Sind die Grünen eine linke Partei?

Freitag-Community Der Freitag hat gefragt, anderthalb Dutzend auserlesene Blogger durften antworten – und unter anderem Schulnoten vergeben zu anderen Bloggern. Eine Meinung dazu.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

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Vorab: Geburtstagsjubiläen sind ein guter Anlass, einen Blick zurück zu werfen, einen nach vorn und einen in die Gegenwart. Ebenso, sich daraus abgeleitet eine Standortbestimmung zu gönnen – inklusive kurzer Verschnaufpause, Geburtstagskonfetti und einem Gläschen Schampus. Freitag-Verleger Jakob Augstein hat es getan; der aktuelle Freitag ist standesgemäß burzeltäglich aufgemacht, und beides ist auch okay so. Erst einmal: Glückwünsche auch von mir! Zu meckern hätte ich ebenfalls das ein oder andere. Da das Löbliche jedoch das nicht ganz so Gelungene deutlich überwiegt und man auf Julibläumsfeiern allerhöchstens mit schwerwiegendem Grund rummosert, belassen wir es dabei.

Ein Gläschen zum Anstossen hat der Freitag auch seiner Community spendiert. Die Rubrik »Neu in der Community« ist bunt tapeziert: mit insgesamt achtzehn Fragebogen-Antworten ausgewählter Blogger, Bloggerinnen sowie Blogger*nnen. Möglich, dass die Aktion via e-Mail-Fragebogen angeleiert wurde; ebenso möglich auch, dass im Community-Portal gut versteckt eine Einladung zu der Aktion platziert war. Nun ist das Ergebnis da: achtzehn kunterbunte Antworten mit der Einleitungsfrage, so that?: »Sind die Grünen eine linke Partei?«

Okay: Nettigkeiten; garniert mit ein paar Fragen zum politischen Selbstverständnis – wir alle wollen schließlich wissen, wofür wir da sind. Ob »offene« oder »geschlossene« Party ist, wie gesagt, nicht so ganz klar. Da den Befragten jedoch üppig Raum gegeben wird, sich (auch) über die NICHT geladenen Gäste aus der Community zu äußern (die entsprechenden Fragen, Mehrzahl, sind sogar – ähnlich wie die nach der Kundenzufriedenheit bei Callcenter-Hotlines – im Fragebogen mit eingebaut), denke ich doch, dass der Anlass gegeben ist, eine spezielle Teil-Kritik am (Online-)Freitag nicht vor oder nach der Party zu äußern, sondern sozusagen »mittendrin«.

Zum einen stört mich als regelmäßigen Blogger natürlich der exklusive Charakter der Community-Bestandslese. Nicht, weil er exklusiv ist. Sondern weil der Freitag sich via (linksliberalem, linkem) Selbstverständnis aufs Panier geschrieben hat, den Exklusionsmechanismen der immer stärker in den marodierenden Bereich ausschlagenden Marktgesellschaft ein Pünktlein (oder auch zwei) entgegenzusetzen. Hier wird der Freitag nicht nur seinem Selbstverständnis nicht gerecht. Die Nummer, anwesende Blogger abwesende Blogger (nebst *innen natürlich) beurteilen zu lassen, ist nicht nur erbärmlich. Die spießbürgerliche Selbstzufriedenheit, die aus dieser Anordnung hervorlugt, ist schlichtweg peinlich. Vor allem wegen der Bilder, welche sie produziert, notgedrungen produzieren muss: das Bild der elitären Musterschule, die festlich gewandet zur Geburtstagsfeier schreitet und in der der Rektor zwanzig Musterschüler dazu auffordert, dem Rest der Anwesenden ein paar aufschlussreiche Merksätze ins Poesiealbum zu schreiben. – Mit derlei Techniken bittesehr soll die Welt verändert werden ???

Richtig gängig waren derart offen hierarchisierte Gesellschaftsanordnungen (mit Schulpersonal, Strebern und Lieblingsschülern, dem unauffälligen Rest und schließlich den »Bad Boys/Girls« des Betriebs) meines Wissens in den Siebzigern. Interessant fand ich darüber hinaus die Zusammenstellung der zum Geburtstagsständchen zugelassenen Kolleginnen und Kollegen. Zwei oder drei freitagsbloggende Promis beziehungsweise Semi-Promis, ein paar langjährig bekannte Community-Namen (darunter das handverlesene Duo, welches selbige seit Jahren auch printseitig gelegentlich repräsentieren darf) und ein paar mir nicht so Bekannte. Von mir nicht unbeachtet blieb auch der politische Mix der Zusammenstellung: null Kommunitaristen, alle Kosmopoliten. Allerdings: Da der Freitag – wie alle Presseprodukte – ein Ausrichtungsorgan ist, will ich hier nicht zu sehr darauf herumhacken (wo er ja – das sollte in dieser anlassbezogenen Kritik ebenfalls nicht fehlen – die Grundausrichtung durchaus konterkariert und in der Tat Publikationsvielfalt bietet, von der sich manch anderes Medium zwei Scheiben abschneiden kann).

Kurzum: Ich mache mir über den Nachwuchs ärgste Sorgen. Das Lob an einige der üblichen Redaktions-Verdächtigen ergeht natürlich zu Recht. Der On-Teil allerdings blutet aus; es wird auch nicht besser, wenn man alle fünf Jahre die Phalanx der noch verbliebenen Musterschüler(innen) abschreitet und sich mit grimmigem Blick bestätigt, dass man allein auf weiter Flur zu den »Guten« gehört. Kurz machen will ich die Antwort auf eine Kritik (es kam ja auch nur eine): Wie einige wissen, vertrete ich thementechnisch ein etwas, nunja, exquisites Potpourri: Popkulturelles, dazwischen harte Politik, dazwischen auch (ich will mich dafür nicht zu sehr rühmen und gestehe freiweg, dass in dem Bereich auch Fehler dabei waren) Befindliches.

Nicht stehen lassen kann ich Kritik des Kollegen Columbus, meine Beiträge (oder ich als deren Verfasser) seien zu sehr von sich überzeugt. Ich habe vorgestern einen Artikel eingestellt zu den 2020 anstehenden US-Vorwahlen. Abgesehen von der Recherche (zwei Tage, voll) und der Tatsache, dass dieser Beitrag der Abwechslung halber mal der Info dient und nicht der werten Meinung, bin ich gegenüber dem Produkt – obwohl ich finde, dass es durchaus gelungen ist und, speziell in Germany, durchaus Info-Lücken schließt – durchaus selbstkritisch eingestellt. Und plage mich etwa, ganz privat, mit meinem Gewissen, ob ich die Obama-Neuauflage Harris nicht zu schön gefärbt und den Altmeister der US-Linken, Bernie Sanders, nicht zu kritisch gezeichnet habe (vielleicht ist er in der Tat für 2020 die einzige Lösung, auf die man als Linker mit gutem Gewissen setzen kann).

Ähnlich geht es mir mit anderen Beiträgen. Will heißen: Ich schreibe hier nicht einfach herein. Das Temperament eines Janto Ban habe ich nicht; im Wesentlichen kann ich – neben Sachverstand, Handwerk und so weiter – diesbezüglich lediglich Nehmer-Qualitäten bieten. Und natürlich: auch einen Standpunkt. Der zwar stärker »kommunitaristisch« ausfallen mag als in der Phalanx der sich selbst portraitierenden Gratulant(inn)en, aber in realitas wenig geeignet ist, mich zum finsteren Gesellen zu erklären.

Apropo »Nehmerqualitäten«: Exakt das werde ich wohl weiter tun. Unabhängig davon, ob ich zum festlichen Geburtstagsanlass eher die nicht so guten Bewertungen an die Wallmart-Mitarbeitertafel geschrieben bekomme.

Herzlichst, und Good Luck for the Next Ten Years,

Richard Zietz

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Upgrade, Donnerstag, 7. Februar 2019, 15:45 Uhr: Wie nach Korrespondenz mit der On-Redaktion und Überprüfung meinerseitig geklärt werden konnte, gehörte auch der Autor dieses Beitrags zu den »Auserlesenen«. Die nicht gelesene und – vielleicht etwas vorschnell – in die Mailprogramm-Endablage beförderte »Fragebogen«-Mail* macht das Ergebnis allerdings nur unwesentlich schöner. Insofern ist an dieser Stelle lediglich klarzustellen, dass der Kreis der Adressa(inn)en wohl größer (oder auch: viel größer) war als von mir im Beitrag gemutmaßt. Für Mutmaßungen, welche die von mir offen gelassene Sachverhalts-Darstellung möglicherweise befördert hat, bitte ich an der Stelle um Entschuldigung – ich hätte da vielleicht rückfragen beziehungsweise präziser formulieren sollen.

Nicht um Entschuldigung bitten kann ich für meine (weiterhin) kritische Sicht auf die Aktion. Die meiner Meinung nach weiterhin beide Parts betrifft – die planende Redaktion und die hervorgehobenen Autor(inn)en, die an prominenter Stelle Geschmacksurteile über andere Blogger(innen) abgegeben haben.

* Meinen – im konkreten Fall vielleicht etwas zu summarischen – Umgang mit eintreffenden Mails will ich an der Stelle ebenso wenig weiter problematisieren wie den der Redaktion. Die Gründe – Datenabfischer, Aggro-Werbeversender & Co. – werden ja auch im Freitag, was löblich ist, ausgiebig thematisiert.

11:44 07.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Zietz

Linkspopulist und Popkultur-Fanatiker. Grundhaltung: Das Soziale ist das große Thema unserer Zeit.
Richard Zietz

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