Durchnässte Gemälde

Klimawandel Überflutete Depots, zerstörte Sammlungen: Wie schützt man Kulturgüter im Katastrophenfall?
Durchnässte Gemälde
In Ahrweiler wurde fast ein Drittel der Museumsbestände zerstört – Wasser kann enorme Schäden anrichten, außer es ist gedruckt wie hier

Foto: Rafael Milach/Magnum Photos/Agentur Focus

Ein Blick nach Ahrweiler reicht, um festzustellen: Das Kulturerbe ist durch die Folgen des Klimawandels bedroht. Bei der verheerenden Flutkatastrophe standen im Depot des Stadtmuseums Kulturgüter wie Gemälde, Grafiken, Funde aus der Römerzeit, Ton- und Holzobjekte tagelang unter Wasser. 30 Prozent der Bestände werden nicht zu retten sein, schätzt der Museumsverbund Rheinland-Pfalz. Mit Schäden in Millionenhöhe rechnet die Kulturministerin des Landes für das Kulturgut insgesamt. Wenn sich der Museumsverbund trotzdem über eines freuen kann, dann über die Hilfsbereitschaft bei der Rettung der von Wasser und Schlamm beschädigten Kulturgüter. So gibt es bei der Bergung und Restaurierung Unterstützung aus ganz Deutschland.

Doch mit Solidarität allein wird sich das Kulturerbe zukünftig nicht retten lassen. Dazu ist das Ausmaß der Gefährdung viel zu groß. Das macht der gerade veröffentlichte Weltklimabericht auf unmissverständliche Weise anschaulich. Wie umgehen mit Hitze, Dürre, Starkregen und orkanartigen Stürmen? Das beschäftigt auch Johanna Leissner von der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie koordiniert das erste deutsche Forschungsprojekt zu den Auswirkungen zukünftiger Extremklimaereignisse auf das Kulturerbe, genannt KERES. Hier wird mit regionalen Klimamodellen und Gebäudesimulationen gearbeitet, um Gefährdungspotenziale besser einschätzen zu können, werden Prioritäten für den Katastrophenfall erstellt, Notfallpläne entwickelt. Eine Wissensplattform soll entstehen, auf der auch Frühwarnungen ausgegeben werden können, zusammen mit einem Expert:innengremium werden Anpassungsmaßnahmen erarbeitet. „Wir brauchen eine zentrale Anlaufstelle, wo alle Informationen zusammenlaufen. Vorsorgepläne müssen entwickelt werden“, sagt Leissner. Das zu gewährleisten sei Aufgabe der Politik. Dabei ist das Thema ja nicht neu. Beim Elbehochwasser in Dresden im Jahr 2002 standen der historische Zwinger, die Depots im Semperbau und im Albertinum ebenfalls tagelang unter Wasser. Die Schadensumme bezifferten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) später auf 28 Millionen Euro. Der Freistaat Sachsen und die Landeshauptstadt ergriffen danach zahlreiche Maßnahmen zum präventiven Schutz und zum akuten Hochwassermanagement. Hochwassersichere Werkstätten und Depots im Albertinum wurden errichtet, Notfallpläne erarbeitet und Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen zum Notfallverbund Dresden zusammengeschlossen. Das Schutzkonzept funktionierte beim Hochwasser im Jahr 2013 dann wie geplant. Bereits einen Tag nach dem Pegelhöchststand konnten die Kultureinrichtungen Entwarnung geben, das ist nachzulesen im damaligen Jahresbericht der SKD.

Beim jetzigen Hochwasser in Ahrweiler kam der Karlsruher Notfallverbund zum Einsatz. Ein Zusammenschluss von Archiven, Bibliotheken und Museen zur Prävention und zur Schadensbegrenzung von Katastrophenfällen an wertvollem Kulturgut, wie es ihn inzwischen mehrfach in Deutschland gibt. Durch die Auswirkungen des Klimawandels wächst die Bedeutung solcher Hilfsgemeinschaften. „Wir sind gut vernetzt“, meint auch Stefan Simon, Leiter des Rathgen-Forschungslabors unter dem Dach der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, das sich um Erforschung und Erhalt des nationalen Kulturerbes bemüht. „Das Problem ist der fehlende politische Wille, die Kenntnisse und Empfehlungen der Wissenschaft auch konkret umzusetzen.“

Kulturerbe ist kein Luxus

Die G20-Kulturminister:innen haben die Sorge um die Bedrohung von Kulturgütern durch Klimawandelfolgen bei ihrem ersten Treffen kürzlich in Rom in ihre Erklärung aufgenommen. Deutschlands Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik, Michelle Müntefering, stellte dort ein Programm vor, durch das Kulturgüter im Katastrophenfall mit technischen Mitteln und Expert:innen besser geschützt werden sollen. Johanna Leissner erhofft sich, „dass die künftige Bundesregierung es ernst meint mit Klimaschutz und Kulturerbeschutz und entsprechende Programme auflegt – wir brauchen Politiker, die Kulturerbe nicht als Luxus sehen, sondern als das Gedächtnis unseres Landes.“ Der Klimaschutz für Kulturgüter müsse in der deutschen Gesetzgebung verankert und endlich Geld für Forschung bereitgestellt werden. Leissner ist auch Vorsitzende einer von der EU-Kommission eingerichteten Expert:innengruppe zu Klimawandel und Kulturerbe. Hier werden auf europäischer Ebene ein Sach- und Kenntnisstand und Empfehlungen für die Mitgliedstaaten erarbeitet.

Wichtig sind zudem Kostenerhebungen, auch in Bezug auf Schutzstandards und Nachhaltigkeit. „Museen, Archive und Bibliotheken zählen zu den größten Energieverbrauchern im urbanen Umfeld“, sagt Stefan Simon. „Grund dafür ist vor allem eine exzessive Klimatisierung, die sich traditionell am technisch Möglichen, aber nicht am konservatorisch Nötigen ausrichtet.“ Es sei höchste Zeit, umzusteuern und sich zur Klimaneutralität in Kulturerbeeinrichtungen zu bekennen.

„Was ist uns unser Kulturerbe wert? Was ist zu schützen und was nicht?“, so Leissner. „Dieser Frage müssen wir uns stellen – je eher, desto besser.“ Und sie sollte nicht nur von der Politik und den Kulturinstitutionen, sondern gesamtgesellschaftlich diskutiert werden.

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06:00 27.08.2021
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Ausgabe 38/2021

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