Welcher Vernunft schenkt Putin Gehör?

Ukraine Gibt Putin, im Widerspruch zu seinen Verlautbarungen, bei einer Okkupation der Krim terroristisch nationalen Bestrebungen Auftrieb? Zur Diskussion bei Maybrit Illner
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Über welche Brücke wird Wladimir Putin gehen?

Gerät die Krim zur geostratgischen Bärenfalle für Wladimir Putin? Wenn ja, hat er, haben die Russen es nur noch nicht gemerkt?

Wladimir M. Grinin, Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland erklärt bei Maybrit Illner in deren jüngster Sendung, das Ziel der ganzen Übung Putins mit der Ukraine sei, dass in Kiew eine Regierung der nationalen Einheit gebildet wird, in der alle Landesteile und politischen Gruppen der Ukraine vertreten sind. Wie im Abkommen vom 21. Februar 2014 durch den Abgesandten Russlands, die Außenminister Deutschlands, Frankreichs, Polens und den ukrainischen Präsidenten Jankowitsch festgelegt.

Gleichzeitig erinnert Grinin an eine aktuell öffentliche Aussage Putins, dass Janukowitsch einen schlechten Job gemacht habe und kein Mann der Zukunft sei. Grinin empfiehtl, deutsch vom Blatt lesend, jetzt der Vernunft Gehör zu verschaffen

Jakob Augstein weist in derselben Sendung auf die nationalistisch extremen Kräfte der ukrainischen Svoboda Partei, die Putin geradezu zum Handeln provoziert hätten, Bürger russischer Herkunft, angesichts der anschwellenden Unsicherheit und Gefahrenlage in der Ukraine unter seinen Schutz stellen zu wollen.

Was soll da die eskalierende Rhetorik von seiten etlicher Republikaner in den USA davon zu sprechen, Putin spiele Schach, Obama und die EU spielten Murmeln, fragt Jakob Augstein treffend.

Genau diese unselig eskalierende Rhetorik hat nach NINE ELEVEN 01 der damalige US- Verteidigungsminister Donald Rumsfield gegenüber Bundeskanzler Gerhard Schröder auf die Spitze getrieben, als er dem deutschen Wort uneingeschränkter Solidarität gegenüber den USA und der Ausrufung des Ernstfalles der NATO am 12. September 2001 eine Abfuhr erteilte und, geringschätzend, betonte, dass brauchen wir alles nicht, wir machen das mit einer Koalition der Willigen des neuen Europa, darunter mit Soldaten aus der Ukraine.

Das mag eine Brücke zum Verständnis für das verdeckt völkerrechtswidrige Agieren Putins in der Ukraine sein, ohne dieses zu billigen. Putin könnte darauf gesichstwahrend, und erhobenen Hauptes nach innen und außen zurückmarschieren.

Putin kämpft um sich selbst

Gleichwohl sei hier angemerkt, Putin hat wiederholt zu recht das selbstherrliche Agieren der NATO, der USA angeprangert mit ihren Koalitionen der Willigen, u. a. im Fall Grenada 1983, Panama 1989, Kosovo 1999, im Irak 2003, Libyen 2011, unter Ausschaltung und Missachtung der Zuständigkeit der UNO. nun legt er die gleiche Hast und Willkür an den Tag, statt für die Sicherung der russischen Bevölkerung in der Ukraine, die UNO mit ihren Blauhelmen in die Pflicht zu nehmen.

Vonwegen Putins Kampf um die Krim.

Worum Putin kämpft, ist der Versuch der Bändigung der von ihm eigens hochgerüsteten Geister im eigenen Land, die er selber nach der “Jelzin Ära” mit dem Paukenschlag eines neuen Tschetschenien Krieges 2002, der Intervention in Georgien 2008 rief. Sie fordern nun entschiedenes Vorgehen gegen Dritte, Zurückhaltung, Schonung eigenen Vermögens, Umsicht unter seinesgleichen Oligarchen in Russland, in der Urkaine, Weissrussland, Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan von ihm in einer Quadratur des Kreises.

Wird Putin nun zum Opfer seiner damaligen Erfolge nach der Jahrtausendwende, die das nationale Selbstbewusstsein großer Teile der russischen Nomenklatur und Bevölkerung nach dem Zusammenbruch und der Auflösung der UdSSR im Jahre 1991 aufrichteten?

Egon Bahr insistiert bei Maybrit Illner, vergesst die Krim, die ist an Russland verloren, es gebe in der Ukraine eine Kriegsgefahr gegen Null.

Dass Putin, im Widerspruch zu seinen Verlautbarungen, bei einer Okkupation der Krim oder gar von Teilen der Ukraine, dem angeblichen und wirklichen Ruf von russischstämmigen Ukrainern folgend, dem extrem rechtsradikalen, gar terroristischen Bestrebungen in der Ukraine und in der Region auf mindestens zehn Jahre flächendeckend Auftrieb geben würde, geht bei diesen Worten Egon Bahrs völlig unreflektiert, unter.

Marina Weisband (Piratenpartei), 1987 in Kiew geboren, besitzt neben der deutschen auch die ukrainische Staatsbürgerschaft. Sie verbrachte die vergangenen Woche auf dem Maidan und wirft fassungslos ein, wie konnten die europäischen Aussenminister Janukowitsch, den Mörder von Hundert Bürgern auf dem Majdan in Kiew, überhaupt noch als Verhandlungspartner akzeptieren?

Der Rubel rollt nicht mehr, er fällt und fällt

Dem amerikanischen Journalisten Andrew Denison fiel dazu in der Phoenix Runde von gestern folgende Überlegung ein, was will Putin, nachdem er sich selber auf der ukrainsichen Krim in eine Sackgasse manövriert hat?

Wenn die Krise um und in der Ukraine nicht bald deeskaliert und einer gemeinsamen Lösung unter Beteiligung Russlands, der EU, den USA in einer Internationalen Kontaktgruppe zugeführt wird, könnte als Ergebnis eine Verschärfung von Sanktionen gegen Russland erfolgen bis hin zur Stornierung von Gasverträgen mit der EU.

Was den fragwürdigen Vorteil hätte, dass neben dem Iran die USA endlich ihr ungleich viel billigeres Gas, dank Fracking in Übermaßen vorhanden, in die EU liefern könnten?

So kalkuliert, stellt sich für mich eine ganz andere Frage: wurde Putin auf der Krim in der Ukraine von langer Hand, 2004- 2014, in eine geostrategische Bärenfalle gelockt, damit die EU, voran Polen, die Ukraine und Deutschland sich völkerrechtlich legitimiert aus langfristig ungünstig verhandelten Gas- Verträgen mit Russland lösen kann und wird?

Tschernobyl 1986, Fukushima 2011

Die Ereignisse in der Ukraine kommen mir so vor, als würden außer Rand und Band geratene politische Clans, Gruppen, Oligarchen scharrend schnarchend in Fukushima auf maroden Sarkophagen erst “Räuber und Gendarm”, dann richtig Krieg spielen und mit dem radioaktiv verstrahlten weltweit Entsetzen, Hohn und Spott treiben während die Welt selbstgefällig zusieht, mit sich strahelnd atomar im Reinen.

Dabei droht der gegenwärtig erst halbfertig neue Sarkophag in Tschernoby, der die Welt Europas seit dem dortigen GAU am 26. April 1986 vor atomar lebensvernichtenden FALL- OUT schützen soll, mangels nationaler und globaler finanzieller Ressorurcen in sich zusammen zu brechen.

Wann nimmt die Welt, die angeblich global aufgestellte Atomindustrie, mit ihren Internationalen Agenturen, Organisationen, wann nehmen die EU, Russland endlich ihre weltweite Verantwortung für die Ukraine, für Fukushima in Japan wahr?

Stattdessen oder gerade deshalb die Frage

Models in Tschernobyl posieren lassen, wo Menschen verseucht wurden – darf man das? Der Fotograf Marc Erwin Babej sagt ja und erklärt seine spektakuläre Fotoserie “Chernogirls”, die im Frühjahr 2014 durch Galerien in Europa und den USA tourt.

Zerbrach die UdSSR womöglich deshalb mit der Folge der Auflösung in ihre nationale Bestandteile 1991 in sich zusammen, um sich aus der Verantwortung für die Folgen der Wirkungen des GAUs im 4. Block des AKW Tschernobyl am 26.April 1986 zu stehlen?

Und das, während die Welt, die EU, Russland seitdem desinteressiert zusieht, was in der Ukraine geschieht? und das selbst nach dem dreifachen GAU in Fukushima/Japan am 5. März 2011?

Hat die Politik in Berlin, Paris, London, Brüssel, Moskau, Kiew, Warschau, Tokio.,Peking, Neu Dehli, Brasilia, Washington endlich begriffen, um was für Gefahrenlagen es bei einem Staatsbankrott der Ukraine in Fragen der Rest- Reaktor Sicherheit des harvarierten AKW Tschernobyl in der Ukraine wirklich geht?

Will Wladimir Putin auf seine verquere Art und Weise, möglichen Gefahrenlagen um den harvarierten Block IV des AKW Tschernobyl vorausgreifend, mit geheimdienstlich verdeckten Sicherungs- Operationen auf der Krim in der Ukraine, seinen prekären Sinn für die historische und gegenwärtige Verantwortung im globalen Maßstab unabdinglich in Fragen der Reaktorsicherheit und Entsorgung atomar strahlenden Schrotts verdeutlichen?

Will Putin nicht nur den drohenden Abzug von russischen und internationalen Fachkräften in den AKW- Blocks von Tschernobyl verhindern, sondern daneben vor allem Flüchtlingsströme aus der Ukraine nach Russland, in die EU, in die USA unterbinden?

Tickt Wladimir Putin ganz anders, als wir denken? Wenn ja, kann er es nur noch nicht, aus innenpolitischen Beweggründen und Rücksichten, die in der russischen Seele liegen, zeigen?

Über welche Brücke wird Putin gehen?
JP

www.maybritillner.zdf.de
Sendung am 6. März 2014
Nervenkrieg der Supermächte

02:47 07.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Joachim Petrick

Aktuelles: Meine sichere Route- Refugee-Airlift - Petition "Luftbrücke für Flüchtlinge in Not" an die MdBs des Bundestages erhofft Debatte
Joachim Petrick

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