RE: Asche im Bett | 14.11.2018 | 23:15

"Ich bezweifele, dass es bei Mozart einen ernstzunehmenden antifeudalen Subtext gibt. Was er tatsächlich tut, ist Adlige als Menschen zu zeigen, die so wenig wie alle anderen Menschen über Kleinlichkeit und Dummheit erhoben sind. Das lässt sich als politische Message deuten, aber wenn überhaupt, sehe ich darin die Message der Librettisten; Mozart selbst war das nach allem, was von ihm bekannt ist, völlig gleichgültig, den hat nur die Musik interessiert [...]"

Also doch Subtext. Ob ernstzunehmend ... nunja, wer kann das schon beurteilen. Ich habe mal in einem Popmusik-Analyse Seminar gelernt, es sei zunächst ziemlich gleich, was die Künstler über ihre Kunst oder ihre Mittel sagten, vielmehr zähle das, was in der Kunst tatsächlich, oder am Ende, passiert.

Und, Sie verweisen ja auf die "historische Bedingtheit" von Werken. Dem möchte ich ein gutes Stück weit beipflichten. Gleichwohl können doch, zugespitzt gesagt, nicht stets nur gepuderte Perücken und Korsett-Kleider über die Bühnen tippeln. Dann kann man Neuproduktionen auch sein lassen und es genügte, sich, übertragen gesprochen, immer den gleichen Film wieder anzusehen. So, wie die Probleme und Problemchen der Menschen sich über die Zeiten im Kern nicht wirklich oder grundlegend ändern, so nimmt sie auch die Kunst immer wieder auf. Der Kern sozialer, gesellschaftlicher und politischer Verwicklungen und nicht zuletzt, oder vor allem, der Liebe, sind am Ende doch zeitlos.

Zum Vorwurf, dass heute stets die politische Botschaft vor der künstlerischen stünde. Das können Sie pauschal so wenig behaupten, wie, dass Mozart "nur an der Musik interessiert" gewesen sei. Damit komme ich zu meinem ersten Absatz zurück. Sicher zeigt Mozart etwa im "Figaro" oder eben "Cosi fan tutte" Adlige als Menschen. Nun sagen Sie wieder, wenn, dann ist der Librettist politisch. Aber Mozart hat sich diese Stoffe gewählt; im Falle des "Figaro" sehr wohl wissend, dass der Stoff in Österreich auf dem Index stand. Er habe diesen, so überliefert, als einen, zumindest in seiner Opernfassung, großen und geistreichen Spaß empfunden. Ob Mozart im Herzen nun der antifeudale Aufrührer gewesen ist, als der er, vor allem von der Geschichtsschreibung in der DDR, gerne dargestellt wird/wurde, spielt gar nicht die Rolle. Wesentlich ist hier allein das ja doch rebellische Moment, das sich damit entfaltet hat, einen "Figaro" überhaupt zu bringen. Vielleicht hat ihn tatsächlich nur gereizt, eine lustige Charade zu produzieren. Und so können wir auch heutige Regisseure, die etwa aktuelle Debatten und Themen in historische Stoffe integrieren, nicht allein als Politiker oder Agitatoren sehen, die irgendwie was Künstlerisches wollen. Mir erscheint dagegen, dass eine gewollte Aktualisierung sehr oft platt oder plakativ gerät, weil sich die Produzenten aufgerufen fühlen, Aktuelles oder auch popkulturelle Elemente in historische Stoffe hineinzubringen. Als ein mögliches Motiv dafür kann man durchaus auch Marktförmigkeit in Betracht ziehen ... Ästhetisch und aus künstlerischer Perspektive lässt sich das dann trotzdem kritisieren und zwar ohne, dass man allein politische Agitation vermutet.

RE: Was wollen die Bücher? | 13.11.2018 | 22:32

"Ich weiß nicht, was ein österreichischer Autor getan hat, als er "Mein Kampf" schrieb. Bestimmt "nichts Schlimmes" [...]

Im Knast saß er, weil er mit dem ollen Ludendorff und Göring schon versucht hatte, Nägel mit Köpfen zu machen.

Ob "Mein Kampf" entstanden wäre, wenn alles anders gelaufen wäre? Kann sein, ist aber auch müßig, darüber befinden zu wollen. Den Ausschlag hat das literarische Machwerk so oder so sicher nicht gehabt. Aber es fiel auf einen fruchtbaren Boden und landete später in einer Unzahl deutscher Haushalte, wobei es auch wiederum nicht die Rolle spielt, wieviele es tatsächlich gelesen haben. Aber es war in jedem Falle ein Baustein. Insofern hast Du in jedem Fall recht, dass es so einfach nicht geht, den Beitrag von Büchern - und seien sie nur literarisches Beiwerk - zu gesellschaftlichen Verwerfungen beiseite zu wischen.

RE: Der Große Unbekannte | 13.11.2018 | 12:28

Dank für diesen schönen, interessanten Artikel!

Wer die Gelegenheit hat, am 24. November in Berlin zu sein:

https://kirche-altglienicke.churchdesk.com/event/4531583

RE: Was wollen die Bücher? | 13.11.2018 | 00:02

Bücher wollen gar nichts. Ein Buch ist gebundenes, bedrucktes Papier. Ein toter Gegenstand.

Gut, das war jetzt spitzfindig. Aber gerade, wo es ums Inhaltliche, um das Medium geht, sind die Argumente des Artikels sprunghaft und widersprüchlich. So heißt es zunächst, Hassbotschaften und Propaganda verfingen nur via sinnlich angereicherter medialer Vermittlung. Movere, und so ... Sicher. Texte allein haben noch selten - oder nie - die Massen dergestalt bewegt (NB: Die Antike taugt nicht als Zeuge. Da gab es noch keine, nunja, Bücher. Man hat ja eben allein geredet und gerethorikt - modern gesprochen: performt). Später im Text heißt es dann wiederum, kommunikativ verstehe man sich nur, wenn man eh schon 'den selben Film schiebt'. Was dann dazu noch an Reden und medialer Beschallung aus dem selben "Film" dazu käme, diene allenfalls als Verstärker. Das stimmt mit Sicherheit auch. Aber der Schluß ...

"Die Unterscheidung zwischen konjunktivem und kommunikativem Wissen zeigt, warum uns das Lesen rechter Bücher oder Blogs weder radikalisiert, noch Rechte besser verstehen lässt."

... ist so nicht zulässig. Denn die dargelegte Theorie von "konjunktivem" und "kommunikativem Wissen" lässt eben keinen Schluss auf Bücher, d.h. hier Texte, zu, sondern besagt allein, wer - um beim Beispiel zu bleiben - nicht schon Pegida ist, wird ohnehin nicht erreicht und zwar unabhängig vom Medium. Gilt freilich gleichermaßen in die umgekehrte Richtung.

Trotz meiner Kritik gern und gewinnbringend gelesen!

RE: Die deutsche Niederlage | 11.11.2018 | 17:48

“Ich verweise mal auf meine - schon zu Beginn des 1. Weltkrieges - hier geposteten Briefe (...)“

Die FC scheint es länger zu geben, als das Internet ... 🤔

RE: Diese Band hat es verstanden | 08.11.2018 | 21:09

"Eigentlich hatte das ZDF die Hoheit über das Programm der Veranstaltungsreihe."

Das kann aber auch nicht automatisch bedeuten, dass alles mitgetragen werden muss, was das ZDF entscheidet. Dann muss das ZDF in eigenen Hallen veranstalten.

Perren hat sich mindestens ungeschickt verhalten. Es ist peinlich und eine Schande, wie sie "ihre" Institution hat kuschen lassen.

"Ein bemerkenswerter politischer Vorgang: Neonazis, AfD und CDU ziehen an einem Strang. Wegen eines Konzerts!"

Es kommt durchaus vor, dass auch Linkspartei oder antifaschistische Gruppen und CDU an einem Strang ziehen - etwa, "wegen eines Konzerts!" oder anderer Veranstaltungen von Nazis. Also Vorsicht, wie man Argumente platziert; das kann leicht nach hinten losgehen!

Bei dem Engagement und den Mut, den Feine Sahne Fischfilet gegen Rechts beweisen, müssen sich zumindes alle, die sich nicht als rechts verstehen oder gegen rechts etwas bewegen wollen, fragen, ob es richtig, diese Band aus Geschmacksgründen auszuladen.

Am Ende war das Konzert im Brauhaus aber wohl die bessere - wenn auch unfreiwillige - Entscheidung.

Jedenfalls allen Respekt für die Band!

RE: Der antisemitische Witz | 06.11.2018 | 23:23

"Kann man unter diesen Umständen (vorausgesetzt Böhmermann lügt nicht), Herrn Polak weiter als Opfer von Rassismus sehen?"

Wie sich Polak verhält, kann man sicher auch kritisch sehen. Vielleicht ist das Ganze auch als ein mediales Ping-Pong um Aufmerksamkeit zu deuten.

Allerdings wird ein rassistischer oder antisemitischer Witz nicht dadurch weniger rassistisch oder antisemitisch, nur weil ein dadurch unmittelbar Betroffener nicht widersprochen hat.

RE: Der antisemitische Witz | 06.11.2018 | 23:15

Ein hervorragender Artikel! Er kontert gekonnt Kritiker, die etwa den Witz an sich - der selbstverständlich immer auf Kosten anderer gehe - gefährdet sehen, denn schließlich sei heute "natürlich" von einer hinreichenden Distanz zum Judenwitz beim Publikum auszugehen.

Etwas scheint mir aber doch im Text nicht ganz zu stimmen:

"Sonach ist es – um auf den Fall Oliver Polaks zurückzukehren – ein Unterschied, ob Böhmermann oder Polak im selbst gesteckten, referentiellen Rahmen das Judentum satirisch reflektieren."

Ich glaube doch, Böhmermann und Co. sollten/wollten so verstanden werden, dass sie den alltäglichen Antisemitismus und eben nicht das Judentum satirisch reflektieren. Denn nur dann stimmt es wieder, wie Sie ja richtig feststellen, dass das "Brechen des Kritischen" fehlt; sie, mit Tucholsky, eben nur den "Alkohol" und nicht den Trunksüchtigen aufnehmen.

"Brachialkomik", jawohl. Leider fehlt da ein Korrektiv, das zwar nicht gesetzlich verordnet werden sollte, aber als Ausweis der Fähigkeit zur Reflektion seitens Komikern und Satirikern, ja Künstlern überhaupt, vorhanden sein sollte.

RE: (Wagen-)Knecht’sche Politik der Ressentiments | 06.11.2018 | 22:42

Ohne Bibliografie und Fußnoten über 14.100 Wörter! Dazu 174 Fußnoten, reichhaltige Bebilderung, umfangreiche Bibliografie!

Die Arbeit, die Sie sich machen in allen Ehren. Für eine kleine Monografie nicht schlecht - aber ich meine, Sie verwechseln hier, wie immer, doch das Format. In Zeitungsartikeln oder Blogbeiträgen liegt eben die Kunst darin, sich beschränken zu können. Das hier ist ungeeignet. Dazu ist es bedauerlich, dass Sie per Kommentar nicht mit den Leuten reden.