Der Pophimmel. Musiker sterben jung!

Music to die for Der 'Club 27' ist Legende. Die Richtigen holt der Pophimmel mit 27 Jahren zu sich. Zuletzt schien Amy Winehouse dafür den Beweis anzutreten. Was ist wahr, was Mythos?
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Robert Johnson, Alan „Blind Owl‟ Wilson, Jesse Belvin, Rudy Lewis, Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Dave Alexander, Kurt Cobain, Kristen Pfaff, Amy Winehouse. Das ist nur eine Auswahl aus der Liste von Popmusikern, die den 'Club 27' bilden. Quantitativ weitaus beeindruckender würde sie, zählte man alle zusammen, die keine 30 Jahre alt geworden sind. An diesem Punkt sei nachgereicht, dass ich im Folgenden unter „Popmusiker‟ alle Vertreter der Popularmusik subsumiere. Der Einfachheit halber seien zunächst die ungezählten frickeligen Genreabgrenzungen beiseite gelassen und etwa auch ein Grunge-Rocker wie Kurt Cobain als Popmusiker angesehen.

Schauen wir kurz einmal zurück, so scheint das Phänomen jung versterbender Musiker nicht neu zu sein: Domenico Alberti wurde nur 30, Giovanni B. Pergolesi und Mozart 35, Franz Schubert gerade einmal 31 und Vincenzo Bellini 33 Jahre alt. Demgegenüber, sowie für die damalige Zeit im Allgemeinen, möchte man meinen, dass etwa ein Joseph Haydn mit 77 Lebensjahren eine Ausnahme darstellt. Und gemessen daran, dass er zeitlebens eigentlich nur krank war, ist Beethoven mit 56 erreichten Lebensjahren doch erstaunlich alt geworden. Tatsächlich hat aber das Gros der Musiker des 18. und 19. Jahrhunderts für die Zeit recht veritable Lebensalter erreicht. Das gilt auch für ausgesprochene Performer wie Niccolò Paganini, Muzio Clementi, Johann N. Hummel, Carl Czerny oder Franz Liszt.

Wie ist das aber nun im Zeitalter der Popmusik? Reicht ein 'Club 27' aus, um auf eine signifikant hohe Frühsterblichkeitsrate unter Musikern zu schließen? Im weiteren und engeren, populären und wissenschaftlichen Sinne wurden dieser Frage in den letzten Jahren einige Untersuchungen und Artikel gewidmet. Hintergrund und Datenlieferant für diesen Artikel bildet die 2014 von Dianna Theadora Kenny, Department of Psychology der Universität Sydney, durchgeführte Studie, die in drei Portionen im Wissenschafts-Blog The Conversation erschien.

Mythos 'Club 27'

Charles R. Cross stellte 2007 im Seattle Post-Intelligencer fest: (...) the number of musicians who passed away at 27 is truly remarkable by any standard. Though humans die regularly at all ages, there is a statistical spike for musicians who die at 27‟.1 Während Cross uns belastbare Daten schuldig bleibt, nahm Kenny die Todesfälle von 12.665 Popmusikern unter die Lupe, die zwischen 1950 und Juni 2014 starben. Zunächst mutet erstaunlich an, dass davon für nur 11.054 ein genaues Todesdatum vorliegt – wohlgemerkt, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts! Diese Fälle nun wurden einem statistischen Vergleich unterzogen, um der mystisch anmutenden Lebensbegrenzung von 27 Jahren auf die Spur zu kommen. Was ist also dran am gerne beschworenen „modernen Mysterium‟ des „verfluchten Clubs 27‟, das auch schon mal Astrologie oder Numerologie bemüht oder Verschwörungstheorien um sich schart?2 3

Kennys Statistik lässt zwei Blöcke von Jahresbereichen erkennen, welche die höchsten Sterblichkeitsfrequenzen unter Popmusikern markieren. Danach werden die Meisten etwa 25 bis ca. 48 und etwa 50 bis ca. 75 Jahre alt. 2,3 Prozent der Popmusiker sterben mit 56. Auch wenn dieser Prozentwert zunächst wenig beeindrucken mag, so markiert er doch das mit Abstand am meisten frequentierte Sterbealter, das, wohlgemerkt, bei 56 Jahren liegt. Mit 26 und 28 sterben 1,2 und 1,4 Prozent. In etwa gleiche Frequenzen scharen sich aber auch um die Mittdreißiger. Zwischen Mitte 50 und Ende 60 liegen die Sterbefrequenzen zwischen 1,5 und 2,3 Prozent. Und es werden auch durchaus Popmusiker gesehen, deren Lebensende sich in der Nähe des allgemeinen Schnitts heutiger Lebenserwartung (75 bis 80 Jahre) bewegt oder diesen auch hier und da einmal übertrifft. Und wieviele werden nun nur 27 Jahre alt? 1,3 Prozent. Damit wäre Cross' Behauptung, „there is a statistical spike for musicians who die at 27‟, widerlegt.

Hat sich damit aber auch der 'Club 27' wirklich erledigt? Ist durch trockenes wie gnadenloses Zahlenwerk ein spannendes, schaurig-magisches Phänomen entzaubert? Geht jetzt der Statistiker hin und plädiert für einen schnarchigen 'Club 56'? Nimmt gar ein Teil der popkulturellen Psyche Schaden? Kenny, deren Studie allein quantitativer Natur ist, versucht, ein wenig Beruhigungspillen für die zu verteilen, „who might grieve the demise of the 27 Club.‟

Die prominentesten Vertreter des Clubs sind wohl unbestritten Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und, seit kürzerem, Amy Winehouse. Besonders Hendrix, Joplin und Morrison wurden nicht nur außergewöhnlich schnell Ikonen während ihrer Zeit, sondern genießen auch einen anhaltenden Nachruhm, der geradezu für die Begründung eine ganzen Ära verantwortlich ist. Mehr als mit seinen schlichten Zahlen sei der 'Club 27' mit seinen Mitgliedern zu erklären, so Kenny. Damit aber meint sie genau die genannten, exzeptionellen Stars. Was sie eine, sei „exceptional talent, the contribution of groundbreaking innovations in their musical genre, intense psychological pain‟ und schließlich „a squalid death at their peak‟.

Mitte der 90er Jahre wurde mit dem Selbstmord Kurt Cobains die Idee eines 'Club 27' erst richtig stark, bekam einen nachhaltigen Schub. Das mag uns nahelegen, dass Fans, aber auch Popjournalisten, Cobains „armseligen Tod‟ mit 27 Jahren und auf der Spitze des Erfolges geradezu als eine Folgerichtigkeit verstehen oder ansehen wollten. Selbst Cobains Mutter war, als sie vom Selbstmord des Sohnes erfuhr, nicht sonderlich überrascht: „Now he's gone and joined that stupid club. I told him not to join that stupid club.‟4 Cobain, das 'Gesicht des Grunge-Rock', war ähnlich wie seine Vorgänger aus den späten 60er Jahren zu einer zentralen Identifikationsfigur in der Popkultur geworden.

Vielmehr als Qualitätenzuschreibungen wie „außergewöhnliches Talent‟ oder „bahnbrechende Innovationen‟ zählt in der Welt der Popmusik für die Bildung eines Idols der Stellenwert, den ein Musiker als ganze Persönlichkeit einnimmt und inwiefern er Sehnsüchte, Gedanken und eine ganze Weltanschauung zu transportieren und vor allem zu übertragen vermag. Der beste Fall ist erreicht, wenn der Zuhörer und Zuschauer nicht mehr allein ein solcher bleibt, sondern sein Wesen und sein Denken als vom Musiker gespiegelt empfindet. Was ihn dann endgültig zum Fan befördert, ist das Bewundern der Fähigkeit des Musikers, all' das Gleichempfundene zum genau passenden Ausdruck zu bringen.

Die Empfindung von Seelenverwandtschaft öffnet sich so weit, dass auch Exzesse und selbszerstörerische Anwandlungen nachvollzogen bzw. verstanden werden. Selbst ein früher Tod oder sogar Selbstmord kann als unvermeidbare Abrundung der Künstlerpersönlichkeit erscheinen. Ein 'Club 27' wird somit natürlich geradezu gesucht und bildet gleichsam eine Ruhmeshalle. Noch an der Junior High School soll Kurt Cobain einem Freund gesagt haben: „I want to be rich and famous and kill myself like Jimi Hendrix".5 Ob Cobain an einen direkten Selbstmord von Hendrix glaubte, kann soweit dahingestellt bleiben, wie wohl nicht restlos klar ist, ob Hendrix mit seinem Alkohol-Schlaftabletten-Cocktail einen solchen im Sinn hatte. Derartige Fans, die freilich nicht zu knapp auch als „Fanatische‟ im negativen und geringschätzenden Sinne abqualifiziert werden, sind aber, bei aller auch noch so drastischen Konsequenz, zutiefst romantisch. Die Motivlage ist dabei gar nicht neu: Goethes Werther, eine Schlüsselfigur der Romantik, löste schon zu ihrer Zeit ein wahres Fieber aus, das in Einzelfällen sogar bis in den Nachvollzug des Selbstmordes Werthers kulminierte.

Lebenserwartungskurve, Unfall, Selbstmord, Mord

Dass Popmusiker vergleichsweise jung sterben, ist eine These, die zum einen an diesem Punkt noch nicht hinreichend geprüft im Raum steht, und zum anderen auch nicht anhand meiner Erörterungen zum 'Club 27' einen verklärenden Anstrich erfahren soll. Kommen wir zunächst zurück zu Kenny und den Zahlen. Einem Kurvendiagramm ist zu entnehmen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Popmusikern zwischen 1950 und Juni 2014 durchweg deutlich unter der der US-amerikanischen Bevölkerung im gleichen Zeitraum lag. Während die Lebenserwartungskurve für die allgemeine Bevölkerung nahezu kontinuierlich ansteigt, zeigt die der Popmusiker zwischen etwa 1950 und 1970 eine Stagnation, darauf einen deutlichen Anstieg bis in die 80er Jahre, einen bemerkenswerten Einbruch in den 90er Jahren bis es danach wieder deutlich nach oben geht. Es dürfte nicht überraschen, dass sowohl unter der Bevölkerung im Ganzen als auch unter den Musikern die Frauen älter werden als die Männer. Jedoch war der Abstand zwischen Musikerinnen und Musikern zum Beispiel in der Zeit zwischen 1950 und 1980 nur marginal. Teilweise liegen beide Geschlechter sogar gleichauf. Allerdings: Von den 12.665 von Kenny untersuchten Popmusikern sind 90,6 Prozent Männer. Das legt nahe, dass die wenigen Frauen, die bis etwa in die 60er und 70er Jahren hinein Popmusikerinnen wurden, erst recht Ausreißerinnen vor den gewöhnlichen oder durchschnittlichen Lebensgewohnheiten waren.

Das Stichwort Lebensgewohnheiten leitet über zu der Frage nach den Arten verfrühten Todes. Auch dazu hat Kenny einen Vergleich mit der allgemeinen US-Bevölkerung angestellt. Zum Vergleich kamen Unfälle (im weitesten Sinne), Selbstmord und Mord. Wiederum liegen die Werte der Popmusiker durchweg und deutlich über denen der Bevölkerung im Ganzen. Um einen Eindruck zu gewinnen, fasse ich im Folgenden die Todesraten aus den 60er und 90er Jahren zusammen, wobei der jeweils erste Prozentwert der der Popmusiker und der zweite der der allgemeinen US-Bevölkerung ist. Unfälle: 25,9 : 4,65 (60er) und 19,5 : 3,87 (90er). Selbstmord: 3,8 : 0,93 (60er) und 9,6 : 1,33 (90er). Mord: 3,5 : 0,37 (60er) und 6,6 : 1,0 (90er). Sieht man nur diese Werte der 60er und 90er Jahre, so ergibt sich, dass Popmusiker im Schnitt rund 6 mal so häufig einen unnatürlichen Tod erleiden, wie die Gesamtheit der US-Bevölkerung. Ein erschreckendes Bild! Heißt das nun, dass es über die Maßen gefährlich ist, Popmusiker zu werden?

Nähere Aufschlüsse darüber, warum Popmusiker überdurchschnittlich häufig tödlich verunfallen, sich das Leben nehmen oder ermordet werden, bietet Kennys Studie nicht. Andererseits sind uns die Begriffe des Bohemien, des Rebells mit Gitarre und/oder Mikrofon, des an der Welt verzweifelnden Songschreibers, des sich rücksichtslos in die Kunst Werfenden, des stets besoffenen oder bekifften Rockers, des amphetamingeladenen und keinen Schlaf kennenden Techno-DJs oder aber auch des mit seinem Herkunftsmilieu verbunden bleibenden Gangster-Rappers nicht neu. Diese Begriffe lassen zwar nicht den zwingenden Rückschluss zu, Popmusiker sei ein per se lebensgefährlicher Beruf, bestimmte Signifikanzen und manchmal auch geradezu zwingend erscheinende Typiken sind aber kaum wegzureden. Diese wiederum fallen sehr unterschiedlich aus, wenn man auf die Genres des Popbereiches schaut. Und nicht zuletzt sind die Musikindustrie wie die gesamte Medienmaschinerie wesentliche, das Leben und die Lebensgewohnheiten von Musikern mitbestimmende Faktoren.

Blues, Folk, Metal, Rap oder Wie kurz kann das Leben sein?

Zugegeben – ein bisschen unwohl ist mir schon auch dabei, die ganze Zeit so grob und pauschal „Popmusiker‟ zu schreiben, wo es doch um einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten geht. Nun soll also auch endlich einmal der Blick auf einige Genres der Popularmusik gelenkt werden und wie lebensgefährlich sie sich im Einzelnen ausnehmen. Bezüglich der Genres bietet Kenny nur recht grobe Differenzierungen. Einige werden da sagen, dass gerademal je eine zusammenfassende Kategorie „Rock‟, „Metal‟ oder auch „Jazz‟ ja bitteschön gar nicht geht. Dem kann man wiederum entgegnen, wenn man all' den, von den jeweiligen Fans und Musikern freilich unglaublich, teils bis ins Ideologische ernst genommenen Unterscheidungen der Genres, Spielarten und Lebensformen nachgeben wollte, das wohl nicht nur jede Übersicht sprengen, sondern auch methodisch unmöglich werden würde. Nicht ganz zu unrecht kann aber auch das wieder mit einem Maulen darüber gekontert werden, dass also die Aussagekraft einer methodisch machbaren Studie, die darüber auch nicht eine 300-Seiten-Monografie beansprucht, äußerst begrenzt sei. Aber derlei Probleme sind nun einmal das Kreuz der Gesellschafts-, Kultur- und Kunstwissenschaften. So würde ich auch den die Genres betreffenden Teil als den schwächsten der Studie Kennys ansehen, wenngleich ihr das nicht anzulasten ist. Gleichwohl ist er aber auch einer der interessantesten Abschnitte.

Lesen können wir wiederum ein Diagramm, das auf der Abszisse 14 Genres, von Blues über R&B/Soul, Folk, Rock bis Hip-Hop, abzeichnet und auf der Ordinatenachse Lebensalter von 25 bis 80. Wiederum gibt es je eine Kurve für Männer und eine für Frauen. Diese liegen, wie wir bereits aus dem weiter oben Ausgeführten wissen, im Ganzen sehr nahe beieinander, was sich in den Lebenserwartungskurven für die allgemeine Bevölkerung anders darstellt. Aufgrund der Unterscheidung in Genres, gibt es aber nun doch markante Ausreißer: Musiker aus Blues, Jazz, Folk, Country, Gospel und World Music kommen immerhin an die durchschnittliche Lebenserwartung der allgemeinen US-Bevölkerung der 1950er Jahre heran. Die Vertreter älterer Genres werden also auch älter: Im Schnitt wenigstens noch 60 bis 65 Jahre. Im Bereich der World Music, als neueres Genre, überflügeln die Musikerinnen in puncto ihrer Lebenserwartung nun auch einmal deutlicher ihre männlichen Kollegen (60 zu 55 Jahre). Wo die Lebenserwartung der Blueser, Jazzer und Folkmusiker zwar unter den Musikern heraussticht, aber trotzdem nur recht mäßig ist, gibt es mit den neueren Genres erst recht keine langen Leben mehr. Extrem wird es da im Bereich Rap und Hip-Hop, wo im Schnitt 30-35 Lebensjahre zu Buche stehen. Vom Rap und Hip-Hop aus gesehen zeichnen Metal, Punk und Electronic/Disco/Funk zwar wieder vorsichtig eine ansteigende Kurve, kommen zusammen aber auch kaum über durchschnittlich 40 Lebensjahre hinaus.

Es will vielleicht nicht sehr überraschen, dass die geringe Lebenserwartung von Rappern vor allem auf Mord zurückzuführen ist. Die konkrete Zahl überrascht dennoch: Sage und schreibe 51 Prozent aller im Untersuchungszeitraum verstorbenen Rapper wurden umgebracht! (Falls an dieser Stelle etwa bei gelernten Sozialwissenschaftlern die Alarmglocken läuten – ich werde weiter unten auf die eingeschränkte Aussagekraft der Sterblichkeitsdaten aus den jüngeren Genres näher eingehen). Mit immer noch markanten Werten ist Mord aber auch eine recht prominente Todesart in anderen Genres. Im Bereich Electronic werden 10, im Punk 8,2 und selbst in der World Music-Szene 9,6 Musiker von Hundert ermordet. Tödliche Unfälle treffen 9,6 Prozent der Blueser, während die anderen Genres sämtlich zweistellige Werte ausweisen. An der Spitze stehen hier Metal, Punk und Rock (36,2, 30,0 und 24,4 Prozent). Die Selbstmord-Raten sind abermals im Metal und Punk am höchsten (19,3 und 11,0 Prozent), während die älteren Genres wiederum die geringsten Werte für sich beanspruchen. Unter den geistlichen Gospel-Sängern nehmen sich 0,9 Prozent das Leben, was man allerdings nur im Vergleich zu ihren Musikerkollegen aus den übrigen Genres als einen auffallend geringen Wert ansehen kann. Den Selbstmord-Raten der allgemeinen US-Bevölkerung kommt er nämlich sehr nahe.

Wie bereits angesprochen, zeichnen sich die Musiker der Popularmusik nicht gerade durch eine gesunde Lebensführung aus. Freilich ist das ein Klischee, aber Klischees sind schließlich nie nur Ausweise für eine Minderheit innerhalb gesellschaftlicher Gruppen und wir wollen auch nicht vergessen, dass Ausnahmen nur die Regel bestätigen. Daher nun noch ein abschließender Blick auf den Tod durch Erkrankungen unter Popmusikern. Kenny hat dazu zwei Kategorien gebildet: Herzerkrankungen und Krebs. Damit sind oberbegrifflich die häufigsten inneren Erkrankungen mit hoher Sterbewahrscheinlichkeit zusammengefasst. In allen Genres sterben infolge von Herzerkrankungen und Krebs auffallend viele Musiker. Die Werte sind, mit Ausnahme des Rap- und Hip-Hop-Bereiches, sämtlichst zweistellig. Mit durchschnittlich 25 Prozent stehen bei Tod durch Herzerkrankungen die Blueser, Country- und R&B-Musiker an der Spitze. Die Todesfälle durch Krebserkrankungen weisen im Ganzen noch einmal deutlich höhere Raten aus. Auffallend ist hier zudem, dass das Gefälle von den älteren zu den jüngeren Genres viel niedriger ist. Während im Schnitt 32 Prozent der Jazzer und Folkmusiker an Krebserkrankungen sterben, sind beispielsweise auch die R&B-Musiker (26,8 Prozent), Rocker (24,7 Prozent), Electronic-Musiker (25 Prozent) und Punker (18,3 Prozent) prominent vertreten. Ob im Falle letzterer die Straight-Edge-Bewegung6 – Punk und Hardcore-Musiker, die sich sämtlicher Drogen, teils dem Fleischgenuss oder sogar dem Sex entziehen – darin bereits ihren statistischen Niederschlag findet, entzieht sich meiner und wohl auch Kennys Kenntnis.

Es sei an dieser Stelle ins Gedächtnis zurückgerufen, dass alle hier zitierten Daten aus der Untersuchung einer Gesamtheit von 12.665 zwischen 1950 und Juni 2014 gestorbenen Popmusikern extrahiert wurden. Ferner habe ich oben angesprochen, dass gerade die Untersuchung der Sterblichkeit von Musikern geordnet nach Genres eine schwierige Angelegenheit ist. So ist hier etwa die statistische Gleichbehandlung eines jungen Genres wie Rap/ Hip-Hop mit den vergleichsweise alten Bereichen wie Blues, Jazz oder Country heikel. Im Falle von Rap und Hip-Hop haben wir nämlich keine hinreichenden Vergleichswerte der Musiker, die eben nicht eines verfrühten, unnatürlichen Todes sterben, weil diese größtenteils schlicht noch leben. Das ist im Falle der Genres, die im Untersuchungszeitraum durchaus mehrere Generationen auf sich vereinen können, selbstredend anders.

Auch wenn man hier fürs Ganze statistische Verzerrungen anmahnen kann, so sind die Sterblichkeitsdaten aus dem Rap und Hip-Hop dennoch nicht wertlos. Gerade die hohen Unfallraten mit tödlichem Ausgang und vor allem die ungemein hohe Mordfrequenz werfen ein deutliches Schlaglicht auf die soziale Verfasstheit der Szene. Dabei ist aber auch zu vermuten, dass der in den 90er Jahren entstandene US-amerikanische Gangster- bzw. Hardcore-Rap eine Dominanz über die Daten führt. Nicht allein die vielleicht prominentesten Mordopfer dieser Szene, Tupac Shakur (1996, 25 Jahre) und The Notorius B.I.G. (1997, 24 Jahre), sprechen dafür, dass der Gangster-Rap das Kriminalitätsmilieu der „Ghettos‟ und „Neighbourhoods‟ nicht nur explizit und auch glorifizierend musikalisch ausdrückt, sondern mit seinem Einstieg ins Musikbusiness die realen Linien der Herkunft nicht unbedingt abbricht. Da Rap und Hip-Hop aber keinesfalls allein mit dieser Szene gleichzusetzen wie auch schon längst nicht mehr allein auf die USA zu begrenzen sind, werden Untersuchungen der Zukunft möglicherweise auch weniger scharfe Daten liefern können.

The End

Gibt es Untersuchungen zur Sterblichkeit von Orchestermusikern, Kirchenorganisten, Geigern, Kammer- oder Opernsängern oder Dirigenten? Oder können Musiker, mithin Künstler, auch durch eine extreme und bedingungslose Hingabe an die Kunst, wie sie etwa Beethoven oder auch Arnold Schönberg als nahezu einzigen Lebenszweck formulierten, in ihrer physischen wie psychischen Verfasstheit negativ affektiert werden; gar bis zum Tod?

Es wird sicher im Allgemeinen die Vorstellung herrschen, der in der Klassik beheimatete Musiker habe eher ein geregeltes bürgerliches Leben, während sich das im Falle des Popmusikers schon ganz anders ausnehme. Das wird traditionell auch so sein. Schließlich hat sich, idealtypisch gesehen, die Popularmusik – vom Jazz bis zum Punk – wesentlich nicht nur aus den sozialen Schichten gebildet, die abseits der Trägerschaften der jeweils etablierten Musik standen, sondern auch je eine Oppositionshaltung und eigene musikalische Milieus aufgebaut. In der Breite unserer heutigen Musiklandschaft, mit diversen etablierten Genres, Subgenres und Szenen, gibt es derartig deutliche Grenzen kaum noch. Jedoch haben sich die Abstufungen nicht allein in eine Richtung nivelliert. Die Tempel der klassischen Musik wandeln sich durchaus schon mal zu Club-Lounges, umgekehrt ziehen Kammermusikensembles in die Club-Lounges ein, der Violinist spielt auch Metallica oder der Punk hört Mozart. Und der Jazz, in seiner Breite, ist längst auch Establishement.

Gleichermaßen ist der Beruf des Musikers über alle Genres einer gnadenlosen Musikindustrie ausgesetzt. Dabei sind es nicht allein die Anforderungen an die Musizierfähigkeiten selbst, die hohe psychische und physische Belastungen mit sich bringen. Es ist wohl vor allem der soziale und mediale Druck, der nicht einen Musiker an sich trifft, sondern auf dem Performer lastet. Auch wenn der Bereich der Klassik, im weitesten Sinne, hier längst nachgezogen hat, so ist es doch vor allem die Popmusik, welche das nahezu von Anbeginn an besonders ausgeformt hat. Wie im Profisport ist ein kometenhafter Aufstieg im jüngsten Alter und binnen kürzester Zeit möglich. Dem diametral entgegen steht die in der Regel sehr kurze Halbwertzeit der Karriere. Verlockend ist neben der Aussicht, sehr schnell reich und berühmt zu werden, wohl auch die scheinbare Freiheit der persönlichen Entfaltung. In welchen Beruf sonst, als in den des Popmusikers, lassen sich Attitüden verschiedenster Art und/oder auch Alkohol- und Drogenkonsum so wunderbar integrieren? Was „sonst‟ und „normalerweise‟ als spezifisch jugendliche Eigenheiten oder auch Macken abgetan wird und spätestens mit dem Berufsleben zu enden hat, lässt sich als Popmusiker durchaus gut in die und sogar als die Karriere verlängern. Nur ist das eben auch genau die Produktbildung der Musikindustrie, die eben nicht allein Klingendes, sondern vielmehr Image und Ausstrahlung verkaufen will. Und das reicht sich weiter an die gesamte Medienwelt. Einmal aufgebaute Erwartungshaltungen sind da in der Regel nicht mehr ohne drastische Verluste für den Musiker zu ändern oder zurückzunehmen.

Die Ambivalenz verlockender Verheißungen und des unheimlichen Drucks profitorientierter Produktbildung durch die Musikindustrie ist nun sicher ein wesentlicher Punkt, der für eine erhöhte Gefährdung der Gesundheit insbesondere von Popmusikern verantwortlich ist. Ist es aber der einzige? Nun, das Musik-Machen ist an sich doch eine Beschäftigung, die vergleichsweise geringe Gefährdungen für Leib und Leben mit sich führt. Zwar hat eine Studie beispielsweise zu Tage gefördert, dass das Anwenden der Kreisatmung bei Spielern von Holzblasinstrumenten – im Speziellen wurden Saxophonisten untersucht – einen verlangsamten Blutfluss in den Venen (Venenthrombose) und eine Unterversorgung des Gehirns mit Blut (zerebrovaskuläre Insuffizienz) verursachen kann, was wiederum auf längere Sicht lebensverkürzend wirkt oder Herzinfarkte zur Folge hat.7 Abgesehen von den allgemeiner bekannten und eher nicht tödlichen Beeinträchtigungen wie Gehörschäden oder Sehnenscheidentzündungen, bilden ernsthafte physische Erkrankungen infolge des Musizierens aber wohl eher die Ausnahme. Vielleicht landen wir bei der Suche nach Erklärungen am Ende aber doch wieder wesentlich bei den Umständen, die eine berufsmäßige Einbindung als Musiker in die mediale Maschinerie, die größere oder ganz große Karriere und dabei vor allem die gewinnmaximierende Ausschlachtung von als genretypisch empfundenen Images und Attitüden mit sich bringen. Besonders tragisch kann diese wiederum enden, wenn entweder dem andauernden Druck nicht standgehalten wird und/oder persönliche Labilitäten und extreme Veranlagungen entweder dauerhaft verlängert oder allenfalls kompensiert werden.

Links:

Dianna Theadora Kenny: Stairway to hell: life and death in the pop music industry (Studie, 2014):

https://theconversation.com/stairway-to-hell-life-and-death-in-the-pop-music-industry-32735

Dianna Theadora Kenny: The 27 Club is a myth: 56 is the bum note for musicians (Studie, 2014):

https://theconversation.com/the-27-club-is-a-myth-56-is-the-bum-note-for-musicians-33586

Dianna Theadora Kenny: Music to die for: how genre affects popular musicians' life expectancy (Studie, 2014):

http://theconversation.com/music-to-die-for-how-genre-affects-popular-musicians-life-expectancy-36660

Weitere Artikel und Studien:

P-I's Writer in Residence Charles R. Cross explores the darker side of 'only the good die young' (Artikel, 2007):

http://www.seattlepi.com/news/article/P-I-s-Writer-in-Residence-Charles-R-Cross-1229072.php

Martin Wolkewitz u.a.: Is 27 really a dangerous age for famous musicians? Retrospective cohort study (Studie, 2011):

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22187325

Eric Segalstad: The 27s: The Greatest Myth of Rock & Roll (Monografie, 2009):

http://www.goodreads.com/book/show/6062384-the-27s

Howard Sounes: 27. A History of the 27 Club through the Lives of Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain, and Amy Winehouse (e-Book, 2013):

http://www.dacapopress.com/book/us/ebook/27/9780306821691

Sanjay Kinra u.a.: Unsafe sax: cohort study of the impact of too much sax on the mortality of famous jazz musicians (Studie, 1999):

http://www.bmj.com/content/319/7225/1612

Weitere Weblinks:

Club 27:

http://de.wikipedia.org/wiki/Klub_27

http://en.wikipedia.org/wiki/27_Club

Straight-Edge-Bewegung:

http://de.wikipedia.org/wiki/Straight_Edge

http://en.wikipedia.org/wiki/Straight_edge

14:38 22.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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