Politik der Gefühle

Rezension Weltweit wächst die Unzufriedenheit. Gesuchte Lösungen weisen oft in eine Vergangenheit, die es so gar nie gab. Der Publizist Pankaj Mishra fragt nach den Gründen dafür
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Politik der Gefühle
Pankaj Mishra

Foto: PalFest/Flickr/(CC BY 2.0)

In welcher Zeit leben wir eigentlich? Viele Menschen sind zutiefst verunsichert und versuchen, sich an irgendetwas zu halten, das Orientierung verspricht. Früher war es am ehesten noch die Religion, die Antworten auf die drängenden Fragen der Existenz zu geben schien. Angesichts einer voranschreitenden Entzauberung der Welt verliert dieses Bezugssystem aber zumindest in unseren Breitengraden immer mehr an Überzeugungskraft. Ihre Rolle nimmt heute wieder eine «zivilreligiöse» Grösse wie die Nation ein – trotz der Tatsache, dass sie nach den nationalistischen Exzessen des 20. Jahrhunderts den alten Glanz verloren hatte. Die Wiedergeburt des Nationalen scheint ein Versuch zu sein, der Globalisierung zumindest im Seelenleben der Volkskollektive etwas entgegenzusetzen. Die Frage steht im Raum, ob der aufpolierte Stolz auf die nationalen «Werte» sich möglicherweise im gleichen Mass entfaltet, wie die Abhängigkeit der Nationen vom Weltmarkt und der Staatengemeinschaft zunimmt. Auf jeden Fall hat sich die alt-neue Botschaft in jüngster Zeit rasend schnell verbreitet, vom Brexit über die Trump-Wahl bis hin zum aktuellen Rechtsrutsch in Deutschland.

Spiegelbildlich dazu erlebt aber auch die Religion neue Triumpfe – insbesondere in jenen Weltgegenden, deren Bewohner und Bewohnerinnen kaum mehr daran glauben dürfen, sie könnten auch irgendwann einmal am versprochenen Wohlstand teilhaben. Hier wie dort, in reichen wie in armen Gesellschaften, macht sich ein Gefühl breit, das am besten als «Ressentiment» zu bezeichnen ist: eine grundlegende Abneigung gegen all jene, die anders sind, die nicht zu «uns» gehören und uns etwas wegnehmen könnten. Eine solche Stimmung stützt sich in den seltensten Fällen auf klare Einschätzungen von Interessen- und Machtverhältnissen, sondern bleibt zumeist diffus – und ist gerade deshalb so gefährlich.

Die ausgeschlossenen Armen

Ein hervorragender Diagnostiker unserer Zeit ist der indische Publizist Pankaj Mishra, der im deutschen Sprachraum vor allem durch sein Buch «Aus den Ruinen des Empires» bekannt geworden ist, in dem er den Wiederaufstieg der asiatischen Mächte beschrieben hat. Mishra kennt sich auch in der europäischen Ideengeschichte, insbesondere dem Zeitalter der Aufklärung, gut aus. Ihr widmet er sein neuestes Buch. «Das Zeitalter des Zorns» scheint einen Nerv zu treffen, denn es gelingt ihm, den Geist unserer Epoche auf den Begriff zu bringen. Der Kapitalismus hat zu so gewaltigen Fortschritten in der Herstellung von Gütern und in der Befriedigung materieller Bedürfnisse geführt, wie sie in der bisherigen Menschheitsgeschichte kaum vorstellbar waren. Sein Versprechen lautet, über kurz oder lang würden alle Menschen in den Genuss dieser Güter gelangen.

Die Wirklichkeit sieht, von gewichtigen Ausnahmen wie der Nachkriegsentwicklung in Westeuropa oder der Herausbildung von Mittelschichten in den Schwellenländern abgesehen, zumeist ganz anders aus: Die Armen bleiben vielfach ausgeschlossen, sie werden durch sichtbare oder unsichtbare Mauern vom Rest der Gesellschaft getrennt. Vom Fortschritt profitieren vor allem die Eliten, zu denen auch bestimmte Intellektuelle gehören. Deren Funktion besteht darin, die Verhältnisse schönzureden und die Ausgeschlossenen zu vertrösten. Pankaj Mishra zeigt dies am Beispiel der führenden Köpfe der europäischen Aufklärung, die sich gut darauf verstanden, die alten Feudalmächte zu entlarven, aber nichts dagegen einzuwenden hatten, gemeinsame Sache mit den neuen Mächten des Kapitals zu machen.

Moralische Überlegenheit

Gegen die neue Priesterklasse standen Männer wie Jean-Jacques Rousseau auf, die nicht, wie beispielsweise ein Voltaire, zu den Gewinnern der gesellschaftlichen Veränderungen gehörten. Sie prangerten den Widerspruch zwischen dem Versprechen der Freiheit und deren Wirklichkeit an: dass diese Freiheit nämlich nur wenigen zugänglich war. Ihre Rolle als Opfer solcher Verhältnisse verkehrten sie in jene der Kritiker und Ankläger, die ihnen moralische Überlegenheit angesichts ihrer Gegner verschaffen sollte. Mishra nennt dies die «Dialektik des Ressentiments». Sie wurde zu einem Denkmuster, das heute im globalen Kontext weiterwirkt.

Da die Projekte zur Modernisierung der «Unterentwickelten» vielfach scheiterten, hat sich der Graben zwischen den «aufgeklärten» Eliten und den als «zurückgeblieben» verstandenen Massen vertieft. Hier können jene ansetzen, die einen scheinbar rückwärtsgewandten Weg verfolgen: Auch sie sind vom Glanz der kapitalistischen Warenwelt geblendet, doch sie verdammen den Westen, der nicht hält, was er verspricht. Das Heil wird in einer vermeintlich besseren Vergangenheit gesucht – sei dies das islamische Kalifat oder der Traum von einstiger indischer Grösse, dem die heutigen Hindu-Nationalisten frönen. Sie predigen Zorn und Hass auf alle «Ungläubigen» und jene, die ihnen im Wege stehen. Sie sorgen für Angst und Schrecken – und finden so eine hörige Gefolgschaft. Deren Herzen und Hirne sind erfüllt vom Ressentiment und bleiben den «Aufgeklärten» verschlossen.

Keine Abhilfe in Sicht

Was tun? Pankaj Mishra liefert keine Lösungen, sondern ergründet Konstellationen. Das mag ihm als Schwäche ausgelegt werden. Seine Stärke besteht hingegen darin, dass er uns aufgeklärten Westlern eine Selbstprüfung auferlegt. Wir haben Teil an einer imperialen Lebensweise, die auf Gewalt und Ausbeutung beruht. Wie überwinden wir «unsere Gefühllosigkeit angesichts des allenthalben zu beobachtenden Leids», ohne dabei verrückt zu werden? Was geschieht, wenn die globale Ungleichheit wächst und keine politische Abhilfe in Sicht ist? Genau hier scheint mir der entscheidende Punkt zu liegen: Es geht darum, zu einem Teil der möglichen Lösung zu werden, um nicht nur Teil des Problems zu bleiben. Die Lektüre des Buches von Mishra hilft, die eigene Position zu klären.

Pankaj Mishra: Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2017, 416 S.

17:10 06.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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