Viele Räder stehen still

Arbeitskampf Die 24-Stunden-Streiks der IG Metall sind so richtig wie ihre Forderungen. Vor allem aber ist der neue gewerkschaftliche Kampfesmut dringend nötig in dieser Zeit
Viele Räder stehen still
Engagierter Arbeitskampf ist plötzlich nicht mehr Folklore aus einer längst vergangenen Zeit

Foto: Thomas Kienzle/AFP/Getty Images

Dieser Streik geht alle an. Eine halbe Million Beschäftigte will die IG Metall dieser Tage vor die Werkstore bringen, um in mehr als 250 Betrieben jeweils 24 Stunden lang die Arbeit niederzulegen und für die Forderungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der laufenden Tarifauseinandersetzung der Metall- und Elektroindustrie einzutreten. 24-Stunden-Streiks und die ultima ratio, der Erzwingungsstreik, in Aussicht – endlich!

Sechs Prozent mehr Lohn, die Arbeitszeit für zwei Jahre auf 28 Wochenstunden zu reduzieren und Schichtarbeitern, Eltern wie pflegenden Angehörigen einen Teilausgleich für entgangenen Lohn zu garantieren – diese Forderungen sind richtig und wichtig, weil sie den Bedürfnissen von Beschäftigten weit über die Metall- und Elektrobranche hinaus entsprechen. Es geht um mehr Autonomie, mehr Raum für das Leben fernab des Arbeitsplatzes, um mehr Zeit, um all die Anforderungen unserer Gegenwart, etwa in der Familie, um Möglichkeiten zum Innehalten und Durchschnaufen. Aber das ist nicht der einzige Grund für die weitreichende Bedeutung dieses Streiks.

Es geht vor allem auch darum, dass zum ersten Mal seit langem die Auseinandersetzung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Mächtigen und Abhängigen ins Zentrum gesellschaftlicher Kämpfe und Debatten rückt. "Alle Räder stehen still. Wenn dein starker Arm es will." – Plötzlich ist dies nicht mehr Folklore aus einer längst vergangenen Zeit. Sondern Tatsache. Gegenwart. Realität.

In der Zeitung unsere zeit sagt ein IG-Metall-Betriebsrat aus dem Mercedes-Benz-Werk in Untertürkeim: "Ich sehe die Streiks jetzt als eine große Chance, für die Menschen, die immer individualisierter unterwegs sind, kollektives Handeln wieder erlebbar zu machen, die Stärke durch Solidarität spürbar zu machen, Klassenbewusstsein näher zu bringen." Das sind keine altlinken Träume, sondern berechtigte Hoffnungen und dringend nötige Perspektiven.

Denn der gemeinsame Kampf für mehr Lohn und ein besseres Leben ist das beste Mittel gegen die Abendland-Apologeten mit ihrer entmächtigenden "Die-da-oben"-Rethorik. Rechte versuchen gerade in mehreren Bundesländern, Belegschaften zu infiltrieren, um auch hier mit ihrer vorgeblich um soziale Besserung bemühten, tatsächlich aber auf gesellschaftliche Spaltung zielenden Programmatik Land zu gewinnen. Nichts ist da notwendiger als eine Rückbesinnung der Gewerkschaften auf ihre potentielle Stärke und auf ihre ureigene Aufgabe, Verteidiger der Beschäftigten statt Kooperationspartner neoliberaler Hegemomen zu sein. Die IG Metall scheint gut aufgestellt, die Entschlossenheit ist hoch, die öffentliche Meinung mehrheitlich auf ihrer Seite und Versuche der Arbeitgeber, den Streik mit juristischen Angriffen zu diskreditieren und zu torpedieren, scheinen ins Leere zu laufen.

Darauf lässt sich aufbauen. Es ist Zeit, mit dem Schimpfen auf die jahrzehntelang so braven und defensiven Gewerkschaften aufzuhören und gleichzeit den Druck von unten auf ihre Vorstände hochzuhalten, damit sie den jetzt eingeschlagenen Kurs entschlossen beibehalten.

14:04 01.02.2018

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