Weltradio - Hören statt Reden

Ganz Ohr Die Kurzwelle war einmal ein Weltmedium - auch für ganz normale Radiohörer. Aber die Manager internationaler Radiostationen interessiert heute vor allem das Internet
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Am 13. Februar war Welt-Radio-Tag. Der Antrag dazu, einen solchen Tag auszurufen, war aus Spanien gekommen, und seit Februar 2012 gibt es ihn nun. Ich frage mich, ob es sich um einen Gedächtnistag (für ein inzwischen relativ unbedeutendes Medium) handelt. Denn sonst hätte der Weltradiotag doch eigentlich mindestens ein halbes Jahrhundert früher kommen müssen.

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Alte Radioempfänger hatten es mir schon als Kind angetan: der Einschaltknopf mit der darunterliegenden Sprungfeder, das leise Brummen, während die Röhren warmliefen, das "magische Auge" in Grün, das sich zunächst weitete und dann - wenn ein Sender schon eingestellt war - wieder verengte, und die Magie, dass da Leute redeten, die doch eigentlich gar nicht da waren. Wovon sie redeten, war mir weniger wichtig, und der "Kinderfunk", den mir die Großeltern eines Spielkameraden anhelfen wollten, ließ mich kalt.

Niemand außer mir schien sich für die Tasten links vom UKW-Knopf zu interessieren. (Ich glaube, der UKW/FM-Knopf für den Nahbereich befand sich auf so ziemlich jedem alten Radio ganz rechts.) Während der UKW-Knopf meist recht abgegriffen aussah, wirkten mindestens die Kurzwellentasten fast immer wie neu. Aber Kinder hören anders als Erwachsene, und das Quietschen, Brummen und die Telegrafiesignale beeindruckten mich noch mehr als die Redebeiträge auf UKW, von denen ich sowieso nicht viel verstand. Und auch auf Kurzwelle wurde gesprochen, zum Teil sogar Deutsch, vor allem aber in fremden Sprachen.

Da die Zeit der Transistorradios angebrochen war, dauerte es nicht lange, bis mir so ein altes Röhrenradio "vermacht" wurde. Zehntausende Geräte gingen in Deutschland damals vermutlich direkt in den Sperrmüll, samt etwaiger polychlorierte Biphenyle oder sonstiger Gifte und Schadstoffe.

Freunde und Verwandte fanden meine Begeisterung belanglos oder skurril. Radiofans gab es unter ihnen nicht, und sie wurden auch keine. Im Gegenteil. Vielleicht hätte es geholfen, wenn ich damals schon gewusst hätte, was Kopfhörer sind.

Der erste nicht-deutschsprachige Sender, dem ich zuhörte, war die Voice of Vietnam, damals wohl auf 15040 kHz in englischer Sprache. Dass ich den Sendungen zuhörte - häufig sogar die ganze Sendedauer von dreißig Minuten lang - lässt sich vermutlich nur schwer einem Nicht-Hobbyisten erklären, vor allem nicht, wenn man weiß, wie knochentrocken die Politprogramme daherkamen. Aber meine Faszination hatte inzwischen zwei Aspekte: zum einen die Entfernung, aus der ein solcher Sender hörbar war, und zum anderen die Überraschung, tatsächlich immer mehr von der - in diesem Fall englischen - Sprache zu verstehen. Und mit dem Verstehen wuchs die Programmvielfalt. Ungefähr jedes dritte Land der Welt wird damals einen Auslandsdienst auf Kurzwelle betrieben haben, und die meisten davon werde ich wohl einmal oder auch mehrmals gehört haben.

Als früher Teenager fand ich in der überschaubaren örtlichen Leihbücherei einige Bücher zum Kurzwellenrundfunk und zum Antennenbau. Ich experimentierte - bis ich vielleicht zwanzig Jahre alt war, manchmal sogar recht systematisch. Aber nach ungefähr einem Jahrzehnt ließ mein Interesse daran wieder wieder nach. Jetzt genügte mir - meistens - der BBC World Service auf 648 kHz Mittelwelle, oder France-Inter auf 162 kHz.

Vielleicht noch einmal zehn Jahre später richtete ich mir eine Email-Adresse ein - sie hat sich seit fünfzehn Jahren nicht geändert. Mein technisches Interesse hielt sich beim neuen Medium Internet in Grenzen. Die Kurzwelle war mein Medienerlebnis gewesen.

Seit einigen Jahren sind meine Kurzwellenempfänger wieder ausgemottet, und mindestens an einem Abend pro Woche höre ich aufmerksam hinein. Und auf meinem Schreibtisch steht ein Analogempfänger, auf dem ich ungefähr zehn Frequenzen mehr oder weniger blind einstellen kann - den Mandarin-Dienst von China Radio International, die Kurzwellensender des BBC World Service aus dem Südatlantik oder aus Zypern, Voice of Nigeria, oder Channel Africa aus Johannesburg. Ich würde inzwischen eher das Radio aufgeben als die Internetnutzung - aber wenn die Welt ab morgen ohne Internet wäre, würde ich es womöglich gar nicht lange vermissen. Die Kurzwelle hingegen schon.

Ein Qualitätserlebnis, behauptete der Theologe Dietrich Bonhoeffer, bedeute kulturell

die Rückkehr von Zeitung und Radio zum Buch, von der Hast zur Muße und Stille, von der Zerstreuung zur Sammlung, von der Sensation zur Besinnung, vom Virtuosenideal zur Kunst, vom Snobismus zur Bescheidenheit, von der Maßlosigkeit zum Maß.

Das erscheint mir relativ. Das Radio ist inzwischen eigentlich ein vergleichsweise ruhiges Medium, oder eins der "Sammlung". Man kann zwar vor zehn geöffneten Browsern sitzen, aber nicht vor zehn eingeschalteten Radios mit unterschiedlichen Programmen. Lange hält man das jedenfalls nicht aus.

Und ich höre zu - ohne Bedürfnis, zu jeder Sendeminute einen Kommentar abzugeben. Beim Radiohören zählt das, was das Programm sagt. Das Nachdenken darüber ist mein Part - wenn ich das will.

Aber die internationalen Programme auf Kurzwelle lassen nach: gefühlt jedenfalls existiert nur noch die Hälfte des Angebots, das ein Hörer in den 1980er Jahren vorfand. Ende April schließt voraussichtlich auch der zypriotische Kurzwellensender der BBC.

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Europa für die westlichen Auslandsstationen kein interessantes Zielgebiet mehr. 1999 stellte der deutschsprachige Dienst der BBC seine Sendungen ein - knapp zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Auch Nordamerika verschwindet von der Landkarte des Kurzwellenradios, und Asien und Lateinamerika sind ebenfalls abnehmende Zielgebiete. Nominell senden die BBC oder die Voice of America ohnehin fast nur noch für Afrika auf Kurzwelle. Die Deutsche Welle (DW) tut es ihnen gleich: außer in Kigali (Ruanda) ist kein DW-Kurzwellensender mehr in Betrieb. Ende Oktober 2011 stellte der Bonner Auslandssender seine deutschsprachigen Programme auf Kurzwelle ein; und Ende 2012 seine Kurzwellensendungen auf Chinesisch. Man wolle sich angesichts erheblicher Budgetkürzungen auf das Internet und auf Radiosender vor Ort als re-broadcaster verlassen, die dort DW-Programme auf UKW ausstrahlen wollten.

Die ersten Gehversuche der "Welle" zumindest in China wirkten in dieser Hinsicht allerdings manchmal unbeholfen. Die VR China betreibt schließlich ihre eigene Propaganda - für die der DW ist da auf chinesischen Radiowellen allenfalls nach sorgfältiger Zensur Platz. Und auch im interaktiven Internet hat man es nicht leicht: die China-Redaktion der Deutschen Welle war - offenbar nach einem politisch missliebigen Mikroblogpost im Herbst 2011 auf Sina Weibo, dem chinesischen Gegenstück zu Twitter -, dazu gezwungen, ihren Weibo-Account neu zu eröffnen. Es handle sich bei der Löschung des alten Accounts um eine Tyrannei des Anbieters, pampte die Deutsche Welle auf ihrem neu eröffneten Account.

Proteste der DW im Kalten Krieg gegen das Jamming, also gegen die gezielten Störsignale zum Beispiel sowjetischer Sender gegen das Westradio, waren sehr viel würdevoller dahergekommen als der spontane Wut-Tweet. Plötzlich sah die DW aus wie ein beliebiger (zensierter) Microblogger.

Auf Kurzwelle wäre ihr das nicht passiert:

Kurzwelle ist das einzige Medium, das gegen Jamming physisch widerstandsfähig ist, weil Radiowellen auf Kurzwellenfrequenzen sich oft besser über lange als über kurze Entfernungen ausbreiten, erklärte der Mitarbeiter des U.S. International Broadcasting Bureau, Kim Elliott, im Mai 2011.

Denn Jamming betreibt China nur aus China selbst - und das blendet die ausländischen Signale, die aus einer ganz anderen Entfernung eintreffen, längst nicht immer aus. Auch der Aufwand, mit dem dieses Jamming betrieben wird, legt nicht gerade den Verdacht nahe, dass die Kurzwelle in China inzwischen relativ unpopulär geworden sei - und der chinesische Auslandsdienst denkt im Gegensatz zu den westlichen Radiodiensten gar nicht daran, auf Kurz- und Mittelwelle zu verzichten.

Nicht jedes Jamming ist sofort als solches zu erkennen. Zum Teil belegt das chinesische Inlandsradio mit seinen zahlreichen Kurzwellensendern allem Anschein nach absichtlich Frequenzen unerwünschter Auslandssender. Offensichtlich werden die Jamming-Aktivitäten allerdings, wenn ein Störsender - vermutlich aus der südlichen Inselprovinz Hainan - "Volksmusik" sendet. "Nicht nur ausländische 'Feindsender', sondern selbst Radiosender aus Taiwan, jenem untrennbaren Teil unseres Vaterlands, erleiden dieses Schicksal", spottete vor einem Jahr ein chinesischer Blogger.

Da viele Auslandssender sich von der Kurzwelle trotz ihrer relativ freien Ausbreitungseigenschaften verabschieden, werden Frequenzen frei, auf denen man statt dessen mit Glück Inlandsdienste aus allen fünf Kontinenten hören kann. Auch das hat seinen Reiz.

http://justrecently.files.wordpress.com/2013/03/radio_cora_peru.jpgBestätigung eines Hörberichts, Radio Cora, Peru, 1991

Vielleicht geht es den chinesischen Ex-Hörern der Deutschen Welle, die per Internet nicht mehr mithören wollen oder können, ja ähnlich wie mir. Der Deutschen Welle waren sie offenbar schon vor zwei Jahren ziemlich egal: man wolle sich nämlich auf jene Hörer konzentrieren,

die durch ihre gesellschaftliche Stellung einen hohen Einfluss auf die öffentliche Meinung eines Landes haben bzw. zukünftig haben werden und sich in autoritären Staaten aktiv für Demokratie, Freiheitsrechte und Fortschritt einsetzen.

Ich weiß nicht, ob die DW das auch ihren chinesischen Kurzwellenhörern auf Chinesisch derart direkt mitgeteilt hat. Aber für alle Ex-Hörer - ob nun Chinesen oder Deutsche -, die mit Internetradio nicht viel anfangen können, gilt vermutlich aus DW-Sicht das, was ich mir kürzlich ebenfalls sagen lassen musste, als ich mal wieder zu meinem Radio verschwand: "Du bist ein Spießer. Aber wenigstens sammelst du keine Briefmarken."



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19:48 06.03.2013
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Geschrieben von

JR's China Blog

Marxisten können die Zukunft vorhersagen. Das mit der Vergangenheit ist komplizierter.
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