Die süßen Leos wollen doch nur spielen. Wie die Mardis, Chellis und Abrams

Glosse Das Eingesperrtsein hat ein Ende! Also, jetzt losgerollt und losgetollt, ihr Leos und Abrams und Challengers! Schießt nicht auf Tiere, aber tobt euch mal so richtig aus!
Demonstranten in Berlin fordern deutsche Leopard-Panzer für die Ukraine
Demonstranten in Berlin fordern deutsche Leopard-Panzer für die Ukraine

Foto: Vano Shlamov/AFP/Getty Images

Am größten dürfte die Erleichterung unter Tierliebhabern sein: Endlich bekommen sie Auslauf, die kleinen Leos! Zu lange hat sie der Große Zögerer und Zauderer Olaf Scholz eingesperrt und ihre Bedürfnisse missachtet – tierfeindlich war das! Dabei können sie doch, wie nicht nur die wertegeleitete „Wir-kämpfen-einen-Krieg-gegen-Russland“-Außenministerin Annalena Baerbock dauererregt betont, Leben retten, da draußen, im Kampf um „unsere Freiheit“!

Dass die lebensrettenden Maßnahmen von „Leos“ als Kollateralschaden Tote auf der anderen Seite bedeuten, ist zu vernachlässigen – sie meinen es doch nur gut! Und sie sind so niedlich, wie sie herumtollen mit den Mardis und Chellis und Abrams. Ein richtiger „Streichelzoo“, wie man in den USA nachsichtig sagt. Denn dort ist man weit weg. Mit einem Atlantik dazwischen sieht so ein Krieg in Europa aus wie ein Computerspiel: kauft man sich einfach neue Skins und zockt los. Skin heißt Haut oder Fell, und leopardengestreift sieht es am coolsten aus.

Unsere wertegeleitete Außen- und Energiepolitik

Der Abrams-Panzer wurde übrigens nicht nach dem biblischen Abraham benannt – also dem, der seine unverbrüchliche Gottestreue bewies, indem er die Opferung seines Sohnes nicht verweigerte. Der Panzer trägt den Namen des Oberbefehlshabers der US-Truppen im Vietnamkrieg. Abrams soll „aggressiv und erfolgreich“ gewesen sein, aber für einen General ist das wohl eine Tautologie. Laut Wikipedia ist der Abrams „das Rückgrat der Panzertruppen“ der USA, Ägyptens, Saudi-Arabiens oder Kuwaits – also all jener Länder, die für unsere neue wertegeleitete Außen- und Energiepolitik unsere besten Freunde sind.

Der Feind dagegen hasst sogar Tiere so sehr, dass er seinen Panzern nüchterne technische Namen gibt, T irgendwas – das T steht nicht für Tiger, sondern für танк, also Tank, das heißt Panzer, übrigens ein englisches Lehnwort.

Im Kosovo und im Irak bewährt

Die britischen und US-amerikanischen Tanks werden also die süßen deutschen Leos in die Ukraine begleiten. Großbritanniens Challenger, was Herausforderer heißt, hatte sich schon im Kosovo und im Irakkrieg bewährt. Da kann der Leo gleich etwas Wichtiges von ihm lernen: Völkerrechtsverletzungen begeht ausschließlich der Feind. Mit dem Völkerrecht ist es nämlich wie mit dem Menschenrecht, es zählt nur zu unseren großartigen wertegeleiteten Werten, wenn es der Feind bricht. Verstoßen die Unsrigen, die unsere großartigen wertegeleiteten Werte teilen, dagegen, dann gibt es dafür triftige, wertegeleitete Gründe, im Zweifel höhere Werte wie Freiheit oder so, deren wertegeleitete Auswirkungen man im Jemen vorzüglich besichtigen kann.

Also: losgerollt und losgetollt, ihr Leos und Abrams und Challengers! Schießt nicht auf Tiere, aber tobt euch mal so richtig aus! Zeigt, was ihr könnt! Rettet Leben! Aber bitte nur die richtigen, westwertegeleiteten Leben, die für „unsere Freiheit“ zu sterben bereit sind! Und wenn alle Leos und Abrams zerschossen sind, sind neue Skins dran. Dann kommt das nächste Level. Mit Kampfflugzeugen. Nur tragen die dann keine niedlichen Namen.

Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Katharina Körting

Freie Autorin und Journalistin

2024 Arbeitsstipendiatin für deutschsprachige Literatur der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Katharina Körting

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen