Wir erzählen von Obdachlosigkeit und Scham

Armutsbetroffen Unsere Kolumnistin fährt regelmäßig zu Kundgebungen und Protesten der Bewegung #IchbinArmutsbetroffen. Hier findet sie, was sie in der Gesellschaft oft vermisst: Zusammenhalt
Hier wird Armut besonders sichtbar: Obdachloser in der Fußgängerzone
Hier wird Armut besonders sichtbar: Obdachloser in der Fußgängerzone

Foto: Imago/Rupert Oberhäuser

Draußen ist es kalt und grau, während ich mich auf einen, für mich besonderen, Weg mache: Ich fahre nach Köln zu meiner ersten #IchbinArmutsbetroffen-Kundgebung in dieser Stadt. Letztes Jahr habe ich noch das 9-Euro-Ticket genutzt, um zu Protesten und Kundgebungen zu kommen. Diese Teilhabe vermissen wir Armutsbetroffenen schmerzlich, das 49-Euro-Ticket ist aus unserer Sicht für die Mittelschicht gemacht. Wir können uns das nicht leisten und sind wieder von dieser Teilhabe ausgeschlossen.

Die Kundgebung in Köln findet jeden dritten Samstag im Monat auf dem Breslauer Platz statt. Von Anfang an hat #IchbinArmutsbetroffen Köln mich mit ihrem Engagement beeindruckt. Es sind wunderbare Menschen, die trotz Krankheit, Problemen mit Ämtern und existenziellen Sorgen jedes Mal erneut zusammenkommen, um laut zu werden. Als ich am frühen Nachmittag ankomme, hängen überall sichtbar selbstgemachte Plakate und Banner: „Armut abschaffen“, „Stoppt die Umverteilung von unten nach oben“ oder „Gemeinwohl für alle“. Eine Regenbogenfahne hängt gegenüber eines für mich sehr wichtigen Plakats: „Keine Bühne für Nazis, Querdenker und menschenfeindliche Gesinnungen/ Ideologien“.

Thermoskannen mit Tee und Kaffee stehen bereit. Alle werden gegrüßt, teils mit herzlichen Umarmungen. Ich fühle mich dazugehörig und weiß, ich bin nicht allein mit meiner Armut und den Problemen, die daraus resultieren. Ich fühle einen Moment der Ruhe – auch wenn meine depressive Grundstimmung mich begleitet, auch hier in Köln. Aber ich stehe hier mit Menschen, die mich weder ablehnen noch stigmatisieren. „Möchtest du auch Flyer verteilen?“, fragt mich jemand. „Mir geht es heute nicht gut, daher lieber nicht“, antworte ich. Ich bin froh, den Satz herausgebracht zu haben. Meine Depression ist heute so stark, dass ich damit überfordert bin, Fremden Flyer zu geben. Ich sage, dass ich mich lieber mit einem Schild hinstellen kann und für später einen Text mitgebracht habe, den ich vorlesen würde.

Elf Menschen sind da. Ich kenne nicht alle, aber ich weiß, dass zwei zu den „Omas gegen Rechts“ gehören. Als ich höre, dass zwei Journalisten gekommen sind, bin ich überrascht und froh, dass das Thema Armut in Deutschland nicht vergessen wird. Wir Armutsbetroffenen können nur so Aufmerksamkeit und hoffentlich endlich Hilfe bekommen, indem wir laut und präsent sind.

Meine Hände zittern, als ich meinen Text vorlese

Die Kundgebung beginnt mit Beiträgen zum Thema Armut, Obdachlosigkeit und Scham. Menschen bleiben stehen und hören zu. Berührt von den Textbeiträgen nehmen zwei Frauen ihren Mut zusammen und sprechen öffentlich. Eine der Frauen erzählt aus ihrem Leben mit der Erwerbsunfähigkeitsrente und darüber, dass sie dankbar ist, wahrgenommen zu werden.

Dann bin ich an der Reihe und lese meinen Text mit Mühe und innerer Blockade vor. Ich brauche zwei bis drei Pausen. Meine Hände zittern. Schreiben ist etwas anderes als einen Text öffentlich vorzutragen. Mir verschwimmen die Sätze vor den Augen, aber ich bringe ihn zu Ende, auch wenn ein paar Sätze fehlen.

Drei Wortbeiträge später nehme ich noch einmal das Mikrofon in die Hand. Berührt und betroffen von dem, was ich gehört habe, versuche ich Mut zu machen. Ich erzähle, wie ich jahrelang in einer kleinen Wohnung auf einer später schimmligen Matratze geschlafen habe, weil kein Geld für Möbel da war. Zwei Stunden später ist die Kundgebung vorüber. Es ist immer noch minus 3 Grad. Ich gehe mit dem guten Gefühl nach Hause, dass dies erst der Anfang einer Bewegung ist, es aber die Solidarität von Nichtbetroffenen braucht. Wenn mehr Unterstützung aus der Bevölkerung käme, wäre eine bessere und gerechtere Gesellschaft möglich.

Janina Lütt ist armutsbetroffen, sie bestreitet das Leben für sich und ihre Tochter mit Erwerbsminderungsrente auf Bürgergeld-Niveau. Seit Jahresbeginn schreibt sie für den Freitag eine regelmäßige Kolumne

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