Lieber Massaker in Kauf nehmen, als Menschen zu schützen

USA 393 Millionen Schusswaffen sind in den USA im Umlauf. Daran wird auch der Amoklauf in Uvalde nichts ändern. Denn das Waffenproblem der Vereinigten Staaten ist Symptom ihres Demokratieproblems
Nur Tage nach der Schießerei an einer US-amerikanischen Grundschule hält die Waffenlobby-Organisation NRA (National Rifle Association) ihr jährliches Treffen in Texas ab
Nur Tage nach der Schießerei an einer US-amerikanischen Grundschule hält die Waffenlobby-Organisation NRA (National Rifle Association) ihr jährliches Treffen in Texas ab

Foto: Brandon Bell/Getty Images

Auch nach dem Massenmord im texanischen Uvalde ist kein Ende der amerikanischen Liebesaffäre mit Pistolen, Revolvern und Gewehren in Sicht, auch wenn nur eine Minderheit der Bevölkerung mitmacht. Das Thema steht zwar in den USA weit oben auf der Agenda. Aber der politische Alltag begünstigt die Waffenbesitzer. Die Hoffnung, die Stimmung würde sich aus Anlass eines so schrecklichen Verbrechens drehen, ging nicht in Erfüllung – wieder einmal.

Die überwiegend weiße und männliche Minderheit hat als Kerntruppe der Republikanischen Partei genug Einfluss, um Reformen zu vereiteln. Die Partei weckt Angst vor „Illegalen“, vor Black-Lives-Matter-Aktivisten und mehr: Natürlich braucht man da Schusswaffen. Diese sind ihren Liebhabern nicht nur Instrumente, mit denen sie Spaß haben auf dem Schießplatz, beim Jagen, beim Bierdosen-von-der-Mauer-Schießen und Kriminelle-in-Schach-Halten. Schusswaffen sind patriotisch, Symbol der Freiheit, sie stehen im Zentrum dessen, was es bedeutet, Amerikaner zu sein. Menschen können sich und ihre Familien beschützen.

Wenige Tage nach dem Massaker in Uvalde – die 19 ermordeten Kinder und zwei Lehrerinnen waren noch nicht begraben – haben sich Tausende Mitglieder des Schusswaffenverbandes National Rifle Association (NRA) in Houston zum Jahrestreffen versammelt, um gegen angeblich drohende Restriktionen zu protestieren und für das „grundlegende Menschenrecht auf Waffenbesitz“ zu kämpfen.

Donald Trump und die NRA warnen vor Kommunisten und Sozialisten

Mit dabei war NRA-Mitglied Donald Trump. Die Versammelten seien das Rückgrat des Landes, ließ er wissen. Man brauche in jeder Schule bewaffnetes Personal. Wenn die USA 40 Milliarden Dollar für die Ukraine hätten, sollten sie auch genug für die Kinder haben, so Trump. Ganz wichtig aus Sicht der Waffenbesitzer, die sich gern als Opfer fühlen: Politiker, die mehr Schusswaffenkontrolle fordern, seien elitär. Sie reisten mit bewaffneten Personenschützern durchs Land, wollten aber normalen Leuten Waffenbesitz erschweren. Die Reichen wohnten in umzäunten Villen. Es ist bekannt: Ganz großer Spender für Schusswaffenkontrolle ist der Milliardär und Ex-Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg.

Laut Forschungsgruppe Small Arms Survey sind in den USA rund 393 Millionen Schusswaffen im Umlauf. Laut der Gesundheitsbehörde Center for Disease Control wurden im Jahr 2020 45.222 Menschen mit Schusswaffen getötet – bei Verbrechen, Suiziden und Unfällen.

Die Leute von der NRA fühlen sich nicht verantwortlich, ganz im Gegenteil. Verbrecher seien Kriminelle, die immer an Waffen kämen. Amerikaner nutzten pro Jahr rund eine Million Mal ihre Waffen zum Selbstschutz. Gegner von Waffenrestriktionen im Kongress und in den Bundesstaaten können darauf vertrauen, dass Forderungen nach mehr Waffensicherheit und Kontrolle bald abflachen wie in der Vergangenheit. Und dass für die Waffenliebhaber Schusswaffen immer Priorität haben werden.

Beim NRA-Treffen warnten Redner: Demokraten, Kommunisten und Sozialisten wollten dem rechtschaffenen Amerika die Waffen wegnehmen. Die entfachte Debatte beruht auch auf einem Stadt-Land-Konflikt. Der US-Senat mit seinen zwei Senatoren pro Bundesstaat ist so angelegt, dass die bevölkerungsarmen, weißen und ländlichen, zumeist republikanisch regierten Staaten überproportional viel Macht haben. Das Waffenproblem ist auch ein Demokratieproblem.

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