger Männer, wie es sie in jeder Wochenendnacht gibt, handelt.

Sie schreiben doch selbst auch von "israelischer Unmenschlichkeit". Nun stellen Sie sich einmal vor, Sie seien Sohn einer Familie, die einem palästinensischen Flüchtlingslager entkam. Oder Oma und Opa wurden noch damals '48 aus ihrem Haus vertrieben. Ich glaube schon, dass es einen recht gefestigten Antisemitismus bzw. Antijudaismus unter Arabern gibt. Der aber freilich in keiner Weise, auch nicht durch das eben Beschriebene, zu rechtfertigen ist.

Gleichwohl gibt es natürlich diese "Scheinlegitimation". Und zwar insbesondere durch die arabischen "Brüder und Schwestern". Da ist es nämlich zumeist mit der Solidarität gegenüber den Palästinensern nicht sehr weit bestellt.

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 12.12.2017 | 10:41

"Meist wird Fachsprache nur zur Abgrenzung benutzt und um Banales besonders wertvoll erscheinen zu lassen."

Mag sicher sein. Viele gewöhnen sich das aber auch einfach sehr schnell, bereits mit dem Studienbeginn, wo der Fachsprech dann noch besonders ungeschickt und aufgesetzt wirkt, an, weil sie einfach meinen, man müsse sich diesen Stallgeruch zulegen.

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 12.12.2017 | 10:34

"Whow! Und für die Binse, dass man nicht verallgemeinern sollte [...] darf man sich einen »Prof.« vor den Namen kleben"

Es geht ja nicht um die moralische oder ethische Feststellung, dies oder das sei nicht in Ordnung. Es werde Ihnen ja nichts Neues erzählen: In den Sozialwissenschaften und/oder der Soziologie geht es um Strukturen sozialen Handelns, um die Determinanten, Bedingungen, Zusammenhänge ... So wird oben auch keine Binsenweisheit formuliert, sondern angedeutet, dass der reflexhafte Schluss auf z. B. den Araber oder den Islam angesichts der Kölner Silvesternacht ein affektiver Kurzschluss sei und die Gründe für das Handeln der Männer auf der Domplatte in der Kombination mehrerer Faktoren zu suchen seien, die das Leben dieser Männer bestimmen.

Um mal einen Vergleich zu wagen: Wir alle sehen die Sonne auf- und untergehen. Die Aufgabe des Physikers ist nun aber nicht, uns die "Binse" mitzuteilen, dass die Sonne auf- und untergeht, sondern warum das so ist bzw., warum es uns so erscheint, dass sie auf- und untergeht. Er kann dabei z. B. irrige Behauptungen, dass die Sonne auf- und unterginge, richtig stellen und uns sagen, dass das mit der Kugelform und der Rotation der Erde zu tun hat. Es geht um die Zusammenhänge hinter Phänomenen. Und so ist es auch nicht Aufgabe des Sozialwissenschaftlers, zu sagen, dies oder das sei falsch oder böse, sondern dies und das stimmt so nicht, weil ...

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 11.12.2017 | 21:19

Um mal ein Beispiel aus dem Interview zu nehmen:

Die Antwort auf die Frage "Wie lassen sich sexistische Praktiken und patriarchale Werte in islamisch geprägten Kontexten thematisieren? [...]" wäre auch ohne den gemeinen Leser belastende Vokabeln wie "intersektional" ausgekommen, zumal PIV ja ohnehin erklärt, was gemeint ist. Und mit diesen Erläuterungen, lesen wir eine klare Antwort: Wenn jemand eine sexuelle, oder wie auch immer motivierte, Gewalttat begeht, so sei verkehrt, daraus pauschalisierend auf alle Menschen zu schließen, die der gleichen Religion oder Herkunft zuzuschlagen seien.

Terminologie/Fachvokabular hat ihren/seinen Sinn im engeren Kreis jeweiliger Fachcommunities. Sobald Wissenschaftler aber hinaus in die "weite Welt" referieren, sollten sie sich so allgemein verständlich wie möglich ausdrücken. Das ist oft nicht einfach - aber man sollte wenigstens ein Gespür dafür haben, wie man mit wem reden kann. H. Münkler ist ein sehr gutes Beispiel. Der Mann kann verdammt gut reden (ich kenne ihn vor allem als Redner) und sich 'allgemeinpopulär' ausdrücken ohne dass er inhaltlich an Substanz verliert. Ich erinnere mich hier auch an einen Professor aus meiner Studienzeit, der in seinen populärwissenschaftlichen Büchern eine merkwürdige Mischung aus unterhaltsamem Populärstil und dieser, wie Sie sagen, "typisch deutschen Form der Gelehrsamkeits"-sprache pflegte. Das kollidierte schon hier und da. Aber seine Vorlesungen und Seminare waren schon top.

RE: „Krudes wurde sagbar“ | 11.12.2017 | 19:03

Sicher, Akademiker entkommen selten ihrer akademischen Sprache. Wohltuende Ausnahmen gibt es aber wohl. Im vorliegenden Artikel finde ich es, bis auf ein paar Stellen (ja, "agonal" und so etwas sollte man sich klemmen), nicht so dramatisch und dafür tatsächlich auch griffige und klare Antworten. Ich sehe nicht, dass die Damen nur um einer "Spezialsprache" willen redeten.

RE: Glück im Unglück | 10.12.2017 | 10:17

“Daraus resultiert eine prinzipielle Kritik am derzeitigen Gesellschaftssystem“

Wenn es mal so wäre ... Und wer sind denn die “Alternativdeutschen“?

Ihre Beschreibung der Ursachen ist sicher zu einem großen Teil richtig. Die Beschreibung der heutigen Situation ist es nicht.

Leider ist es auch so, dass viele DDR-Bürger mit der Wende ihr Gehirn der Treuhand übergeben haben.

RE: Wende im Fall Oury Jalloh? | 08.12.2017 | 20:22

"Wo sind “wir“ nur hingekommen?"

Wieso hingekommen?

RE: Brecht das ab | 06.12.2017 | 21:10

"Es würde mich auch überraschen, wenn ich Sie einfach mal eben von meiner Sicht überzeugen könnte."

Ich bin ja gar nicht so verschiedener Meinung. Möglichweise gab es auch ein Mißverständnis. Mein abschließender Satz "Überzeugen tut micht diese Überlegung auch nicht vollständig" meinte meine eigenen, im Kommentar dargelegten, Überlegungen.

Was die politisch-gesellschaftlichen Konsequenzen solcher Aktionen angehen, haben Sie freilich recht. Und auch wenn wir derartige Aktionen als Kunst anerkennen, so stellt sich trotzdem die Frage, ob sie nicht doch auch unterlassen werden können. Und zwar weniger, weil das Potential des Mißverstehens oder auch Überdeutens allein so groß ist, sondern vor allem, weil das, was dadurch u. U. ausgelöst wird, so weitreichend und dramatisch sein kann. In einer Reihe mit den Aktionen des ZPS stünden dann etwa auch Mohammed-Karikaturen.