Aus Glut geschnitzt

Porträt Seinen Verlag ELIF finanziert Dinçer Güçyeter als Gabelstaplerfahrer quer, er dichtet, schreibt fürs Theater und bekocht seine Autoren
Aus Glut geschnitzt
Seinen Eltern galt Sprechen als Gefahr – Dinçer Güçyeter macht heute genau das Gegenteil

Foto: Frederike Wetzels für der Freitag

Wir treffen uns – o pandemisches Wunder – an den Bildschirmen; und Gewissheit darüber, dass ich den Richtigen vor mir habe, verschafft mir nach kurzem Hin und Her sein über alle physischen Abstandsgebote hinweg ansteckendes Lachen, das in mir noch nachklingt aus diversen Begegnungen (zuletzt in Köln), die eindeutig zu lange zurückliegen. Hinter diesem unbeschwert und unbekümmert daherschallenden Lachen verbirgt sich die bewegte und bewegende Geschichte einer schillernden Persönlichkeit: des Familienmenschen, Lyrikers, Theatermachers und Verlegers Dinçer Güçyeter.

Die Geschichte beginnt spätestens mit dem Auszug der Eltern aus der türkischen Ägäis-Region in die Bundesrepublik. Der Vater kommt 1964. Er wird von Köln aus der Braunkohle-Tagebaugrube bei Grevenbroich zugeteilt, in der er ein Jahr lang malocht. Die Mutter stößt nach einigen Monaten dazu, arbeitet als einfache Angestellte, um, kaum da, mit ihrem Gatten nach Nettetal nahe der Grenze zu den Niederlanden weiterzuziehen und in einer Schuhfabrik „Schuhe für Bräutigame zu basteln“. Hier arbeitet der Vater in einer Weberei und macht sich noch in den sechziger Jahren selbstständig: Er öffnet eine Kneipe.

Für das Gastarbeiterkind, das 1979 das Licht der Welt erblickt, werden die Arbeitsplätze der Eltern zum Spielzimmer. In der Kneipe schnuppert der Sohn „die Metropolatmosphäre“. Neben dem Pastor und dem Bürgermeister tummeln sich hier auch Griechen, Italiener und einige andere Nationalitäten. Doch es ist nicht die Männerwelt der Kneipe, die ihn prägt, sondern die ihn aufziehende Frauenwelt mütterlicherseits. Mutter, Großmutter und Tante nehmen ihn in den 1980er Jahren mit zur Erntehilfe auf die Erdbeer- und Spargelfelder, wo er Zeuge des Pendants zum großen Palaver der Männer wird. Er bekommt mit, wie sie sich mit den anderen „Mamas“ auf dem Feld am Getuschel über die dürftige Performanz ihrer besseren Hälften im Bett vergnügen. Die trifft das Kind in der Kneipe wieder und kann ihre „zweite Pubertät“ nur lächerlich finden.

„Niemand ist abgesichert“

Den Kneipen- und Feldgesprächen eignet in der Retrospektive Güçyeters etwas Literarisches an, an ihnen bildet das Kind ein Bewusstsein für das Erzählen aus. Der Erzähltrieb des Kindes keimt, und es findet etwa in der „dicken Tante Fatoş“ am anderen Ende der Telefonleitung eine dankbare Hörerin. Es ruft sie bisweilen nur an, um ihr als Geschichtenerzähler „eine neue Welt anzudrehen“.

Derselbe Erzähltrieb löst in den sozialen Medien inzwischen, Jahrzehnte später, eine rege Nachfrage nach weiteren Geschichten aus dem Hause Güçyeter aus. Die lässt sich an der Vielzahl der Reaktionen und zustimmenden Kommentare unter seinen regelmäßigen autobiografischen Posts zu Familie (der Partnerin und den Kindern) und Verwandtschaft ermessen, aber auch an den zwei ihm schon vorliegenden Verlagsangeboten, die Posts zu einem Buch aufzuschreiben.

Den Vorwurf des zu Privaten und zu Intimen weist er von sich. Denn die Nachfrage nach seinen Texten unterstreiche die Universalität der Themen, die er in ihnen anspreche, um die „Einsamkeit und Hilflosigkeit in den sozialen Medien“ ein wenig abzumildern. „Die Emotionen in uns brauchen Ventile“, so Güçyeter, und er sei sich keineswegs zu schade, durch Überspitzung, Dramatisierung oder einen übermäßigen Gebrauch von Pathos und Eros „sich zum Affen zu machen“, wenn am Ende „mehr geschmunzelt“ werde.

Unternehmerisch öffnet Güçyeter 2012 die Schleusen der Rede, indem er seinen Literaturverlag ELIF gründet, gewissermaßen in einem Akt des Widerstands gegen den Integrationsdruck, den seine Eltern gesellschaftlich und politisch zu spüren bekommen und an das Kind weitergeben. Der Umstand, dass „der Ausländer und Gastarbeiter mit allem zufrieden zu sein und sich dem Arbeitgeber verpflichtet zu fühlen hat“, schlägt sich in der Erziehung nieder: „Sprechen als Gefahr ansehen, ja kein Wort zu viel sagen“, erinnert sich Güçyeter an den pädagogischen Imperativ.

Die Mini-Mönche

Yılmaaaaaaaz!
bring du das Kind zum Friseur, morgen ist Zuckerfest
so hat die Cleopatra des Hauses befohlen
und schon saß ich mit Papa und mit anderen Papas & Söhnen in
einem Trimmsalon in der von Bergen umrahmten Provinz Anatoliens
ich will die Haare wie Jackie Chan
sage ich zum Onkel Friseur
die Asche seiner Kippe ist fingerlang
jawohl, das kriegen wir doch locker hin röchelt er
und nimmt den mit Handhebel angetriebenen Clipper
rast damit 3 Minuten auf meinem Schädel hin und her
aber so sieht Jackie doch nicht aus
die Tränen auf meinen Wangen sind flusslang junge, richtige Männer heulen nicht. das hier ist das neunundachtziger Modell
Jackie ist ein altmodischer deutscher Hund
Papa bestellt mir zum Trost eine helle Cola
diskutiert mit anderen Papas eine halbe Stunde über Gott und den Himmel
gemeinsam ziehen sie die Welt aus dem Dreck, stehen auf
und bringen ihre Mini-Mönche zu ihren Müttern

unveröffentlichtes Gedicht von Dinçer Güçyeter

Den schlichten Titel der Koffer trägt in seinem dritten Gedichtband Aus Glut geschnitzt ein hinreißender Text, der wie ein „Gastarbeitermuseum“ begehbar ist und auf bedrückende Weise das schicksalhafte Schweigen besingt, in dem das triste Dasein einer Gastarbeiterfamilie eingetaucht ist. Das „Schweigen“ markiert die Zäsuren in der Familiengeschichte. Es steht für „sprachlose Ankünfte“ und eine „ausgegebene Sehnsucht“. In das Schweigen gehen die „Akkordarbeit“ und die „Doppelschicht“ über. Es ist aber auch ein Synonym für die fehlende Repräsentation der Gastarbeiterschaft: „erster Arbeitsunfall, das Schweigen der Gewerkschaft“. „Mit solchen Texten mache ich den Bruch sichtbar, den keiner sieht, wenn der Knochen bricht und unter der Haut bleibt“, fasst Güçyeter zusammen.

Und dann lässt er sich sehr Persönliches entlocken. Er kommt auf seinen Tumor am Hals zu sprechen, der ihm erfolgreich entfernt wurde. Er erklärt den zeitlichen Zusammenhang zwischen der Gründung des Verlags und dem Tod des Vaters im selben Jahr. Wie eine der letzten väterlichen Botschaften über den richtigen Gebrauch der Freiheit den entscheidenden Anstoß zur künstlerischen Selbstständigkeit gibt. Dass seine „zweite Geburt“ nach zwei Jahren intensiver Pflege des Kranken folgt, für den er „alle möglichen Klinken aller möglichen Kliniken putzt“, im „verzweifelten Versuch, die richtige Behandlung für ihn zu finden und ihn vor dem Tod zu retten“. Er könne nur lachen darüber, dass die gefühlt beliebteste Frage hierzulande, ob man abgesichert sei, laute. „Niemand ist abgesichert“, sagt Güçyeter nachdrücklich, „das zu glauben, heißt, die Natur zu verleugnen.“ Am Ende würdigt er seine Mutter, erwähnt aber auch ihre mit „Minderwertigkeitskomplexen“ behaftete Angst, für dieses Land, in dem sie viel länger lebt als in der Türkei, nicht genug zu tun und fern der Heimat zu scheitern und missverstanden zu werden.

An so vielen Rückschlägen und Ernüchterungen zu verzagen, wäre nachvollziehbar! Doch er, der als Schüler so verträumt ist, dass er sich schon „als Bohemien in den Istanbuler Cafés“ wähnt, der sich den Realabschluss in der Abendschule erkämpft, eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker absolviert, „um die Eltern zu beruhigen“, der seine Pommesbude „Kaktus“ hoch verschuldet schließen muss und der bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit seinen Verlag querfinanziert – er verzagt nicht, verbrämt auch nichts, sondern „rebelliert“, angeregt von Charakteren aus Theater und Film, dem er seine Lyrikanthologie Cinema widmet.

Es ist eine Rebellion unverwandten Blickes, die genuin auf Spontaneität, Verbindlichkeit und Großzügigkeit setzt und Menschen in ihren Bann zieht, „die mitlaufen und ermutigend wirken“. Stolz erzählt Güçyeter vom Glück, das er empfinde, wenn er „die türkische Mama spielen und die Autoren*innen und Übersetzer*innen des Verlags sowie die Leute vom Theater in großer Runde bekochen“ dürfe bei sich zu Hause. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Als der Vater noch lebt, fährt er von Nettetal an die niederländische Grenze und lädt wildfremde Lkw-Fahrer zu sich nach Hause zum Essen ein, um sich über die Abwesenheit der Verwandtschaft hinwegzutrösten, zur verhaltenen Freude seiner Gattin.

Sein Betriebsgeheimnis

„Ich glaube an das eigene Rezept“, so Güçyeter, und er meint nicht ein Kochrezept, sondern sein Betriebsgeheimnis. Es besteht darin, erstens, „hemmungslos auf die Leute zuzugehen“. Seine Beispiele sind institutionelle Ansprechpersonen, die er anfänglich „überfällt“ und mahnt, ihn „ernst zu nehmen“, die zuerst skeptisch reagieren und inzwischen wichtige Förderer des Verlags sind. Zweitens, „sich nicht abhängig von Erfolgen und Misserfolgen zu machen“. Drittens, „sich nicht in einer Weise öffentlich zu äußern, die die literarischen Leistungen der eigenen Autor*innen überschatten könnte“. Er meint etwa jene ihn gelegentlich erreichenden Anfragen, sich zur türkischen Politik zu äußern. Auch seine „diskursiven Schmerzgrenzen“ sind großzügig gesetzt, er hat ein dickes Fell, auch wenn es ans (politisch) Eingemachte geht: „Mit meinen eigenen Kapazitäten zeige ich natürlich meine Haltung. Eine Opposition ist nicht ausgeschlossen. Dennoch versuche ich, die anderen zu verstehen, setze Menschen nicht als Feindbilder in einen Rahmen. Denn der Riss zwischen den Menschen, überall auf der Welt, mittlerweile auch in Deutschland, macht mir Angst. Einen gemeinsamen Weg zu finden, ohne dabei verletzend oder beleidigend zu sein, ist einen Versuch wert.“ Viertens, „sich nicht etikettieren zu lassen und die ungeschriebenen Marktgesetze, wo möglich, zu unterlaufen“. So will er seine verlegerische Tätigkeit nicht auf das Narrativ des erfolgreichen Gastarbeiterkindes, das Migrantenliteratur verlegt, reduziert wissen. Sein Verlagsprogramm ist dementsprechend international. Die Schwerpunkte liegen auf der Vermittlung nicht nur deutscher, sondern auch türkischer, isländischer und norwegischer Gegenwartsliteratur.

Womit Güçyeter die Brücke zum Eigentlichen schlägt: zu seinen Autor*innen, Übersetzer*innen und Verlagsfreund*innen. Er nennt Hakan Tezkan, Julia Dathe und Özlem Özgül Dündar, die Kelag-Preis-Trägerin des Bachmann-Wettbewerbs 2018. Er hebt den zu früh verstorbenen Thien Tran hervor: Dessen für ELIF edierte Lyrik wurde in die Liste der „Lyrik-Empfehlungen 2020“ aufgenommen. Er zeigt seine Bewunderung für die unter dem eigenen Label Go-Güzel-Publishing publizierende Lütfiye Güzel. Er erwähnt Ümit Kuzoluk, den treuen ELIF-Gestalter, und den Nettetaler Quasikomplizen Wolfgang Schiffer, zuständig unter anderem für den isländischen Schwerpunkt und „bester Raki-Kumpel“... Und denkt einmal mehr zu wenig an sich.

Alexandru Bulucz, geboren 1987, verbrachte seine ersten 13 Jahre in Rumänien. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband was Petersilie über die Seele weiß (Schöffling & Co. 2020). Für seine Lyrik wurde er mit dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis ausgezeichnet. Er lebt in Berlin

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06:00 10.03.2021

Ausgabe 37/2021

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