Stützwand 12.41

Teilung Ein Band führt an geschichtsträchtige Orte, an denen sich DDR und BRD zart berührten

Wenn in meiner Kindheit der Radiosprecher auf NDR 2 von der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter sprach, befiel mich ein Unbehagen allein wegen der Worte „Erfassungsstelle“ und „Salzgitter“. Es musste furchtbar sein, in einem Ort zu wohnen, der wie Tränen und Gefängnis klang. Dass dort aber Tränen und Gefängnis eines anderen Staates erfasst wurden, der wiederum von dem Staat, dessen Behörde die Vorkommnisse sammelte, nicht als Staat anerkannt wurde, war selbst für Erwachsene eine komplizierte Angelegenheit. Als Kind fand ich nur die Worte bedrohlich. „Selbstschussanlage“ gehörte auch dazu.

Die Zentrale Erfassungsstelle ist einer der 25 deutsch-deutschen Orte, die Ingolf Kern und Stefan Locke aufgesucht haben, um zu erfahren, was nach 25 Jahren noch vorhanden ist. Nicht jeder Ort ist ein Ort, manchmal sind es eher Instanzen, wie der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel oder der Journalist Gerhard Löwenthal, hinter deren Persönlichkeiten die Plätze, an denen sie wirkten, verblassen, über deren Bild sich inzwischen aber auch eine leichte Unschärfe gelegt hat.

Locke und Kern, die beide in der DDR aufgewachsen sind, führen mit Entdeckerfreude an Schauplätze, die mit der jüngeren deutschen Geschichte verbunden sind, auch wenn gelegentlich eine leichte Überheblichkeit der später Geborenen durchscheint, die ja einfach auch das Glück hatten, dass die Wende mit der juvenilen Phase zusammenfiel.

Es sind weniger Porträts als Reportagen über bekannte Orte, wie das durch eine Mauer geteilte Dorf Mödlareuth, wie der Grenzübergang Hirschberg/Rudolphstein oder die Ständige Vertretung der DDR in Bonn. Und es sind solche, die so verborgen und unscheinbar waren, dass sie in den letzten 25 Jahren nur Promovierende in jüngerer deutscher Geschichte, Ortsbürgermeister und Grundstücksmakler interessierten.

Wer weiß noch, dass der Pavillon an der Grünanlage neben der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin das Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten beherbergte, in der als Postbeamte verkleidete Stasileute Passierscheine für Westberliner ausstellten, die Verwandte im Osten besuchen wollten? Oder wem ist das Postzollamt Falkenberg ein Begriff, in dem sechzig Angehörige der Abteilung M der Stasi damit beschäftigt waren, Westpakete zu öffnen und alles herauszuholen, was den DDR-Bürgern nicht zugemutet werden sollte, wie Bücher, pornografische Zeitschriften oder Devisen?

„Wöchentlich verbrachte die Stasi allein zwei Stunden mit dem Verbrennen von Fanpost.“ Postkarten zum Beispiel, die das Lösungswort der RIAS-Sendung Klingendes Sonntagsrätsel von Hans Rosenthal enthielten. 500 Postkarten kamen trotzdem monatlich beim RIASan. Nach dem Mauerfall, die Postzollämter hatten ihre Arbeit eingestellt, waren es allein im März 1990 330.000 Zuschriften. Die Sendung gibt es bis heute auf Deutschlandradio, nur das Attribut wurde weggelassen, was – apropos – auch manchen Sätzen im Buch gutgetan hätte. Sätze wie: „Die Elbe, die damals stolz und träge dahinfloss.“

Adressen ohne Geschichte

Auch Abseitigeres wird erzählt. Die Geschichte des Stützwandelementes UL 12.41 im Betonwerk Malchin, das als unscheinbares Silowandteil begann und zum Sinnbild der Mauer wurde. Oder der Flughafen Gander in Kanada, der Zennergarten in Berlin-Treptow oder die Sporthalle Köln, Orte, die auf den ersten Blick nichts mit dem geteilten Deutschland zu tun hatten. Manche Geschichten sind aus vielen Quellen gespeist, es kommen Zeitzeugen zu Wort, es wird aus Akten oder Promotionen zitiert, andere wirken eher wie Fingerübungen, der Vollständigkeit halber mit ins Buch genommen.

Ergänzt werden die Geschichten durch einen Bildessay von Götz Schleser, der historische Abbildungen gegen den heutigen Zustand der Orte stellt. Die Bedeutung der Adressen hat sich entladen, manches Haus steht nicht mehr, ist leer oder einer anderen Nutzung zugeführt, die wieder neue Geschichten produziert, über die andere schreiben werden.

Info

Geteilte Geschichte. 25 deutsch-deutsche Orte und was aus ihnen wurde. Mit einem Bildessay von Götz Schleser Ingolf Kern, Stefan Locke Ch. Links Verlag 2015, 272 S., 22 €

06:00 18.10.2015
Geschrieben von
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare