Till Hahn
Ausgabe 3815 | 30.09.2015 | 06:00 2

Zement im Graben

Griechenland Die Spaltung der griechischen Linken hat viel mit Geschichte zu tun. Ein Blick auf das Parteiensystem

Zement im Graben

Panagiotis Lafazanis (l.) war während der Diktatur im Widerstand

Foto: Louisa Gouliamaki/AFP/Getty Images

Die jüngste Partei des Landes, die aus der linken Syriza-Plattform entstandene „Volkseinheit“, ist inzwischen ein Begriff. Eher weniger bekannt sind deren Wurzeln in der ältesten griechischen Partei, der kommunistischen KKE. Sie war nach dem Bürgerkrieg (1945 – 1949) ebenso verboten wie zu Zeiten der Militärdiktatur (1967 – 1974), sodass sich ihre Führer zur Emigration gezwungen sahen, es blieben aber auch viele im Land, um der Repression zu widerstehen. Zunächst nur geografisch getrennt, wurde man sich bald auch ideologisch fremd: Kommunisten im rumänischen und sowjetischen Exil standen zum Leninismus, die innere Emigration hielt es mehr mit eurokommunistischen Positionen, wie sie in den 70er Jahren die spanische und italienische KP vertraten.

Diese Vorgeschichte ist von Belang, wenn sich Syriza neben der KKE nun eines weiteren linken Rivalen zu erwehren hat. Dabei bezieht sich Ex-Energieminister Panagiotis Lafazanis mit dem Namen Volkseinheit nicht nur auf die Unidad Popular des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, der 1973 in Chile einem Putsch zum Opfer fiel – dieses Jahr war für die griechische Linke noch aus einem anderen Grund von Bedeutung: Die Besetzung des Athener Polytechnikums, die am 17. November 1973 blutig niedergeschlagen wurde, sorgte für den Anfang vom Ende der Junta ein Jahr später. Panagiotis Lafazanis, damals Mitglied der kommunistischen Jugend KNE und 22 Jahre alt, gehörte zu den Führern dieses Aufstands. In jener Zeit sein Leben riskiert zu haben, das prägt bis heute. Egal, ob jemand zu Syriza, zur KKE oder anderen linken Parteien steht.

Die Kommunisten wurden bald nach ihrer Gründung 1918 zur Massenpartei mit Rückhalt in den Gewerkschaften. Ihre Kader kämpften wie Aris Velouchiotis, Kommandeur der Partisanenarmee ELAS, gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg und wurden zu Identifikationsfiguren schlechthin. Als er sich mit seinen Getreuen 1945 nicht entwaffnen ließ, wurde Velouchiotis von britischen Soldaten in den Bergen aufgespürt und niedergemacht. Wenig später begann die von etlichen NATO-Staaten gestützte Monarchie den Kampf gegen die KKE und löste einen Bürgerkrieg aus.

Nachdem die KKE 1981 wieder legal war, traten ihre Fraktionen zunächst gemeinsam zur Parlamentswahl an. Es gab keine Alternative, da die Partei durch die Zeit der Illegalität xgeschwächt war. Doch der pragmatische Konsens verhieß keine ideologische Koexistenz. Die Konflikte zwischen Leninisten und Eurokommunisten blieben virulent, bis 1991 – nicht zuletzt unter dem Eindruck der sich auflösenden Sowjetunion – viele reformorientierte Mitglieder von KKE und KNE in die neu gegründete Linksallianz Synaspismos eintraten, die 2004 in der Linksallianz Syriza aufging. Damit waren die Gräben zwischen Orthodoxen und Reformern definitiv zementiert. Die KKE schloss Koalitionen mit Syriza kategorisch aus, auch wenn klar war, dass in deren Reihen mit Tsipras und Lafazanis Politiker standen, die einst zur KNE gehörten.

Geschichte kann helfen, Gegenwart zu verstehen. Diese zeigt, wie Gleichgesinnte einander fremd wurden, sei es in den Jahren des Bürgerkriegs oder der Obristen. Trotzdem vereint Griechenlands Linke das Vermächtnis, sich nie einer Fremdbestimmung durch europäische Mächte zu unterwerfen. Deshalb ist das Einknicken von Tsipras vor den Gläubigern für viele Linke schwer erträglich.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 38/15.

Kommentare (2)

Glaukone 21.09.2015 | 13:00

So lese ich im Freitag: "Die Kommunisten wurde[n] bald nach ihrer Gründung 1918 zur Massenpartei mit Rückhalt in den Gewerkschaften" und erinnere mich, an die kleine griechische Geschichte die bei mir im Regal liegt. In der heißt es, dass die kommunistische Partei in Griechenland nie nennenswerte Wahlerfolge - besonders während seiner Anfangszeit - zu verbuchen hatte, also von einer etablierten Massenpartei weit entfernt war, auch auf Wikipedia heißt es, wenn wir chronologisch ein wenig fortschreiten: "Alles in allem war die KKE bis zum Beginn der deutschen Besatzung eine Partei ohne großen Einfluss" und auch während des zweiten Weltkrieges kann mit verlaub nicht von einem Massenphänomen gesprochen werden. Ich weiß garnicht, was ich zu dieser falschen, ja gefälschten Darstellung sagen soll, vielleicht reicht es ja sich folgendes noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen: "Geschichte kann helfen, Gegenwart zu verstehen".

Till Hahn 22.09.2015 | 10:31

Die KKE war in ihrer Anfangsphase (vor der Machtergreifung von Ioannis Metaxas) hauptsächlich an der Organisation der Gewerkschaften beteiligt. Da sie die konstitutionelle Monarchie ablehnte, beteiligten sich viele ihrer Mitglieder nicht an den Wahlen. In diesem Fall ist es also irreführend ihre Wirkungsmacht an Wahlergebnissen ablesen zu wollen (auch wenn reaktionäre Geschichten das gerne tun). In der Phase der deutschen Besatzung und des Bürgerkrieges wird es noch komplizierter ihre Wirkung nachzuvollziehen: Aufgrund häufiger Namensänderungen wegen des Verbots durch Metaxas lässt sich ihr Einfluss auf die Partisanenbewegung schwer beziffern, es gilt aber als erwiesen, dass es enge Verbindungen zwischen KKE, ENA und ELAS gab. Falls Sie sich für dieses Thema interessieren empfehle ich Ihnen die Werke von Heinz A. Richter.