RE: Im Zeichen des Schlagworts | 26.11.2018 | 05:45

Hallo scandolous, das ist mitnichten der Fall, in der nächsten Ausgabe berichten wir auf mindestens 2 Seiten über die Ereignisse in Frankreich.

RE: Herbstlyriker | 22.11.2018 | 11:25

Schön, aber Netflix fehlt! ;-)

RE: Herbstlyriker | 22.11.2018 | 11:24

Lieber Balsamico, nicht verzagen, dafür komplettieren Sie hier doch sehr schön, windige Grüße, Katharina Schmitz

RE: Die prekäre Gesellschaft | 20.11.2018 | 11:54

Liebe Moorleiche,

merci zurück! Ich halte das Leistungsprinzip auch nicht für eine bloße Erfindung des Kapitalismus, darüber streiten wir hier ja auch alle ziemlich leidenschaftlich. Der fatalste Fehler von Hartz IV ist meines Erachtens, dass man Jobvermittlung und Kosten der Lebensführung ideel zusammengelegt hat. Weil: Ich hätte gern beim Jobcenter Profis, die etwas vom Arbeitsmarkt verstehen, keine Verwaltungsangestellten. Ketzerisch gesagt, dem Jobcenter würde mehr kreative Orientierung an der Wirklichkeit guttun. Und ich finde auch, dass in dieser Debatte zwischen bedingunglosem Sockelbetrag und skandalös schlecht bezahlten Berufen noch viel Platz für politische Praxis ist, bevor man über wieder bei den Utopien landet und am Ende alles beim Alten bleibt.

Ich möchte Ihnen schon wieder eine Lektüre ans Herz legen, Leander Scholz` "Zusammenleben" (ein Interview ist hier auch online). Er sagt zum Beispiel: "Wir dürfen das Gemeinwesen nicht einfach nur als ein Servicecenter begreifen. Es muss auch demokratische Pflichten geben. Zivilgesellschaftliches Engagement muss stärker institutionalisiert werden. Es kann nicht bei Appellen bleiben. Es muss mehr Möglichkeiten geben, soziales Verhalten einzüben." Warum? Weil wir das alle verlernt haben, das machen jetzt Leute in den so genannten Care-Berufen. Ich kenne z.B. niemanden, der seine Oma betreut, aber Leute, die für den Arbeitsmarkt nur bedingt zur Verfügung stehen, weil sie vielleicht ein Kind haben, das keine normale Kita- und Schulkarriere bestreiten kann. Und das Ganze funktioniert sowieso nur, wenn es perfekt läuft, andererseits kann man sich nicht gegen jede Unbill des Lebens versichern, weil: wie soll man das denn bezahlen. Also eigentlich ist dieses System auch ziemlich teuer, so gesehen. Ich muss immer herzlich lachen, wenn die Faz mir vorrechnet, wie hoch meine private Altersvorsorge sein müsste, wenn.

Zur SPD sagt er, sie "schaffe familienpolitische Bedingungen so, als hätte man gar keine Kinder. Dass beide Eltern voll berufstätig sind, wird sozusagen als Imperativ formuliert." Oder mit Ihren Worten: "Man hat sich irgendwie zu Tode gesiegt, weil echte Alternativen schon von Beginn an wegfallen."

Tomasello (muss ich lesen) spricht von "ultrakooperativ", Oliver Nachtwey würde das "affirmativ" nenen, Guillaume Paoli als "lange Nacht der Metamorphose".

PS. Psychotherapien würde ich Lebenspraxisseminare nennen, die Welt wäre m.E. besser, wenn mehr Leuten ganz selbstverständlich ein Interimscoach zur Seite stünde, auch um regressiven Tendenzen ein Schnippchen zu schlagen.

Mit herzlichen Grüßen, Ihre Katharina Schmitz

RE: Die prekäre Gesellschaft | 20.11.2018 | 08:21

Hallo Herr thesittingbull, ich bin da anderer Ansicht. Sie unterschätzen die stumm machende Wirkung unserer diffus kapitalistisch sortierten Gesellschaft. Deshalb hat der #unten wie ich finde eine befreiende Wirkung, sich nämlich als stigmatisiertes Kollektiv wieder zu finden und gegen diese Stigmatisierung selbstermächtigt aufzubegehren, der nächste Schritt nach der Ohnmacht ist jetzt natürlich die Analyse. Aber wirklich jedem traue ich zu, seine Situation zu analysieren, wenn die Scham erstmal kommuniziert wurde, die Stimme legitimiert. Dazu braucht es kein Studium in Soziologie, da reicht es schon, wenn viele Leute erzählen, was Habitus z.B. konkret bewirkt. #unten heißt auch Isolation, das heißt auch Teufelskreis. Die Erzählungen auf #unten zeigen doch eindrücklich wie das Narrativ der so genannten Eliten funktioniert. Wenn man das aufbricht, finde ich, kann daraus etwas Produktives entstehen. Und letztlich, auch die so genannten Eliten können sich nicht nebulös herausreden, wenn man ihren Leistungsbegriff offensiv in Frage stellt.

RE: Die prekäre Gesellschaft | 20.11.2018 | 08:10

Liebe Moorleiche,

herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Ich muss lächeln, "horizontal" klingt in diesem Zusammenhang tatsächlich ziemlich pikant, in Oliver Nachtweys sehr klugem Buch "Die Abstiegsgesellschaft - Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne" steht es vollkommen unverfänglich so: "Im Zuge der regressiven Modernisierung kommt es zu einer Umwertung des Gerechtigkeits- und Gleichheitsdiskurses. Es geht nun vor allem um das Modell der radikalisierten Chancengleichheit."

Konkret: Gerechtigkeit bedeutet dann nicht so sehr der Ausgleich "vertikaler Ungleichheiten" als vielmehr die Verringerung "horizontaler Diskriminierung entlang kultureller Merkmale. Die Schlüsselbegriffe sind nicht mehr soziale Ungleichheit und Ausbeutung, sondern Gleichberechtigung und Identität." Am Beispiel der Frau: Sie darf zur Arbeit, das ist schön, sie muss de facto aber auch arbeiten, weil ein Gehalt in einer Familie nicht mehr ausreicht. Das ist nicht eingepreist bei der Emanzipation.

Neoliberalismus im Sinne von mehr Autonomie und Eigenverantwortung für den einzelen bedeutet eben auch, dass viele eine affirmative Haltung zu Liberalisierungen jeglicher Spielart entwickeln, also mitmachen im Spiel des Lebens, es könnte ja gutgehen, also nach oben! Die anderen, also denen das Zeug für diese Autonomie fehlt, die werden zu "bloßen Indivuduen degradiert". Denen wird vielleicht sogar erklärt, dass Arbeit nur ein Fetisch ist und man sich seine Anerkennung woanders abholen muss und bis das Bürgergeld kommt, muss man sich sowieso noch ein bisschen gedulden.

"Mit der Entkollektivierung des Sozialstaats wächst auch die Gefahr des sozialen Abstiegs - und der damit verbundenen Stigmatisierung (...). Gerade die Bildungsabhängigkeit dieser Gesellschaft verstärkt diesen Prozess...". Was? Bildung ist auch wieder nicht gut? Jedenfalls kein Allheilmittel und Sie haben Recht, dass man sich die einzelnen Felder und Schieflagen genauer anschauen muss, man kann nicht einen einzigen Begriff über alles legen wie eine Decke aus Polyacryl.

Die Abstiegsgesellschaft: Man kann sich in diesem Buch wirklich fast alles gelb anmarkern und sich hinter die Ohren schreiben, und die etwas abgegriffene Chiffre Neoliberalismus als Beschreibung einer im Kern regressiven Moderne findet man hier sehr klug durchdekliniert.

Mit vielen Grüßen, KS

RE: Die prekäre Gesellschaft | 16.11.2018 | 13:32

Liebe Moorleiche,

neoliberal, weil indviduelles Scheitern privatisiert wird, Schulden z.B. durch die Finanzkrise sozialisiert werden. Diese Erfolgslogik betrifft übrigens Frauen insbesondere, denen die Welt zwar auf horizonaler Ebene offen steht (ein Job an der Lidl-Kasse findet sich immer), vertikal gibt es jedoch kaum Mobilität (siehe auch Oliver Nachtwey, die Abstiegsgesellschaft).

Neoliberal, weil sie formal Zugang zu Bildung haben beispielsweise, aber Bildungsvorsprünge (Nachhilfe, Auslandsaufenthalt) nicht eingepreist sind.

Pefide Verhältnisse. Der Arbeitsmarkt fragt nicht, was er für sie tun kann, sondern der Einzelne muss untertänigst Auskunft geben, was er zu leisten glaubt imstande ist. Im Angebot hat der Arbeitsmarkt prekäre Stundenlöhne und der Staat bietet evtl. eine Grundsicherung im Alter, siehe auch sinkendes Rentenniveau seit Jahren. Neoliberal, weil Kapitalverbrechen eher noch unter Kavaliersdelikt fallen, Hartz IV-Empfang kriminalisiert wird. Neoliberal trifft es nicht ganz, stimmt, die Zustände sind subtil feudalistisch, weil wir ja auch eine Erbengesellschaft sind, wo leider nur jeder Zweite erbt, abgesehen vom Ost-West/Nord-Süd-Gefälle. Oder: Kulturelles und ökonomisches Kapital zu Lebzeiten übertragen wird.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wie kommt der Einzelne da wieder raus? Eine "reife, eigenständige und eigenverantwortliche Individualität" zu leben, ist in dieser Lage fast unmöglich. Diese Last muss man dem Einzelnen nehmen, meine ich. Ich lese in diesem Hashtag tatsächlich so etwas wie eine Erleichterung, ein Aufatmen, weil man sich von Schuldgefühlen befreien kann. Ohne Schuldgefühle lässt sich auf jedenfall besser in die Zukunft denken, was ja auch Arbeit ist. Ohne Schuldgefühle kann man selbstbewusster Fragen an die Gesellschaft stellen, bzw. Forderungen.

Herzlich, Katharina Schmitz

RE: Die prekäre Gesellschaft | 16.11.2018 | 13:09

Lieber Herr Zietz,

warum nicht aus der Welt schaffen? Die Grünen, angeblich ja die neue Volkspartei, fordern es. Gestern habe ich von einer großen Koalition geträumt Linke/Grüne und noch eine Korrektivpartei ;-). Was den Hashtag angeht: Selbstermächtigung, Überwindung der Scham sind ja vielleicht auch erste Schritte zu einem neuen Narrativ, zu einer neuen Politisierung des Einzelnen?

RE: Bist du neidisch? | 05.11.2018 | 17:11

mithin und mitunter auch Genugtuung. Man muss sich nicht aus priviligierter Perspektive suggestiv fragen lassen, warum man Lebenswege nicht besser geplant hat. Oder auch: Streit über solche Fragen, ist auc niht das Schlechteste, bzw. auch ehrlich. Und Ehrlichkeit scheint mir ganz wichtig in diesen Fragen. Unter Freunden.

RE: Bist du neidisch? | 04.11.2018 | 13:56

sicher ist der Roman teilweise autobiografisch. Sie haben ja Recht, aber unter Selbstermächtigung verstehe ich beispielsweise auch das gute Gefühl, dass man sich Sozialkritik, die man sich leistet, nicht mehr desavouieren lässt mit schönen Totschlagverdächtigungen, z.B. Sozialneid.