Die Akte Monsanto

Fusion Bayer will den US-Saatgutriesen schlucken – trotz der vielen Verfehlungen des Konzerns. Ein Dossier
Die Akte Monsanto
Wir klagen an: die skrupellosen Geschäfte des Agrarkonzerns Monsanto
Illustration: der Freitag; Material: iStock, Getty Images

Aktenzeichen MON 1 / 1940: das Dreckige Dutzend

Olga Mendez Monsanto kann nichts dafür. Es ist überhaupt schwierig, einen Schuldigen zu finden. Don Emmanuel Mendes de Monsanto, der das Geld gab? Oder John Francis Queeny? Von ihm stammt schließlich die Idee.

John Francis Queeny gründet 1901 in St. Louis, Missouri, eine Firma, die er nach seiner Frau benennt: Monsanto. Der Schwiegervater zahlt das Startkapital, 5.000 US-Dollar, Francis Queeny leistet sich einen einzigen Angestellten. Dessen Aufgabe: Saccharin herstellen, einen Süßstoff, der heute unter der Bezeichnung E 954 in der Lebensmittelindustrie geführt wird. Später kommen Koffein und der Aromastoff Vanillin dazu. Während des Ersten Weltkrieges macht Queenys Firma erstmals einen Millionenumsatz. Monsanto wird für Investoren interessant, 1927 geht die Firma an die Börse.

Vielleicht ist aber auch Edgar Monsanto Queeny schuld, der Sohn von Olga Mendez und John Francis? Er übernimmt 1928 die Geschäfte, unter seiner Leitung steigt Monsanto Anfang der 1940er Jahre in die Produktion des Weichmachers PCB und des Insektizides DDT ein – kriegsbedingt, im Zuge eines US-Regierungsprogramms. Später wird sich herausstellen, dass solche Monsanto-Produkte das Nervensystem angreifen, Krebs erzeugen, die Leber schädigen, unfruchtbar machen. PCB und DDT gehören zur Gruppe „Dreckigen Dutzends“. Heute sind die Stoffe alle verboten. Allerdings erst seit Februar 2004, seitdem das Stockholmer Abkommen in Kraft ist: Der internationale Umweltvertrag verbietet die Herstellung der langlebigen Umweltgifte.

Natürlich haben die Monsanto-Leute sofort nach Bekanntwerden erster Anzeichen von Gefahren für Leib und Umwelt ihre Produktion eingestellt, bei DDT schon 1962, bei PCB 1977. Das Plädoyer der Verteidigung lautet deshalb: „Unschuldig!“ Zwar ist die Welt bis heute mit dem Dreckigen Dutzend verseucht. Aber Edgar Monsanto Queeny oder seine Nachfolger konnten damals doch nicht ahnen, dass Monsanto die Welt vergiftet. Und schließlich: 180 der 1993 UNO-Mitglieder haben das Stockholmer Abkommen bislang unterzeichnet, die USA gehören aber nicht dazu.

Aktenzeichen MON 2/1965: AstroTurf und Agent Orange

Ab Mitte der 1960er Jahre kann Monsanto beides: etwas wachsen lassen, wo nichts wächst – und das Sprießen dort verhindern, wo Pflanzen stören. Im Astrodome der Stadt Houston, Texas, einer Sporthalle für mehr als 70.000 Zuschauer, will einfach kein Rasen wachsen. Für bestimmte Sportarten scheint die Halle – Beiname „Achtes Weltwunder“ – deshalb schon verloren. Da entwickelt Monsanto einen Kunstrasen, den man AstroTurf tauft.

Anderswo verdient man dagegen viel Geld mit der Vernichtung von Grün: Der Vietcong will sich im Vietnamkrieg einfach nicht geschlagen geben. Trotz massiver Überlegenheit vor allem in der Luft gelingt es der US-Armee nicht, die Nachschubrouten der Guerillabewegung zu unterbinden. Auch hier schafft Monsanto Abhilfe: Das Herbizid 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin wird als Agent Orange in die Geschichtsbücher eingehen, weil die Fässer, in denen es gelagert wird, orange angestrichen sind. Es ist in der Lage, binnen kürzester Zeit ganze Landstriche zu entlauben.

Nachfrage der Anklage: „Und Monsanto ist nicht der Gedanke gekommen, dass das, was Regenwälder tötet, auch Auswirkungen auf die Lebewesen – also auch die Menschen – auf dem Boden hatte?“

„Ob in dem Wasser, das du getrunken hast, das Zeug vom Himmel schwamm, war dir doch da draußen egal“, erzählt der US-Soldat Michael Landesman 1991 dem Spiegel. „So egal wie die Frage, ob der Vietnamese, den du umgelegt hast, wirklich ein Vietcong war.“ 200.000 Agent-Orange-Opfer sind mittlerweile bei der US-Veteranenbehörde registriert und ordnungsgemäß entschädigt. Allerdings haben das viele Veteranen nicht mehr erlebt, die juristischen Auseinandersetzungen waren zäh, ihre Krankheiten schneller. Die Anwälte von Monsanto und Co. argumentierten, der Einsatz von Agent Orange sei „unmittelbar im Weißen Haus“ beschlossen worden.

Bis zum Ende seines Einsatzes 1970 werden annähernd 76 Millionen Liter Agent Orange und verwandte Pflanzengifte versprüht. Manchmal werden dabei ganze Ladungen auf einmal abgeworfen, weshalb es bis heute in Vietnam und Laos „Hotspots“ gibt – extrem vergiftete Gegenden. Und vietnamesische Opfer haben keinen Anspruch auf Entschädigung. Das entschied ein US-Gericht 2005 zu einer Sammelklage. Es urteilte: Der Agent-Orange-Einsatz sei „keine chemische Kriegsführung“ gewesen, weshalb kein Verstoß gegen internationales Recht erkennbar sei.

Aktenzeichen MON 3/2016: Nebenwirkungen von Roundup

Mitte Oktober dieses Jahres treffen sich in Den Haag Aktivisten aus der ganzen Welt, um gegen Monsanto Anklage zu erheben. Aus Argentinien ist María Liz Robledo angereist, deren Tochter mit kaputter Luftröhre zur Welt kam und nach der Geburt fast erstickte. Bei Sabine Grataloup ist es der Sohn, der mit deformierter Luft- und Speiseröhre geboren wurde. Die Französin ist überzeugt, der Grund sei Monsantos Unkrautvernichtungsmittel Roundup, das sie auf einem 700 Quadratmeter großen Landstück spritzte, als sie schwanger war. Der Wirkstoff des Roundup-Mittels: Glyphosat, mit dem Monsanto mindestens 8,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz macht, knapp die Hälfte des Gesamtumsatzes.

Die Vorwürfe der Anklage wiegen schwer, die Juristin und Tribunal-Mitorganisatorin Valérie Cabanes erklärt: „Monsanto erfüllt den Tatbestand des Ökozids gleich mehrfach.“ Neben Roundup wird auch Monsantos Saatgutpolitik vor dem Tribunal verhandelt. Diese zerstört die biologische Vielfalt und treibt Bauern massenhaft in Abhängigkeit und Armut. Einmal bei Monsanto eingekauft, darf das Saatgut nämlich nicht selbst nachgezogen, sondern muss immer wieder neu beim US-Konzern bestellt werden. Als weitere Anklagepunkte werden vorgebracht: Monsantos Produkte würden die Erderwärmung anheizen, die Bodenfruchtbarkeit schädigen, Grundwasserreserven aufzehren et cetera.

„Roundup-Herbizide von Monsanto gelten als die meistverkauften Pflanzenschutzmittel weltweit“, heißt es bei Monsanto. Markenzeichen aller Roundup-Produkte sei „eine wurzeltiefe Wirkung“. Tatsächlich hat die Europäische Union Glyphosat gerade erst eine Unbedenklichkeitsgarantie ausgesprochen und seine Zulassung um 18 Monate verlängert. An das Tribunal in Den Haag schreibt Monsanto einen offenen Brief: „Wir haben versprochen, mehr zuzuhören, unsere Handlungen und deren Auswirkungen sehr sorgfältig zu prüfen und verantwortungsbewusst zu agieren.“ Eine inszenierte Auseinandersetzung mit Organisationen, die „grundsätzlich gegen die moderne Landwirtschaft sind“, lehne Monsanto aber ab.

Keine Beteiligung von Monsanto am Verfahren gegen Monsanto also. Tatsächlich ist angesichts der Zusammensetzung des Tribunals unwahrscheinlich, dass etwas anderes als ein glatter Schuldspruch am Verfahrensende herauskommen wird. Das Urteil soll in den kommenden Tagen verkündet werden.

Aktenzeichen MON 810/ 1982: die Erfindung der Gentec

Monsanto ist Vorreiter. Anfang der 1980er Jahre ruft der US-Konzern die Biotechnologie zum Zukunftsfeld aus. Mit Erfolg. 1982 sind es Monsanto-Wissenschaftler, denen erstmals die gentechnische Veränderung einer Pflanzenzelle gelingt. 1983 stellt Monsanto den weltweit ersten Patentantrag für ein gentechnisch verändertes Lebewesen. 1987 folgt der erste Feldversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen, 1994 das erste Gentec-Produkt der Menschheit: ein Wachstumshormon zur Steigerung der Milchleistung von Kühen.

Der Erfolg steigt dem Konzern zu Kopf: Er will der ganzen Welt seine grüne Gentechnik überhelfen, ohne genügend Risikobewertung vorzunehmen. Gentec-Produkte gelten ihm als die Lösung des Hungerproblems – zu den Bedingungen von Monsanto. Das trägt entscheidend zum Akzeptanzproblem der grünen Gentechnik bei. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt Elvira Burster, eine Grundschullehrerin, die 2005 an die Grenze zu Polen fährt, um gentechnisch veränderten Mais aus der Erde zu reißen. Nirgendwo sonst in Deutschland wird in den nuller Jahren so viel Genmais angebaut wie in Ostbrandenburg – die Betreiber sind Monsanto-Leute. Die Grundschullehrerin Burster sagt: „Zehn Gentechnikbefürworter sind für 85 Prozent der Gen-Äcker verantwortlich. 80 Millionen Deutsche wollen das Zeug aber nicht.“

Zwar versucht Monsanto die Stimmung zu ändern. Der Konzern gibt immense Summen für Lobbying aus. US-Senatoren werden genauso bezahlt wie Gutachter. Monsanto soll sogar aktiv die Gründung von „Bürgerinitiativen“ für Grüne Gentechnik vorangetrieben haben, weshalb es jetzt den Begriff des „Astroturfing“ im Polit-PR-Vokabular gibt: Es ist eben keine Graswurzelbewegung der Bürger von unten, sondern Großkonzern-PR-Wuchs von oben, Kunstrasen made by Monsanto.

Trotzdem, es bleibt dabei: Innerhalb der EU ist gentechnisch verändertes Leben verboten. Es gibt lediglich zwei Ausnahmen unter strengen Auflagen: Neben dem Mais MON 810 ist es die Kartoffel Amflora, die zur Herstellung von Stärke für die Papier- und Klebstoffindustrie angebaut wird.

Aktenzeichen MON 3.0/2020 ff.: Bayer und CRISPR

Monsanto wird jetzt deutsch. Bayer hat 59 Milliarden Euro geboten, die höchste Summe, die je ein deutscher Konzern zur Übernahme eines Konkurrenten ausgelobt hat. Und die Nachfahren von Olga Mendez Monsanto haben akzeptiert: Alle genannten Aktenzeichen sollen deutsche Angelegenheit werden. Sowie alle in diesem Dossier ungenannten Aktenzeichen. Etwa der Skandal um die gentechnisch veränderte Baumwollsorte Bollgard in Indonesien, Monsanto hatte offenbar mehr als 100 Beamte bestochen, damit die Umweltverträglichkeitsprüfung positiv ausfiel. Oder der Skandal um das Herbizid Lasso: Nachweislich wusste Monsanto seit 1985, dass es gesundheitsschädlich ist, und hat es trotzdem etwa in Frankreich erst 2007 vom Markt genommen.

„Monsanto hat vor allem in Deutschland ein schlechtes Image“, gibt Bayer-Manager Liam Condon zu, Leiter der Agrarsparte Crop Science. In einem Interview mit der taz betonte er aber: „Agent Orange und PCB sind ältere Themen aus der Vergangenheit von Monsanto als Chemiekonzern. Heute ist Monsanto ein innovatives Biotechunternehmen mit dem absoluten Schwerpunkt auf Saatgut.“

Die 59 Milliarden Euro könnten trotz der Negativ-PR gut angelegtes Geld sein. Zumindest, wenn es stimmt, dass CRISPR/Cas9 die Zukunft der Menschheit ist. Bei dieser neuen Gentechnikmethode wird das Erbgut von einem Protein zerschnitten. Im Anschluss bauen zelleigene Reparatursysteme die DNA wieder zusammen – nach Vorlage der Wissenschaft. Auf diese Art können Bauteile nach Wunsch abgeschaltet, umfunktioniert, neu geschaffen werden. Bayer hat die Entwicklung jahrelang vernachlässigt. Condon sagt: „Wir sehen CRISPR/Cas-Pflanzen nicht als gentechnisch veränderte Organismen, wenn dadurch keine fremden Gene eingebracht werden.“

Eine neue Gentechnik, die gar keine ist? Der Durchbruch im Kampf gegen Pflanzenschädlinge, Hunger, Klimawandel? Kritiker verweisen darauf, dass die Risiken von CRISPR überhaupt nicht erforscht sind. Oder anders formuliert: Hier entsteht ein neues Aktenzeichen von Monsanto. Nur dass es nicht mehr unter „Monsanto“ läuft – sondern jetzt unter „Bayer“.

06:00 04.01.2017
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