Natur durch Technik

Klimawandel Die Pulitzerpreisträgerin Elizabeth Kolbert zeigt fulminant, was uns retten könnte
Natur durch Technik
Vor 100 Jahren hat man die Fließrichtung des Chicago River umgekehrt, warum nicht noch mal?

Foto: Scott Olson/Getty Images

Erinnern Sie sich noch an das Epochenjahr 2021, als nach einer der größten (durch den Klimawandel) verursachten Flutkatastrophen der Landesgeschichte die deutschen Grünen in einem Erdrutschsieg gegen den – günstiges Timing – luschigsten Unionskandidaten aller Zeiten ins Kanzleramt einzogen? Sie erinnern sich nicht? Nun, dann wird es wohl auch nicht so gekommen sein.

Die Realität ist: Angesichts der überbordenden politischen Trägheit im Kampf gegen den Klimawandel, die die Deutschen – wie beinahe der gesamte Rest der Welt – an den Tag legen, werden die Szenarien immer unwahrscheinlicher, die die Erderwärmung auf ein noch irgendwie halbwegs beherrschbar erscheinendes Maß beschränken könnten.

Die US-Journalistin Elizabeth Kolbert, die mit dem Buch Das sechste Sterben über das Massenaussterben vieler Arten 2015 den Pulitzerpreis gewann, geht in ihrem neuen Buch Wir Klimawandler der Frage nach, wie die Menschheit mittels desselben technologischen Erfindungsreichtums den Klimawandel aufhalten könnte, mit dem sie ihn überhaupt erst verursacht hat. Aber lässt sich die Katastrophe einfach so umwenden, wie die Wassermassen einer Flut irgendwann wieder in ihr angestammtes Flussbett zurückkehren?

Schon vor mehr als 100 Jahren haben US-amerikanische Ingenieure die gigantische Leistung vollbracht, die Fließrichtung des Chicago River umzukehren und dadurch das tödliche Abwasser der Stadt nicht mehr in den ihr zugleich als einzige Trinkwasserquelle dienenden Lake Michigan fließen zu lassen, sondern über ein komplexes Schleusen- und Kanalsystem in den Mississippi und schließlich in den Golf von Mexiko zu leiten. Doch mit diesem „umfangreichsten öffentlichen Bauprojekt seiner Zeit“, schreibt Elizabeth Kolbert, „wurde der Wasserhaushalt von zwei Dritteln der Vereinigten Staaten drastisch verändert“. Denn die Umkehrung des Chicago River stellte über die Verbindung des Mississippi mit den Großen Seen eine Verknüpfung zweier bislang völlig getrennter Wasserökosysteme her.

Gut ein halbes Jahrhundert später schließlich wurden in einem von ihnen asiatische Karpfen ausgesetzt, von denen man sich eine Dezimierung überhandnehmender Wasserpflanzenbestände erhoffte. Das gelang auch, doch die Tiere machten sich selbstständig, verdrängten im großen Stil heimische Arten. Es gibt, schreibt Kolbert, heute „möglicherweise keine größere Bedrohung für das Ökosystem der Großen Seen als die Einschleppung des asiatischen Karpfens“. Um diese zu verhindern, wäre es wohl das Sinnvollste, die beiden Wassersysteme wieder zu trennen. „Aber niemand, der sich für eine ‚hydrologische Trennung‘ aussprach, glaubte, dass dies jemals passieren würde. (…) Es war viel einfacher, sich eine erneute Umgestaltung des Flusses – mit elektrischen Fischsperren, Blasen, Lärm und allem Erdenklichen – vorzustellen, als das Leben der Menschen in seinem Umfeld zu verändern.“

Ganz ähnlich sieht es am anderen Ende des Mississippi aus, in Louisiana, wo in den vergangenen 100 Jahren eine Landfläche von der Größe eines ganzen Kleinstaats wie Delaware ans Meer verloren ging, weil die künstliche Befestigung des Flusses verhindert, dass mit den früher üblichen Überschwemmungen auch neue Sedimentschichten das Land bedecken – und dadurch erhalten. Doch auch hier denken die Nachfahren der französischen Siedler nicht daran, ihre Festungen aufzugeben. Stattdessen versuchen sie durch simulierte Überschwemmungen die natürlichen Prozesse der Landerhaltung nachzuahmen und zu ersetzen.

In den ersten beiden Teilen ihres Buchs beschreibt Kolbert, wie Menschen den von ihnen verursachten Krisen der Naturbeherrschung zu begegnen versuchen: mit noch mehr – oder besserer – Beherrschung. Hier geht es noch nicht direkt um den Klimawandel, sondern um die unmittelbaren Folgen menschlicher Eingriffe in die Natur: die Veränderung von Flussläufen (oder deren Verhinderung), die Verbreitung invasiver Arten und die Verdrängung von heimischen. Es geht um die Gefahren eines massiven Artensterbens und das wohl unaufhaltsame Verschwinden des artenreichsten Lebensraums des Planeten: der Korallenriffe des Great Barrier Reef. Aber es geht vor allem auch um die Versuche, alldem etwas entgegenzusetzen: die „assistierte Evolution“ neuer Korallenarten, um dadurch resilientere Arten zu erzeugen; die Erhaltung eines winzigen Wüstenfischs aus dem Death Valley, der seltensten Tierart dieser Erde; die genetische Veränderung einer giftigen Kröte, die einen Großteil der Fauna Australiens zu zerstören droht.

Diamantstaub gegen CO₂

Hinter alldem steht für Kolbert die Frage, ob der Mensch nicht einfach anerkennen muss, dass er sich nun mal zum Gott über die Schöpfung aufgeschwungen hat und diese Verantwortung nicht einfach wieder loswerden kann. Er müsse darin einfach nur besser werden. Schwierig bleibt allerdings die Entscheidung, wann es besser ist, nichts zu tun, und umgekehrt. Eine Absage erteilt Kolbert dabei einem illusionären „zurück zur Natur“, denn „Natur“ ohne jegliche Art von „Kultur“ habe es für den Menschen ohnehin nie gegeben. „Hält man sich an eine strenge Interpretation des Natürlichen, dann sind Tausende Spezies dem Tod geweiht. Am gegenwärtigen Punkt lautet die Frage nicht, ob wir die Natur verändern, sondern mit welchem Ziel wir sie verändern.“

An dieser Stelle geht Kolberts Reise – wie es sich für Götter gehört – in die Lüfte: in die etwa feinster Diamantstaub geblasen werden soll, um durch Reflexion des Sonnenlichts die Erderwärmung zu verlangsamen, oder aus denen CO₂ herausgefiltert wird, um es in isländischem Vulkanboden zu Stein werden zu lassen. Näher an natürlichen Vorgängen zur CO₂-Bindung wären gigantische Aufforstungsprojekte, an deren Ende freilich Bäume im Boden vergraben werden müssten, um dort zu fossilisieren, anstatt durch Verrotten das gebundene Klimagas wieder freizusetzen. Sollte die Erderwärmung durch derlei Tricksereien freilich nicht ausreichend gestoppt werden können, um eine massive Eisschmelze zu verhindern, erwägen einige Ingenieure, zur Rettung der globalen Küstenmetropolen mit gigantischen Dämmen grönländische Gletscherausgänge zu blockieren.

Das meiste davon mag sich nun nach vollendeter menschlicher Hybris, fortgesetztem Wachstumswahn und Machbarkeitsfantasien anhören, sprich: nach der Lüge eines „grünen Kapitalismus“ (der Freitag 30/2021). Auch Kolbert bleibt bei vielem skeptisch. Und doch kommt inzwischen kaum eines der 1,5- bis Zwei-Grad-Szenarien ohne derartige Vorhaben aus. Schlimmer noch – die Szenarien unterhalb der „offiziellen Katastrophenschwelle“ von zwei Grad Celsius werden überhaupt zunehmend unrealistisch. Einige Forscher, mit denen Kolbert gesprochen hat, gehen von einer Erwärmung von bis zu vier Grad aus. So präsentieren sie ihre Ideen auch weniger mit „Technikoptimismus“ als vielmehr mit einem gewissen „Technikfatalismus“, der anerkennt, dass die Menschheit über kurz oder lang einfach sämtliche zur Verfügung stehenden Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels wird ergreifen müssen – von radikaler Emissionsreduktion (vor allem in den Industrieländern) über CO₂-Abscheidung oder „Negativemissionen“ bis hin zu hochriskantem Geo-Engineering –, um überhaupt noch eine Chance auf Schadensbegrenzung zu haben.

Bei alldem liefern Elizabeth Kolberts fulminante Reportagen aus der Zukunft der Natur ein so beeindruckendes wie beunruhigendes Zeugnis für den Erfindergeist der Spezies Mensch, die zwar den Planeten an seine Belastungsgrenze – und sich selbst damit an den Rand der Auslöschung – gebracht hat, die sich aber auch noch nie damit zufriedengegeben hat, sich mit irgendetwas zufriedenzugeben. Übrigens sollten das natürlich auch die Deutschen mit ihrer Regierungspartei nicht tun.

Info

Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft Elizabeth Kolbert Ulrike Bischoff (Übers.), Suhrkamp 2021 (erscheint am 16. August), 239 S., 25 €

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06:00 17.08.2021
Geschrieben von

Ausgabe 38/2021

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