Moshtari
14.01.2016 | 16:04 37

Ein guter Rat in Zeiten polemischer Debatten

Ein Kommentar Oder wie die Angst vor dem „nordafrikanischen“ Mann als Rassismus entlarvt werden kann

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Moshtari

Ein guter Rat in Zeiten polemischer Debatten

Bild: Sascha Schuermann/Getty Images

In Zeiten polemischer Debatten und voreiliger Kommentare bedarf es eines Kommentars, der an die Komplexität der Sache erinnert. Der folgende Kommentar war ursprünglich ein Rat an einen Bekannten, der nach meiner Meinung fragte, und kann nun als Leitfaden durch die Debatte um die Ereignisse in Köln und die Flüchtlingsbewegungen gelesen werden. (Folgender FAZ-Beitrag wird dekonstruiert)

Danke, dass du mich hierzu zu Rate ziehst. Tatsächlich beschäftige ich mich viel mit dem Nahen Osten, mit Feminismus und vor allem mit Rassismus und habe zu dem Selbstgespräch in den deutschen Medien sehr viel zu sagen. Der Gastbeitrag und Kommentar von Samuel Schirmbeck für die FAZ sticht meiner Meinung nach auch nicht heraus aus der „momentanen deutschen Presselandschaft“, wie du sagtest, sondern ist ein Paradebeispiel für die polemische Debatte, die geführt wird. Ich mache weder dir, noch sonst einem Leser dieser Beiträge Vorwürfe. Es gibt so viele von diesen Kommentaren, und sie sind so reißerisch und beeindruckend. Sie alle wollen den gutgemeinten Relativierungsversuchen der Naiven ein Ende bereiten und wahre Worte verkünden.

Ich werde dir nicht die wahre Essenz der„giftige[n] Mischung aus nordafrikanisch-arabischer Kultur und Religion“erklären können, wie Herr Schirmbeck, der diese in seinen zehn Jahren im Ausland erfasst zu haben scheint. Ich möchte aber Verwirrung anstiften und dir zeigen, dass ich in meinen nur drei kurzen Jahren Studium gelernt habe, dass es immer komplexer ist.

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Der Sexismus ist real

Natürlich erzählen diese Polemiker keine Märchen: Es gibt diesen ekelhaften Sexismus, den sie beschreiben und den die Frauen bei dem Vorfall und in den Beispielen von Herrn Schirmbeck erfahren haben. Und ja, dieser Sexismus kommt in allen Formen und Farben vor. Und sehr wahrscheinlich ist die Gesellschaft in Marroko oder Algerien stark partriarchal geprägt und verlangt, dekonstruiert und überwunden zu werden. Und ja womöglich waren die Täter von Köln in eben solchen Gesellschaften sozialisiert und zudem auch noch alkoholisiert und dumm. Aber der Sexismus und das Patriarchat sind keine genuin islamischen oder arabischen Phänomene. Der Islam (der von Menschen gelesen und gelebt werden muss, um überhaupt diese oder jene Form anzunehmen) ist zudem nicht sexistischer als das Christentum oder der Hinduismus oder gar der Buddhismus. Selbst säkulare Ideologien und der kapitalistische Markt sind sexistisch und werden es bleiben, so lange wir Menschen unsere sexistischen Ansichten in allem Aufrecht erhalten. Der Sexismus ist so alt wie die Entdeckung der Macht. Der Rassismus übrigens auch ,und wenn wir diese Debatte weiterhin auf diese Art und Weise führen, werden wir weder das eine noch das andere überwinden können.

Machtverhältnisse sind immer politisch

Von Einzeltätern auf eine Gruppe von rund einer Million Flüchtlinge in Deutschland und von diesen wiederum auf noch mehr, auf alle muslimischen oder nordafrikanischen Männer zu schließen, ist rassistisch. Den Grund für den Sexismus in ihren Herkunftsländern ausschließlich und allein in einer verallgemeinernden Idee einer vermeintlich kollektiven Idenität zu suchen auch. Sie zwingt den nordafrikanischen Männern eine Essentialisierung auf, die wir selbst in unserem Indvidualismus vehemment ablehnen würden.

Schirmbeck zitiert die ägyptische Schriftstellerin Mona Eltahawy: „Nennen Sie mir den Namen arabischer Länder, und ich werde Ihnen eine Litanei an Beispielen für den schlimmen Umgang […] mit Frauen rezitieren, der von einer giftigen Mischung aus Kultur und Religion angefacht wird, mit der sich anscheinend nur wenige auseinandersetzen wollen, aus Angst, der Blasphemie beschuldigt zu werden oder zu schockieren“ und fordert, dass der fremde Sexismus, der nun in Köln angekommen ist, nicht mehr von linker und muslimischer Seite geleugnet wird. Dabei leugnet und verschönert niemand den Sexismus – lasst ihn uns anprangern. Doch diesen zu kulturalisieren und Vergleiche zwischen Algerien und Deutschland aufzustellen, als ob der einzige Unterschied die Religion sei, ist einfältig: „Sexuelle Übergriffe sind in islamischen Ländern die Regel und nicht Ausnahmen. Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht“, so Schirmbeck. Der Grund für die vergleichbar große Freiheit der Frau in Deutschland und der Diskriminierung und Unfreiheit in Algerien zum Beispiel liegt doch vodergründig in der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit der Freiheit des Individuums an sich. Derartige intellektuelle Debatten, welche die Frau miteinbeziehen, sind selbst in Deutschland und Europa so jung, dass mir Microsoft Word das Wort Gender rot anstreicht. Andauernd sprechen die polemischen Autoren von der Aufklärung, als ob diese die Gleichstellung der Frau eingeführt hätte. Das hat sie nicht und sie war zudem so sexistisch und rassistisch wie Kant es war, der glaubte eine denkende Frau sei entartet und die Frau von Natur aus unvernünftig und unmündig. Der Sexismus ist so tief verankert in der europäischen Ideengeschichte und hat so langer Diskussion bedurft und tut es heute noch, dass es anmaßend ist, eine vergleichbare Debatte von Gesellschaften zu fordern, die in einem autoritären Regime leben und aufwachsen. Wie soll denn eine kritische Debatte um Machtverhältnisse funktionieren unter Zensur oder gar eine fruchtbare soziale Bewegung anwachsen? Bis vor kurzem waren fast alle arabischen Staaten (Militär-)Diktaturen oder Monarchien und davor Kolonien ausbeuterischer und unterdrückerischer europäischer Imperien. Da liegt es doch näher, die sozialen Missstände oder die intellektuelle Stagnation im Mainstream auf politische Ursachen zurückzuführen als auf den Islam (der in seiner Geschichte durchaus auch Quelle von Fortschritt und Denken gewesen ist, wenn die Machthaber es ihren Untertanen erlaubt haben).

Das Übel der Verallgemeinerung

Das Problem von Schirmbecks Kommentar und der Debatte insgesamt ist die Verallgemeinerung: Wer ist alles mit Nordafrikaner gemeint? Der sexuell-frustrierte Macho von der Straße oder auch der friedliche und liebevolle Bäcker? Was ist mit muslimischer oder islamischer Welt gemeint? Das klingt ja wie der Ost-Block im kalten Krieg. Haben die vermeintlichen „islamischen“ Staaten tatsächlich so viel miteinander zu tun oder die Muslime in Nordafrika? Was ist diese islamische Welt, die jeder so gut zusammenzufassen weiß? Denken sie dabei eigentlich auch an Südostasien oder an die Muslime im europäischen Bosnien? Verallgmeinerung bedeutet von 1000 Dingen gleichzeitig zu sprechen und zu glauben, dasselbe zu meinen. So jonglieren Autoren wie Schirmbeck mit Fallbeispielen aus völlig unterschiedlichen Kontexten: Ein bisschen Ägypten, ein bisschen Marroko und nicht den Wahhabismus in Saudi-Arabien vergessen. Sie sprechen von Arabern, als wären sie alle Muslime und von Muslimen, als wären sie alle Salafisten. Natürlich erscheint das aus einer weißen, eurozentrischen Perspektive irrelevant und penibel, ist aber durchaus wichtig, um nicht in populistische und rassistische Argumentationsstrukturen zu verfallen – wo die anderen weniger komplex und indivduell sind als man selbst.

Der Mythos vom immer-frommen Muslim

Überhaupt verstehe ich nicht, warum so viele in der Debatte glauben, dass vermeintliche Muslime einzig und allein muslimisch sind und es keinerlei andere Einflussfaktoren für ihr Verhalten oder ihre Ansichten gibt außer dem Islam oder „ihrer Kultur“. Als wären sie nicht auch auch Kinder ihrer Zeit (der Kolonialisierung, Industrialisierung, Globalisierung), Angehörige einer sozialen Schicht, Schüler eines bestimmten Bildungssystems, Bürger eines spezifischen Machtgefüges oder Konsumenten populistischer Medien. Warum denken so viele, dass das Verhalten eines Muslims immer in einer religiösen Überzeugung oder in der islamischen Theologie wurzelt? Als wären all die Sexisten, Grabscher und Vergewaltiger da draußen reflektierte Menschen, die sich besonders viele Gedanken machen. Wissen wir überhaupt, ob sich alle Täter von Köln als Muslime identifizieren? Und konnten wir sie bereits alle identifizieren?

Der Unterschied zwischen konstruktiver Kritik und Rassismus

Es sind Behauptungen über Behauptungen, die einhergehen mit rassifizierten und kulturalisierten Pauschaulisierungen. Dabei schämt sich mittlerweile niemand mehr, sich in seinen eigenen Vorurteilen zu suhlen und diese zur Schau zu stellen. Doch es ist und bleibt rassistisch, von einer vagen Gruppe von „Nordafrikanern“ oder „muslimsichen Männern“ zu sprechen, denen man ohne weitere Differenzierung kollektive Charakterzüge andichtet ungeachtet ihrer individuellen Biografie. Es wird auch nicht weniger rassistisch, wenn es eine ägyptische Schriftstellerin tut. Auch Araber selbst können Araber rassifzieren und verallgemeinern. Siehe Hamed Abdel Samad oder einige der Autoren, die Schirmbeck aufzählt und verteidigt. Denn wer Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali zu Rate zieht, dem müssen wir fehlende Bildung attestieren. Es gibt so viele progressive Stimmen in der arabischen Welt, die weitaus kompetenter urteilen als die Spiegel-Bestseller und Talkshow-Gäste im deutschen Mainstream und vor allem konstruktive Kritik ausüben, ohne ein ganzes Volk oder gar eine Ethnie zu denunzieren. So zum Beispiel der Hermeneutiker Nasser Hamed Abu Zaid oder die Soziologin und Feministin Fatima Mernissi oder Amin Maalouf, der unsere Vorstellung der Idenität entlarvt und gekonnt dekonstruiert.

Wie du siehst ist das ein Riesenkosmos, und mittlerweile ist die Islam-Debatte auch ein Markt für sich. Ich werde dir nicht alles erklären können und weiß bei weitem auch nicht über alles Bescheid. Aber ich kann dir einige Tipps geben, wie populistische Artikel wie der von Schirmbeck zu identifizieren sind:

  1. Gruppen werden verallgemeinert
  2. Polemische und abwertende Formulierungen werden verwendet, um verallgmeinerte Menschengruppen zu beschreiben
  3. Historische, politische oder wirtschaftliche Faktoren werden ignoriert
  4. Der Artikel handelt von diskriminierten oder rassifizierten Gruppen (zb. People of Color, Flüchtlinge, Muslime, Juden, Frauen, Transgender, Homosexuelle) und der Autor ist ein weißer heterosexueller Mann mittleren Alters, der für eher konservative Zeitungen schreibt (trifft fast immer zu)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (37)

GEBE 14.01.2016 | 16:26

„Der Grund für die vergleichbar große Freiheit der Frau in Deutschland und der Diskriminierung und Unfreiheit in Algerien zum Beispiel liegt doch vodergründig in der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit der Freiheit des Individuums an sich.“

Und wodurch wird diese Auseinandersetzung denn gehemmt? Kann es sein, daß diese Hemmung etwa hauptsächlich religiös-dogmatische Ursachen hat?

„Derartige intellektuelle Debatten, welche die Frau miteinbeziehen, sind selbst in Deutschland und Europa so jung, dass mir Microsoft Word das Wort Gender rot anstreicht.“

Bei mir nicht. Vielleicht sollten Sie einmal Ihre Korrektur-Wörterbucheinstellung selbsttätig ändern.

„Das hat sie nicht und sie war zudem so sexistisch und rassistisch wie Kant es war, der glaubte eine denkende Frau sei entartet …“

Da bin ich aber auf entsprechende Belege jetzt sehr gespannt!

„Was ist diese islamische Welt, die jeder so gut zusammenzufassen weiß?“

Eine Vorstellungs – und Ideenwelt, deren Hauptbestandteil reaktionärer Kollektiv- Fatalismus ist.

P.S.: Ich halte es nach wie vor für dringend geboten, in solchen Auseinandersetzungen grundsätzlich zwischen Chauvinismus und „Rassismus“ unterscheiden zu lernen!

little Louis 15.01.2016 | 14:20

@ MOSHTARI und:

"....denen man ohne weitere Differenzierung kollektive Charakterzüge andichtet ungeachtet ihrer individuellen Biografie. Es wird auch nicht weniger rassistisch, wenn es eine ägyptische Schriftstellerin tut. Auch Araber selbst können Araber rassifzieren und verallgemeinern. Siehe Hamed Abdel Samad oder einige der Autoren, die Schirmbeck aufzählt und verteidigt. Denn wer Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali zu Rate zieht, dem müssen wir fehlende Bildung attestieren. Es gibt so viele progressive Stimmen in der arabischen Welt, ......"

Wenn Sie bezüglich der (hypothetisch) von Ihnen als Rassisten, Rechtsradikale, Wutbürger, Populisten AfDler, Pegidianer, Verallgemeinerer, Weißer heterosexueller mittleren Alters,Konservativen, Polemiker, progressiver Araber. Vorurteissuhler ... usw. Bezeichneten -

ebenso differenziert zu urteilen in der Lage sind, wie Sie dies in Bezug zu den in Ihren Augen diskriminierten Gruppen fordern -

dann wäre ich u. U. bereit, Ihren Ausführungen weiter zu folgen.

Soloto 15.01.2016 | 15:31

Der Artikel in der FAZ spricht nicht verallgemeinernd von "dem" Islam. Vielmehr unterscheidet er zwischen zwei Hauptströmungen: einem liberalen und einem reaktionären Islam. Natürlich, auch das ist noch eine Verallgemeinerung - aber was ist an Verallgemeinerungen eigentlich so schlimm? Sie sind doch nur ein notwendiges Mittel, um Denkprozesse zu strukturieren und zu einer Einschätzung zu kommen, auf deren Basis man dann seine Entscheidungen trifft.

Die Entscheidung, zu der Samuel Schirmbeck uns auffordert, ist: Wollen wir uns mit dem reaktionären oder dem liberalen Islam solidarisieren? Ich für meinen Fall solidarisiere mich mit der liberalen Richtung. Kritik an den reaktionären Elementen im Islam ist aus meiner Sicht dringend geboten. Diese - verallgemeinernd :) - als rassistisch abzuqualifizieren, nimmt die reaktionäre Richtung dagegen in Schutz und stärkt sie.

Heinz Lambarth 15.01.2016 | 18:36

Das ist der eigentliche ausgangspunkt für einr ernsthafte debatte: "Der Sexismus ist so alt wie die Entdeckung der Macht. "

Manche der kommentator/innen mögen es schon bemerkt haben, die meisten international vertriebenen lifestyle magazine (Play Boy etc.) haben in den USA einen anderen (busenfreien) cover als in d-land. Sex sells - das ist hier die marketingdevise nr. 1. Dumm nur das wir es schon gar nicht mehr merken, wenn uns jeden tag aus allen richtungen sexualisierte propaganda überflutet - wir nehemen Viagra und hoffen, dass die stimmung steigt... Andere haben diese probleme nicht, und nehmen uns ganz anders wahr.

Wenn also ein mensch aus einer region kommt, die (ähnlich "brüde" wie die US-amerikaner/innen) sind, muss er sich allein beim besuch eines bahnhofkiosks wie in einem sexparadies vorkommen. Dass das nicht "ernst" gemeint ist, kann er nicht wissen...

Ja, es gibt jede menge sexualistische übergriffe in Algerien, in Indien oder in Südafrika (alles länder von denen ich dies aus eigener anschauung langfristiger aufenthalte zu behaupten wage), aber sie sind oft inoffiziell (sie passieren "zuhause"). In einem arabischen land würden es sich sie angreifer sehr wohl überlegen, ob sie das in aller öffentlichkeit tun und erkannt werden und der blutrache anheim fallen.

Hier, in Köln und anderswo, gibt es diese disziplinierende gegengewalt nicht. Bahnhofskiosk + anonyme öffentlichkeit + bedürfnisstau (provoziert auch durch massen unterkünfte in turnhallen etc.) schaffen so ein explosives gemisch...

Und dann kommt noch dazu, das die wahrnehmung gegenwärtig sehr einseitig auf "nordafrikaner" zielt. Wie sagte doch eine augenzeugin. '...sie sahen aus wie Syrer, Afghanen, Perser und Inder - wie nordafrikaner eben...'

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Ehemaliger Nutzer 15.01.2016 | 22:30

Stellst Du Dich wie ich freiwillig ins Rechtsaussen?

Das sind doch nur Zahlen und hat nichts mit der Realitaet zu tun...

;-)

Ich kratze mich hier nur noch am Kopf und es wurde auch hier von einigen wenigen Stimmen schon lange lange vorhergesagt, das ganze war soo absehbar...

Man sieht der sogenannten "Linken" die Panik ins Gesicht geschrieben, bei der naechsten Landtagswahl werden die Aeuglein aufgehen, Wetten?

;-)

pleifel 15.01.2016 | 23:10

Entscheidend ist doch, was man mit den Fakten macht. Und da wir jetzt nicht alles in einen Topf werfen, also statistische Grundkenntnisse anwenden, die nur dann von einem relevanten Ergebnis ausgehen kann, wenn die Basisparameter richtig bestimmt wurden, bleiben wir auf der seriösen Seite. Denn hier differenziert sich die Quelle der Ursache in verschiedene Teilbereiche, die dann auch verschieden bearbeitet und kommentiert werden müssen.

Wenn wir hier also ein auffallendes Häufungsmuster marokkanischer junger Männer haben, dann kann das auch ohne Polemik und Instrumentalisierung von dem Groß der Flüchtlinge getrennt werden. Und genau das wäre die Aufgabe von kritischer Vernunft (Medien).

Wenn die aber aufgrund von politischen, ökonomischen, feministischen, humanen, taktischen usw. Gründen zurückstehen soll, dann bin ich nicht mehr dabei.

Ich beurteile nicht nach Mehrheitsmeinungen und schiele auf keinen Konsens (hoffe ich wenigstens).

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Ehemaliger Nutzer 16.01.2016 | 00:25

"Während von 1111 illegal eingewanderten Syrern in jüngster Zeit lediglich 0,5 Prozent als Verdächtige bei Straftaten auffielen, waren es bei 838 illegalen Einwanderern aus Marokko, Tunesien und Algerien 40 Prozent."

Wenn wir selbstverständlich verpflichtet sind zu differenzieren, dann fällt mir zu dieser Statistik folgendes auf:

Irgendwas muss im seit Sowjetzeiten mit Russland verbündeten Syrien unter Assad (und nun von Terroristenbanden aller Colour mit Bürgerkrieg überzogenem Land) gesellschaftlich anders gelaufen sein als in Ländern, die mehr mit westlichen Mächten verbandelt waren.

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Ehemaliger Nutzer 16.01.2016 | 01:26

..."Irgendwas muss im seit Sowjetzeiten mit Russland verbündeten Syrien unter Assad (und nun von Terroristenbanden aller Colour mit Bürgerkrieg überzogenem Land) gesellschaftlich anders gelaufen sein als in Ländern, die mehr mit westlichen Mächten verbandelt waren"...

Das ist Messerscharf beobachtet, deshalb haben ja auch Panamesen, Kubaner, Chilenen, Guatemalteken etc. am 9 11 Flugzeuge ins WTC geflogen. Die hatten noch eine grosse Rechnung mit dem Ami offen...

Aussie42 16.01.2016 | 01:27

Ich habe eine Frage(+Infomationen) und eine Anmerkung.

Der Islam (der von Menschen gelesen und gelebt werden muss, um überhaupt diese oder jene Form anzunehmen) ist zudem nicht sexistischer als das Christentum oder der Hinduismus oder gar der Buddhismus.

Die Frage: Was meinen Sie mit "oder gar der Buddhismus".

Informationen zu meiner Frage:

Dass das Christentum spaetestens seit dem Beginn der Neuzeit sexistisch ist: keine Frage. Das Urchristentum war aber sehr stark von Frauen gepraegt. Hildegard von Bingen ist eine spaete Vertreterin dieses "Stroms". Spaeter gabs dann noch tausende Frauen der "Begijnen"-Bewegung, die die Kirche nur mit Muehen "baendigen" konnte.

Der "Hinduismus" wurde ab dem 11.Jahrhundert durch die Invasion der Muslime grundlegend sexistisch veraendert. Das zeigt sich bis heute in der Pruederie der indischen Kultur. Die Tempel aus der Zeit vor der Invasion der Muslime, zeigen ein anderes Bild der vedischen Kultur Indiens.

Warum der Buddhismus so besonders sexistisch sein soll, dafuer habe ich keine Erklaerung. Die Muslime in Indien haben zwar die Buddhisten vertrieben und alle Buddhastatuen, die sie erreichen konnte enthauptet. Der "Grund" war aber, dass die Buddhisten keinen "Gott" verehrten. Warum Buddhisten deshalb besonders sexistisch sein sollen, ist mir nicht einsichtig. Es gibt besispielsweise viele weibliche Meister in der Geschichte des Buddhismus.


Meine Anmerkung:

In den Niederlanden, das wissen Sie sicherlich, gibt es eine grosse marokkanische Community. (Nur die Gruppe der "allochtonen" aus den ehemaligen niederlaendischen Kolonien in Suedostasien ist groesser. )
Die Marokker dort, auch die Juengeren, verhalten sich aehnlich auffaellig bzw. unauffaellig wie die "einheimische" (autochtone) Bevoelkerung.

Der Unterschied zu Deutschland besteht wohl darin, dass in NL die jungen, maennlichen Marokkaner in Familie und Community eingebunden sind. Junge Maenner, die kein Geld haben und nicht in Familie eingebunden sind, werden ueberall auf der Welt leicht straffaellig.
Mit Religionszugehoerigkeit hat das wenig zu tun.

janto ban 16.01.2016 | 15:58

|| Aber der Sexismus und das Patriarchat sind keine genuin islamischen oder arabischen Phänomene. ||

Natürlich nicht. Wer behauptet denn sowas..?

|| Dabei leugnet und verschönert niemand den Sexismus ... ||

Leider doch.

|| ... lasst ihn uns anprangern. ||

Sehr gern. Immer. Überall. Mit Ausrufezeichen.

|| Der Grund für die vergleichbar große Freiheit der Frau in Deutschland und der Diskriminierung und Unfreiheit in Algerien zum Beispiel liegt doch vodergründig in der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit der Freiheit des Individuums an sich. ||

Darüber lässt sich mehr als streiten. Wir leben hier heute im Idealfall (!) nach dem Motto, dass die eigene Freiheit dort aufhört, wo sie die Freiheit anderer beeinträchtigt. Wesen des Patriarchats ist es aber gerade, dass der männliche Teil seine Freiheiten durch Beschneidung der Freiheit des weiblichen Teils steigert, also übersteigert. Was Sie schreiben würde bedeuten, dass es patriarchaischen Gesellschaften an der Einsicht mangelt, dass dies der Fall ist. Was nicht einfach eine Verschönerung darstellt, sondern das Wesen des Patriarchats glatt verleugnet. Was mich wundert, weil Sie vorher und nachher viel von Macht sprechen.

Patriarchat ist nicht fehlende Erkenntnis, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass die Männer den Frauen körperlich überlegen sind. Alles andere folgt dieser "Erkenntnis". Und zwar nicht aus Unwissenheit, sondern planvoll.

|| Derartige intellektuelle Debatten, welche die Frau miteinbeziehen, sind selbst in Deutschland und Europa so jung, dass mir Microsoft Word das Wort Gender rot anstreicht. ||

Ja. Aber es spielt keine Rolle, weil es das heutige D ist, in das wir die Menschen, die zu uns finden, integrieren wollen. Das hat nichts mit kultureller Überheblichkeit zu tun, sondern mit Anerkenntnis der Realität im Deutschland des Jahres 2016 n.Chr. (oder welchem Propheten auch immer).

|| Der Sexismus ist so tief verankert in der europäischen Ideengeschichte und hat so langer Diskussion bedurft und tut es heute noch, dass es anmaßend ist, eine vergleichbare Debatte von Gesellschaften zu fordern, die in einem autoritären Regime leben und aufwachsen. ||

Von anderen Gesellschaften, ja. Anmaßend dann, wenn fordern mehr heißt, als mit gutem Beispiel voran zu gehen und/oder andere, nicht-invasive Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir, hier, wollen aber keine Gesellschaften, sondern eine Gesellschaft (singular!), in der alle möglichst glücklich und zufrieden leben können. Oder nicht..?

|| Da liegt es doch näher, die sozialen Missstände oder die intellektuelle Stagnation im Mainstream auf politische Ursachen zurückzuführen als auf den Islam (der in seiner Geschichte durchaus auch Quelle von Fortschritt und Denken gewesen ist, wenn die Machthaber es ihren Untertanen erlaubt haben). ||

Was als Ursachenforschung funktioniert, ändert an der Tatsache, dass patriarchaische Strukturen, die sich - aus welchen Gründen auch immer - einmal verfestigt haben, nur schwerlich wieder aufzubrechen sind. Die Begriffe Mann und Macht müssen dabei leider in Tateinheit gedacht werden, Regime-übergreifend.

|| Haben die vermeintlichen „islamischen“ Staaten tatsächlich so viel miteinander zu tun oder die Muslime in Nordafrika? ||

Weil nicht klar wird, was Sie mit "so viel" meinen, sage ich vorsichtig: eine (wieder) orthodox ausgelegte, nicht-reformierte De-Facto-Staats(!)religion, die dieser Tage gar zurück zu ihren Wurzeln aus Prä-Hochkultur-Zeiten getrieben wird. Wurzeln, die alle großen Religionen gemeinsam haben: Macht, Gewalt und Kontrolle über Menschen auszuüben. Klerus über Schäfchen, Staat über Bürger, Männer über Frauen. Ein Brei. So what..?!

|| Denken sie dabei eigentlich auch an Südostasien oder an die Muslime im europäischen Bosnien? ||

Nö. Aber an die Türkei, die unter der Flagge des Islamismus' gerade zurück zur Diktatur findet. Liegt nicht ausschließlich an Erdogans Islamismus, aber er hilft.

|| Überhaupt verstehe ich nicht, warum so viele in der Debatte glauben, dass vermeintliche Muslime einzig und allein muslimisch sind und es keinerlei andere Einflussfaktoren für ihr Verhalten oder ihre Ansichten gibt außer dem Islam oder „ihrer Kultur“. ||

Kultur p.c. in Anführungsstriche gesetzt. Dass es außer Religion und Kultur jedoch keinerlei andere Einflussfaktoren auf menschliches Verhalten gibt, behauptet wieder niemand. Verhalten ist zu großen Teilen durch Sozialisation geprägt, derer Religion (wenn sie ernst genommen wird) und Kultur (wenn das den real existierenden Alltag meint) zwei Komponenten von etlichen sind. Manche meinen, es sei unsere Erziehung der ersten Lebensjahre, die unser Verhalten am meisten prägt. Ich meine: Man(n) lernt nie aus. Ja, richtig, ich habe Umerziehung gesagt. Weil ich hier keinen guten Ruf habe, den zu verlieren ich fürchten müsste.

|| Als wären sie nicht auch auch Kinder ihrer Zeit (der Kolonialisierung, Industrialisierung, Globalisierung), Angehörige einer sozialen Schicht, Schüler eines bestimmten Bildungssystems, Bürger eines spezifischen Machtgefüges oder Konsumenten populistischer Medien. ||

Doch, doch, das sind wir. Alle. Immer. Überall. Wir werden in die jeweilige Umgebung hineinsozialisiert. Abhilfe gegen diese "soziale Programmierung" (p.c. in Anführungsstrichen, ha!) schafft nur die große Kunst der kritischen Hinterfragung von allem und jedem. Was der Grund dafür ist, dass Religionen als Sozialisierungs-Faktor so erfolgreich sind. Glauben, glauben, glauben - aber hinterfragen unter Strafe verboten.

|| Wissen wir überhaupt, ob sich alle Täter von Köln als Muslime identifizieren? ||

Irrelevant, weil in D Glaubensfreiheit besteht. Es geht - wie Sie richtig sagen - nicht um Religion, sondern um Verhalten.

|| Dabei schämt sich mittlerweile niemand mehr, sich in seinen eigenen Vorurteilen zu suhlen und diese zur Schau zu stellen. ||

Hmm. Woher kommt mir das nur bekannt vor..?

Ich bin gebürtiger Sauerländer. Unsere Kultur geht so, dass wir erst wissen, was wir denken, wenn wir hören, was wir sagen. Oder lesen, was wir schreiben. Scham, über weltweit anerkannte, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse des vergangenen Jahrhunderts zu berichten, hatte ich noch nie, muss ich ehrlich gestehen.

|| Doch es ist und bleibt rassistisch, von einer vagen Gruppe von „Nordafrikanern“ oder „muslimsichen Männern“ zu sprechen, denen man ohne weitere Differenzierung kollektive Charakterzüge andichtet ungeachtet ihrer individuellen Biografie. ||

Häh..? Nö. Unter Beachtung ihrer Biographie. Genau das ist doch der Punkt. An der Stelle müssen Sie sich entscheiden.

|| Auch Araber selbst können Araber rassifzieren und verallgemeinern. Siehe Hamed Abdel Samad oder einige der Autoren, die Schirmbeck aufzählt und verteidigt. Denn wer Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali zu Rate zieht, dem müssen wir fehlende Bildung attestieren. ||

Aha. Spricht man bei von Arabern rassifizierten Arabern dann von Unter-Rassifizierung oder wie habe ich mir das vorzustellen..?

Kurz: Ich teile fast nichts so, wie es im Text aufgeschrieben steht. Im Ansatz irgendwie, aber en gros ist mir der Text zu sehr von der Angst getrieben, jedes falsche Wort könnte den längst vorhandenen Weltkrieg auslösen. Sorry.

LG!

janto ban 16.01.2016 | 16:08

|| Ich für meinen Fall solidarisiere mich mit der liberalen Richtung. Kritik an den reaktionären Elementen im Islam ist aus meiner Sicht dringend geboten. Diese - verallgemeinernd :) - als rassistisch abzuqualifizieren, nimmt die reaktionäre Richtung dagegen in Schutz und stärkt sie. ||

*****

Ich darf ergänzen: ...stärkt sie zu Ungunsten des liberalen Islam, der den inner-muslimischen Kampf weltweit ohnehin zu verlieren droht. Aus meiner Sicht, für mein Empfinden, nur.

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Ehemaliger Nutzer 16.01.2016 | 16:17

"Der folgende Kommentar war ursprünglich ein Rat an einen Bekannten, der nach meiner Meinung fragte, und kann nun als Leitfaden durch die Debatte um die Ereignisse in Köln und die Flüchtlingsbewegungen gelesen werden."

Was für eine Anmaßung. @Janto Ban hat den Artikel der selbsternannten Leitfadenverantwortlichen schon vollständig auseinandergenommen.

Bento 17.01.2016 | 08:49

Meine schwangere Frau geht durch London alleine spazieren und wird von Jugendlichen muslimischen Männern angemacht.

Alle Frauen, die ich kenne, die schon mal in Ägypten waren berichten von täglichen ähnlichen Belästigungen.

Es gibt ein ernstes Problem in der muslimischen Bevölkerung. Als Rassist beschimpft zu werden, weil man als weisser, es thematisiert finde ich weder hilfreich noch ok.

Keiner sagt dies betrifft alle Muslimen. Keiner sagt, daß es nur in der muslimischen Welt ähnliches gibt. Wir müssen aber erkennen, daß ein verhältnismäßig grosser Anteil dieser Bevölkerungsgruppe von diesen Problemen sehr betroffen ist. Das alleine ist entscheiden.

Miniwatu 17.01.2016 | 09:14

Aber ich kann dir einige Tipps geben, wie populistische Artikel wie der von Schirmbeck zu identifizieren sind:

...

Der Artikel handelt von diskriminierten oder rassifizierten Gruppen (zb. People of Color, Flüchtlinge, Muslime, Juden, Frauen, Transgender, Homosexuelle) und der Autor ist ein weißer heterosexueller Mann mittleren Alters, der für eher konservative Zeitungen schreibt (trifft fast immer zu)

Vielleicht sollte man populistische Artikel nicht an der Hautfarbe, der sexuellen Orientierung, am Geschlecht und dem Altern des Autors festmachen, sondern an den Inhalten.

drummy-b 17.01.2016 | 11:37

Vorwort: Die FAZ ist mir ein Greuel, als Gesamtkunstwerk.

Schirmbeck umfänglich Populismus vorzwerfen halte ich aber für wenig Zielführend, wenn der Artikel in einer anderen Zeitung gestanden hätte, wäre er ggf. auch hier anders rezipiert worden. Der Artikel ist eben auch eine notwendige Replik auf die tatsächlich vorhandenen Relativierungen der Ereignisse (von "linken" Autoren).

Was man Schirmbecks Artikel vorwerfen kann, ist dass er allzu Oft an der derzeitigen Form des Islams haltmacht und nicht weiter bzw. weit genug analysiert, wem die derzeit archaisch-patriarchalische Auslegung nutzt und wie es dazu kommen konnte.

Dieser Artikel hier sollte sich also nicht als Gegenposition zu Schirmbeck verstehen, sondern als Ergänzung.

Wenn wir so tun, als gebe es derzeitigen Probleme in den meisten islamischen Gesellschaften nicht, verstellen wir uns den Weg, auch die eigene historische wie aktuelle Beteiligung an diesen Problemen zu erkennen.

Sexismus (und Rassismus) sind immer in allererster Linie ein Machtinstrument, wohnen menschlichem Verhalten nicht a-priori inne und können auch nur in diesem Wirkzusammenhang angemessen dekonstruiert werden.

Die Konklusion des Artikels ist leider in Blockdenken verhaftet und viel einfacher zu Formulieren:

Populistische Artikel sehen den Islam als ursächlich für die Probleme in Köln wie auch in den "nordafrikanischen Ländern" und Bohren nicht tiefer.

"Das klingt ja wie der Ost-Block im kalten Krieg"

Genau! Und hier lohnt es sich weiterzudenken...

Botho.nuss 19.01.2016 | 23:04

Ich empfinde den Wandel von die Einzeltäter zu die Flüchtlinge in der öffentlichen Wahrnehmung als grotesk. Die Verbreitung des diffusen Satz aus dem Kölner Stadt-Anzeiger, "Übergriffe gingen von einer Gruppe von 1000 Männern aus" ist da vlt. schon volksverhetzend. Und dem Feminissmus unterzuschieben, er habe das nächste Problem mit den Flüchtlingen ans Licht gebracht, sehe ich als dreist. Am Ende sind wir ein so schwaches Land, dass wir nicht nur 10.000+ Flüchtlinge im Mittelmeer mit unserer Tatenlosigkeit haben verrecken lassen, sondern auch 100.000de willentlich nicht aus akuter Todesgefahr geholfen haben. Shame on you Deutschland und deine Brandstifter (Polemiker).