Martin Delius
17.09.2014 | 11:22 42

Das Problem löst sich mit Links

Wie AfD vertreiben? Die aktuelle politische Debatte um den Erfolg der AfD geht in eine völlig falsche Richtung und missachtet die traurige politische Wirklichkeit. Eine Meinung

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Martin Delius

Im Jahr 2014 hat endlich auch die Bundesrepublik Deutschland ihre etablierten Rechtspopulisten bekommen. Die sogenannte Alternative für Deutschland zog ohne große Probleme, ohne echtes Programm und ohne wirkliche politische Talente in die Landesparlamente von Sachsen, Brandenburg und Thüringen ein. Die Republik gibt sich entsetzt und schreibt, lästert, fingerzeigt auf die AfD als gäbe es kein Morgen. Es wird analysiert, sich empört und es werden mögliche Folgen aufgezeigt.

Doch wenn man dieser Tage ganz genau hinliest, die Zeilen der Tageszeitungen verschwimmen lässt, bis nur noch das Weiße dazwischen mit dem grauen Rand einst klarer schwarzer Lettern übrig bleibt – dann, ja dann dämmert es. Eigentlich können wir ja noch ganz froh sein, steht da. Wir haben ja immerhin keine Le Pen-Partei, keine Lega Nord bekommen, und Bernd Lucke ist ja nun auch weit entfernt von dem gefährlichen charismatischen Auftreten eines Geert Wilders. Da steht dann in großen fetten Buchstaben: Die CDU muss jetzt nur reagieren und die AfD mitregieren lassen, dann geht alles vorbei.

Ich habe selten so eine widerliche feiste Behäbigkeit des politischen Establishments erlebt wie in solchen Aussagen. In Wahrheit, das machen all die Berichte und Analysen deutlich, hat man sich mit der braunen Soße in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft längst arrangiert und schaut stur und ohne nachzudenken nach Vorn. Zur Erinnerung: Als das letzte Mal CDU und SPD auf eine erstarkende rechte Partei zugegangen sind um sie zu schwächen, hat Deutschland sein Asylgesetz quasi abgeschafft. Welche Vorteile das hatte, sehen wir jetzt.

Wenn wir jetzt also, nachdem immer mehr Mitglieder der AfD wegen des massiven, gewollten Rechtsruckes der Partei austreten, in den Zeitungen von "Eurorebellen" und "Währungskritikern" lesen, dann sehen wir wie ein weiteres Mal der rote Teppich nach rechts ausgerollt wird. Uns muss klar sein, dass wir die AfD nicht entzaubern können, wenn wir ihr auch nur einen Millimeter öffentlicher Debatte gönnen.

Den Verantwortungslosen Verantwortung geben.

Die Rufe nach einer Regierungsbeteiligung und die Argumentation sind mir als Mitglied einer ehemaligen Hype-Protest-Partei nicht neu. Auch bei den Piratenerfolgen wurde Merkel damals vorgeworfen, sie nicht ignorieren zu dürfen. Es kamen Vorschläge, die neue Partei in die Verantwortung zu nehmen, damit man sie los wird, weil man ihr unterstellte, nicht so handlungs- und leidensfähig zu sein wie ihre seit Jahren etablierte Konkurrenz. Eine schlüssige These auch für die AfD, gäbe es da nicht einen fundamentalen Unterschied.

Die AfD ist im Gegensatz zu den Piraten von 2011 schon inhaltlich vollständig auf Verantwortungslosigkeit getrimmt. Von der absurden und platten Eurokritik über das Wettern gegen Abtreibung und sexuelle Selbstbestimmung bis hin zu völlig bescheuerten Aussagen zur Außenpolitik regiert in der AfD nur die Demagogie. Es ist überhaupt nicht ihr Anspruch, verantwortlich für eine gesellschaftliche Reform zu arbeiten oder einen Status Quo zu verwalten. Eine Regierungsbeteiligung hätte einen verstärkenden Effekt auf diese Verantwortungslosigkeit. Natürlich können Sachsen, Thüringen und Brandenburg nicht allein aus dem Euro aussteigen, aber sie können europäische Fördermittel wegkürzen, soziale Einrichtungen schließen, Flüchtlinge weiter ausgrenzen und noch unmenschlicher behandeln und bei der Sprachförderung für Migrantinnen und Migranten Einsparungen betreiben. Das passt in das Konzept der AfD genauso wie das der austeritären CDU. Wer in so einer Situation glaubt, dass die AfD bei ihren Wählerinnen oder Wählern Zustimmung verliert oder sich auch nur einen Deut um eine innerparteiliche konstruktive Debatte bemüht, der hat in den letzten Monaten nicht hingehört, wenn Kandidierende dieser Partei den Mund aufmachten.

Auch ein möglicher öffentlicher Druck auf die Partei hätte höchst wahrscheinlich wenig Einfluss auf die Zustimmungsfähigkeit im eigenen Klientel. Die AfD hat sich nicht erst in den letzten Wahlkämpfen explizit mit dem Feinbild der so genannten Systemmedien profiliert. Eine kritische Auseinandersetzung mit mangelhafter parlamentarischer Arbeit oder der argumentativen Unzulänglichkeit ihrer Mitglieder wäre nichts anderes als Wasser auf die Mühlen dieses Feinbildes.

Szenenwechsel: Brandenburger Tor

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat zu einer Kundgebung gegen Judenhass aufgerufen und natürlich – es ist gottseidank immer noch staatsbürgerliche Pflicht – kamen Ministerinnen und Minister, Fraktionsvertreter aus Bund und Ländern, kirchliche Würdenträger und sonstige Prominente, um "ein Zeichen zu setzen". So saßen ein paar hundert geladene Gäste bei einer Demo mit dem Motto "Steh auf!" in einem abgesperrten Bereich vor der Bühne und lauschten den Beteuerungen und Aufrufen zum Kampf gegen Judenhass in Deutschland. Im Hintergrund hatten sich ein paar tausend Menschen stehend positioniert. Fast zwangsläufig drängte sich der Vergleich mit den jubelnden, fahnenschwenkenden schwarz-rot-goldenen Massen zur Weltmeisterschaftsfeier an der selben Stelle auf. Dort waren Zehntausende gekommen, um dem neu gewonnen Nationalstolz aus Anlass der Fussballweltmeisterschaft eine Siegesparade zu geben. Kontrastreicher hätten beide Veranstaltungen nicht ausfallen können. Es ist kein Geheimnis, dass gerade während der nationaltrachtenreichen Zeit der Fussballmeisterschaften vermehrt rassistische und antisemitische Übergriffe stattfinden. Bei einer Kundgebung gegen solche Übergriffe, die von den Betroffenen organisiert werden musste weil es sonst keiner tut, sieht die Beteiligung vergleichsweise schlecht aus. Das spricht Bände.

Die Kanzlerin spricht und alles wird noch ruhiger. Sie reiht sich ein in die Empörung über den "neuen Judenhass" und weist vor allem auf die Verantwortung der "Muslime in Deutschland" hin. Dass Judenhass in Deutschland kein neues Phänomen ist und ein alltägliches Problem ist und war, blendet auch diese Politikerin völlig aus. Sie ruft zum Widerstand gegen Antisemitismus auf. Sie schlägt aber nicht die Brücke zum latenten Rassismus in der Gesellschaft wie ihr Vorredner Klaus Wowereit. Sie redet nicht über die Ursachen für die geschwächte linke Zivilgesellschaft wie die Hassrhetorik ihres Koalitionspartners CSU gegen Einwandernde oder die politisch gewollte Verkrüppelung emanzipatorischer Strukturen durch den Extremismusparagraphen. Kristina Schröder sitzt im Publikum und nickt zufrieden.

Die Kanzlerin redet auch nicht über den NSU und die Unfähigkeit der ach so wehrhaften Demokratie zu verhindern, dass Nazis unschuldige Menschen morden. Das hat ja nichts mit Antisemitismus zu tun, so die Botschaft. Die Wahrheit könnte nicht weiter entfernt liegen. Der Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag, dem Haus in dem die AfD nun mit 12% vertreten sein wird, macht genau das klar. Eine braune Soße quasi. Ein und die selbe Palette an Gründen für das Versagen einer ganzen Gesellschaft.

Das alles spielt keine Rolle bei der Kanzlerin. Das alles spricht sie nicht an. Es drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass hier die letzte Bastion des politischen Establishments sitzt, die sich kaum noch einzureden vermag, dass der Kampf gegen Ausgrenzung, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus zur Mitte unserer Gesellschaft gehört. Eine Insel der Gestrigen, die längst resigniert haben vor der Flut aus Hass und Angst, und ihre eigene Verantwortung dafür einfach nicht wahrnehmen wollen.

Ein Schritt nach Links und zwei nach vorn.

Wenn also heute irgendwer schreibt, man könne der AfD und ihren rechten Parolen am besten begegnen, indem "die Mitte" (Claim der CDU) einen Schritt nach rechts macht, ist er oder sie unbedingt zu entlarven. Die Vergangenheit und die Logik zeigen, dass wir genau das Gegenteil tun müssen. Die Mitte muss nach Links rücken, und das am besten geschlossen.

Sollte die ganze Rhetorik der Isolation der Rechten von konservativer Seite ernst gemeint sein, dann müssten gerade die konservativen Kräfte im Land, dann müsste die CDU nach Links wandern. Angst und Ausgrenzung begegnet man nicht mit Zustimmung. Man begegnet Ihnen mit Verständnis und bekämpft die Ursachen. Xenophobie ist Angst vor dem Anderen. Die Konsequenz im Kampf gegen die AfD wäre, das Anderssein willkommen zu heißen und Inklusion zu betreiben. Die Ursache von Sexismus ist der Verlust von Macht in einem patriarchalischen System. Die logische Konsequenz im Kampf gegen Sexismus (gilt für alle Parteien) wäre, das patriarchalische Machtgefüge aufzubrechen. In der Physik erzeugt eine Kraft in den allermeisten Fällen eine gleichgroße Gegenkraft. In der Politik scheint das verlernt worden zu sein. Es wird Zeit, dass wir es wieder lernen. Dann können wir wirklich dafür sorgen, dass den Rechtspopulist*innen der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (42)

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Ehemaliger Nutzer 17.09.2014 | 13:09

Das Problem ist Links und von Links verursacht.

Man lese: Populismus Die Irrtümer der Linken. Einigen Linken, oder besser gesagt sich als Linke Bezeichnende wie insbesonders die Grünen, gefiel schon vor Jahrzehnten die einheimische deutsche Bevölkerung nicht, weshalb sie sich frei nach Brecht eine neue Bevölkerung wünschten und wählten, indem sie einen Bevölkerungsaustausch historischen Ausmaßes herbeiführten und weiterhin fordern.

Der Ausländeranteil in der alten Bundesrepublik betrug 1951 bei einer Einwohnerzahl von ca. 50 Mio. Menschen gut 1%, das waren ca. 500.000 Menschen.

Das ist bis heute in der alten Bundesrepublik mehr als verzehnfacht worden, da der größte Anteil an Ausländern im Westen lebt. Statistisch geht man von einem geringeren Anteil aus, weil man einen Mittelwert aus West und Ost bildet. In den neuen Bundesländern leben durchschnittlich 2% Ausländer, bei ca. 15 Mio. Einwohnern. Zieht man die ca. 300.000 im Osten lebenden Ausländer von der Gesamtzahl von 7,6 Mio. Ausländern in Deutschland ab, verbleiben 7,3 Mio. Ausländer für den Westen mit seinen gut 65 Mio. Einwohnern.

Die AfD ist heute nicht rechter als die CSU es vor 30-40 Jahren unter Strauß war. Und damals hatten wir zwar auch Probleme mit alten und neuen Nazis, aber auch mit der RAF-Mörderbande.

Die CDU entledigte sich teilweise der eigenen rechten Leute und der damit verbundenen Wählerschaft, weil es nicht mehr zeitgemäß schien und andererseits SPD&Grüne mit iher Agenda 2010 ihnen die Wähler in Scharen zutrieb. Deshalb konnte die Union auf den sogenannten rechten Rand der Wählerschaft verzichten.

Da ist sowohl für die AfD als auch für viele andere Parteien und Grüppchen genug Wählerschaft übrig. Die AfD holt sich die Protestwähler, aber auch ehemalige CDU Wähler und Nichtwähler. Die AfD ist in ihrer Ausrichtung sozusagen die bundesweite CSU und damit irgendwann die Ergänzung zur CDU. Die Linken haben jetzt schon abgewirtschaftet und sich gegenseitig geschwächt. Die konservative Wählerschaft in Deutschland ist über die Jahre von der absoluten Anzahl gleich geblieben, während hingegen SPD, Grüne und Die Linke ständig verloren haben. Die Piraten sorgten dann auch noch mit dafür, dass Die Linke aus einigen Westparlamenten gekegelt wurde. Damit haben die Piraten ihren Zweck aus Sicht von Union und SPD erfüllt und können wieder in der Versenkung verschwinden.

Bis auf die Regierungszeit Willy Brandts hat es in Deutschland nie eine Bevölkerungs- und Wählermehrheit für links-sozial-liberale Politik gegeben. Das ist die ganze Wahrheit. Alles andere ist Einbildung.

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Ehemaliger Nutzer 17.09.2014 | 17:26

Schon witzig, wenn einer der letzten Vertreter dessen, woran die Piratenpartei gestorben ist, sein wurzelloses Ego-Weltbild noch einmal zum Besten gibt, das in einem reichen Land den Mord an den eigenen Kindern feiert.

Wenn Sie Ihre Sicht der Dinge für den letzten Schrei halten - liegen Sie richtig. Jedenfalls adelt ein derart primitiver und wurzelloser Linksliberalismus, wie sie ihn hier vertreten, alles was dagegen antritt. Und nicht überraschend mit Erfolg.

Fro 17.09.2014 | 19:41

Etwas seltsam, dass jemand gegen seine politische Konkurrenz „kämpfen“ - und sie vertreiben will. Ihr habt euch doch mal als Fachleute für Demokratie empfohlen....;)

Den Parteien, die sich jetzt so besorgt melden, wäre anzuraten, sich zu den Fragen, auf die die AfD kritikwürdige Antworten gibt, klar zu positionieren; und bessere, gut begründete, bürgernahe,(wissenschaftlich geprüfte) wirklichkeitskompatible Angebote zu machen.
Die anderen Parteien müssen einfach auf allen Politikfeldern erkennbar besser (=bürgerdienlicher) sein als die AfD. Anders wird die AfD nicht zu bremsen sein.



knattertom 18.09.2014 | 12:44

Guten Tag Herr Delius,

ich stimme innhaltlich mit @Flo überein. Ein "geschlossen gegen rechts" der "linken Seite" unter Einschluss von Teilen der CDU wird es nicht mehr geben können, nachdem unseren "linken" Grünen und ES PE DE'ler mit faschistischen Mordbrennern in der Ukraine paktieren.

In der Auseinandersetzung mit "unseren Rechtspopulisten", stehen die Scheunentore inhaltlich sperrangelweit offen. Sie sprechen es in Ihrem Text ja auch selbst an, beschränken sich aber leider auf Allgemeinplätze und CDU-Bashing, anstatt in diese inhaltliche Auseinandersetzung tiefer einzusteigen.

Eine meiner Theorien zur "Entwicklung" der "Piraten", man hätte sich (erstmal) bewusst kein "Vollprogramm" schreiben sollen.

Gruss und ahoi.

Hunter S.T. 20.09.2014 | 10:08

Die Kritik am Euro und der EU ist absolut berechtigt. Ohne den Euro könnten die einzelnen Staaten ihre Währungen auf- und abwerten und insbesondere den südlichen Ländern würde es wesentlich besser gehen. Die EU ist doch nur der Steigbügelhalter der USA mit ihrem Traum der 'Full Spectrum Dominance'. Der Zentralrat der Juden ist doch ein reines Propagandaorgan, das auf jeden eindrischt, der es wagt zu benennen, was in Israel falsch läuft. Ob Grass oder Augstein, alles Antisemiten- ja klar. Und immer schön die schlichten Gemüter triggern mit Begriffen wie 'braune Suppe' usw. Ich finde den Artikel einfach total unterirdisch, selten ein so verblendetes Zeug gelesen...

Hunter S.T. 20.09.2014 | 10:16

P.S. Dieses Links-Rechts-Denken ist total obsolet, ich empfehle dem Autor dringend die MSM zu meiden und alternative Medien zu konsumieren, wie z.B. Hintergrund, AllesSchallundRauch, SklavenohneKetten, NuoViso, Kopp, PropagandaFront, IKNews usw. Da dort vielfach widersprüchliche Thesen vertreten werden, kommt man allerdings nicht umhin, sich seine eigenen Gedanken zu machen.

lBrasi 20.09.2014 | 12:20

Sobald die Opposition bei einer „Debatte“ im Reichstag ans Mikro tritt, steht die Kanzlerin demonstrativ auf und dreht dem Redner den Rücken zu, um fröhlichen Smalltalk mit ihren Jasagern zu halten. Die Opposition interessiert die nicht.

Es Folgen Soloperformances, denen nur, selbst wenn fraktionsübergreifend gleiche Standpunkte vertreten werden, die eigene Fraktion Beifall zollt.

Niemand diskutiert da, weil die Abstimmung zählt, und deren Ergebnis steht von vornherein fest.

Soviel zum Demokratieverständnis unserer Regierung.

Jeder, der diesen eingefahrenen Groove stört, ist gefürchtet und unerwünscht.

Warum will man die AFD loswerden? Die sollen sich mit denen auseinandersetzen!

Wer den Diskurs fürchtet, sollte nicht Parlamentarier werden.

Wir müssen Extreme aushalten und mit ihren Repräsentanten ringen.

Nur weil man sie aus dem Parlament drängt, verschwinden sie nicht.

Und eine Volksvertretung, die nur noch die „Mitte“ duldet, ist nicht demokratisch.

Das Problem der Judenfeindlichkeit wird sich gerade nicht durch Zählappelle auf Pflichtveranstaltungen lösen lassen.

Erst wenn wir uns erlauben, einen individuellen Standpunkt zu Jüdischen Mitbürgern zu haben,

genauso oberflächlich ressimentbeladen, wie jeder Mensch in jedem Land dieser Welt (einschließlich ihrer) nun mal ist, sprich, wenn wir sie wie jeden anderen Menschen in diesem Lande behandeln und sehen dürfen, können sie aufatmen und sich hier zuhause und wohlfühlen.

Ein Rabbi erzählte mal im DLF, wie frustrierend es für ihn sei, wenn Schulklassen kommen und sechzehnjährige sich bei ihm für die Judenpogrome der Nazis entschuldigen.

Ich glaube es ist furchtbar, wenn man einen Raum betritt und spürt, wie sich Unbehagen breit macht, weil alle Angst haben, etwas falsches zu mir zu sagen..

Ich glaube, unser verhängnisvoller Deutscher Zug ist diese Gewißheit, auf welchen „Richtigen Weg“ wir uns und die Anderen zu führen haben.

janto ban 20.09.2014 | 14:10

Der Gebe. Immer der erste, wenn's um's ALG-II, also den Mammon und um die gaaanz großen spirituellen Dinge wie Geist, Gott und Ganzheitlichkeit geht. Aber meilenweit weg, wenn's konkret wird.

Bitte fragen Sie sich doch, was Sie wollen, Gebe. Ich tue das auch und frage mich, ob es noch vor oder schon während der Ukraine-Krise war, dass die sog. Linke nicht nur aufgehört hat, den Anfängen wehren zu wollen, sondern sogar mit wachsender Leidenschaft mitzündelt. Und natürlich frage ich mich, wann das wieder aufhört.

Kinderfibel für Liberalismus & Beliebigkeit, so so. Na, dann lachen Sie mal weiter, alter Mann. Nicht alters-rassistisch gemeint. Das ist halt 'ne Realität, die sich nicht ausblenden lässt. Ihre Worte, nicht meine.

Desweiteren glaube ich, dass die AfD sich von Hartzern mehr angepisst fühlt, als Sie sich vom Liberalismus. Aber das nur nebenbei. Guten Tag.

P.S.: Guter Text, Herr Delius! Danke!

Richard Zietz 20.09.2014 | 17:31

Wenn man so will, alles ausgleichende Gerechtigkeit: Erst steigen halt die Piraten auf wie weiland die Nazis ;-), und nun halt die AfD.

Im Ernst: Die Linke (verstanden im allerweitest denkbaren Sinn) wird dieses Problem nicht wuppen. Der Grund: Weiteste Teile der Linken haben die soziale Frage mittlerweile aufgegeben. (Nun gut – der AfD geht sie ebenfalls am Popo vorbei, aber wer sagt, dass die Welt gerecht ist?) Auch in Ihrem Text ist von sozialen Anliegen nicht die Rede. Dafür, zumindest im letzten Absatz, einiges von Sexismus + Gender – als ob Bewußtseinsfragen das wären, was den Menschen im Land nahegeht – und nicht der fehlende Zaster im Portemonaie am Monatsende, die nicht vorhandenen Kinderkrippen oder die unsicheren bzw. in keinster Weise mental ausfüllenden Jobs. Darüber hinaus fokussieren sie auf Toleranz, die abhanden zu kommen droht (richtig, aber warum geht sie abhanden?) und auf die Machtspielchen der gerade an der Macht Befindlichen.

Das kann man so fokussieren, und viele sich für links Haltende fokussieren exakt anhand dieser Prioritäten. Klar, die Menschen 1933 hätten moralisch besser sein und sich entsprechend verhalten sollen. Haben sie bekanntlich nicht. Wirtschaftskrise, nichts zu fressen; und die, die den Wohlstand hatten, wollten – mit dem Adolf, den man sich bekanntlich nur engagierte – noch mehr Desselben. Möglich, dass die KPD blutige, vielleicht sogar unverzeihliche Fehler gemacht hat. Der Rest der Linken – Totalausfall. Wobei die Chance im Grunde bereits 1918/19 vertan war. Wo man mit den Rechten paktierte, anstatt die Umbruchsituation zu nutzen und – notfalls auf die Brachialtour – reinen Tisch zu machen (respektive eine Demokratie ohne Hintertür und mit sozialer Grundierung aufzubauen).

Der Geschichtsunterrricht (Sorry) deswegen, weil die Linke im Angesicht der neoliberalen Haifischmärkte auf der einen und einer Weltmacht im Abstieg auf der anderen Seite exakt denselben Fehler wieder macht und die soziale Grundproblematik links liegen lässt. In den Zwanzigern hat man sich an den neuen Formen des Bauhauses erfreut und am Charleston. Schön, wie gesagt, wenn das Konto im Plus ist. Heute hat man die große Öko- und Gendermoral, mit der man die Unterdrückten beglücken möchte. Tanz auf dem Vulkan sozusagen – wobei der neue Tanz, anders als die in den Zwanzigern, nicht einmal Spaß macht.

Resonanz auf die ganze Chose? Das Volk wird immer rabauziger. Und sagt immer vernehmlicher: »Nee – kein Bock drauf!« Darüber hinaus: Mit ihrer Euro-Kritik legt die AfD – egal ob berechtigt oder nicht berechtigt – auch noch den Finger in die offene Wunde. Meines Erachtens sieht das nicht wie ein Problem der richtigen Moral aus. Sondern wie eines, wo Antworten verlangt werden.

Wie die Chose vermutlich weitergeht: Ich denke, was die Beschreibung der Folgen anbelangt, liegen Sie großteils nicht verkehrt. Was soll man sagen? Die CDU wird mit AfD noch ein bißchen nationalliberaler, als sie es eh schon ist. Der Rest? Wir halt sagen: »Nicht meine Schuld. Ich hab’ Piraten / Linke / Grüne oder die Sozis gewählt.«

janto ban 20.09.2014 | 21:41

In Ihrem Kommentar (und den anderen hier) tun sich für meine Begriffe Abgründe auf, die mir noch mal zeigen, dass ich hier mittlerweile komplett fehl am Platz bin.

|| Die CDU wird mit AfD noch ein bißchen nationalliberaler, als sie es eh schon ist ||

Nationalliberaler..?? Das ist - inmitten dieser Rede - nicht Ihr Ernst, oder..? Die Worte, nach denen Sie suchen, sind national-illiberaler und wirtschafts-neoliberaler.

Wissen Sie was..? Bei uns nebenan, im erzkonservativen Sauerland, bauen sie auf kleinen Dörfern in mühevoller Eigenarbeit alte Häuser um, damit dort Flüchtlinge Unterschlupf finden - und Sie jammern und heulen hier rum, als ob sich die ganze Welt nur um die Höhe der Sozialtransfers drehte.

Tatsache ist, dass die allermeisten Leute in Deutschland nach wie vor nicht viel, aber genug Geld in der Tasche haben. Wie's seit Jahrzehnten tendenziell aussieht, brauchen Sie mir nicht zu erzählen. Meine Mutter ist seit einem Jahr Witwe und ich bin malochender Niedriglöhner ohne Aussicht auf Nachwuchs. Wir leiden alle selbst unter finanziellen Zukunftsängsten. Aber von denen lässt man sich nicht so leiten, wie alle hier, die einerseits tun, als seien sie weißgott was für geist-, Gott- und naturverbundene Menschen - auf der anderen Seite aber den Schrei nach mehr Geld und mental ausfüllenderen Jobs an die erste Stelle rücken. Lächerlicher geht es doch bald gar nicht mehr.

Die Welt ist schlecht und ungerecht. Immer schon gewesen. Aber Ihnen ist offensichtlich nicht klar, dass Deutschland im europäischen Vergleich (im internationalen sowieso) immer noch ein Schlaraffenland sogar für Leute mit Minimaleinkommen darstellt.

Wie muss ich mir die sogenannte Linke eigentlich vorstellen, wenn die Krise erst einmal so richtig hier angekommen ist..? Rennt die dann Hand in Hand mit den anderen nationalen Sozialisten hinter den Ausländern, Homosexuellen und Juden her, weil die angeblich die "mental ausfüllenden" Jobs haben, die die intellektuelle Linke gerne hätte - falls sie sich denn herabließe, überhaupt mal was Produktives zu leisten..?

Hand in die Euro-Wunde. Ich bin mir unsicher, ob ich noch glauben soll, dass Sie nicht wissen, was Sie da eigentlich reden. Bei den meisten anderen hier bin ich mir sicher, dass sie es nicht wissen. Aber Sie, Herr Zietz, wissen ganz genau, dass Sie es sind, der auf den Zug Richtung 1933 gesprungen ist, mit ihrem Ruf nach mehr national, sozial, Geld, besseren Jobs, und schöneren Aussichten bei gleichzeitiger Negierung der Tatsache, dass eine bunt gemischte Gesellschaft wie die unsere gerade in Krisenzeiten von mehr zusammengehalten wird, als von kaum einlösbaren Großversprechungen.

Meine Fresse. Dass ausgerechnet ich es bin, der in der sog. Community nach Blogs sucht, die den gestrigen Aktionstag der Islamverbände gegen Rassismus und Extremismus thematisieren, während der Chef vom Ganzen einer muslimischen Berufs-Kollegin, die hier gerne säkular und unbehelligt leben möchte, auf deutsch gesagt erklärt, er habe für deren Mist keine Zeit, weil er an einer anderen Front zu kämpfen habe, schlägt dem Fass tatsächlich den Boden aus. Da hat der nun endgültig von uns gegangene Herr von Grote mal wieder völlig recht gehabt.

Also, trommeln Sie mal schön weiter für die Sowjetisierung der Republik bei gleichzeitiger Verdreifachung der Stütze. Viel Erfolg. Ich gucke mir das weiterhin an und lerne daraus, so gut ich kann. Haben, haben, haben, ich ich, ich. Wie links von Ihnen. Falls nach der bevorstehenden "Revolution", also in deren Trümmern, ein Büro-Job als Mental Leader FR antiliberale Gegenpropaganda frei sein sollte, schlage ich Sie vor. Sie und Kuntz und Gebe, als Trippel-Spitze. Versprochen.

karamasoff 20.09.2014 | 22:18

Die Linke, man könnte auch sagen der Deutsche, hat schon nach dem Vormärz jämmerlich versagt und der Restauration nach Metternich das Besetzen radikaldemokratischer, nationalliberaler (das war damals tatsächlich ein Schimpfwort für Anarchisten) Ideale mit völkischen, rassistischen und elitären Mustern überlassen. In der Folge ergaben sich für die restaurativen Kräfte die Gelegenheiten und der quasireligiöse Nationalwahn völkischer rassistischer Gesinnung war geboren.

Die Linke (man könnte auch hier sagen der Deutsche), und ich rechne da jetzt mal die historische SPD dazu, war und ist schlichtweg heute noch zu dämlich diese Idee (die damals eine der Radikalen war) für sich einzunehmen und für Mehrheiten erreichbar zu machen.

Was sich zur Zeit abspielt ist eine Neorestauration und es deutschmichelt wieder.

ch.paffen 20.09.2014 | 23:54

danke für´s extremst angenervt sein * jepp, der thread hat tendenzen wo man sich als leser dann ein stückweit fragt warum die bitte "herr, schick hirn vom himmel" vom herrn irgendwie ignoriert wird * selbst mit hirn fänd ich das "links dull drehende" dreigestirn als mental leaders doch ziemlich suboptimal * also mal ne absage an voll links is die hoffnung ..... * aber hey, angry, white man - so abgehängte alt 68 mit irgendwelchen profilierungssüchten, so selbst ernannte think think think irgendwas, no brain no pain wär aber zu kurz gehüppt *

die ja antwort habe ich garnicht als no go empfunden, keine frau, keine muslima, da hat er einfach ne andere perspektive * was ich bei dem police ding peinlich fand, die hatten police auf den westen und es wird von amtsanmaßung gefaselt, sorry falsche sprache * global trendy ohne frage aber hey amtsprache deutsch * fett fun beim schauen, die "blüten der vollhorstigkeit" sind ja hier auch im herbst und winter am start * feinstes resiweekend cp

Fro 21.09.2014 | 02:13

Ein aufgeklärter Demokrat respektiert andere Ansichten und ist stets bestrebt die intelligenteste Lösung eines Problems zu finden. Falls er als Bürgervertreter gewählt werden will, muss er den Bürgern, die er vertreten will, erklären, warum sie ihn wählen sollen. Die Bürger wollen nicht hören, warum sie andere nicht wählen sollen. Ein Wahlbewerber muss z.B. überzeugend darlegen können, dass sein Konzept eines friedlichen mitmenschlichen Zusammenlebens unterschiedlichster Menschentypen das nachweislich intelligenteste ist. Oder auch, dass sein (auch polizeiliches) Konzept die intelligenteste Lösung wäre, für mehr Sicherheit der Bürger zu sorgen.
Er darf sich um keine Frage herumdrücken. Z.B.: Wie viele Asylanten kann Deutschland aufnehmen. Ich würde gerne jeden aufnehmen. Aber es kann sein, dass wir zur Zeit nur Kapazitäten für 5 Millionen Notleidende haben...

Eine Partei kann erst dann zur Gefahr werden, wenn die anderen Parteien und die Bürger versagen.

goedzak 21.09.2014 | 04:06

Janto, der Grote ist ein rachsüchtiges Großmaul. Deine "Sowjetisierung" zeigt mir, das Du leider in den selben, bloß spiegelverkehrten Mustern denkst, wie die, die zu Russland halten, nur weil's gegen Amerika geht und/oder weil sie früher zur Sowjetunion gehalten haben. Es braucht aber mehr als "erschütterlichen Optimismismus", es braucht ein feineres Differenzierungsvermögen (als ein Grote es leider je haben wird.)

PS: Jakob Augstein hat auf ein Dilemma hingewiesen, das es wirklich gibt. Und er hat Ratlosigkeit eingeräumt. Das ist ehrlich.

PPS: Dies nicht, um Zietz beizuspringen, dessen Koalition mit den Materialismusverächtern in diesem Forum sein Insistieren auf die "soziale Frage", die eine materialistische Fragestellung ist, ihn unglaubwürdig erscheinen lässt. Um so mehr, weil er die scheinbar präferierte "soziale Frage" gegen emanzipatorische Menschenrechtsfragen auspielt. Das ist die selbe, nur spiegelverkehrte Taktik, wie der sog. Westen sie immer gern angwendet hat und immer noch anwendet.

janto ban 21.09.2014 | 05:25

Hey Goedzak,

bist du auch noch wach - oder schon wieder..?

Also, "Sowjetisierung" ist ein Kraftausdruck, der im Eifer des Gefechts raus musste, sonst wär' ich geplatzt. Was den Rest betrifft, habe ich im Halb-Brass gerade den Text zu Ende geschrieben, den ich seit gestern in der Röhre hatte. Da erkläre ich noch mal ausführlich zu wem und was ich "halte" - und warum (ich mich so aufrege).

Dein Urteil über Grote ist härter als alles, was ich ihm in den Jahren so vor den Koffer geknallt habe. Und wir konnten gut streiten, so viel steht mal fest. Deshalb nehme ich das einfach mal nur zur Kenntnis.

Nee, die ganze Sache macht mich verrückt. Augstein in letzter Zeit auch. Ich liebe ihn, aber er macht mich wahnsinnig. Ratlosigkeit einräumen zu können, ist eine Tugend. Aber was er davor schreibt, gefällt mir aus den in meinem Blog angerissenen Gründen nicht.

Er kann doch einer bürgerlichen, aber nicht-autochtonen und eierschalen-farbenen (~) Berufskollegin nicht ernsthaft absprechen wollen, sich als Teil der Gesellschaft angesprochen zu fühlen, der sich so seine Gedanken über den Fortbestand unserer offenen Gesellschaft machen muss. Sie ist doch sogar Teil einer der relevantesten Gruppe, die sich dieser Frage überhaupt widmen können: weiblich, muslimisch, jung. Wenn die nicht mitspielen darf, wer denn bitteschön dann..?

Aber jetzt muss ich Schluss machen, denn ich habe Puls. Und muss doch schlafen ;o)

Guten Morgen!

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Ehemaliger Nutzer 21.09.2014 | 06:19

fast 50% nichtwähler

in den parteien herrscht (wer) über die gewissensfragen der abgeordneten die geschlossenheit der gesellschaft

und das alles in einklang mit "freiheit" und "selbstverantwortung"

"rechts", "links", "querfront" und noch reichlich mehr - "höchstdifferenzierte" unterabteilung in ideologische teilungen, die wer "verkündet" (+kontrolliert+bewertet), um zu klären oder zu verwirren oder von was abzulenken?

Richard Zietz 21.09.2014 | 11:06

Da kommt aber viel zusammen.

An Autsch!, wo man sich denkt, mit der Kombination aus Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Historie und sozialpolitischer Naivität könnte der Mann gleich bei der antidekadentistischen FDP von Guido Westerwelle und Christian Lindner anheuern. Die sehen das genauso – dass es uns in D hier gut geht und jeder sich grosso modo mit dem abfinden soll, was er hat. Naja, erst mal schön zu lesen, dass es wenigstens Ihnen gut geht, Sie mit Ihrem Niedriglohn gut über die Runden kommen und darüber hinaus auch Zeit finden, um ihr Los – anscheinend so was wie ein Lottogewinn – kräftig zu verallgemeinern. Respekt – eine Reihe Leute haben damit in der Tat Probleme. Aber das sind vermutlich die, die Sie so treffsicher aufs Korn genommen haben – als notorische Jammerer, die immer nur wollen, wollen, wollen. Naja – so sind sie halt, die Hartzis.

Ich dFC-Blogger jedoch als Epizentrum des Schreckens – haben Sie sich das wirklich überlegt? Die Liste meiner Untaten ist wirklich beeindruckend. Ich ehre ungebührlicherweise die Merkel-Regierung, indem ich den nicht auszuschließenden Politcocktail CDU/AfD mit dem Begriff »nationalliberal« etikettiere. Schlimmer Faux pas natürlich, wo Liberalismus in Ihrer Welt für alles Gute, Edle und Menschenrechtliche steht. Was konsequenterweise natürlich auch die Nationalliberalen einbezieht, die Kompagnons von Bismarck & Wilhelm Zwo, und eben nur der verstockten Merkel-Regierung leider abgeht.

Wir lernen also, frei nach Jantu Ban: Liberalismus ist gut; die Regierung ist nicht liberal genug; allenfalls beim Begriff Neoliberalismus darf man – so viel Konzilianz muß sein – dann und wann eine Ausnahme machen. Dann regen Sie sich auf, weil ich den unbefriedigenden Zustand der gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse erwähne. Marx, Lafargue, Marcuse, Grundeinkommen – alles dabei. Und trotz der Oldschoolhaftigkeit des Kritikstrangs mal ein Thema, wo sich der vorgebliche Betonstalinist Zietz ganz weit in die postmoderne Ecke vorgewagt hat – also eigentlich das Terrain von so Leuten wie Sie (wo es – da riskier ich einfach mal den Rüffel von meinem Politbüro – natürlich auch eine Riesenlatte guter Ansätze, Ideen, Betrachtungsweisen und Aspekte gibt).

And so on. Um dem zusammengepinselten Gemälde noch ein paar kräftige Striche zu verleihen, muß ich, als Fazit quasi, auf den »Zug Richtung 1933« aufspringen und für die »Sowjetisierung der Republik«, Zitat, »trommeln«, bei »gleichzeitiger Verdreifachung der Stütze«. Das ist aber mal ein Feindbild :-))). Alles dabei – der Trommler, die Sowjetisierung und die Explosion der Ausgaben für »Stütze« (Tipp: ab ungefähr irgendwann in den Fünfzigern nannte man die Sozialhilfe – im Zweifelsfall Zeltinger fragen). Da kann wirklich nur noch Westerwelle helfen. Vielleicht weiß der ebenfalls besser als ich, was in meinem Kopf vorgeht und was ich wirklich will.

Was ich wirklich will, ist ziemlich bescheiden und unspektakulär. »Sowjetisierung« halte ich – auch im Angesicht der damit gemachten Erfahrungen – für ziemlich unsinnvoll. Als Übergangslösung – gern für die nächsten ein, zwei Jahrhunderte – schwebt mir eher eine Neuauflage des Skandinavischen Wohlfahrtsmodells vor: eine Progression, die höher ansetzt als die von Wagenknecht, ab so 200.000/Jahr jedoch wirklich progressiert, Sonderabgaben für die 0,1 Prozent, Tobin-Steuer, Verstaatlichung bestimmter Sektoren als Option, gezielte, nachhaltige Mittelstandsförderung. Das Ganze dann für Bildung, Konjunkturprogramme und ein nachhaltiges Verringern der Schere.

Alles in allem ziemlich sozialdemokratische Sachen. Womit man heutzutage schon fast in der terroristischen Ecke steht.

blog1 21.09.2014 | 22:20

Manchmal kann es sehr nützlich sein, zu analysieren, warum die AfD in den letzten 3 Wahlen (einschließlich der Europawahl) so stark geworden ist.

1. Die AFD vereinigt das Protestwählerpotenzial und mobilisiert somit Protestwähler sowohl aus dem konservativen bis rechtspopulistischen Lager, aber auch dem so genannten linken Lager. Das ist typisch für eine Protestwählerpartei, weil die Unzufriedenheit bestimmter Wählerschichten mit der bislang favorisierten Partei quasi systemimmanent ist. Dies tritt insbesondere dann zu Tage, wenn die Positionen der etablierten Parteien verwaschen bzw. denn Nerv ihrer Kernklientel nicht mehr treffen.

2. Obwohl die Wahlbeteiligung sehr niedrig war, hat es die AfD geschafft, auch bisherige Nichtwähler zu mobilisieren. Mit anderen Worten, es sind die Wähler der etablierten Parteien verstärkt nicht zu Wahl gegangen.

3. Was macht die AfD für ihre Wähler so attraktiv? Die AfD verkauft sich explizit nicht als Problemlöser, spricht aber die Ängste und Nöte vieler an. Als typische Protestpartei muss sie aber die Probleme gar nicht lösen, sondern nur signalisieren, dass sie die Belange ihrer Wählerschaft zumindest verstanden hat. Es zeigen sich zwei Phänomene. Die Regierungsparteien, also Schwarz/Rot sind in den Augen der AfD-Wähler Ignoranten, vor allem der Macht. Die Oppositionsparteien sind in ihrem Profil nicht klar erkennbar, wirken zerstritten und verzetteln sich in Themen, die die AfD-Wählerschaft nur peripher interessiert.

4. Die AfD hat mit Parteichef Bernd Lucke einen überaus geschickt agierenden Rhetoriker, der es sich durch nichts und niemand aus der Ruhe bringen lässt, keiner Auseinandersetzung ausweicht und sehr oft sein Gegenüber in der direkten Auseinandersetzung sehr „alt“ aussehen lässt. Es überdeckt mit seinen Fähigkeiten somit die strukturellen Schwächen der Gesamtpartei. Die AfD profitiert somit nicht von der Schwarmintelligenz, sondern der Schwarm folgt den „Eingebungen“ seines Vorsitzenden.

Mein Prognose geht dahin, dass die AfD im Gegensatz zur den Piraten noch stärker werden wird. 20-25% sind durchaus möglich. Die Entwicklungen in anderen europäischen Staaten – siehe insbesondere in Frankreich – müssen doch aufhorchen lassen. Sollte sich die wirtschaftliche Situation in Deutschland verschlechtern, wird die AfD massiv zulegen.

Was nun der Schritt nach links betrifft, den der Autor eher sybillinisch beschreibt, entzieht sich meiner Logik. Wer soll denn den Schritt vollziehen? Die einen können nicht und die anderen wollen nicht.

Miau 22.09.2014 | 09:00

Bruhaha, ich lach mich scheckig...

Ein "Pirat" wirft anderen vor, dass sie kein Parteiprogramm hätten. Ausgerechnet. Ja nee is klar.

Aber ich würde den Deliussen, Lauern und Domscheit-Bergs dieser Welt dringend empfehlen, doch einfach mal in die anderen "etablierten Volksparteien" einzutreten. Da gibt es noch viel kaputtzumachen, es wartet enorm viel Arbeit auf euch! Viel Erfolg!

Fro 22.09.2014 | 12:40

Die Piraten zerlegen sich wohl gerade selbst. Anke Domscheit Berg ist nun auch ausgetreten.

Kleiner Tipp an dieser Stelle an die Piraten: Wenn ihr euch für die Bürger, von denen ihr ja auch mitfinanziert werdet, nützlich machen wollt, dann entwickelt zeitgemäße Möglichkeiten, wie die Bürger ihr Wissen und ihre Stimme in politische Entscheidungsprozesse einbringen können.
Klärt die Menschen darüber auf, wie absurd die Behauptung ist, wie hätten eine Demokratie. Belegt das. Zeigt Alternativen. Und helft solche Systeme zu installieren.
Das würde sicher von den Bürgern honoriert werden.

Mit diesem Thema habt ihr seinerzeit die meisten Stimmen erworben. Das ist somit auch Auftrag der Bürger an die Piraten.

Und ihr müsstet schauen, wer euch auf den falschen Pfad gelotst hat. Diese Leute von ihren Aufgaben entbinden und durch schlauere echte Demokraten ersetzen.

Labolg 23.09.2014 | 19:40

Es ist interessant, dass alle Parteien (FDP, Grüne, SPD), welche besonders lautstark für übertriebenen Genderismus plädierten bzw. auch gegen das familienfördernde Betreuungsgeld waren, in der Bundestagswahl und den Länderwahlen verloren haben oder untergegangen sind. Die Menschen merken, dass bei weiterem Vorgehen gegen das Generationengedächtnis "Mutter" und bei weiterer gender-ideologischer Gleichmacherei zu erwarten ist, dass die Hauptleidtragenden die Frauen sein werden. Denn wenn die eigentlichen weiblichen Vorteile und Überlegenheiten ausgeredet oder gar negativ bewertet werden, ist die innere Identität zerstört und es bleiben nur noch Äußerlichkeiten, die dann kultmäßig in den Mittelpunkt rücken (Diäten, Schönheitsoperationen, Castingshows, Sexting usw.) [Kommunikationswissenschaftlerin Petra Grimm, 2010: Mädchen ziehen zunehmend Selbstbewusstsein daraus, Jungen als Sexobjekte zu dienen].

Die Überredungs-Ideologie, dass Gleichberechtigung nur durch Aufhebung der Geschlechtrollenunterschiede möglich sei, kann bei Frauen mit den anderen selbst erlebten motivationalen Grundlagen zu inneren Konflikten und damit zu Depression und anderen ernsthaften psychischen Problemen führen [Moulton, 1977]

Siehe auch in den hierzulande weitgehend unbekannten Studien z. B. von Prof. Annica Dahlström, Uni Göteborg: Innerhalb der letzten 15 – 20 Jahre einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei schwedischen Mädchen um 1000 Prozent, Depressionen um 500 Prozent; Suizidrate finnischer Mädchen ist die höchste in Europa

Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweitere Auflage, Logos-Verlag, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4)

blog1 25.09.2014 | 01:38

Nein, nicht vor, sondern nach der Demokratie. Was meine ich damit?

Postdemoktatische Verhältnisse herrschen dann, wenn der Bürger zwar verschiedene Parteien frei, geheim und allgemein (nur 1 Stimme) wählen kann, ansonsten aber keinerlei Mitspracherechte mehr besitzt. Der Wähler wird zum Stimmvieh degradiert.

Zwingende Voraussetzung einer Demokratie ist die Gewaltenteilung, also das unabhängige Agieren zwischen der Legislative, Exekutive und judikative. Die Realität sieht aber so aus, dass die Legislative (Parlament) die Gestze zwar beschließt, die von der Exekutive vorgegeben werden. Die Exekutive dominiert die Legislative in einer Art und Weise, dass die Legislative mehr oder weniger zum ausführenden Organ der Exekutive degradiert wird. Der Fraktionszwang sorgt dafür, dass die Gewissensentscheidung des einzelnen Abgeordneten nahezu komplett ausgehebelt wird. Schießt einer tatsächlich quer, dann verliert er bei der nächsten Wahl seinen vorderen Listenplatz.

Die Judikative ist nur scheinbar unabhängig. Im Bundesverfassungsgericht gilt der Parteiproporz. Ab und zu lassen die Gerichte die Muskeln spielen, quasi eine Showeinlage für die Bürger. Es ändert sich aber nichts an der Ausgangslage.

Darüber hianus sorgen Lobbyisten dafür, dass ganze Gesetze von externen Anwaltskanzleien bzw. Verbänden vorformuliert werden und nahezu unverändert das Gesetzgebungsverfahren durchlaufen.

In einer Postdemokratie nimmt auch die Presse und die Medien eine besondere Rolle ein. Der Normalbürger wird für dumm verkauft, die politisch aktive Bürger wird zunächst ignoriert und wenn er an politischem Einfluss gewinnen sollte, wird er kalt gestellt, gerichtlich belangt oder finanziell ausgehungert.

Alles kommt auf leisen Sohlen daher, wird entweder weggelächelt oder verharmlost. Ein typisches Besipiel dafür sind die Talkshows, in denen landauf, landab Volksverdummung betrieben wird.

Einziger Lichblick: Diverse Satiresendungen. Nur wird peinlich darauf geachtet, wie hoch die Einschaltquote ist. Hier werden die die politisch Interessierten medial "befriedigt", damit nichts schlimmeres passiert. Deshalb dürfen die Klaus von Wagners und Co. weiter machen, bis sie eines Tages wie z. B. Georg Schramm resigniert die Flinte ins Korn werfen.

blog1 29.09.2014 | 20:15

Gute Frage. Aus meiner Sicht haben sich die Verhältnisse in den letzten 25 Jahren drastisch verschlechtert.

Eine repräsentative Demokratie hatten wir zwar schon immer und es gab schon immer Korruption. Die Frage stellt sich nach dem Ausmaß dieser Auswüchse.

Eine perfekte Demokratie gibt es nicht. Wenn aber demokratische Grundprinzipien in ihrer Gesamtheit nicht mehr ansatzweise praktiziert werden, dennoch so getan wird, als ob alles in Ordnung wäre, dann herrscht Postdemokratie.

karamasoff 29.09.2014 | 20:22

Wenn ans griffig bringen wollte, müsste man sagen, daß die Kapitalakkumulation unweigerlich auch zur Machtakkumulation führt und das kann man Postdemokratie nennen.

Siehe auch dazu die Diskussionen in den USA darüber.

Eine Änderung postdemokratischer Verhältnisse wäre also nur möglich, wenn die Kapitalakkumulation unterbunden wird. Und dann darf man dreimal raten, was genau NICHT passieren wird. Man verharrt im Interpretationsmodus.

tolu0309 30.09.2014 | 10:47

Mag sein. dass sich die Verhältnisse verschlechtert haben (das kommt auf die Kriterien an nach denen man das bemisst), sie haben sich auf alle Fälle zugespitzt.

Die Frage, die ich mir stelle ist die ob eine repräsentative Demokratie wirklich eine Demokratie ist? Sicher vor 100 Jahren war eine echte Demokratie in größerem Rahmen technisch nicht möglich - das hat sich aber geändert. Meiner Meinung nach wäre es an der Zeit diese technischen Möglichkeiten zu nutzen.

Man sollte sich davon nur nicht gleich zuviel erwarten und bereit sein aus Fehlern zu lernen, denn "eine perfekte Demokratie gibt es nicht" aber man kann sie immer ein klein wenig besser machen.

tolu0309 30.09.2014 | 10:54

Für mich ist ein zentraler Wesenszug des Kapitalismus eben das von Ihnen genannte Wechselspiel zwischen Machtanhäufung und Kapitalakkumulation. Kapital wird in Macht gewechselt und Macht in Kapital - je nach Land und Zeit mal in die eine mal in die andere Richtung.

Das ist aber genau der Grund warum der Kapitalismus letztlich scheitert. Denn je mehr Macht und Kapital konzentriert sind, desto mehr verliert die Gesellschaft den Kontakt zu Realität. Das kann eine Weile gut gehen aber ganz sicher nicht sehr lange.