Sind wir nicht alle ein wenig „gendergaga“?

Meinung Berlins Bürgermeister Kai Wegner würde gern in der Behördensprache auf das Gendern verzichten. Dann rudert er zurück. Eine Berlin-Posse?
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner

Foto: Stefan Zeitz/Imago Images

Es ist ein medialer Evergreen, dass die Fettnäpfchen rund um einen nicht allseits erwünschten Amtsantritt vom Beckenrand wie verlockend modriges Sumpfgebiet aussehen – und das trotz all der Probleme, die die Politik um fünf nach 12 auf dem Zettel hat und nun wirklich zeitnah beackern müsste. Überall wird stattdessen gelauert auf die vielen Fettnäpfchen, die naturgemäß auf den neuen regierenden Berliner Bürgermeister Kai Wegner warten. Allein schon sein Stallgeruch Marke uriges Westberlin bietet jede Menge Steilvorlagen. Es würde mit dem Teufel zugehen, wenn er nicht irgendwo reintappte. Und siehe da, derzeit führen seine täppischen Äußerungen über Gendersprache in der Berliner Verwaltung mitten hinein.

Gegenüber der Bild am Sonntag hatte der erste CDU-Bürgermeister Berlins seit mehr als 20 Jahren und nach drei Wahlgängen in einem Interview angekündigt, die Berliner Verwaltung solle künftig auf Gendersprache verzichten. Was alle Medien landauf-landab aufgeregt aufgriffen, wonach Wegner eilig klarstellte, so hätte er das ja gar nicht gemeint. Was Wegner auch immer gemeint hat, so wie er sich ausdrückte, klang Wegner sehr nach Berlin-Steglitz und null nach Berlin-Mitte – und so gar nicht nach einer Weltstadt, in der gerade das renommierte Berliner Theatertreffen stattfindet. Seit der Verleihung des Berliner Theaterpreises an die Dramatikerin Sivan Ben Yishai bekommt der Bürgermeister sowieso schon vom kosmopolitischen Teil Berlins sein Twitter-Fett weg.

Wegner hatte den – zugegeben – komplizierten Namen der Preisträgerin mehrmals falsch ausgesprochen. Besonders peinlich befand man zudem, dass der Umstand, dass Yishai nicht auf Deutsch schreibe, Wegner mehrerer Erwähnungen wert gewesen war. Wegner ruderte also zurück, jedoch mit einer täppischen Begründung: „Ich möchte gern das Deutsch sprechen, das ich in der Schule gelernt habe und das alle verstehen.“

Was wirklich nicht sehr sexy klingt. Adressiert war der Satz sicher nicht an die Berliner Kreativszene, sondern womöglich ohne Kalkül an die Leute aus dem Speckgürtel, denen er näher steht als zum Beispiel Theaterleuten. Und auch wenn Kalkül dabei gewesen wäre, die Topthemen der Leute im Berliner Speckgürtel hätte er dennoch suboptimal priorisiert. Wegner, Fettnapf, egal, wo du hinkieksen tust.

Präzisieren musste Wegner seine Äußerungen inzwischen auch gegenüber dem eigenen Laden, dessen Geschäftsordnung für die Verwaltung nämlich einerseits vorsieht, geschlechtsneutrale Personenbezeichnungen vorzuziehen, andererseits den Hausleitungen freistellt, wie sie ihre Kundschaft adressieren. Und vielleicht ist Freiheit auch der beste Weg, jedoch kein Radweg für die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch.

Die Grünen-Fraktionschefin setzte sich nämlich umgehend aufs Rad in Richtung Wegners Fettnapf, in Worten mit der Berliner Zeitung: „Im Wahlkampf hat Kai Wegner immer gefordert, Verwaltungsreform einfach mal zu machen, statt nur zu reden. Jetzt ist er zuständig und was macht er? Er redet über Sprache, statt die Zukunftsaufgaben anzupacken“. Was lustig ist, ausgerechnet eine Grüne banalisiert die emanzipatorische Kraft der Sprache, auf die die Partei doch sonst immer besteht, weshalb sie sich selten für einen identitätsstiftenden Übereifer im Kampf gegen Diskriminierung zu schade ist, natürlich genauso oft zu Lasten von sogenannten Zukunftsaufgaben.

Wo Kai Wegner, nicht falsch verstehen, Wegner ist, vielleicht kein „Sprach-Polizist“ (Jarasch) wie ihn die AfD gern hätte, aber er ist zweifellos ein politischer Hardliner durch und durch. Aber wo Wegner dennoch einen Punkt hat, ist dort, wo er die Nachteile gegenderter Sprache in den Blick nimmt, die – was oft übersehen wird – nämlich in Richtung Geschlechter inklusiv sein mag, den Alltag von Menschen nichtdeutscher Herkunft jedoch ungleich schwieriger macht. Kommt dann noch der Berliner Behördendschungel plus die Schnauze dazu ... Aber gerade Behörden sollten für Menschen, die nach Deutschland kommen, eine verständliche Sprache sprechen, so Wegner. Indeed. Und mit einem Sprung wäre er raus aus dem Fettnapf gewesen, wenn er zum Beispiel versprochen hätte, die Hauptverkehrssprachen der Stadt, zum Beispiel Türkisch, Arabisch, Englisch in Behörden zu fördern.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

Katharina Schmitz

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden