Kaputtes, unzerstörbares Land

Bosnien-Herzegowina Auf dem Westbalkan ist auch 25 Jahre nach dem Krieg kein Frieden. Über lähmende politische Strukturen, die Auswanderung der jungen Generation und Touristen aus aller Welt
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Kaputtes, unzerstörbares Land
Alltag in Bosnien: Kinder an einem Zuckerwattestand in der bosnischen Stadt Vlasenica

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Die Straßen von Sarajevo sind voller Menschen. Auf der einen Seite wälzen sich die Touristenströme durch die Altstadt osmanischer Prägung. Die Baščaršija ist eine Stadt in der Stadt, die nur aus Geschäften, Souvenir-Shops und Imbissbuden besteht, dazwischen ein paar Werkstätten, wo die typischen Kaffee-Servis aus Kupfer gefertigt werden. Mehrere hundert Familienbetriebe seien es hier, sagt ein Händler. Die Originale erkenne man an den Gravuren am Boden der Kannen.

Auf der anderen Seite herrscht festliche Stimmung. Erwartungsvolle Gesichter, herausgeputzte Menschen. Immer wieder fahren Geländewagen der oberen Preisklasse vor, es purzeln blutjunge Burschen heraus. Es wirkt wie ein Filmfestival. Es ist Freitag Abend. Abschlussball der AbiturientInnen. Die Party in einem der vielen 4-Sterne-Hotels der Stadt dauert bis in die frühen Morgenstunden. Türkische, balkanische und selten westliche Klänge. Bei den meisten Liedern wird ausgelassen mitgegröhlt.

Das Abi geschafft - was kommt danach? Immerhin ist das bosnische Abitur beispielsweise in Österreich anerkannt. Bosnien-Herzegowina ist wie viele ost- und südosteuropäische Länder ein Staat, aus dem überproportional viele Menschen als ArbeitsmigrantInnen nach Westeuropa gehen. Am Hauptbahnhof von Sarajevo haben sich Agenturen angesiedelt, die mit Reisen nach „Njemačka“ und „Austrija“ werben. Busreisen in nahezu jede Stadt im deutschsprachigen Raum.

Bosnien-Herzegowina ist eines der Länder, aus dem die Bundesrepublik derzeit gezielt Fachkräfte abwirbt. Mit dem Projekt „Triple Win“ suchen die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) Pflegekräfte. ArbeitgeberIn, Fachkraft und Herkunftsland profitierten vom Projektansatz, heißt es seitens der Bundesagentur für Arbeit. „Die Herkunftsländer profitieren durch eine Entlastung ihres Arbeitsmarktes. Wir orientieren uns an dem Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitsfachpersonal und rekrutieren nur Pflegekräfte aus Ländern mit einem Fachkräfteüberschuss. Somit vermeiden wir, dass durch die Migration von Pflegekräften nach Deutschland ein Fachkräftemangel in den Partnerländern ausgelöst wird“.

Indes ist die Auswanderung auch mit der Perspektivlosigkeit im eigenen Land zu erklären. Die Politikerin Irma Baralija etwa meint, die junge bosnische Generation gebe auf. Die KroatInnen im Land hätten kroatische Pässe und nutzten die EU-Freizügigkeit. Sie gingen vor allem nach Irland, wo sie innerhalb eine Woche Arbeit fänden. 40 Euro kostet der Direktflug von Zadar (Kroatien) nach Dublin. Aus dem nordbosnischen Städtchen Banja Luka kommt man schon für 10 Euro nach Berlin.

Die Auswanderung der jungen Generation hänge auch damit zusammen, dass sie vom Prozess der politischen Willensbildung ausgeschlossen sei, meint Baralija. Aktives und passives Wahlrecht haben in Bosnien-Herzegowina nur Menschen, die sich einer der drei Nationalitäten – Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch – zuordnen. Seit 2008 werden Änderungen des entsprechenden Wahlgesetzes blockiert. Auch auf kommunaler Ebene in ihrer Heimatstadt Mostar.

Baralija hat beschlossen, zu kämpfen. Um in diesem Land, in dem die Herkunft einer Frau („Wer ist dein Vater?“) immer noch darüber entscheidet, ob man ihr Gehör schenkt, etwas zu verändern, trat sie in die Partei „Naša Stranka“ (deutsch: „Unsere Partei“) ein. Und sie klagt vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Die nicht voran kommende, bzw. nicht umgesetzte Reform des bosnischen Wahlgesetzes verletze schließlich das Grundrecht auf Wahlen.

Bosnien-Herzegowina ist ein kaputtes Land. Die Zentralregierung ist schwach. Sie wird von einer sogenannten Präsidentschaft geführt – jede der drei Nationalitäten des Landes hat ihren eigenen Präsidenten. Alle anderen haben niemanden.

Der Riss im fragilen System folgt auch aus den zwei sogenannten Entitäten, der Republika Srpska und der Föderation Bosnien und Herzegowina. Auf dem Weg ins Zentrum Sarajevos muss der Taxifahrer einen Umweg machen. Auf einem Hügel hängt die rot-blau-weiße Flagge der bosnischen Entität Republika Srpska. Überdimensioniert. Hier ist die Grenze, die Entitätsgrenze. Dass die Flagge identisch ist mit der serbischen, ist kein Zufall, sondern dem starken Verbundenheitsgefühl mit und der starken Einflussnahme aus dem Nachbarland geschuldet. Manche sprechen von Sezessionsabsichten. Manche meinen, der serbische Präsident Bosnien-Herzegowinas helfe dabei.

„Unsere [deutsche] Außenpolitik hat in Bezug auf den Balkan keinen Plan […] Das deutsche Engagement muss hier stärker werden“, sagt deshalb Marion Kraske, Büroleiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Sarajevo. Der Balkan sei das wichtigste Feld Europas, hier entscheide sich das Schicksal des Kontinents, meint sie. Die HBS konzentriert sich in Bosnien-Herzegowina auf die drei Themenfelder Geschlechtergerechtigkeit, Grüner Wandel und Vergangenheitsbewältigung. Sorge macht Kraske, dass sich die nationalistischen Kräfte auf allen Seiten in den letzten Jahren „komplett radikalisiert“ hätten.

Zudem würden Russland, China, die Türkei und die Arabischen Emirate versuchen, Einfluss zu nehmen. Die EU hingegen schwächele. Daher befürwortet sie den „Military Action Plan“ der NATO. „Wir brauchen hier ein starkes Militär“, sagt sie. Hinsichtlich der EU-Option plädiert Kraske für einen „frühen Kandidatenstatus und einen endlosen Beitrittsprozess“.

Ähnlich sieht es der ehemalige Partisan Mehmed Alicehajic: „Leider kann uns Europa nicht helfen. Das kann nur die NATO“. Serbien baue in der Republika Srpska eine Armee auf, mit russischer Unterstützung. Und aus türkischer Perspektive sei Bosnien-Herzegowina, bzw. die Entität Bosnien und Herzegowina, eine „Filiale Erdoğans“. Dessen Wahlkampf sei zuletzt auch mit bosnischem Geld finanziert worden. Im Falle eines Konflikts werde die Türkei dem Balkanland beistehen.

Die Türkin Nur Uyanik ist zu Besuch in Bosnien-Herzegowina. Sie sitzt mit ihrem Vater, der sie diesmal begleitet, in einer der vielen Shisha-Bars in der Baščaršija. Nachts verwandelt sich das Viertel in eine balkanische Mahala, junge Einheimische verschwinden hinter dichtem Rauch aus den Wasserpfeifen, orientalisch-balkanische Popmusik dudelt aus den Lautsprechern, auch Touristen verirren sich hier hin. Uyanik hat in Bulgarien Medizin studiert. Hier in Sarajevo fühle sie sich sehr wohl, viele sprächen Türkisch.

„Nur ein multiethnisches Sarajevo kann Verantwortung für ein multiethnisches Bosnien übernehmen“ sagt der ehemalige Partisan Mehmed Alicehajic aus Sarajevo. Er hat wahrscheinlich recht. Und wie es aussieht ist die Stadt längst auf dem Weg dahin. Freundlich, bunt, innovativ, selbstbewusst.

Dass die liberale, nationalitätenübergreifende Partei „Naša Stranka“ in Sarajevo zuletzt die Wahlen klar für sich entschieden hatte, lässt hoffen, dass in Bosnien-Herzegowina eine Generation heranwächst, die sich nicht von den NationalistInnen vereinnahmen lässt, die europäisch denkt, sich zivilgesellschaftlich engagiert und vor allem: für die Frieden und Gewaltfreiheit oberste Priorität haben. Gerade auch weil die Wunden der Vergangenheit längst nicht verheilt sind und die Häuserfassaden immer noch deutlich die Spuren des Krieges tragen.

15:38 09.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Janka Vogel

Sozialpädagogin, Rumänistin und Migrationsforscherin. Danubius Young Scientist Award 2018
Janka Vogel

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