Fünf Dinge, die anders besser wären

Status quo Der „Geldhüter“ geht, auf dem Weltmarkt kommt nur noch wenig pünktlich und in Sachsen ist die Energiewende offenbar vorbei
Fünf Dinge, die anders besser wären
Lithiumbatterien in einer Fabrik China: Das Zeug wächst nicht auf Bäumen, es muss erst mühsam geschürft, verdampft und verdichtet werden

Foto: STR/AFP/Getty Images

Aufgepasst, liebe Leserinnen und Leser, aufgepasst! „Schlechte Nachrichten für Rentner, Sparer und Steuerzahler“, schreibt die Bild-Zeitung. Denn: „Der Chef der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann (53), schmeißt nach zehn Jahren hin. Der Hüter unseres Geldes!“ Jetzt könnte man sagen: Ja, hat die Bild-Zeitung denn grad nicht andere Sorgen, als sich um die Nachfolge von Jens Weidmann zu sorgen? Zum Beispiel das Erbe ihres eigenen Ex-Chefs? Und andererseits: Sind schlechte Nachrichten für Bild-lesende, sparende, steuerzahlende deutsche Rentner nicht automatisch gute Nachrichten für steuerzahlende griechische Rentner? Oder für italienische Niedriglöhnerinnen? Aber das wäre falsch. Denn eigentlich stimmt an dem Artikel aus der Feder von immerhin drei Bild-Journalisten fast nichts. Nicht, dass Weidmann wegen der geldpolitischen Laschheit der Ampelkoalition einpacke, nicht, dass er der letzte Hartwährungs-Gralshüter im monetaristischen Luschen-Direktorium der EZB sei, und am wenigsten (was sich leicht dadurch erkennen lässt, dass Bild schreibt „Fakt ist: …“), dass die Inflationsrate „seit Monaten“ steige, weil die EZB so viel Geld drucke.

Aber gut, was habe ich bei dem Organ denn erwartet? Überrascht hingegen hat mich, wie absolut windschief und schmal auf der Brust der oft gerühmte sogenannte Kapitalismus in Wirklichkeit aufgestellt ist. Stellt sich heraus: Das Ganze funktioniert überhaupt nicht! Derzeit kommt es an allen Ecken und Enden zu Lieferengpässen, monatelangen Wartezeiten, Produktionsstops, weil die richtigen Autoteile und Spielsachen und Chips zur richtigen Zeit am völlig falschen Ort sind. Zu viele Waren, zu wenig Container, zu viele Bestellungen, zu wenig Zeit: Es genügt, dass der Welthandel einmal pandemiebedingt verschnauft, und schon kommt alles heillos aus dem Takt. „Effiziente Ressourcenallokation“ heißt grade: Kinder, ihr müsst jetzt ganz stark sein, Weihnachten gibt’s nur auf Sparflamme.

Auch nicht wirklich vom Ende her durchdacht scheint das spekulative Geschäft mit dem Wunderstoff Lithium. Ja, wir brauchen eine Menge davon, wenn wir Verbrenner mit E-Autos ersetzen wollen. Und ja, das Zeug wächst nicht auf Bäumen, es muss erst mühsam geschürft, verdampft und verdichtet werden. Dass deswegen die Preise steigen: verständlich. Dass wegen eines wahrscheinlichen zukünftigen Anstiegs der Lithiumpreise nun einige Spekulanten daran verdienen wollen: geschenkt. Aber dass sich jetzt beim Lithium ähnliche Blasen aufplustern sollen wie jüngst bei anderen Rohstoffen, wie nach dem Biosprit-Hype bei den Nahrungsmittelpreisen: Das ist dann doch einfach nur noch beschränkt und perfide.

Wer leider umso lernfähiger ist: die Steuerhinterzieher. Denn obwohl Olaf Scholz behauptet, die Cum-Ex-Betrugsmasche, bei der sich Leute in feinen Anzügen Steuern vom Staat erstatten lassen, die sie gar nicht bezahlt haben, diese Plünderei der Statskasse sei nicht mehr möglich und für immer abgestellt, stellt sich heraus: Das Plündern geht munter weiter. In großem Stil.

Zum Ende noch eine Kurzmeldung, die nichts vermeldet. Nicht nur nichts, weniger als nichts. Es ist die Kurzmeldung eines Schwundes: In Sachsen ist die Energiewende zum Erliegen gekommen. Im ersten Halbjahr 2021 wurde kein einziges neues Windrad errichtet. Nicht nur kein neues: „Gleichzeitig wurden zwölf Anlagen abgebaut.“

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 30.10.2021

Kommentare 4