Filmfestspiele Venedig: Großaufmarsch von Netflix am Lido

Kulturkommentar Die 79. Filmfestspiele in Venedig eröffnet die Netflix-Produktion „Weißes Rauschen“ mit Adam Driver und Greta Gerwig. Warum das nicht der Untergang des Kinos ist
Der Markuslöwe ist das Symbol von Venedig
Der Markuslöwe ist das Symbol von Venedig

Foto: Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Gleich zur Eröffnung am Mittwochabend haben die Filmfestspiele einen Paukenschlag in petto: Die US-amerikanische Literaturadaption Weißes Rauschen mit Adam Driver und Greta Gerwig war keine für die große Kinoleinwand geplante Produktion, sondern eine Auftragsarbeit für den Streamingdienst Netflix. Damit setzt Alberto Barbera, Leiter des ältesten Filmfestivals der Welt – das erste fand vor 90 Jahren, 1932, statt – ein deutliches Zeichen, wo er die Zukunft des Bewegtbildes sieht, und manifestiert zugleich die Machtverschiebungen der Branche.

Onlineplattformen sind längst zu globalen Playern geworden, den großen Hollywoodstudios durchaus ebenbürtig, eine Entwicklung, die sich in der Pandemie noch beschleunigt hat. Und sie wollen längst nicht nur Marktanteile durch Massenware, sondern auch Distinktionsgewinn und Adelung durch Filmfestivals und Preise. Neben der kaum überschaubaren Flut an bingebarem „Content“ werden strategisch jährlich ein paar filmische Aushängeschilder mit namhaften Regisseuren und hochkarätigen Besetzungen produziert.

Durch ein Festival wie Venedig als Sprungbrett sollen sie direkt ins Rennen um Filmpreise katapultiert werden, an deren Zielgeraden schließlich der Oscar winkt. Soweit zumindest der Plan, an dem Netflix bislang allerdings gescheitert ist, auch wenn es vergangenen März lange so aussah, als könnte es mit Jane Campions Spätwestern The Power of the Dog klappen. Doch dann zog auf den letzten Metern mit Coda ausgerechnet der direkte Streamingkonkurrent Apple TV+ vorbei und gewann als erster Onlineanbieter den Oscar für den besten Film.

Streaming-Produktionen in Cannes verpönt

Das soll nun nicht erneut passieren und der Ehrgeiz ist unübersehbar. Netflix gelang es, gleich vier Filme im Wettbewerb des Festivals in Venedig zu platzieren. Und es sind große Erwartungen damit verbunden. Sowohl Andrew Dominiks Marilyn-Monroe-Biopic Blonde als auch Alejandro Iñárritus Komödie Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten gelten als erste Kandidaten im Oscarrennen. Auch Amazon kommt mit zwei Spielfilmen, von der zumindest die MGM-Produktion Bones and All von Luca Guadagnino zunächst regulär ins Kino kommen soll.

Neu ist die Romanze zwischen dem Festival und Streamern keineswegs. Bereits vor sieben Jahren hatte Venedig als erstes großes Festival eine Netflix-Produktion ins Programm gehoben. Seitdem hat sich die Liaison für beide Seiten ausgezahlt. Hier gewann mit Alfonso Cuaróns Roma 2018 erstmals ein Streamingfilm die höchste Auszeichnung, den Goldenen Löwen, im vergangenen Jahr feierte neben The Power of the Dog auch Paolo Sorrentinos Die Hand Gottes am Lido Weltpremiere.

Reibungslos verlief der Streaming-Aufmarsch nicht. Immer wieder waren auf dem Lido Buhrufe im Kinosaal zu vernehmen, wenn etwa das Logo mit dem großen N im Vorspann auftauchte. Auch aus der Branche kam Kritik. Davon ließ sich Barbera nicht beirren, rollte den Roten Teppich für Netflix & Co aus und brachte das Festival damit auch in Stellung um die Spitzenposition der großen A-Festivals, vor allem gegen die ewige Konkurrenz in Cannes, wo die Streamingdienste bis heute verpönt sind. So stark wie nun aber waren die Onliner noch auf keinem großen Festival vertreten und bedenklich ist es immer, wenn ein Anbieter derart dominant auftritt, egal ob klassisches Studio, Streamingdienst oder Weltvertrieb. Auch darauf wird zu achten sein. Aber der Untergang des Kinos ist es nicht.

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